ausgelesen: Hanya Yanagihara „Ein wenig Leben“

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Zur Zeit seiner Veröffentlichung im englischsprachigen Original 2015 bis zur Zeit der deutschen Erstauflage 2018 ging Hanya Yanagiharas Buch wie ein Gespenst in den Literaturgesprächen und der Blogosphäre um. Jeder schien es zu lesen, zu besprechen und es schien nur zwei vorrangige Meinungen und Gefühle zu geben: Abneigung oder Liebe. Für die einen schien es das beste Buch zu sein, das sie je gelesen haben; für die anderen prätentiös und formelhaft. Viele empfanden das Buch als eines, das sie auf der Suche nach einem Happy End für geschundene Seelen an der Nase herumführt. Das nennt man wohl polarisierend. Umso schöner war es, dass aus einer ganz anderen Ecke da meine Freundin und Kollegin beim Mittagessen plötzlich damit ausholte „Ich lese da gerade so ein Buch … .“ Vorher war ich an Eindrücken anderer übersättigt. Dann wusste ich, dass ich es ihr jetzt gleich tun würde. Gibt es einen richtigen und falschen Zeitpunkt für Bücher? Ich denke ja. Ein wenig Leben blieb unser Gesprächsthema während vieler weiterer Mittagspausen.

„[…] Willem hatte immer darauf geachtet, die vielen Schubladen, in denen Jude sein Innerstes evrbarg, nicht gewaltsam aufzuziheen.“ p. 102

Ein wenig Leben spielt in New York und verfolgt hauptsächlich das Leben des jungen Anwalts Jude St. Francis und seiner Freunde seit ihrer Collegezeit bis ins sprichwörtliche „beste Alter“. Als wir sie kennenlernen, haben sie schäbige Wohnungen, schlecht bezahlte Jobs und sie können sich kaum ein Essen im China-Restaurant leisten – zumindest alle außer Malcolm. Er ist ein Architekt aus gutem Haus, aufgeräumt, frontal, hat nie finanzielle Sorgen. Dafür scheint er aber nicht so recht in die „Black People Identität“ zu passen, die die „Allgemeinheit“ erwartet. Für die Schwarzen ist er zu weiß, für die Weißen zu schwarz. Blöde, alte Schubladen. Er leidet außerdem unter den hohen Anforderungen seines Vaters. In das Quartett mischt sich neben Jude der Künstler JB. Er ist farbig, kommt aus wohl behüteten Verhältnissen, exzentrisch, homosexuell und wird später Drogenprobleme haben. Judes Mitbewohner und wohl engster Freund ist Willem, der aus ärmlichen Verhältnissen kommt und versucht sich eine Schauspielkarriere aufzubauen. Willem ist bodenständig, hält sich mit Kellnerjobs über Wasser und ist meistens der Kit der Gruppe. Und Jude? Jude ist ein gutaussehender und empfindsamer Typ, der wenig von sich preisgibt. Schon gar nicht, was die Ursache für seine Gehbehinderung ist oder wie er eigentlich aufgewachsen ist. Das Buch erzählt uns aus dem Leben der vier Freunde, vorrangig Judes und gibt auch irgendwann preis, was ihm widerfahren ist. Und das nicht zu knapp.

