ausgelesen: Ryunosuke Akutagawa „Rashomon – Erzählungen“

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Ryunosuke Akutagawa war ein japanischer Schriftsteller, der eine beachtliche Summe an Kurzgeschichten, Essays und Lyrik verfasste, obwohl er nur 35 Jahre alt wurde. Ihm wurde bereits zu Lebzeiten Beachtung zuteil, was sich auch in dem nach ihm benannten und hochdotierten Literaturpreis niederschlägt, der nur um die sieben bis acht Jahre nach seinem Tod das erste Mal verliehen wurde – der Akutagawa-Preis. Er studierte ab 1912 englische Literatur und das Thema der Öffnung gegenüber dem Westen ist nicht selten ein Motiv in seinen Texten. Später arbeitete er für eine Zeitung. Nicht zuletzt durch sein Studium entwickelte er einen modernen Schreibstil, der die asiatische und westliche Sichtweise zusammenführt. Gesellschaftskritik fanden in seinen Geschichten ebenso Platz wie Folklore. Die Kurzgeschichtensammlung gibt darüber einen guten Überblick – hier findet sich in chronologischer Reihenfolge so ziemlich alles an Themen, denen sich Akutagawa widmete.

Auf Empfehlung habe ich das titelgebende Rashomon und Im Dickicht hintereinander gelesen, obwohl letzteres erst sehr viel später im Buch an der Reihe wäre. Der Grund: beide liefern zusammen die Vorlage für Akira Kurosawas Film Rashomon. Das Rashomon (auch Raseimon, Rajōmon), Ein prachtvolles Festungstor in Kyōto, wurde nicht etwa durch Kämpfe zerstört, sondern fiel aufgrund mangelnder Statik ein. Die Ruine wurde zusätzlich ein Opfer der Naturgewalten und Zufluchtsort für die Menschen, die von eben diesen Erdbeben, Feuern und Hungersnöten moralisch zugrunde gerichtet wurden. Akutagawas Erzählung alleine handelt von einem solchen, der dort Zuflucht sucht und mit der Verderbtheit der Menschen konfrontiert wird. Eigentlich eine sehr kurze und verhältnismäßig dünne Geschichte. Die 1922 erschienene Erzählung Im Dickicht (auch: Im Gebüsch) hingegen hat einen sehr modernen Erzählansatz, der einen Schritt in die Richtung des unzuverlässigen Erzählers macht. Eine Frau, ein Räuber und ein toter Mann geben darin ihre Version der Geschehnisse wieder, was sich im Dickicht abgespielt hat und wie es zum Tod des Mannes kam. Eine Geschichte mit Twist, wenn man so will, die einem neben der bloßen Zur-Schau-Stellung der Verderbtheit der Menschen einen smarten doppelten Boden präsentiert. Kurosawa setzte in seinem Film beides in Beziehung zueinander, indem sich die hoffnungslosen Gestalten, die Zuflucht im Rashomon suchen, die Geschichte der Drei aus dem Dickicht erzählen und einer von ihnen vielleicht die ganze Wahrheit kennt. Eine sehr gelungene Verknüpfung von Akutagawas Geschichten, die länger nachhallt. Tatsächlich muss ich an der Stelle gestehen, dass mich erst Kurosawas Film darauf brachte, dass es mal sehr spannend wäre etwas von Akutagawa zu lesen – und mich somit einem Kapitel der japanischen Literatur zu öffnen, dass ich bisher nie aufgeschlagen habe. Allerdings macht sich für mich als Leser das Alter der Geschichten und der andere Kulturkreis bemerkbar. Es war kein „fun read“.

„Diese unbeherrschten Gefühlsausbrüche, die er, seit er nach Europa gekommen war, so oft mit Erstaunen beobachtet hatte, berührten ihn, den Japaner und Verehrer des Bushido, immer wieder auf das eigenartigste.“ p.28 „Das Taschentuch“

