Japanreise: Tag 6 – flanieren in Roppongi, Karaoke und Nachtleben in Shinjuku

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Nach unserem Ausflug nach Kyōto mit dem Fushimi Inari Schrein, Bambuswald, aber auch vielen Menschen war die Frage wie wir an einem Sonntag möglichst Menschenmassen in Tokyo umgehen. Die Wahl fiel auf Roppongi. Denn große Tourist Traps wie die sehr bekannten Tempel Tokyos würden wir an einem Tag an dem auch die arbeitende tokyoter Bevölkerung frei hat tunlichst meiden. Und es mal an einem Tag etwas ruhiger angehen zu lassen schien ganz passend. Abends gäbe es dann das Kontrastprogramm: wir wollten uns in das Nachtleben Shinjukus stürzen. Und u.a. Karaoke singen. Keine Angst: ich habe keine Audiodateien eingebunden 😉

Roppongi Hills

Roppongi ist ein Viertel im Stadtteil Minato, in dem wir auch wohnten. Anders als dort wo sich unser Hotel befindet, ist es in Roppongi weniger Business-like. Vor Jahren soll es ein Viertel gewesen sein, bei dem man abends besser etwas darauf achtet mit wem man trinkt und in welche Bar man geht. In alten Reiseführern steht gar das, was man heute eher über Shibuya und Shinjuku liest – dass man acht geben soll, dass man nicht abgezogen wird und entlegene Gassen meiden soll. Hört, hört. Allgemein ist aber die Kriminalitätsrate in Japan sehr gering – v.A. im internationalen Vergleich. Inzwischen hat Roppongi wohl etwas an „Chique“-Atmosphäre gewonnen und einen besseren Ruf. Nicht zuletzt durch die beiden „Städte in der Stadt“, die dort gebaut worden. Die großen Hochhauskomplexe Roppongi Hills und Tokyo Midtown bieten wirklich reichlich an Zerstreuung und haben sicherlich ein anderes Klientel angezogen.

Roppongi Hills beherbergt neben Zillionen an Büros (hauptsächlich IT-Firmen) in seinem Kreis aus Hochhäusern ein Kino, ein Kunstmuseum, einen riesigen Shoppingtempel – wir waren beeindruckt. Es war fast so als ob man sich dort den ganzen Tag beschäftigen kann. Dementsprechend waren dort viele Pärchen und Familien unterwegs. Auf dem Platz inmitten der Hochhäuser steht übrigens die Statue „Maman“ der Künstlerin Louise Bourgeois, die Kennern des Films Enemy bekannt vorkommen dürfte. Auch dort tauchten die Spinnen von Louise Bourgeois auf. Weitere Statuen befinden sich überall auf der Welt, gehören aber tatsächlich alle dem Tate Modern, London. Unser Ziel war eigentlich hauptsächlich der Mori Tower, der das Mori Art Museum und die Aussichtsplattformen „City View“ (hinter Fensterscheiben) und „Sky Deck“ (auf dem Hochhaus) beinhaltet.

Tokyo von oben

Im Mori Tower lösten wir Tickets für die Aussichtsplattformen und ließen das Kunstmuseum links liegen, weswegen mir als Kunstfan ein bisschen das Herz blutete. Es gab zu dem Zeitpunkt eine Ausstellung zu den Mumins, auf die mein Freund keine Lust hatte – aber seine Argumentation kann ich verstehen („In Japan was Japanisches sehen“). Die Ausstellung der zeitgenössischen japanischen Künstlerin Chiharu Shiota voller moderner Installationen nach dem Motto The Soul Trembles hätte uns beide sehr interessiert, befand sich aber leider im Aufbau und war nicht zu besichtigen, was wir sehr traurig fanden. Dann gab es außerdem noch eine Ausstellung zu PIXAR. Ich bin (Achtung, jetzt alle Fans tief durchatmen) kein Pixar-Fan und deswegen wäre das auch nicht meine erste Wahl gewesen, aber man musste eine Karte für die Ausstellung mit erstehen, weil: (Überraschung) die Ausstellung auf der Aussichtsplattform City View integriert war ^^‘ . Na dann. So schoben wir uns zwischen der Monster AG, Carl Fredricksen und Wall-E durch die Besuchermengen und schauten uns Tokyo von oben an – im Gegensatz zu unserem Besuch im Tokyo Tower bei Tageslicht. Diese andere Perspektive war aber ebenso beeindruckend. Und in „Farbe“, wenn man so will 😉 Den Tokyo Tower dort so schön leuchten zu sehen, hatte außerdem den Charme, dass wir sagen konnten „da waren wir gerade erst!“