Anfangs macht Yanagiharas Buch ein großes Geheimnis daraus. Es gibt Andeutungen darüber, dass er sich ritzt und Narben auf seinem Rücken hat. Die Alarmsirenen klingeln bald. Wurde er missbraucht? Ein wenig Leben versetzt seine Leser in die unglückliche Lage auf etwas unangenehmes zu warten. Und man will warten, weil man will wissen. Es ist übel, aber wir leben in Rape Culture. Sexualisierte Gewalt wird allgemein zu oft banalisiert oder sogar romantisiert. Ein Negativtrend, der nicht neu ist. Dafür muss man heutzutage nicht mal zu schlechten Pornos greifen, sondern da reichen auch Young-Adult-Romane, schmierige Fernsehserien oder erotische Comics. „Zuerst wollte er oder sie es ja nicht, aber dann hat es sich doch irgendwie gut angefühlt.“ Und zum Schluss verlieben sie sich in ihren Vergewaltiger. Bitte, erzählt mir nicht mehr. Ich möchte mich nicht an Rape Culture beteiligen oder mich an etwas aufgeilen, das in der Realität Leben zerstört. Stellenweise hat das ständige andeuten von Judes Trauma und meine eigene Neugier aber gemacht, dass ich mich gefragt habe: bin ich dort jetzt angekommen? An dem Tiefpunkt, wo man das Leid anderer erwartet und sich fragt, na wann platzt die Bombe? Das hat sich nicht gut angefühlt. (Aber das heißt wohl, das mit mir noch alles in Ordnung ist, ja?) Dazu kommt, dass auf den ersten hundert Seiten Yanagihara einen sehr negativen Stil kultiviert ihre Figuren und Umwelt zu beschreiben. Die Charaktere verhalten sich „peinlich“, sind so „unsicher wie Irre“, „größenwahnsinnig“, „schmallippig“ – soviele negativ konnotierte Wörter. Ich dachte: wie soll ich hier nur über die ersten 250 Seiten kommen, geschweige denn die 960 zu Ende lesen?

Mag die Prämisse nun nicht berauschend klingen, versteht sich Hanya Yanagihara bewusst oder unbewusst sehr auf das, was sie tut. Sie hat zwei große Formeln, die machen, dass man an dem Buch eben doch dranbleibt. Mehr noch: trotz aller Bedenken weiterlesen will. Die Freundschaft und die Aufsteigergeschichte. Lesen wir das nicht alle gern? Geschichten über Freundschaften, die sich verändern, die berauschend und manchmal witzig, ebenso dramatisch sind? Die mal in die Brüche gehen, weil sich Egos überschlagen und Gefühle verletzt werden. Die sich manchmal wieder finden, manchmal aber auch nicht. So wie im echten Leben? Damit können wir uns alle identifizieren, das haben wir alle erlebt. Und Aufsteigergeschichten erst … . Wenn Willems harte Arbeit belohnt wird und er Schauspieler-Engagements bekommt oder Jude (vielleicht) ein Star-Anwalt wird? Irgendwann können sie sich Marmorböden, Wohnungen und Autos leisten und ein ökonomischer Urinstinkt in uns denkt „Jasss, die harte Arbeit zahlt sich ja irgendwann doch aus“ und meint „auch meine harte Arbeit zahlt sich irgendwann doch aus“. Wenn Jude, dem viele furchtbare Dinge passiert sind, plötzlich auch mal wundervolle Dinge passieren, dann ist das wie eine Droge, von der wir mehr wollen. Und dieses mal nicht heimlich für uns, sondern wirklich und von ganzem Herzen für Jude. Dann ist man am Haken. So wie ich. Dabei ist Yanagiharas Buch aber immer von einem zarten Realismus geprägt. Die arbeiten für ihre Aufsteigerkarriere halt auch „samstags zur Abwechslung mal nur bis 18 Uhr“. Es gibt nichts geschenkt. Hier beginnt das, was die einen lieben, aber auch das, was die anderen an dem Buch abgestoßen hat. Denn so mancher wünscht sich das greifbar erscheinende Happy End jetzt umso mehr. Es wird dem einen oder anderen der Freunde dann aber leider verwehrt bleiben.

„Doch dies war die Ära der Selbstverwirklichung, in der es als willensschwach und schändlich galt, sich mit etwas Geringerem als dem absoluten Lebenstraum abzufinden. Irgendwann war es nicht mehr würdevoll gewesen, sich in sein Schicksal zu ergeben, sondern ein Zeichen von Feigheit. […] Ganz New York war von den Ambitionierten bevölkert. Oft war es das Einzige, was die Menschen hier gemeinsam hatten.“ p. 61

