Japanreise: Tag 8 – Weissagung in Kanda, Otakuszene in Akihabara und Odaiba besuchen

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Nachdem wir am Vortag irgendwie „raus“ waren und hauptsächlich abgelegenere Stadtteile besuchten, wollten wir langsam mal in die Animeszene Tokyos eintauchen. Wir fingen mit Akihabara (kurz „Akiba“). Der obligatorische Tempelbesuch darf dabei nicht fehlen. Immerhin neigte sich unsere Reise bereits dem Ende entgegen. Umso bewegter war der Tag. Aus Spaß mal Hentai-Etagen in Mangastores besuchen, mit Weissagungen das Glück herausfordern und feststellen wie schön doch Odaiba ist.

Der Kanda-Schrein und das „Weissagungs-Dilemma“

Da das Viertel Kanda dicht an Akihabara liegt, wollten wir uns den großen, lokalen Schrein nicht entgehen lassen. Der Kanda Myōjin ist ein shintōistischer Tempel, der wie soviele aufgrund von Katastrophen mehrmals neu aufgebaut wurde. An und für sich reicht die Geschichte bis in das Jahr 730 zurück. Am Eingang lockt etwas sehr seltenes: ein Kupfer-Torii. Man kann das schnell übersehen, da es vor Grünspan eher Graugrün wirkt. Umso beeindruckender ist das Detail! Der Kanda-Schrein ist gleich drei Gottheiten gewidmet, die u.a. für Glück und Wohlstand stehen und ganz wie man es in Reiseführern nachlesen kann, haben wir dort tatsächlich auch einen サラリーマン („sararīman“) gesehen, der mal eine ordentliche Summe Geld am Tempel ließ, bevor er die Götter angerufen hat. Ob er wohl für einen dicken Geschäftsabschluss beten musste? Zu den anderen Überraschungen dort zählte wie gut der Tempel aufgestellt ist. Es gab ein Areal zum Sitzen, das mit Wasserdampf gekühlt wurde – eine herrliche Erfrischung. Überraschenderweise gab es außerdem einen Souvenirladen, der fast so groß war wie der Hauptschrein. Vielleicht wirkte die Stimmung am Kanda Myōjin deswegen so touristisch, obwohl es ansonsten angenehm ruhig und so früh am Morgen noch nicht besonders überlaufen war. Der Tempel an sich hat uns aber sehr beeindruckt – er wirkte wie eine Perle, versteckt zwischen den Straßenzügen Kandas.

Mein Freund entdeckte einen Automaten, bei dem eine traditionell aussehende Puppe für einen tanzt und warf Geld nach um das Spektakel noch ein bisschen beobachten zu können. Da spuckt die Puppe doch glatt eine Weissagung aus – ein O-mikuji. Oh Schreck. Zwar hatte ich im Vorfeld über Weissagungsautomaten gelesen, aber wusste nicht wie sie aussehen. Es stand auch nicht am Automaten oder wir haben es übersehen. Üblicherweise zieht man eine Weissagung per Zufallszahl am Tempel, solche Automaten sind aber wohl inzwischen häufig anzutreffen. O-mikuji können Glück oder Pech ankündigen. In der Regal sind sie in entsprechende Kategorien eingeteilt (beispielsweise Small blessing – shō-kichi, 小吉) und enthalten neben den charakteristischen Schriftzeichen für diese „Kategorien“ außerdem einen Spruch, den man selber interpretieren muss. Das wussten wir aber vorher nicht. Wir wussten nur, dass wenn man eine schlechte Weissagung erhält, diese am Tempel lassen muss, damit das Unglück an einem vorübergeht. Das sind in der Regel die Zettelchen, die dort an Bäumen oder Holzleisten angebunden werden. Lediglich die guten solle man mitnehmen. (Auch da gibt es unterschiedliche Ansichten.) Ehe wir also nicht entziffert hatten, was dort steht, mussten wir dort bleiben. ^^‘ Es dauerte etwas. 😐 Immerhin kann ich euch dadurch jetzt ein paar Ressourcen nennen, um O-mikuji zu entziffern: Liste mit Kennwörtern auf Wikipedia, wie man sie liest und noch mehr Kennwörter. Oder man fragt einfach einen Muttersprachler in der Nähe. 😉 Wir hatten keine schlechte Weissagung und gingen beruhigt.

