Netzgeflüster: Game-Besprechung „Pokémon: Let’s Go Pikachu“ und Eindrücke zur Nintendo Switch

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Zuerst sagte ich mir ja „Ach, nur wegen Pokémon schaffst du jetzt keine Nintendo Switch an. Dafür ist die viel zu teuer.“ Dann die anfangs eher vernichtenden Kritiken zur Nintendo Switch im early hands-on wurden von sehr positiven abgelöst und überall erschienen die Screenshots der Pokémon-Spiele. Und weckten Nostalgie. Und das unsägliche „Haben-will“ Gefühl. Und dann … war sie da. Die Switch. Und das Spiel. Und meine Kindheit.

Altbewährtes und Neues

Das grundsätzliche Spielprinzip um das Sammeln möglichst vieler Taschenmonster, das Umhertragen via Pokébällen; der gute Pokémonprofessor, der einen in die Welt hinausschickt; das Herausfordern der Arenaleiter, ständige Begegnungen mit einem seit einigen Spielen dankbarerweise netten und ambitionierten statt fiesen Mitstreiter und die schlussendliche Herausforderung der Top Vier und des Champs sind geblieben. 🙂 Das fasst die Handlung des Spiels zusammen. Kurzum: am Gameplay hat sich nicht viel geändert. Hinzu kommt natürlich eine böse Organisation, die Pokémon für niederträchtige Zwecke einsetzen will und der man sich entgegen stellt. Dabei steht einem in diesem Fall ein Pokémon zur Seite, das uns als Partner-Pokémon stets außerhalb des Pokéballs begleitet. Pikachu sitzt auf unserer Schulter, in der Evoli-Version sitzt das Plüschmonster auf dem Kopf unseres Avatars. Man kann wieder zwischen einem weiblichen oder männlichen Protagonisten entscheiden und im Laufe des Spiels auch ein wenig benutzerdefiniert gestalten. Leider nur anhand der Klamotten und bei weitem nicht so bunt und abwechslungsreich wie in Vorgängerspielen. Zeitlich ist die Handlung irgendwie nach Rot/Grün/Blau angesetzt, da man im Spiel den inzwischen „gereiften“ Charakteren Blau (aka Gary) und Rot (aka Ash) begegnen kann und Überraschung: auch Grün.

„Trailer für Pokémon: Let’s Go, Pikachu! und Pokémon: Let’s Go, Evoli!“, via Offizieller Pokémon Youtube Kanal (Youtube)

Pokéball fliiieeeg. Und flieg. Und flieg immer wieder …

Bei dem inzwischen zweiten Remake von Rot und Blau, drängt sich natürlich die Frage auf, was sich alles geändert hat. Allein durch die neue Konsole bedingt sieht das Spiel natürlich frischer aus. Die Spielwelt und alle Charaktere sind voll 3D-modelliert und man bewegt sich nicht mehr auf einem Grit (Raster), sondern freier. Ein Punkt, in dem die Pokémon-Spielwelten anderen jahrelang hinterherhinkten. Die Art und Weise wie Pokémon in der Welt „leben“ und gefangen werden können, hat sich außerdem verändert. Pokémon sind allgegenwärtig. Sie befinden sich nicht unsichtbar im Gras und erscheinen nicht erst im Kampf. Stattdessen erscheinen sie auch visuell und laufen durch das Gras, sodass wir das erste Mal in die Verlegenheit kommen ihnen auch mal mit unserem Spielcharakter hinterherzulaufen. Dadurch erreicht man einen realistischeren Gesamteindruck – ein Onix könnte sich wohl in der „echten“ Welt auch eher schwer verstecken. Zudem wirkt es steuerbar welchem Pokémon man begegnet oder aus dem Weg gehen möchte. Davon abgesehen können sie auch in der Luft auftauchen und wir herumfliegen, so richtig frei aber erst nach dem Besiegen des Champs. Ein cooles Feature, das viel zu spät im Spiel eingesetzt wird. Dass aber die Gräser, Routen und Höhlen früher oder später nur so vor umherlaufenden, rollenden, flatternden Pokémon wimmeln ist definitiv cool.

