ausgelesen: Jean-Gabriel Causse „Arthur und die Farben des Lebens“

Wenn einen die Sonnenstrahlen da draußen an der Nase kitzeln und sich die Luft plötzlich irgendwie „warm“ anfühlt, dann klopft der Frühling an. Die Farben kehren in die Natur zurück – ich habe sie gesehen! Heute! Ein paar leuchtend gelbe Blumen in all dem Khaki und Graubraun der Februar-Felder und Wiesen. So ähnlich wie wir nach dem Winter fühlen sich wohl die Charaktere in Jean-Gabriel Causses Roman Arthur und die Farben des Lebens, denn vom einen auf den anderen Tag verschwinden in der Welt des Protagonisten Arthur alle Farben. Der hat gerade seinen Job in einer Buntstiftfabrik verloren, da diese insolvent ist und gerade ihre letzte Charge produziert. In einem letzten Akt der Rebellion hat Arthur alle übrigen Pigmente in die Produktionsstrecke gefüllt. Aber kaum, dass die Fabrik ihre Pforten schließt, ist die Welt plötzlich nur noch in Schattierungen von Grau gehüllt. Man könnte meinen, dass die Marktwirtschaft die Lebensfreude gefressen hat. Kein blaues Meer, keine grüne Natur, keine gelbe Sonne, keine roten Rosen. Nur noch Schwarz, Weiß und alle Schattierungen von Grau dazwischen. Die Menschen sind entsetzt. Ist es eine Epidemie? Eine Krankheit, die die Farbwahrnehmung beeinträchtigt? Fragen ohne Antwort. Die Menschen sind betrübt in ihrem grauen Einheitsbrei. Als die Tochter von Arthurs heimlicher Liebe, der schönen Radiomoderatorin Charlotte, einen Buntstift in die Hand nimmt und der wieder in gesättigter, bunter Farbe malt, sind plötzlich alle möglichen Leute hinter Charlotte und ihrer Tochter Louise hinterher – Arthur versucht ihnen zu helfen und die Farben wiederzubringen.

Farben sind das Ding von Autor Jean-Gabriel Causse. Ein bisschen beneide ich ihn, wenn ich über seinen ausgefallen Job lese. Er ist Farbdesigner und Mitglied des Comité Français de la Couleur. Hat u.a. für Jil Sander gearbeitet und in Japan gelebt. Die Informationen über Farben, ihre Wahrnehmung, Wirkung, Entstehung, hat er nicht nur in Arthur und die Farben des Lebens eingestreut, sondern auch als Sachbuch verarbeitet. Und er lässt seine blinde Farbspezialistin Charlotte im Roman eine Radiosendung rund um Farben moderieren, in der sie mit Sicherheit seinen Wissensschatz formuliert. Charlotte mag zwar von Geburt an blind sein und so Farben nie erlebt oder gesehen haben, aber sie weiß quasi alles darüber und scheint sie trotzdem irgendwie zu fühlen. Ein schönes Oxymoron und Kudos an Causse, der somit sein Buch relativ klischeefrei mit Charakteren gestaltet, die vor den Augen der Öffentlichkeit (pun intended) eine Beeinträchtigung haben. Der Vater ihrer Tochter, der Taxifahrer Ajay, ist außerdem Synästhetiker. D.h. seine Wahrnehmung und Sinne sind anders verknüpft. So kann Ajay beispielsweise Farben hören – man spricht hierbei vom „farbigen Hören“. Ein Trost für ihn in dieser grauen, neuen Welt. So ist Jean-Gabriel Causses Roman von sehr bunten Persönlichkeiten besiedelt. Der Titelheld Arthur selber ist ein Mann, der eine Talfahrt hinter sich hat. Vor Charlotte hat er aufgrund seines Voyeurismus und Alkoholismus nicht gerade geglänzt. Als er aber glaubt den Schlüssel zu den Farben in der von ihm manipulierten letzten Buntstift-Charge seiner ehemaligen Firma erkannt zu haben, sieht er seine Chance. Und wird ein Held? Bleibt abzuwarten.