Vieles was ich anfangs befürchtete, trat nicht ein. Dafür anderes. So nimmt Yanagihara nicht an der Rape Culture teil. Alles was an Traumata genannt wird, wird als widerlich beschrieben. Hier gibt es nichts um sich daran aufzugeilen. Es ist abartig und furchtbar und wird als ebendas beschrieben. Die Auswirkungen auf das Leben von Jude sind enorm, sie zehren selbst den Leser aus. Durch seine Augen erlebt man die Dämonen, die ihn verfolgen. Die Denke eines Opfers, das so traumatisiert ist, dass nicht einmal Hilfsmaßnahmen möglich sind und er mit sich und seinen Gedanken allein lässt. Man sitzt davor und sagt „Bitte seid doch fähig ein wunderbares Leben zu führen wie du es verdient hast. Leg doch bitte deine dunklen Gedanken ab und fange an ein bisschen zu leben.“ und man weiß schon selber, dass wenn unser Protagonist das könnte, dass es dann eine der süßlichen, netten Geschichten wäre, die uns zufrieden machen, sich bequem anfühlen, aber wohl nicht realistisch sind. Wo Yanagihara an anderen Stellen in ihrem Buch sehr viel Sinn für Realismus beweist, übertreibt sie hier aber. Sie belässt es nicht bei dem, was Jude in der Vergangenheit passiert ist. In sein Leben (und somit automatisch in das seiner Freunde) reiht sich soviel Scheiße, dass man manchmal am liebsten die Handbremse ziehen und sagen möchte „War das denn noch nicht genug??“ In meinen Goodreads-Lese-Updates habe ich zu mindestens drei Stellen des Buches geschrieben „es wäre vollkommen okay, wenn das Buch hier endet“. Tat es aber nicht. Der wohl größte Kritikpunkt.

Vielleicht liegt darin die Formelhaftigkeit begründet, die viele abschreckt. Die Phasen des Glücks sind hoch, aber kurz. Die des Schreckens sind lang und furchtbar – so ähnlich beschrieb es meine Kollegin treffend. Ich erinnere mich an eine Stelle in der Mitte des Buches, als ich beim Lesen das Gefühl hatte, dass etwas in mir runterfällt, weil ich so in die Welt von Jude und seinen Freunden gezogen wurde, dass ich nicht fassen konnte, was da passiert. Wie ein Schlag in die Magengrube. Ab S. 500 ist „Uff“ das überwiegende Gefühl beim Lesen. Dass man trotz Allem dran bleiben kann liegt aber nicht nur an der Formel von Freundschaft, Aufsteigerdrama und dem Wunsch nach einem unwahrscheinlichen Happy End. Sondern auch an Yanagiharas Schreibstil und der dichten Welt die sie zeichnet, obwohl mit Nebensätzen überfrachtet. Kudos an die Übersetzung, die uns eine lesbare und lesenswerte deutsche Ausgabe – das war sicher nicht einfach. Nicht zuletzt, weil Ein wenig Leben mit faszinierenden Details vollgepfropft ist. Nebencharaktere mit irren oder schrägen Lebensgeschichten, fabelhaften oder grauenvollen Restaurants und Reisen, Rückblicken in wildere oder grausigere Zeiten. Allein die Stücke, in denen Willem auftritt oder die Filme, in denen er schauspielert, sind so faszinierend, dass man am liebsten nachschauen will in welchem Kino man sie sehen kann. Man ertappt sich beim Googeln der Stücke, die angespielt werden; der Straßen, die genannt werden und sieht leibhaftig JBs Bilder vor sich.

