ausgelesen: David Mitchell „Slade House“

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Bis hierhin war es ein langer Weg. Seitdem Slade House erschien, wollte ich es lesen. David Mitchell hat mich mit seinem Cloud Atlas schwer begeistert und auf seine Interpretation von Horror hatte ich richtig Lust. Dank der Buchblogosphäre habe ich mitbekommen, dass Slade House wohl lose auf Die Knochenuhren basiert. Zu dem Zeitpunkt hatte ich das Buch sogar schon im Regal – auch gekauft, weil mich der Name lockte. Aber seitdem stehen gelassen, weil es ein Fantasybuch ist und mir das selten wirklich liegt. Irgendwie rang ich mich aber letztes Jahr doch dazu durch Die Knochenuhren zu lesen – und dieses Jahr dann anlässlich Halloweens und des Grusel-Themenmonats Slade House. Ich sage ja: ein langer Weg. Und hat es sich gelohnt?

Kurzum: ja, für mich, aber vielleicht nicht für jeden da draußen. Tatsächlich bereue ich seit ich Slade House gelesen habe weniger, dass ich mich durch Die Knochenuhren gekämpft habe. Im Roman erscheint alle neun Jahre für bestimmte Menschen in der dunklen, engen Slade Alley ein Tor. Nur diejenigen führt es zum Slade House und seinen Bewohnern. Doch die Besucher treffen in all diesen Jahrzehnten andere Bewohner vor. Gehen mit anderen Gefühlen in das Gebäude. Finden einen anderen Albtraum vor – und kommen vielleicht nicht wieder raus!? David Mitchell widmet sich den einzelnen Tagen der offenen Tür jeweils in einem eigenen Kapitel und stets aus der Perspektive des auserwählten Opfers. So haben wir es anfangs mit einem kleinen Jungen zutun, der mit seiner Mutter zu einer Soiree eingeladen ist und später auch mal einer Studentin, die zusammen mit ihrer Gruppe Hobby-Forscher paranormale Eigenschaften des ominösen Slade House untersuchen will.

„Dieser Abend ist wie ein Brettspiel, das ein besoffener M.C. Escher mit einem Stephen King im Delirium ersonnen hat.“ p. 123

Was im Slade House auf sie wartet, ist wirklich unheimlich. Nicht so, dass ich mich im Lesessel umdrehe, was dort eventuell lauern könnte. Aber atmosphärisch genug, dass eine angenehme Gruselstimmung aufkommt. Ähnlich Survival-Horrorfilmen stellt man sich unweigerlich die Frage, ob es unserem/er Protagonist*in dieses Mal gelingt zu entkommen, was nochmal ein Garant für Spannung ist. Insbesondere ab dem Zeitpunkt, wo man die Masche der Bewohner des Slade House schon kennt. „Nein! Tu es nicht! Nicht da lang!“ Dementsprechend wirdt aufmerksames Lesen belohnt: man erkennt die Zeichen, Tricks, die Masche, die Falle meist vor den Ich-Erzählern. In süßer Erwartung von Horror oder glorreicher Rache!?

Der Knackpunkt ist hier natürlich, dass man anfangs auch ahnungslos in das Buch geht, im letzten Drittel aber, erschließt sich die Handlung deutlich mehr, wenn man Die Knochenuhren gelesen hat. Zumindest kann ich mir kaum vorstellen, dass es viel Spaß macht, wenn es nicht gelesen hat, zumal ganze Charaktere aus dem Vorgänger auftreten und auch etwas gefachsimpelt wird. Hätte ich mich also nicht bereits durch die Fantasyschwarte durchgeackert, dann käme es mir wie ein einfacher Abgang vor und zu billig erarbeitet. Da passieren Dinge und Worte werden gesprochen, die man schwer nachvollziehen kann und in einen Modus des einfachen hinnehmens verfällt, der zumindest mich als Leser meist unbefriedigt zurücklässt.

Was sich da abspielt und nur mit den Knochenuhren komplett Sinn ergibt, kann man sich mit Intuition und Schläue zusammenpuzzeln, aber mehr auch nicht. Und man fragt sich mit unangenehmen Beigeschmack, was denn die Grenzen der Welt und des Slade House sind und warum erst er oder sie oder es passieren musste – undzwar jetzt und nicht schon vorher? Man ist ein bisschen verloren zwsichen all den fremden Begriffen und dem Fachgesimpel. Und wünscht sich die ersten Kapitel zurück, die mehr modernes Gothic Horror Tale waren als Kräftemessen. Hinzu kommt der Spaß, wenn man Referenzen zu anderen Werken David Mitchells findet – und die gibt es zahlreich. V.A. zu Die Knochenuhren natürlich. Will man jetzt darauf verzichten?

Vielleicht sehen das aber andere Leser auch anders. Die Toleranzschwelle für Fantasy-angehauchte Lösungen und Erscheinungen sind da sicherlich unterschiedlich. Wer sich mit Fantasy leichter tut, der wird auch sicherlich diesen Exkurs bzw dieses Deus ex Machina gegen Ende von Slade House eher verzeihen. Bis dahin ist es jedenfalls ein sehr dichtes und atmosphärisches Buch, das überaus spannend ist und wie immer bei David Mitchell angenehm divers! Übrigens hat Mitchell es anfangs bei Twitter veröffentlicht bis das Buch draus wurde.

Anbei noch ein Absatz, der Aufschluss darüber gibt, wem und was aus Die Knochenuhren man hier so trifft (enthält Spoiler, wenn ausgeklappt) …

Witzigerweise empfand ich die Anachoreten gar nicht als so unheimlich in Die Knochenuhren – aber gefährlich, das sicherlich. Die Bewohner des Slade House Nora und Jonah sind offenbar Anachoreten, denn sie saugen ihren Opfern die Seele aus. Und das in einer stets tatsächlich sehr gruseligen Szene. Aber ihr Vorgehen ist anders als bei den Anachoreten in Die Knochenuhren. So oder so ruft ihr Seelenraub die aus Die Knochenuhren bekannte Doktor Iris Marinus-Fenby auf den Plan – ich sehe plötzlich Parallelen zu Doctor Who … . Wer wie ich mit Hugos Freund und Familie in Die Knochenuhren ein kleines bisschen Mitleid hatte, erfährt hier von seiner Schwester Fern wie die Geschichte ausging. Ich weiß nicht mehr genau was Hugos Freund gemacht hat, dass er so furchtbar fand, aber so ein Ende hatte der sicherlich trotzdem nicht verdient. Dass sich Fern als seine Schwester entpuppt, war wieder so ein klassischer Mitchell-Moment, der alle seine Welten und überhaupt die Welt an sich plötzlich klein wirken lässt. Aber auf eine gute Weise. Dass der glücklose Autor Crispin Hershey auch hier erwähnt wird, hätte ich fast erwartet! 🙂

Fazit

Angenehm diverser und schauriger Roman, für den ich allerdings empfehlen würde zuvor „Die Knochenuhren“ gelesen zu haben.

Besprochene Ausgabe: ISBN 978 3 498 04276 9, Rowohlt Verlag

„ausgelesen“ ist eine Kategorie meines Blogs, in der ich immer zwischen dem 15. und 20. eines jeden Monats ein Buch unter die Lupe nehme. Der Begriff „ausgelesen“ ist sehr dehnbar. So wie die Themenvielfalt meines Blogs. Ein „Buch unter die Lupe nehmen“ schließt Belletristik, Sachbücher, Manga, Comics unvm mit ein. 🙂