Im Klappentext klingt Jean-Gabriel Causses Roman nach einer verrückten Mischung. Da ist die chinesische Mafia hinter den Farben her und die Menschen spielen verrückt. Als durch die Buntstifte nach und nach eine Farbe zurückkehrt, sind die Menschen wie betört. Rosa macht sie fröhlich, Rot verliebt und streitlustig. Die Emotionen, angestachelt durch Farben, lassen die Menschen zu einem brodelnden Kessel an Gefühlen werden. Ein interessanter Aspekt, der sich aber mit der Zeit etwas abnutzt. Auch die Rolle der Mafia ist eigentlich sehr gering und sie treten relativ spät und eher sehr kurz auf, sodass sie mehr ein plot device sind. Man sollte diese „Versprechungen“ nicht zu ernst nehmen, sonst erweckt es ein falsches Bild von dem Buch. Arthur und die Farben des Lebens ist eine locker-leichte und unterhaltsame Geschichte, die einige interessante Ideen formuliert. Was würde also mit unserer Welt passieren, wenn alle Farben verschwinden würden? Der Ansatz ist nicht so krass wie bei moralisch schwer zu verdauenden Werken wie Die Stadt der Blinden, aber auch hier sind die Menschen schwer von der unschönen, neuen Welt beeinflusst. Sie werden beispielsweise depressiv und verunsichert. Aber das Buch stellt auch die Frage in den Raum, ob die knappe Ressource Farbe für viel Unruhe und überkochende (und einseitige!) Emotionen führt wie beispielsweise Kampfeslust oder Mitmenschen, die schwer horny sind. Da das Buch bewusst leicht und locker, manchmal etwas satirisch angehaucht ist, geht es dabei aber keine allzu krassen Wege. Es bleibt bei witzigen Anekdoten und entlarvenden Andeutungen. So kritisiert Causse indirekt Karl Lagerfeld, der die Nicht-Farbe Schwarz feiert und keine Kleidung in „diesen vulgären Farben“ sehen will. Je nach Leser bleibt das Buch damit aber auch leider relativ oberflächlich und seicht.

Der anekdotenhafte Charakter des Buches wird noch dadurch verstärkt, dass Charlottes Radiosender immer mal wieder Thema ist und sie regelmäßig einen Schwank über Farben erzählt. Leider nutzt sich auch dieses Prinzip mit der Zeit etwas ab. Sachbuch-Fans und Fans leichter tragikomischer Lektüre kommen hier eher auf ihre Kosten, denn das Buch ist ein Mix aus Beidem. Andere Leser werden aufgrund der Mini-Vorträge Charlottes vermutlich irgendwann etwas müde. Auch der leichtgewichtige Charakter des Buches ist nichts für jeden Leser. So manche Probleme sind dann doch etwas zu leicht gelöst. Für Fans großer moralischer Dilemmata, Krimis oder Psychothriller ist das Buch damit vermutlich nichts. Oder anders betrachtet: eine Abwechslung. Stattdessen fühlt sich Arthur und die Farben des Lebens wie ein „Strand-Buch“ an – für einen Urlaub, in dem man abschalten und sich berieseln lassen will. Aber hey, auch wenn es nicht mein persönliches Beuteschema ist: auch solche Bücher muss es geben. In der deutschen Ausgabe ist es außerdem mit einem Umschlag gestaltet, der zum Ausmalen einlädt und es kommt nicht von Ungefähr, dass Causse sein Buch allen widmet, die „mit dem Herzen sehen“. Die Art und Weise wie der Autor die Schonungslosigkeit des Alltags (bspw. die Entlassung aller Arbeiter der Buntstiftfabrik) in einen gleichzeitig tragischen und dann Kontext zum bittersüßen schmunzeln setzt, erinnert an Bücher wie Hectors Reise … und er bedient sich einiger schöner Metaphern. So bezeichnet er Charlottes Vater von der Statur her als einen Schneemann, aber einen der schmelzen müsste, weil er so warmherzig sei. Awwww. Dann aber beschreibt Causse im Buch namentlich Farben, die nicht mal die Suchmaschine findet, sodass manche Eindrücke dem Leser verschlossen bleiben. Ggf auch eine Herausforderung der Übersetzung. Für mich persönlich war es eine nette Abwechslung zu den Themen, denen ich mich literarisch ansonsten widme. Aber die Handlung betreffend, hätte es für mein Empfinden etwas mehr Spannungspotential vertragen können. Tatsächlich denke ich aber, dass es als Film um einiges besser funktionieren wird, da es auch ein besonderes (Farb)Spiel mit filmischen Mitteln erlaubt. Hoch anzurechnen ist es dem Buch, dass es recht zügig als blindentaugliche Ausgabe in Braille erscheint und denen Farbe gibt, die wie der Autor so schön sagt „seit jeher nur mit den Herzen sehen können“.

Fazit

Liebevoll komponiertes Buch von der Sorte leichte Kost, mit dem man mal schön dem Alltag entfliehen und sich berieseln lassen kann.

„ausgelesen“ ist eine Kategorie meines Blogs, in der ich immer zwischen dem 15. und 20. eines jeden Monats ein Buch unter die Lupe nehme. Der Begriff „ausgelesen“ ist sehr dehnbar. So wie die Themenvielfalt meines Blogs. Ein „Buch unter die Lupe nehmen“ schließt Belletristik, Sachbücher, Manga, Comics unvm mit ein. 🙂

Eine Antwort

  1. Auch wenn mich diese Radio-Vorträge über Farben vielleicht wirklich irgendwann langweilen würden und ich mir vielleicht etwas mehr Spannung wünschen würde, finde ich das Thema total interessant und werde mir das Buch mal ansehen. Eine Welt ohne Farben stelle ich mir schrecklich vor! Erinnert mich ein bisschen an The Giver, da fand ich die Schwarz-Weiß-Welt auch total bedrückend.

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