Der Band besteht natürlich nicht nur aus zwei Erzählungen. Nicht selten kollidieren hier alte und neue Werte, asiatische Sichtweisen mit westlichen. In der Geschichte Das Taschentuch beispielsweise wird ein- und dieselbe Handlung vollkommen unterschiedlich bewertet. Eine Frau, die nur auf den zweiten Blick um einen ihr nahestehenden Verwandten trauert, indem sie im verborgenen angespannt ein Taschentuch zerknüllt. Es wird gleichzeitig als Stärke und als Schwäche angesehen, dass sie ihre Trauer versteckt. Im selben Atemzug wird Bushido erwähnt. Weiterhin gibt es sehr moralische Erzählungen wie Der Affe, in dem auch die eine oder andere Zeile Kritik an der westlichen Herangehensweise oder der japanischen Auslegung dessen steckt. Ähnlich wird in Der General der Irrsinn des Krieges angesprochen, nur fehlt irgendwie die Pointe. Es gibt allgemein einige Geschichten, die die Deutung vollkommen dem Leser überlassen und sich mehr wie eine Ansammlung von Anekdoten lesen, beispielsweise wie in Das Bild von den Bergen im Herbst. Der Faden der Spinne hingegen ist ein Beispiel für eine folkloristische Erzählung, die an eine Sage erinnert. Akutagawa macht auch den einen oder anderen Ausflug in vergangene Zeiten und eifert seinen Literatur-Vorgängern nach: Die Geschichte einer Rache ist ein stimmungsvoller Samurai-Roadtrip, der die Verbundenheit der Samurai gegenüber ihrem Herrn und der „Sache“ über viele viele Jahre hinweg zeigt und an Selbstaufgabe erinnert. Die Geschichte der Vergeltung einer guten Tat ist die eines Diebes und einer wohlsituierten Familie. Handelt von Ehrgefühl und Schuld, ist aber auch etwas verworren. Manche Geschichten sind aber deutlich düsterer. Hölle handelt beispielsweise von einem Maler und seiner Tochter und ist ein Beispiel für die oftmals törichten oder problematischen Erzähler und ihre grausigen Schicksale. Wahrscheinlich dienen die Geschichten dieses Kalibers dazu das verbissene Festhängen an alten Werten auch kritisch in Frage zu stellen. Zumindest rennen unsere Protagonisten hier frappierend oft blind in ihr Unglück.

Tragische Liebesgeschichten kommen auch nicht zu kurz: Kesa und Morito (obwohl die weniger Mitleid haben) und Biseis Glaube, eine meiner Lieblingserzählungen aus dem Band. Eine Geschichte, die von Liebe und dem Warten handelt und wunderbar melancholisch ist. Es sind nicht alle Themen schwere Kost. Das Schicksal ist beispielsweise eine sehr augenzwinkernde Geschichte, genauso wie Der Drache. Und Mandarinen sogar eine sehr schöne, heitere Geschichte. Der Garten ist so wild und verwuchert und wirr wie so manche Familiengeschichte. Aber irgendwie heimelig und rührend. Mit Kappa ging Akutagawa mal so richtig aus sich raus. Die Geschichte handelt von eben diesen Fabelwesen bzw einem Mann, der behauptet unter den Kappa gelebt zu haben. Ihr angebliches Gesellschaftssystem entlarvt so nebenbei die Widersinnigkeiten unserer bzw Japans Gesellschaft der damaligen Zeit. Aber die Geschichte hätte für meinen Geschmack auch gern zwanzig Seiten kürzer sein können, obwohl sie hin und wieder sehr lustig war. Demnach war Nietzsche einer der Heiligen der Kappa. Duh.

„Solange man sich einem Menschen überlegen fühlt, vermag man ihn nicht zu hassen, selbst wenn man es will.“ p.51 „Das Versunkensein des Dichters“

Spätestens ab den Geschichten Akutagawas der 20er Jahre ist deutlich, dass er (s)einen Ton gefunden hat. Gut beobachtet, still, bewegend, reißt viele Implikationen unterschwellig an, lässt das Ende meist offen und überlässt dem Leser vieles. Immer öfter treten geistige Erkrankungen als Motiv auf. Zumindest sind sie für uns als solche erkennbar. Das Totenregister ist die erste von einigen autobiografischen Erzählungen und erwähnt beispielsweise den Tod seiner Mutter. Die Zahnräder eine weitere, die nun bereits aus seinem Nachlass stammt. Sie hält uns die volle Verzweiflung des Autors angesichts seiner nervlichen Schwäche und geistigen Erkrankung vor Augen. Er entdeckt überall unheilvolle Zeichen und Farben, leidet an schlimmer Migräne, Schlafstörungen, Verfolgungswahn und die Menschen … nun ja, helfen nicht. Die titelgebenden Zahnrädern sind für Migräne-Patienten sehr leicht als die optisch-neurologischen Störungen zu erkennen, die Auren, die Migräne-Attacken oftmals begleiten. Damals wusste keiner was damit anzufangen und Akutagawa (bzw der Protagonist der Kurzgeschichte) hält sich für einen, dem man nicht mehr helfen kann.

