ausgelesen: William Gibson „Neuromancer“ (engl. Ausgabe)

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Manchmal ist es schwerer als sonst. Vier Monate habe ich es vor mir hergeschoben eine Besprechung zu Neuromancer zu schreiben. Dabei habe ich damals mit viel Enthusiasmus zu dem Buch gegriffen. Nicht nur, dass es ein Teil meiner 19 Bücher für 2019 war, es war auch mehrere Jahre auf meiner To-Read-Liste. Zufälligerweise wurde es im Buchclub vorgeschlagen und ich war Feuer und Flamme es zu lesen, wenn mir der Zufall schon so gut zuspielt. Die Sprawl-Trilogie von William Gibson gilt als die Geburt des Cyberpunk zusammen mit dem fast parallel erschienenen Genrekollegen Blade Runner. Der erste Teil der Trilogie, Neuromancer, erschien 1984 und handelt vom Hacker Case, der ein Angebot bekommt, das er nicht ablehnen kann.

Case ist ein runtergerockter, ehemals professioneller Hacker, der zu oft mit den falschen Leuten verkehrte und bei den Großen mitspielen wollte. Gibsons Version von Cyberspace und Internet erfordert einen neuronalen Link. Genau diesen kann Case nicht mehr einsetzen, da er bei einem seiner früheren Aufträge mit einem Nervengift außer Gefecht gesetzt wurde. Seitdem: kein Cyberspace mehr für Case. Der einstige Profi ist nun ein Krimineller bis er von ein paar dubiosen Gestalten mit Aussicht auf Heilung angeheuert wird. Spielt er von da an nicht mit, wird sein Nervensystem wieder so verkümmern wie zuvor. Der Auftrag: er soll seine Fähigkeiten als Hacker einsetzen um die KI Neuromancer aufzuspüren. Cases Instinkt sagt ihm, dass das nur ein kleiner Teil eines großen Ganzen ist, aber er kann sich des Auftrags nicht entziehen, angetrieben von seiner ehemals größten Droge – der Fähigkeit sich im Cyberspace zu bewegen.

„The body was meat. Case fell into the prison of his own flesh.“ p.6

Mein erster Eindruck von Neuromancer war phänomenal. Der erste Satz des Buches versetzt einen sofort in Gibsons von fauligen und mit Parfum übertünchten Gerüchen des Sprawl und von Chiba, wo Case hoffnungslos versucht sein Nervensystem wieder in den Griff zu kriegen. Diesen ersten Satz nenne ich gern das „Fernsehkanal“-Zitat. Selten hat ein einziger Satz so ein dichtes Bild einer Welt gezeichnet – ich wusste wortwörtlich sofort wo ich bin und wie es dort ist:

Das „Fernsehkanal-Zitat“: „The sky above the port was the colour of television, tuned to a dead channel.“ p.3

Sprachlich blieb Neuromancer eine Wucht, aber sehr komplex. Gibson spricht sehr bildlich und hat für seine Welt einen Wortschatz aus zahlreichen Neuschöpfungen geflochten, aber auch japanische Begriffe einfließen lassen. Letztere haben mir als Japanophile keine Probleme bereitet, aber erstere schon. Gibson erklärt die Begriffe seiner Cyberpunk-Welt selten und man muss sich aus dem Kontext erschließen, worum es sich hierbei handelt. Der Simstim beispielsweise ist ein Datenaustausch, bei dem die eigene Sinneswahrnehmung komplett mit der eines anderen Menschen synchronisiert wird. Man schaut wortwörtlich durch die Augen des Anderen, was Case des öfteren mit seiner Verbündeten und Affäre, der toughen Killerin Molly, tut. Microsofts haben nichts mit dem großen IT-Konzern zutun, sondern sind Chips. Hosaka sind Computer, benannt nach ihrer Herstellerfirma. Und es gibt soviele Begriffe mehr. Der Sprawl, der Gibsons Sprawl-Trilogie den Namen gibt, ist eine Region an der Ostküste der USA. Case wuchs dort auf. Während ich nach einigen Seiten noch dachte, dass mir das kein Problem macht, fand ich mich später dabei wieder das Gibson Wiki zu Rate zu ziehen und später aus Angst vor Spoilern nichts mehr nachzuschauen, aber auch weniger zu verstehen. Man kommt ab einem gewissen Punkt schwer mit. Bei der englischen Ausgabe ist die Falle, dass man die Gibson-Begriffe von unbekannten englischen Worten trennen muss. Denn: seinen Wortschatz kann man als eloquent bezeichnen. Obwohl mir englische Ausgaben normalerweise keine Schwierigkeiten bereiten, sah ich mich hier öfter gezwungen nachzuschlagen. Meine geschätzten Buchclub-Kollegen wiederum empfanden die deutsche Ausgabe als nicht viel besser, weil dort fundamentale Übersetzungsfehler gemacht wurden (ich vermute aber, dass sie eventuell nicht die Neuübersetzung gelesen haben). Ich kann daher also nur schwer eine Empfehlung abgeben wie man sich dem Buch am besten nähert. Vielleicht ist es auf Deutsch trotzdem einfacher.