Das war es aber noch nicht, wir gingen weiter zum Sky Deck, das überraschenderweise kaum besucht war. Die Aussichtsplattform ist ein Frischluft-Erlebnis in 238 Metern Höhe 😉 Man steht dort auf dem Mori Tower – der natürlich gut abgesichert ist. Da dort auch ein Hubschrauber-Landeplatz ist, gibt es auch Sicherheitspersonal, das darauf achtet, dass die Plattform ggf. geräumt wird und sich alle normalsterblichen Besucher benehmen und den Landeplatz nicht betreten. Wie zu erahnen war, darf man mal abgesehen von Handys nicht wirklich etwas mit auf die Plattform nehmen und muss es in den bereit stehenden Schließfächern lassen. Etwas ungewöhnlich fand ich, dass man die Tickets zum Sky Deck selber an Automaten ziehen muss. Der Blick von dort oben ist aber fantastisch und wir hätten uns dort ewig aufhalten können und fabulieren, „Schau mal ist das dieses große Sport-Stadion? Siehst du den Skytree? Ist das der eine Park da? Warte .. das ist ein Friedhof oder???“ Witzigerweise wirkten die Straßen an dem Sonntag so leer wie wir sie während unseres Aufenthalts nie gesehen hatten. Sonntags in Tokyo. Im Souvenirladen des Mori Towers machte ich dann meine erste Begegnung mit Gachapon, das sind Automaten in denen man Figuren oder Spielzeug lösen kann, die meistens in großen Plastik-Kugeln rausgerollt kommen. Es ist wie ein kleines Glücksspiel, weil man nicht wirklich beeinflussen kann, welche Figur man erhält. Ich war schon ganz heiß drauf, weil ich das so oft in Anime gesehen hatte. Mir fällt sofort Mayuri aus Steins;Gate ein. Der Anhänger mit der Kabuki-Maske hängt jetzt an meiner Schreibtischlampe 😀

Pause in Roppongi

Erlösung für Raucher – gut versteckt. Ein Beispiel für Raucher-Areale in Japan

Der Raucher an meiner Seite hat verzweifelt einen Raucherbereich gesucht. Wie schon in vorherigen Beiträgen erwähnt ist rauchen auf den Straßen in Japan verboten. Für mich als Nichtraucher kein Problem, für meinen Freund durchaus eins. Die Sucht, ihr wisst? 😐 Als wir die Nische in Roppongi Hills endlich gefunden hatten, die sich Raucherbereich nennt, kam er wieder und meinte, dass die so in der hintersten Ecke versteckt ist, dass er sich als Raucher regelrecht diskriminiert fühlt. Einerseits verstehe ich ihn (und habe deswegen mal das Bild so einer Raucherecke eingefügt), andererseits: … es ist halt rauchen. Nach der Befriedigung der Sucht knurrte unser Magen und wir genehmigten uns die fantastischen Windbeutel mit Vanille-Füllung von Crème de la Crème nur ein paar Schritte vom Eingang zum Mori Tower entfernt. Danach bewunderten wir nochmal „Maman“ mit einer sanften Gänsehaut und schauten uns weiter Roppongi an. Dabei kamen wir das öfteren nochmal in den Genuss der Aussicht auf den Tokyo Tower. In dem Hochhäusermeer ist es übrigens manchmal tough sich zu navigieren, da die Hochhäuser das GPS-Signal abschirmen und die diversen Navigationsapps dann weniger zuverlässig funktionieren. So erging es uns auch hier. Das Gute daran: man sieht mehr von Roppongi, wenn man sich mal verlaufen hat,  😉 Als der Hunger wiederkam, kehrten wir in Ippudo Ramen ein, endlich unser erstes Ramen in Japan! Ich entschied mich für ein scharfes Ramen, bei dem ich sogar den Schärfegrad angeben musste. Schlürfen erlaubt und so. Es war so gut – und so viel! Ich war beeindruckt mit welcher Geschwindigkeit die Einheimischen das weggeschlürft haben. Für Genießer und Langsam-Esser wie mich war es manchmal schwierig in Japan zu essen, da man eigentlich die Plätze nicht zu lange besetzen sollte. Es herrscht ein reges Kommen und Gehen. Ich habe mich bemüht – allerdings waren auch alle viel zu höflich um mich wegzuscheuchen ^^“