Akiba!

Nachdem der Schreck vorüber war, schlenderten wir weiter durch Kanda und steuerten auf Akiba zu. Das weckte zahlreiche Erinnerungen an Steins;Gate 🙂 Eine unserer ersten Anlaufstellen waren die Elektronikgeschäfte der Kette Tsukumo für Roboter- und Technikeinzelteile, wofür das Viertel abgesehen von seiner Animeszene bekannt ist. Den großen Schnapp haben wir nicht gemacht, waren aber von der Fülle des Angebots überwältigt. So einen Roboter-Igel hätte ich schon ganz gern … :3

Manga-Kult und Automatenrestaurant

Die Geschäfte in Akiba machten oftmals erst gegen 10 Uhr oder mittags auf und wir waren etwas früh dran. Aber was uns in den Ladengeschäften an Anime und Manga entgegensprang war überwältigend. Besonders, wenn man überlegt, dass man in Deutschland schon überrascht ist, wenn jemand Anime und Manga überhaupt kennt. Uns verschlug es u.a. in die wohl größte Mandarake-Filiale („Mandarake Complex“), in der wir ins shoppen kamen. Herrgott. Ich habe noch NIE SO VIELE Manga auf einem Fleck gesehen. Maximal auf der Leipziger Buchmesse. Im Erdgeschoss gab es auch Retro-Spielzeug und Model Kits – viel Kram, den ich noch nie gesehen habe. Wir gönnten uns auch den Spaß und besuchten mal die Etagen für Frauen mit viel Merch von zig Boybands. Es gibt nichts, was es nicht gibt. Auch die Etage für Männer aka das Hentai-Paradies haben wir kurz besucht. Aber die Blicke und Reaktion auf mich als weibliche Besucherin hat dann dafür gesorgt, dass es ein eher kurzer Ausflug war. Man erregt Aufsehen. Irgendwie landeten wir auch in einer weiteren Donki-Filiale – das sollte das letzte Mal sein. Wir hatten danach genug vom Donki. V.A. nachdem wir dort irgendwie in eine Pachinko-Halle geraten waren und die dortige Soundkulisse bei uns fast epileptische Anfälle verursacht hat. Was war da so schlimm? Es war SO LAUT. SO LAUT. Um ein paar Souvenirs reicher, suchten wir uns im Anschluss etwas essbares.

Ein konstantes First World Problem unserer Reise war Essen. Wir begegneten oftmals einem Überangebot, wollten aber unbedingt etwas bestimmtes essen. „Wir können Japan nicht verlassen ohne Yakitori | Yakisoba | „setze Namen ein“ probiert zu haben!“ Das wurde ein echtes Problem, denn das worauf man gerade am meisten Lust hat, ist halt leider nicht immer in der Nähe. So ging es uns schon seit zwei Tagen mit Yakitori. Allerdings liefern wir dann an einem sogenannten Automatenrestaurant vorbei. Dort bestellt und bezahlt man an einem Automaten (sehr touri-freundlich), setzt sich hin, gibt die Marken ab, die der Automat ausgespuckt hat und bekommt kurz darauf sein Essen. Gut geeignet für Kontaktscheue. Sind wir eigentlich nicht, freuten uns aber über unser schnell erhaltenes Tempura und Miso. 😀

