Fantastischer Film: Samurai der Dämmerung (The Twilight Samurai)

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Inhalt

Seibei Iguchi (Hiroyuki Sanada) wird spöttisch von seinen Arbeitskollegen Mann der Dämmerung genannt, weil er immer pünktlich abends zu seiner Familie nach Hause geht, anstatt mal mit ihnen in einer Gastwirtschaft einzukehren. Tatsächlich ist Seibei ein Samurai niederen Ranges, der allerdings für seine Kampftaktik bekannt war. Das Geld wurde aber knapp. Um die Beerdigung seiner Frau zu bezahlen und jetzt seine Familie durchzukriegen, musste er sein Katana (Langschwert) verkaufen und muss neben seiner Arbeit in einem Lebensmittelkontor auch noch kleinere Arbeiten erledigen. Das nimmt ihn so sehr in Beschlag, dass sein soziales Leben und seine Erscheinung darunter leidet. Seine Töchter sind sein ein und alles und wenn er sie ansieht, vergisst er all die Anfeindungen und Seitenhiebe, die sich gegen ihn richten. Eines Tages aber bekommt er einen Auftrag als Samurai, den er nicht ablehnen kann, gleichzeitig aber um sein Leben an der Seite seiner Töchter fürchtet.

Hintergrund

Der Film spielt gegen Ende der Edo-Zeit (1603 bis 1868), das auch manchmal als Zeitalter der Samurai bezeichnet wird (genauer: Tokugawa/Bakumatsu). Darauf folgt die Meiji-Zeit, in deren Zuge die japanische Politik umstrukturiert wurde. Das Shōgunat übergab die Regierungsgewalt an den Kaiser (Tennō). Als kleiner Vergleich: der sehr bekannte US-Film Last Samurai spielt während dieser als Meiji-Restauration bekannten Epoche. Der gesellschaftliche Stand des Samurai wird in dieser Zeit quasi abgeschafft. An Seibeis Geschichte in The Twilight Samurai erkennt man sehr deutlich wie die politischen Gefüge bröckeln und der Status der Samurai schwindet.

Hierbei ist aber schwierig zu sagen, ob The Twilight Samurai (jp. たそがれ清兵衛) als Jidai-geki bezeichnet werden kann. Das sind im Prinzip Historienfilme, die sich stark mit Kämpfen und Konflikten auseinandersetzten, aber in der Regel nicht so persönlich wurden. Akira Kurosawa prägte das Genre beispielsweise sehr. In The Twilight Samurai hingegen sieht man hier viel aus dem normalen Alltag rund um arbeiten gehen, essen machen und wie Kinder aufgewachsen sind, was in der Schule gelehrt wird, etc. In diese Details fließt eine ganze Menge Zeit, ist aber sehr aufschlussreich. 🙂 Dabei basiert der Film auf mehreren Erzählungen Shūhei Fujisawas.

Meinung

Regiesseur Yōji Yamada ist es gelungen ein realistisches Bild über das Leben als Samurai zu zeichnen, sofern ich das bewerten kann. Ob das der Zuschauer auch als ansprechend empfindet, ist schon schwieriger zu beantworten. Popcornkino-verwöhnte Filmliebhaber kann der Film durch den langsamen Erzählfluss eher abschrecken. Wer plakatives, repräsentatives Pathos-Kino wie Last Samurai für das einzig Wahre hält, wird angesichts des unglamourösen Alltags von Seibei ins Straucheln kommen. (Hierbei muss ich allerdings anmerken, dass ich Last Samurai dennoch ziemlich gut fand.) Für einen Erstkontakt mit dem Pflichtgefühl der Samurai, den Gepflogenheiten und der Bedeutung die Ehre zur damaligen Zeit beigemessen wird ist der Film möglicherweise ein touch too much für Zuschauer, die das bisher nicht kannten. Es tut auch manchmal etwas weh, wenn ein gestandener Mann an solchen Themen wie Hygiene und löchrigen Socken scheitert … was das betrifft ist der Film schonungslos. Für diejenigen, die am mittelalterlichen Japan interessiert sind, sich überraschen lassen wollen wie das Leben in Japan früher wohl mal aussah oder die Indie-Film- und Samuraifilm-Liebhaber, ist das sicherlich eine besondere kleine Perle.

Den Familienalltag hebe ich deswegen so hervor, weil das ein zentrales Motiv des Films ist und sehr viel Raum einnimmt, bevor Seibei überhaupt erstmal seinen Auftrag bekommt. An Seibeis Beispiel sehen wir als Zuschauer das Aufeinanderprallen von Ehr- und Pflichtgefühl, dass ihn dazu bringt den Auftrag anzunehmen. Auf der anderen Seite sehen wir den privaten Seibei, dem nichts ferner ist als zu riskieren, dass er seine Töchter eventuell nicht aufwachsen sieht. Man bemerkt, dass das samurai-eigene Denken der Familie gewichen ist. Er sagt selber, dass man ein Tier sein muss, um einen anderen Mann zu töten und ihm diese Fähigkeit abhanden gekommen ist. Die bedingungslose Treue und die gesellschaftlichen Normen sind da, aber er beginnt anders zu denken und das ist eine nicht zu verachtende Diskrepanz. Umso überraschender ist es Seibei dann kämpfen zu sehen. Es macht Spaß Hiroyuki Sanada (Sunshine, Helix, The Railway Man) in dieser Rolle zu sehen, wo er in westlichen Produktionen scheinbar immer mal verheizt wird oder in Nebenrollen versauert. Ebenso wie Rie Miyazawa, die ich sehr gern als Tomoe gesehen habe. Tolle Schauspieler.

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Jeden Monat stelle ich einen Film vor, den ich für einen fantastischen Film halte – losgelöst von Mainstream, Genre, Entstehungsjahr oder -land. Einfach nur: fantastisch. 😆