Zum Abschluss spazierten wir noch etwas durch Tokyo Midtown, die andere „Stadt in der Stadt“ neben Roppongi Hills. Da betrieben wir etwas Skyscraper-Spotting – man hat hier einen guten Grund immer mal wieder nach oben zu schauen. Tokyo Midtown beherbergt neben einem weiteren kolossal großen Einkaufszentrum v.A. Wohnungen und hat einige sehr gechillte Plätze mit Wasserspielen und viel Grün. Lange bleiben wir aber nicht, da es in Tokyo soviel mehr als Einkaufstempel zu begutachten gibt, auch wenn uns die Atmosphäre hier echt gut gefallen hat.

Die Stimmbänder ölen, den Raum buchen … aus voller Lunge: Karaoke!

Der Plan einen entspannten Sonntag zu haben, ging gut auf. Gerade nach Kyōto konnten wir so einen Tag ohne viel Touri-Menschenmassen gut gebrauchen. Vielleicht haben wir beim Flanieren in Roppongi und unserer Abendplanung sogar am meisten Tokyo-Lebensgefühl inhaliert. Wir machten kurz Rast im Hotel, schmissen uns in Schale und danach ins Nachtleben von in Shinjuku 😀 Leider fiel unser Besuch des Shinjuku Gyoen Park aus, da der anders als in meinem Reiseführer stand schon geschlossen war. Ein zweiter Blick zur Absicherung im Internet hätte uns gewarnt.  Passiert. Leider war auch eine der Attraktionen, die ich unbedingt besuchen wollte inzwischen geschlossen: die VR Zone, bei der man u.a. per Virtual Reality in einen EVA (Mecha) aus Neon Genesis Evangelion einsteigen kann. Geschlossen! Krass wie kurzlebig manche Attraktionen in Tokyo sind. Das habe ich zwar vor Antritt der Reise schon gewusst, aber ich bedauere das noch heute sehr. Außerdem stand zumindest auf meine Liste der Dinge, die man in Japan unbedingt gemacht haben sollte Karaoke singen. 😀 Wir suchten uns Big ECHO aus, weil es dort angeblich mehr deutsche und englische Songs in der Auswahl geben soll. Um das zu bestätigen fehlt uns aber der Vergleich. Es war SO COOL. Man kann einen Raum buchen, sich Getränke und sogar Essen bestellen – für letzteres hatten wir gar keine Zeit. Wir mussten SINGEN. Wir kamen total durchgeschwitzt aus dem Ding wieder raus. Auch wenn es in den kleinen Räumchen etwas warm ist, finde ich es viel angenehmer, dass man mit seinen Leuten allein ist anstatt vor Fremden zu singen. Hat echt Laune gemacht. Obwohl wir kein Metal gesungen haben, musste ich das eine oder andere Mal an Aggretsuko denken 😉