Was Yanagihara außerdem kultiviert ist eine erfrischende Selbstverständlichkeit vieler Belange des Lebens. Die sexuellen Neigungen spielen hier keine allzu große Rolle. Man ist, was man ist und gut. Und wenn es eher eine fließende sexuelle Gesinnung ist … egal. Sehr angenehm. Nicht umsonst wird komplett auf Jahreszahlen oder Ereignisse des Zeitgeschehens verzichtet. Die Geschichte bleibt zeitlos, könnte vor fünfzig Jahren oder in zwanzig stattfinden. Das Alles sorgt aber nicht nur dafür, dass man in der Welt zu gern eintaucht, sondern auch dafür, dass man einen langen Atem braucht. Es dauerte so an die hundert Seiten, bis ich wirklich gefressen hatte, welcher jetzt der Architekt ist und wer weiß oder farbig ist. Yanagiharas Schreibstil ist smart und nuancenreich. Sie hat da schon einige Weisheiten über das Leben und Zusammenleben in ihrem Buch, bei dem einem die Ohren klingeln. Umso unangenehmer ist aber bei all der Dichte und Smartheit, dass sich gegen Ende zwei der Freunde dezent verlieren. Sie sind nie wirklich weg, aber sie spielen auch nicht mehr die Rolle, die sie anfangs hatten. Was einerseits schade ist, andererseits Raum für die Freundschaften lässt, die eine Konstante sind. Wie ein unumstößliches Gesetz. Eine Liebe, für die es keinen passenden Namen zu geben scheint. Eine Familie, die man sich aussucht. Ein unfassbar großes Geschenk inmitten all des Terrors, der sich Judes Leben nennt.

„Warum fanden die Leute solche Freundschaften bewundernswert, wenn man siebundzwanzig war, aber suspekt, wenn man siebenunddreißig war? Warum zählte eine Freundschaft weniger als eine Beziehung? Warum nicht sogar mehr? Zwei Menschen, die Tag für Tag zusammenblieben, nicht durch Sex oder körperliche Anziehung, nicht durch Geld, durch Kinder oder gemeinsamen Besitz aneinander gebunden, sondern allein durch das gegenseitige Einverständnis, zusammenzubleiben, das gemeinsame Bekenntnis zu einer Verbindung, die sich jeder Festschreibung entzog.“ p. 303 (über Freundschaften, die geradezu symbiotisch wirken)

Yanagiharas Ein wenig Leben war 2015 shortlisted für den renommierten Man Booker Prize. Und das irgendwie verdient, obwohl es vieles gibt, was hier nicht so recht wie ein Meisterwerk erscheinen will. Die Langatmigkeit, das Warten auf das Leid, die kurzen Hochs, aber quälend langen Tiefs, denen man eine gewisse Formelhaftigkeit durchaus unterstellen sollte. Vielleicht ist was dran, dass polarisierende Bücher nicht durch und durch gut sein müssen, um gut zu sein. Eins hat ganz sicher geklappt: man redet darüber. Der Grund, warum mich das Buch eben doch beeindruckt hat ist aber wohl das starke Ende. Ja genau – ich sage stark, obwohl viele das Ende leidenschaftlich hassen. Was ich sehr gut verstehen kann. Letzten Endes hat mir Yanagiharas Buch gezeigt, was es bedeutet einen Menschen am Leben zu erhalten, der nicht mehr leben will. Vielleicht habe ich das beim Lesen des Buches das erste Mal überhaupt verstanden. Judes Innenleben und die Logik, die er sich durch sein traumatisches Leben zugezogen hat, ist zermürbend, verständlich, schonungslos. Der Titel des Buches rührt von einer grausamen Anweisung her, die mal ein Mensch Jude gegeben hat: er solle doch ein wenig Leben zeigen. Die Grundlage dazu hat man ihm schon lange zuvor entzogen.

„Er wusste, dass Andy der Meinung war, er sei selbstzerstörerisch und wahnhaft oder verschließe die Augen vor der Wahrheit. Doch was Andy nicht begriff: Er war ein Optimist. Monat für Monat, Woche für Woche, entschied er sich dafür, die Augen aufzuschlagen, einen weiteren Tag in der Welt zuzubringen.“

Fazit

Für Leser, die unbequeme Literatur ab können und als bereichernd empfinden.

Besprochene Ausgabe: ISBN 978-3-492-30870-0, Piper Verlag

„ausgelesen“ ist eine Kategorie meines Blogs, in der ich immer zwischen dem 15. und 20. eines jeden Monats ein Buch unter die Lupe nehme. Der Begriff „ausgelesen“ ist sehr dehnbar. So wie die Themenvielfalt meines Blogs. Ein „Buch unter die Lupe nehmen“ schließt Belletristik, Sachbücher, Manga, Comics unvm mit ein. 🙂