Frisch gestärkt ging es weiter zum nächsten Teil unseres Plans – wir würden die künstlich angelegte Insel in der Bucht von Tokyo besuchen, Odaiba. Man kommt mit den öffentlichen mittels der voll automatisierten Yurikamome-Linie dorthin. Voll automatisiert bedeutet, sie fährt selbst, kein Fahrer. Davon merkt man wenig und sie war langsamer als ich erwartet hätte, aber der Gedanke ist schon sehr cool. Der Name bedeutet übersetzt übrigens Lachmöwe – awwww. 🙂 In Odaiba angelangt, kam sofort eine Art Urlaubsstimmung auf. Die Nähe zum Meer, die sauberen Fußgängerzonen, die Sommersonne … gegenüber des Ausgangs vom Bahnhof erwartet einen übrigens das riesige und futuristisch aussehende Gebäude von Fuji TV. Und nur ein wenig weiter eine Flamme des Friedens und ein Gundam. Einfach mal so. Gundam ist ja ein Mecha-Anime, der gefühlt drölfzillionen Staffeln hat und wahrscheinlich nie endet. Obwohl ich nur bescheidene ein, zwei Staffeln gesehen habe, kenne ich ihn aber auch – den Unicorn-Gundam. Ist schon beeindruckend den dort zu sehen – in „Originalgröße“. Dass Manga und Anime mit so einer Selbstverständlichkeit gefeiert wird, gibt es eben nur in Japan. Nur einen Meter hin, in der sogenannten Diver City, gibt es auch einen Gundam Fanshop. Dafür bin ich dann aber doch zu sehr Neon Genesis Evangelion Fan 😉

Odaiba: Digital Art Museum by teamlab

Unser eigentliches „festes“ (weil gebuchtes) Ziel auf Odaiba war das Digital Art Museum von teamlab borderless. Ca einen Monat vor unserer Reise schrieb Tessa darüber und ich dachte, dass wir uns das nicht entgegen lassen sollten. Auch unter der Annahme, dass es eine von Tokyos Attraktionen sein würde, die eventuell nicht ewig dort sein wird. Das Museum arbeitet viel mit Projektionen, Lichtspiel, Installationen und Interaktion. Im Flower Forest wandelt man zwischen Blüten, in Memory of Topography taucht man in eine Welt aus Seerosen ein, in den Black Waves fühlt man sich wie in Hokusais großer Welle und im Raum Weightless Forest of Resonating Life (woah … der Name) kann man mit großen, bunt leuchtenden Ballons spielen und umherwandeln. Und mal wieder Kind sein. Ich bin auch auf die Rutsche gegangen, wo man im Stile der „Fruit Ninjas“ das projizierte Obst zum platzen bringt 😉 Ein großer Spaß, der einen auch emotional trifft und irgendwie wieder staunen lässt wie ein Kind. Mein Favorit war die Crystal World – ein Raum voller LED-Ketten, die einen komplett in gedämpftes Licht hüllen und abwechselnde Szenarios abspielen. Irre – noch nie sowas gesehen, geschweigedenn drin gestanden. Schade, dass während unseres Aufenthalts der Forest of Lamps nicht zugänglich war, auf den hatte ich mich besonders gefreut. Für Instagramer und Foto-Fetischisten eine Kulisse, die es nicht so schnell wieder gibt. Tatsächlich habe ich auf Instagram gesehen, dass mehrere „Celebrities“ denen ich folge kurz vor und nach uns auch da waren.

Das Wunder von Odaiba!?

Als wir leicht dehydriert aus dem Digital Arts Museum stolperten und uns wieder an das Tageslicht gewöhnen mussten, kam auch die Erkenntnis wie lange wir drin waren. So ein paar Stündchen. Vier oder so. Uns schwirrte etwas der Kopf. Während einer Pause überlegten wir, worauf wir noch Lust hatten. Uns lächelte das Riesenrad Daikanransha an, das wohl mal das zweitgrößte der Welt war nach dem London Eye. Inzwischen zwar nicht mehr, aber wir waren trotzdem beeindruckt. Dass man während laufender Fahrt auf- und abspringen muss, sorgte für einen dezenten Mission Impossible Effekt.

Von da oben hat man einen fantastischen Blick über Odaiba und das Hochhäusermeer von Tokyo. Man sieht sowohl den weit entfernten Tokyo Tower, als auch den Skytree und die Rainbow-Bridge, über die man per Yurikamome-Linie gekommen ist. Die wohl größte Überraschung und unser persönliches „Wunder von Odaiba“ war, dass wir den Fuji gesehen haben! So kurz nachdem wir uns eingestehen mussten, dass das Risiko den Berg nicht zu sehen zu hoch ist und wir die Fuji-Tagestour ausfallen lassen würden, war das ein fantastischer Moment. Wir waren nämlich sehr traurig, den Vulkan nicht zu sehen. Und da ist er! Leider ist das Foto bei Weitem nicht so gut geworden wie wir den Fuji wahrnahmen – aber der Moment gerät nicht so schnell in Vergessenheit. V.A. weil wir gar nicht daran dachten, ob man ihn von da oben sehen könnte.