Dass man Pokémon im Kampf quasi pausenlos Schmerzen zufügt und wilde Pokémon „schwächen muss“ um sie zu fangen, machte die Argumentation für die Pokémon-Spiele nicht selten schwierig. Einerseits wird das Empfinden vermittelt, dass Pokémon unsere besten Freunde sind, andererseits lassen wir zu, dass sie verletzt werden oder gar K.O. gehen. Tierschützer dürften außerdem nicht begeistert vom digitalen Hahnenkampf sein. Das Prinzip kann als barbarisch und alles andere als pazifistisch angesehen werden. Pokémon trainieren würde bedeuten, dass man reihenweise besiegte, verletzte, kranke Tiere kaltherzig zurücklässt. Zumindest, wenn man das Setup realistisch überinterpretiert. Hat man das Fangsystem deswegen schon bei Pokémon Go geändert? Dort und auch in Pokémon Let’s Go (PLG) ist es üblich Pokémon allein durch das Werfen von Pokébällen zu fangen. Obwohl es manchmal etwas Technik dafür braucht und man sie auch durch das Werfen von Beeren locken kann, ist das zu einem Großteil Trial and Error oder wie ich es gern nenne: Materialverschwendung. Man brauch weniger Gehirnschmalz dafür, muss sich nicht wirklich eine Technik überlegen, da die eingesetzten Pokémon keine Rolle mehr spielen. Die kommen nur noch zu Kämpfen raus oder weil man neben dem Partner-Pokémon noch ein zweites aus seinem Ball befreien darf, dass dann neben einem herläuft. Das ist cool, das Fangsystem nicht. Zwar ist in dem Spiel dafür gesorgt, dass man viele Pokébälle einfach geschenkt bekommt, aber wer wie ich ein Viel-Trainierer und Leveller ist, dem gehen die Bälle halt trotzdem ständig aus und man ist öfter fast pleite. Ein Prinzip, das für mich nicht vollends aufgeht. Obwohl man auch durch das Fangen der Pokémon viel XP sammelt und das eigene Team levelt, fehlt die Selbstbestimmtheit deutlich.

Und nach dem Champ?

Mal abgesehen von den Neuerungen beim spawnen der Pokémon und dem Fangsystem ist die Handlung analog zu Pokémon Rot und Blau, weswegen sich ab einem gewissen Zeitpunkt Ermüdungserscheinungen einstellen. Dass die gelindert werden liegt v.A. an der coolen Optik und den Pokémon, die wirklich überall rumflattern. Die Kämpfe wirken dynamischer, die Pokémon sowieso. Auch Giovanni und Team Rocket haben eine Auffrischungskur bekommen. Man darf des öfteren Jesse und James begegnen und mit Pikachu oder Evoli über ihr „Talent“ als Bösewicht den Kopf schütteln. 😉 Giovanni ist diesmal schon deutlicher und spannender als Bösewicht inszeniert. Mit seinem Partner-Pokémon kann man allerlei Quatsch machen und spielen. Aber nach dem Sieg über die Top Vier und den Champ ist Schluss in der Handlung. Zwar kann man noch die Azuria-Höhle besuchen und es gibt zahlreiche Rematches mit Charakteren des Spiels, aber viel mehr Gameplay kommt da nicht. Bekannt ist natürlich das Prinzip „Gotta catch’em all“, die dazu aufruft alle Pokémon zu sammeln. Man kann übrigens maximal Pokémon 1-151, d.h. die erste Generation, haben. Eine Neuerung gibt es dann doch noch: Das sind die Meistertrainer, die sich jeweils auf ein bestimmtes Pokémon spezialisiert haben. Man kann sie nach dem Sieg gegen den Champ herausfordern und die Schwierigkeit ist, dass man bei einigen von ihnen nur mit dem Pokémon antreten kann, auf dass sie spezialisiert sind. Ich persönlich habe es nicht darauf ankommen lassen, weil ich das gar nicht so spannend finde. Einen Kampf Safcon vs Safcon oder Karpador vs Karpador hat man aus Spaß sowieso schon mal irgendwann gemacht, oder?