Die Auseinandersetzung mit klassischer Literatur anderer Kulturkreise fördert einiges zutage. Man versteht die althergebrachten Grundzüge der Gesellschaft, die ihnen vielleicht noch immer in den Knochen steckt. Die Kapitel der Geschichte, die Länder und Menschen überwinden mussten. Manches kann abstoßend wirken, trägt aber dazu bei die Denke der altertümlichen Gesellschaftssysteme zu erklären. Besonders krass war für mich als Leserin die Rolle der Frau. Oftmals ist eine Figur in den Erzählungen eben noch eine angesehene junge, verheiratete Dame. Dann wird sie wie in der Geschichte Im Dickicht überfallen und vergewaltigt. Als Opfer wird sie nicht angesehen, sondern als Gefallene und moralisch befleckte Figur, die selbst von ihrem Ehemann verstoßen wird und der eigentlich nur noch der rituelle Selbstmord übrig bleibt oder bei dem Täter zu bleiben, der sie misshandelt hat. Es existiert für Frauen quasi keine Selbstbestimmung. Selbstmord wurde allgemein als gangbare Lösung gesehen, um sich einer Notlage zu entziehen. Ebenso wie Akutagawas früh verstorbene Mutter litt auch er an Psychosen. Die Diagnostik und Anerkennung psychischer Krankheiten war zu diesem Zeitpunkt aber quasi kein Thema in Japan und wurde mit halbseidenen Ratschlägen (er solle doch weniger Tabak rauchen) abgetan oder mit spirituellen Belangen erklärt. Als Akutagawa befand, dass er seiner Familie in diesem psychotischen Zustand keine Unterstützung mehr sein kann und eher zur Last fällt, beging er Selbstmord.

Bisher bin ich nie in der japanischen Literatur über Themen wie den rituellen Selbstmord, Bushido oder den Konflikt zwischen Ost- und West-Mentalität gestoßen, sondern eher über melancholisch-unperfekte Helden, die surreales Erleben wie bei Murakami oder sich den Anforderungen ihrer Gesellschaft an sie entgegen stellen wie bei Kawakami und ihr persönliches Glück suchen. Manga jetzt mal nicht mitgerechnet. Daher ist es einerseits erhellend mal klassische, japanische Literatur (wobei noch relativ „junge“) zu lesen, die all diese so oft zitierten japanischen Motive enthält. Es schafft Verständnis, aber es ist auch keine Lektüre, die mit Eskapismus werben kann. Man muss gewillt sein den Kopf einzuschalten. Dementsprechend war es nicht immer eine willkommene Feierabendlektüre und manche Kurzgeschichten haben mich befremdet, obwohl ich Akutagawas Genie durchaus darin erkenne. Fakt ist außerdem, dass bei Kurzgeschichten-Bänden eben immer etwas dabei ist, das einen mehr abholt als das andere.

„[…]; denn einem Affen erläßt man die Strafe, einem Menschen nicht.“ p.20 „Der Affe“

Fazit

Sehr erkenntnisreich zur Auseinandersetzung mit der japanischen Gesellschaft früherer Zeiten. Die Denke anderer Epochen und Kulturkreise nachzuvollziehen ist denke ich wichtig, um Verständnis zu entwickeln. Dadurch ist es aber auch stellenweise schwere Kost.

„ausgelesen“ ist eine Kategorie meines Blogs, in der ich immer zwischen dem 15. und 20. eines jeden Monats ein Buch unter die Lupe nehme. Der Begriff „ausgelesen“ ist sehr dehnbar. So wie die Themenvielfalt meines Blogs. Ein „Buch unter die Lupe nehmen“ schließt Belletristik, Sachbücher, Manga, Comics unvm mit ein. 🙂