Fujisan … bist du das??

Venus Fort, Rainbow Bridge und Statue of Liberty

Bitte was? Richtig gelesen. Es gibt auf Odaiba eine Statue of Liberty Replica. Warum auch immer. Aber dazu später 😉 Nach dem Riesenrad-Erlebnis begaben wir uns hungrig ins Einkaufszentrum Venus Fort, nur ein paar Meter entfernt. Während der Reiseplanung notierte ich zwar, dass es das gibt, dachte aber „Wer braucht so einen Kitsch?“ Venus Fort ist nämlich im venezianischen Stil gehalten und ich dachte mir, dass ein Kaufhaus im Stil eines anderen Landes und Zeitalters bestimmt nicht so gut getroffen ist wie das Original. Als wir dann aber erstmal drin waren, fand ich es viel schöner als erwartet und wollte gar nicht mehr weg. Die Japaner sind eben die Meister im adaptieren … . Außerdem erfüllten sich dort in der Fressmeile in der oberen Etage zweierlei Wünsche. Wir bekamen dort unser lang erhofftes Yakitori (und es war gut!) und ich mein Süßkartoffeleis. 😀 So gut! Nebenbei auch noch Minzeis. Ein Traum. <3

Mit einem kurzen Abstecher durch die angeschlossene Oldtimer-Ausstellung, machten wir uns langsam wieder auf den Weg Richtung Rainbow Bridge und kamen am inzwischen beleuchteten Gundam vorbei – ein Hingucker, der viele Besucher anzieht.

Es ist schon fantastisch, wenn das schlimmste Problem was man hat ist, dass einem die Füße weh tun und der Kamera-Akku eventuell erlischt, bevor man die Rainbow Bridge fotografiert hat. Satt und glücklich schlenderten wir bei angenehmen Nachtwind zurück dahin wo wir hergekommen waren und noch ein Stück weiter. Immer auf die Rainbow Bridge zu. X-1999 war lange Zeit mein liebster Manga – und eine der Schlüsselszenen meiner Lieblingsfiguren spielt auf der Rainbow Bridge. Ich war versessen darauf sie zu sehen und mich erfüllten die Erinnerungen an die sehnsüchtigen Blicke auf Tokyoter Stadtbilder im Manga. Fernweh wurde Nostalgie. Wir blieben eine Weile, schauten uns die Brücke, die Skyline, das Meer und die Statue of Liberty Replica an und genossen den Augenblick.

„SPECIAL OTHERS & Kj (from Dragon Ash) – Sailin‘ 【MUSIC VIDEO】“, via Victor Entertainment (Youtube)

 

Bisherige Artikel zur Japanreise: Reisevorbereitung | Tag 1 (Anreise, Minato) | Tag 2 (Shibuya & Harajuku) | Tag 3 (Miyajima) | Tag 4 (Hiroshima) | Tag 5 (Kyoto) | Tag 6 (Roppongi, Shinjuku) | Tag 7 (Ghibli Museum in Mitaka, Setagaya und Tokyo Skytree)

Die „Special Others“ sind übrigens eine meiner Lieblingsbands aus Japan und „Sailin'“ einer meiner absoluten Lieblingssongs. Auch wenn wir nicht segeln waren ( 😉 ) drückt der Song für mich in etwa die Atmosphäre des Tages aus. Und es war ein langer Tag … . Wir waren erst wieder zurück im Hotel kurz bevor die Bahnen eh aufgehört hätten zu fahren und selbst die Bar im Hotel kurz davor war zu schließen. Der nächste Tag sollte etwas ruhiger werden und bereits unser vorletzter Tag werden. Odaibas Flair hat mich allerdings schwer begeistert und ich wäre am liebsten am nächsten Tag nochmal hin. Was ist das nur mit Reisen, dass die so schnell enden müssen? War ihr schon mal an einem Schauplatz eines eurer Lieblingsfilme, -bücher oder -manga? War es so magisch wie erhofft? Oder machen es die Erinnerungen so besonders?