Diese sprachliche Erfahrung sorgt dafür, dass ich mich zwar noch erinnern kann was in Neuromancer passiert ist, wie das Buch endete und einige der Schlüsselmomente haben bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Aber ich könnte kaum wiedergeben was genau Case und seine Kollegen getan haben. Es ist nicht so, dass man es nicht versteht, aber das immense Mischen der Neuschöpfungen und der v.A. später actionlastigen und schnellen Narrative zwischen Razorgirls und Bomben auf orbitalen Stationen vermischt sich zu einem grauen Klumpen, den man einfach im Autopilot quer liest, wenn man nicht aufpasst. Ein stellenweise unbefriedigendes Leseerlebnis. Vor Allem eben weil Gibsons Welt eigentlich überbordend reich an Motiven und schrägen Charakteren ist. Da gibt es Robotergärtner, Banden die einen irren Slang sprechen, Weltraumstationen auf denen megalomanische Familien ihre luxuriöse Villa haben, man kann dementsprechend ins All reisen und erleidet die furchtbaren Nebenwirkungen des Space Adaptation Syndrome. Aber die Welt ist auch eine schmutzige. Frauen prostituieren sich, werden durch neurologische Manipulation auf Autopilot gehalten um die Schweinereien nicht mitzubekommen, die ihnen angetan werden und erleiden letztendlich ja doch einen Schaden, der für mehrere Menschenleben „ausreichen“ würde. „Konsolen-Cowboys“ wie Case können sich über den Neurolink und das Abtauchen in den Cyberspace das Hirn schmelzen und ein digitales Fragment werden. Ein Rauschen in den Weiten der Unendlichkeit.

Künstliche Intelligenz (KI) spielt aufgrund des titelgebenden Neuromancers eine besondere Rolle. KIs bekommen sogenannte Turing Schranken („Turing Locks“) auferlegt und dürfen nicht miteinander kommunizieren, um jegliche Autonomie zu verhindern. Man fürchtet sich von der Macht, die KIs eventuell erlangen könnten. Das ist sehr weise in einer Welt, die durch Cyberspace angetrieben wird. Es gibt sogar eine Turing-Polizei, die diese KIs überprüft. Leider bleiben wie bei vielen Schilderungen Gibsons die Fakten auf der Strecke. Wie sieht diese KI aus? Was kann diese KI? Wie sieht ein Simstim aus? Kann man den überhaupt sehen oder ist es ein „Vorgang“? All das ist so unscharf umrissen und mehr ein Begriff-Dropping zwischen vielen farbigen Attributen und Adjektiven, dass man sich Gibsons Welt schwer vorstellen kann. Das ist schon fast schmerzhaft angesichts dessen, dass ich Scifi sehr sehr mag und regelmäßig konsumiere. Im Grunde war Gibson mit seiner Vorstellung von Cyberspace an der Geburt des Begriffs beteiligt. Die Ausarbeitung ist aber schwer zu greifen. Auch dem actionlastigen Ausgang der Story findet es seine Fans eher bei anderen Lesern als bei mir. Mal abgesehen vom world building ist die Handlung relativ konventionell. Ich mochte sehr Cases Konfrontation mit diversen KIs, aber davon abgesehen waren mir die Handlung wie auch die Charaktere zu eindimensional. Der Eindruck entsteht aber wahrscheinlich aufgrund des „umgedrehten Cyberpunk-Effekts“. Ich habe schon soviel Cyberpunk gesehen, dass mir alle Motive bekannt erscheinen, obwohl Gibson der Urvater eben dieser ist. Irgendwie bitter, oder? Vielleicht stimmt es eben doch, was „Just Write“ in seinem Youtube-Video „Blade Runner, Altered Carbon, and the Relevancy of Cyberpunk“ sagt: Cyberpunk hat seit Gibson und Blade Runner nichts mehr dazugelernt. Wer Altered Carbon geschaut hat, wird hier schmerzlich viele Motive wiederfinden. Nur zig Jahre vorher erdacht.

„You have no care for your species. For thousands of years men dreamed of pacts with demons. Only now are such things possible. And what would you be paid with? What would your price be, for aiding this thing to free itself and grow?“ p. 179

Fazit

Für Fans von actionlastigen Sci-Fi-Storys – die englische Ausgabe kann eine Herausforderung sein, ggf. zur deutschen greifen.

„ausgelesen“ ist eine Kategorie meines Blogs, in der ich immer zwischen dem 15. und 20. eines jeden Monats ein Buch unter die Lupe nehme. Der Begriff „ausgelesen“ ist sehr dehnbar. So wie die Themenvielfalt meines Blogs. Ein „Buch unter die Lupe nehmen“ schließt Belletristik, Sachbücher, Manga, Comics unvm mit ein. 🙂