Fazit

Am Anfang des Spiels überwiegt durch die Neuerungen der Staun-Faktor. Pokémon fühlt sich endlich so an wie man es sich lange gewünscht hat. Wenn man beispielsweise Onix aus seinem Ball befreit und mit ihm durch die Landschaft zieht und dabei auf seinem Kopf reitet oder auf Glurak fliegt, ist das einfach cool. Auch fühlt sich die Welt jetzt endlich mal an wie eine die von Pokémon wirklich besiedelt ist, weil sie überall rumwuseln. Da ginge vielleicht noch mehr – warum sollte ein Pokémon nicht beispielsweise aus Versehen auch mal durch eine Stadt laufen? Elemente wie das Fangsystem werden je nach Geschmack ihre Fans und ihre Gegner haben. Das Spiel sollte wohl etwas einfacher als seine Vorgänger gestaltet werden, damit jüngere Kinder besser damit klarkommen. So gibt es auch ein System, das nach etwas undurchsichtigen Kriterien ein Pokémon als „fabelhaft“ oder „durchschnittlich“ einstuft und so transparenter macht, welches man weiter trainieren sollte. Denn bedingt dadurch, dass man fangen muss, um zu trainieren, hat man plötzlich irrwitzig viele Pokémon. Wer sich jetzt fragt wie das geht: die Box ist jetzt „mobil“. Man muss nicht mehr ins Pokémon-Center. Schwierig ist, dass „Pokémon Go“-User eventuell ein bisschen mehr vom Spiel haben. Nutzt man nämlich auch die App, kann man Pokémon übertragen. Ansonsten bleiben einem Teile des Spiels wie die ehemalige Safari Zone verweigert. Das ist nun der „Go Park“ und hat keine Spieloptionen, wenn man die Switch nicht mit Go Account synchronisiert. Schade! Wiederum witzig sind die Optionen, die man über die Eingabegeräte hat. Man kann das Spiel mit den JoyCons der Switch steuern und durch Gestern auch so den „Pokéball werfen“, als auch den „Pokéball Plus“ benutzen. Der sieht wie ein Pokéball aus und kann ebenso geworfen werden. Natürlich mit Handschlaufe, damit nicht ständig Fernseher und Scheiben kaputt gehen. 😉 Das macht schon ziemlich Laune, auch wenn sich der Effekt schnell abnutzt.

Dadurch, dass aber nach dem Hauptspiel nicht mehr viel kommt, fühlt es sich wenn der Nostalgie-Faktor abgeklungen ist, tatsächlich ein wenig nach einem Pokémon-POC für die Switch an und das Spiel wirkt relativ „kurz“. Viele Spieler, die sehr tief in das Pokémon-Spielsystem eingestiegen sind, machen sich die Spezifika stärker zu nutze. So ist es beispielsweise in PLG so „einfach“ wie bisher noch nie ein Shiny Pokémon zu finden und zu fangen, d.h. andersfarbige Pokémon wie sie in Pokémon Gold und Silber eingeführt wurden. Aber Achtung: das heißt auch nicht, dass es kinderleicht ist. Man brauch immer noch viel Geduld und ein bisschen Vorbereitung. Zusammenfassend hat Pokémon Let’s Go viele Eigenschaften, die man sich schon immer für ein Pokémon-Spiel gewünscht hat und die sehr cool sind. Die lassen einen vergessen, wenn man das Fangsystem nicht mag oder „Pokémon Go“ nicht nutzt und deswegen nicht alle Features erleben kann. Aber die Handlung ist leider etwas dürftig und das Spiel unangenehm plötzlich zu Ende.

„How to get EASY SHINY POKEMON in Lets Go Pikachu And Eevee – Best Shiny Hunting Guide“, via PokeTips (Youtube)

Eindrücke zur Nintendo Switch

Da ich mit diesem Spiel auch die Switch das erste Mal erlebt und ausgetestet habe, muss ich noch loswerden, dass die Konsole ziemlich cool ist. Mit ihr hat Nintendo etwas geschafft, das schon ein paar Mal in der Spieleindustrie gescheitert ist: die perfekte Symbiose zwischen Handheld bzw. portabler Konsole und „typischer Konsole“ zu schaffen. Man kann die Switch sowohl im Handheld, als auch im „Tisch-Modus“ betreiben als auch an einen Bildschirm oder Fernseher anschließen. Nicht zuletzt durch die Docking-Station die mitgeliefert wird und die „JoyCons“, die abnehmbar sind. Ziemlich geiles Teil. Entgegen der ersten Kritiken funktioniert technisch soweit alles reibungslos und die Auflösung ist (u.U. Spiel-abhängig) reibungslos und cool. Da erklärt sich wohl auch der Preis. Ich gehe soweit zu sagen es macht für mein Empfinden der PlayStation starke Konkurrenz. Allein die Preise der Spiele für die Switch sind bisher ein Schlag ins Gesicht und sorgen zumindest bei mir bisher dafür, dass ich tatsächlich noch nichts anderes als Pokémon gespielt habe.

Jetzt bin ich umso gespannter auf eure Meinung. Da draußen gibt es so ziemlich alles zu lesen – von Begeisterungsbekundungen bis hin zu Meinungen wie „absolute Enttäuschung“. Wie hat euch das neue Pokémon-Spiel gefallen? Inzwischen wurde mit „Pokémon Schild und Schwert“ schon ein weiteres Pokémon-Spiel für 2019(!) angekündigt, das eine neue Spielewelt und neues Gameplay verspricht und mir vom ersten Blick her ziemlich gut gefällt.

Netzgeflüster ist eine Kategorie meines Blogs in der ich mich immer zwischen dem 10. und 15. eines jedes Monats Themen aus IT, Forschung, Netzwelt und Internet widme genauso wie Spaß rund um die Arbeit mit Bits und Bytes. 🙂