Shinjuku Nightlife

Das Nachtleben in Shinjuku wird mir v.A. durch die Menschenmassen, Neonreklamen und die vielen Leuten in Erinnerung bleiben, die vor den Läden standen und für ihr Geschäft warben. Das bunte Gesamtpaket hat uns extrem beeindruckt. Ein so belebtes Nachtleben kenne ich aus keiner deutschen Großstadt und ich denke, dass der Stadtteil gerade aufgrund der Lichter erst nachts wirklich zur Geltung kommt. Wir besuchten den Godzilla, der über dem Hotel Gracery auf die Menschenmengen schaut und ließen einfach Shinjuku auf uns wirken. Sebastian, du solltest wissen, dass hier Godzilla ist 😉 Ein kleiner Volkssport scheint zu sein, dass man vor den großen Video-LED-Wänden versackt, die von dem einen oder anderen Hochhaus Musikvideos oder Konzerschnipsel abspielen. Massen an Teens stehen an den Kreuzungen rum und gucken einfach zu, spielen am Smartphone, texten, schauen. Joar. Uns haben die weniger beeindruckt, wir haben stattdessen einen kleinen Ausflug zum Tokyo Metropolitan Government Building gemacht, quasi dem Rathaus von Tokyo, da hier die Verwaltung der Präfektur sitzt. Das Hochhaus und das beeindruckende Areal ringsrum wollten wir später nochmal bei Tageslicht sehen, haben es dann aber zeitlich nicht mehr geschafft. Es ist ein seltsames und schönes Gefühl hier zu sein, obwohl es keine klassische Touristenattraktion ist. Ich kenne das Gebäude aus sovielen Manga wie X-1999 und habe es indirekt immer mit Tokyo gleichgesetzt. Wusstet ihr, dass Tokyo derzeit eine weibliche Bürgermeisterin hat? Das erste Mal. Sie wurde nach einem Lauf relativ kurz nacheinander ein- und wieder abgesetzter Bürgermeister mit leisen Korruptionsvorwürfen berufen. Übrigens gibt es in dem Metropolitan Building auch eine Aussichtsplattform, die man kostenlos besuchen darf. Leider wurde eine der Aussichten gerade renoviert, weswegen wir uns überhaupt erst für die Aussicht auf dem Mori Tower entschieden.

In Bars versacken

Wir besuchten auch das legendäre Rotlichtviertel Kabukicho, das mit Nachtclubs, Bars und recht eindeutigen Shops aufwartet. Warum? Ein bisschen aus Neugier, aber auch weil wir den Eindruck hatten, dass das irgendwie zum Pflichtprogramm gehört, wenn man nachts in Shinjuku ist. Allerdings empfanden wir das als nicht so schillernd wie es mancher Reiseführer darstellt. Eigentlich gibt es dort nur ein, zwei Gassen die bunt und geschäftig sind und der Rest sieht ziemlich runtergerockt aus. Wir waren hier wieder recht schnell weg.  Tja – was gibt es in Shinjuku wohl noch zutun? 😉 Natürlich in Bars versacken. Bei der Dichte an Kneipen ist die Auswahl schier unendlich. Eigentlich wollten wir uns was nettes im Golden Gai suchen, das eine bekannte Kneipenmeile voller winziger Bars mit je nur fünf, sechs Plätzen ist. Golden Gai findet sich in unzähligen Videos über Japan, Reiseberichten und -führern, wegen seines eigentümlichen Flairs, aber wir waren gar nicht so übermäßig beeindruckt und empfanden auch das als etwas runtergerockt. Stattdessen verschlug es uns ins DUG – eine Jazz-Kneipe, für die man wortwörtlich in den Keller gehen muss. Großartig! Ich brauche unbedingt eine Jazz-Kneipe in meiner Stadt. So stelle ich es mir in den Bars in Haruki Murakami Romanen vor. Viel Vintage, bisschen alternativ, rauchig, dunkel, gemütlich, interessante Menschen, leckere Drinks. Die Bar, die Murakami betrieben hat, bevor er Autor wurde, war aber übrigens in Sendagaya, nicht Shinjuku. 😉 Im DUGs ließen wir den Abend ausklingen. Erst heute habe ich ganz nebenbei gelesen, dass Murakami den Hauptcharakter aus Naokos Lächeln angeblich oft im DUGs einkehren ließ – da waren wir Murakami wohl auf die eine oder andere Art näher als wir dachten!

„cero / Summer Soul【OFFICIAL MUSIC VIDEO】“, via KAKUBARHYTHM (Youtube)

 

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Was für ein Tag, Abend und Nacht. Ich hatte soviele Anime, Manga und Filme im Hinterkopf, die Referenzen lauerten überall. Es war ein beeindruckender und bunter Tag. Nur noch bunter sollte der nächste werden, der uns nach Mitaka zog – ins Ghibli Museum! Was mich ja brennend interessiert ist, ob ihr schon mal in Japan wart und euch Golden Gai und Kabukicho mehr begeistert hat als uns? Habt ihr schon mal Karaoke gesungen? Ich bin jetzt sehr angefixt, aber nur, wenn ich mit meinen Leuten in einen Raum kann … für das Singen vor Menschenmassen werde ich wohl nie zu begeistern sein. XD