Hörbuch-Besprechung zu „I’m Thinking of Ending Things“ von Iain Reid

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Es ist schon eine ganze Weile her, dass der Sebastian mich neugierig auf „I’m Thinking of Ending Things“ von Iain Reid gemacht hat. Vergessen habe ich es aber nicht – der Stoff klang genau nach dem Kram, den ich mag. Warum dann aber das Hörbuch!? Die Gründe könnten kaum banaler sein. Mir gefielen die Cover der wenigen verfügbaren Print-Versionen nicht. Ich bin selber von meiner Aussage unterwältigt. Im Nachhinein denke ich aber, dass das Hörbuch eine sehr gute Wahl ist. Gehört habe ich das Buch aus dem Verlag Simon & Schuster mit der Sprecherin Candace Thaxton.

I’m Thinking of Ending Things ist genau das, was unsere namenlose Protagonistin denkt und soweit ich mich erinnere auch der erste Satz. Sie sitzt mit ihrem Freund Jake im Auto. Sie Beide sind auf dem Weg zu seinen Eltern, die sie bisher noch nicht getroffen hat. Die Fahrt ist lang, man bekommt wenig von der Umgebung mit und als sie in die ländlichere Gegend von Jakes Heimat kommen, verschwimmen Zeit und Entfernung umso mehr. Der Gedanke sich von Jake zu trennen, lässt sie aber nicht los. Er ist bohrend, nagend, nicht wegzubekommen. Sie erinnert sich daran wie sie sich kennenlernten, an gute, seltsame und unangenehme Momente zusammen. Ab und zu verstrickt sie ihn in Unterhaltungen, nicht selten wird es philosophisch. Es geht um freien Willen, darum ob ein einzelner Mensch allein ein „guter Küsser“ sein kann und um die naja, größeren Fragen des Lebens. Manche Anekdoten sind lustig, die Alltagsbeobachtungen aus dem Zusammenleben und einer Beziehung entlarvend, manche Aspekte aber verstörend. Es baut sich eine unterschwellig beängstigende Atmosphäre auf. Und die wird im Laufe des Abends eher zu- als abnehmen.

Lange Autofahrt, viel innerer Monolog, philosophieren – das könnte langweilig sein, introspektiv und gediegen. Ist es aber nicht. Es ist in dieser speziellen Mischung die perfekte Umkehr von Horror. Am Anfang ist es nur eine verstörende Anekdote um einen zudringlichen Anrufer, die Jakes Freundin erzählt und die zunehmend gruseliger wird. Dann ist es das Treffen mit Jakes Eltern, das seltsam verläuft. Sie und wir können uns auf vieles keinen Reim machen. Es ist die unangenehme Grauzone zwischen „Sind die anderen seltsam oder bin ich es?“ Dieses Gefühl der stetigen Entfremdung und sozialen Unbeholfenheit kreiert eine Atmosphäre, die regelrechter Horror ist, trotz der Abwesenheit klassischer Horrorelemente. Durch das stete Foreshadowing will man dranbleiben, das Puzzle zusammenzufügen, das Rätsel lösen. Denn soviel ist klar: irgendwas stimmt hier nicht. Das Hörbuch hat eine echte Sogwirkung auf mich ausgeübt und ich hatte beim Hören einige Theorien. Damit lag ich dann sogar zu 50% richtig. Und trotzdem hat mich das Ende schwer getroffen.

Der große Twist deutet sich schleichend und auf vielfältige Weise an. Und selbst wenn man es kommen sieht, lohnt es sich danach das Hörbuch nochmal zu hören oder das Buch nochmal zu lesen. I’m Thinking of Ending Things ist ein sehr klug konstruierter Roman, der zum Schluss perfekt ineinander greift. Die verschiedene Ebenen sind auch im Hörbuch akustisch gut umgesetzt. Anfangs ist es v.A. der Sprecherin Candace Thaxton zu verdanken, die verschiedenen Personen und unkomfortablen Situationen die entsprechende Note mitgibt. Später gibt es einen Effekt, der wie geschaffen für Hörbücher und diesen Twist ist.

Als ich ein bisschen recherchiert habe, traf ich aber auf reichlich Kritik an dem Buch. Die reicht von Vorwürfen, dass der Leser geködert würde; von der übermäßigen Darstellung sozialer Ängste und Unbeholfenheit und bis hin zu der Annahme, dass das Buch zwar so schlau konstruiert sei, dass der größte Gewinn im erneut Lesen liegt, dass das aber die meisten Leser nicht machen werden, weil die Geschichte zu deprimierend oder verstörend ist. Darüber muss ich mich ehrlich wundern. Klar: es ist definitiv kein fröhliches Buch. Aber es sensibilisiert für Einsamkeit, die oft-zitierte „social awkwardness“ die ich hier versuche mit sozialer Unbeholfenheit zu übersetzen und soviele Themen mehr. Mich hat es umgehauen und ich stehe gerade vor dem Re-Hear statt dem Re-Read und freue mich darauf danach die Filmadaption von Charlie Kaufman bei Netflix zu sehen, auch wenn mich schon die Meinungen erreicht haben, dass sie für vieler Zuschauer nicht an das Buch herankommt.

Habe ich euch jetzt so am Haken wie mich damals der Sebastian? Bücher, die nicht von Anfang an alle Fakten auf den Tisch legen und bei denen man mitraten kann, funktionieren bei mir meistens gut. So ein feiner, doppelter Boden hat schon was. Ähnlich ging es mir jüngst mit „Piranesi“, auch wenn das eine vollkommen andere Geschichte mit grundlegend anderer Atmosphäre ist. Kennt ihr „I’m Thinking of Ending Things“ und wie hat das Buch/Hörbuch auf euch gewirkt? Vielleicht habt ihr sogar Tipps für Bücher ähnlichen Schlags oder habt auch Iain Reids anderen Roman „Foe“ gelesen? Lasst es mich wissen. 🙂