Was ist eigentlich GISH? Ein Erfahrungsbericht

Posted by in Gedanken

Diesen Monat habe ich mich endlich getraut und das erste Mal an GISH teilgenommen. Da es wenige deutschsprachige Erfahrungsberichte dazu gibt und es GISH meiner Meinung nach wert ist noch bekannter zu werden, krempele ich mal die Ärmel hoch: lasst uns über die „Greatest International Scavenger Hunt“ reden. Spoiler: dank GISH hatte ich das wohl abwechslungsreichste und lustigste Wochenende seit langem (vielleicht schon seit vor dem Lockdown und der Pandemie) und habe sehr nette Menschen kennen gelernt.

The Good Hunt

GISH wurde schon 2011 durch den Schauspieler Misha Collins (u.a. bekannt als Castiel aus Supernatural) ins Leben gerufen. Damals noch unter dem Namen GISHWHES als Akronym für Greatest International Scavenger Hunt (the World Has Ever Seen). Was genau der Anlass war, kann man in der Wikipedia nachlesen. Wer Misha Collins u.a. auf den sozialen Netzen verfolgt, kennt ihn als jemand, der für jeden Shenanigan zu haben, politisch engagiert ist und seinen Bekanntheitsgrad für wohltätige Zwecke nutzt. Nachdem er mit Random Acts schon eine wohltätige Organisation gegründet hat, war GISHWHES eine Möglichkeit wunderschön, seltsam und gemeinnützig zu verbinden. GISHWHES ist eine Art Gamification gemeinnütziger Zwecke und außerdem der Versuch Menschen dazu zu bringen, das seltsame, aber lustige zu feiern.

„I want to live in a world where the word normal is an insult.“ – Misha Collins

Irgendwann wurde das Akronym GISHWHES wohl untragbar (oder wurde zu oft falsch geschrieben) und so wurde daraus GISH und bekam angelehnt an Supernatural den Beinamen „The Good Hunt“. Um an GISH teilzunehmen, entrichtet man eine Teilnahmegebühr, die an eine gemeinnützige Organisation geht. Meine Gebühr hat geholfen Winterjacken für Bedürftige zu finanzieren. Neben dem Spaß durch Teilnahme an sich, kann man auch etwas gewinnen und den Teilnehmern werden während der Hunt Zoom-Sessions zu spannenden Themen geboten. Vielleicht taucht auch hier und da mal jemand auf, den man aus Supernatural kennt.


„Why Play GISH?“, via GISH (Youtube)

Wie funktioniert GISH?

GISH ist wie der Name sagt eine Scavenger Hunt, also eine Schnitzeljagd. Die „Schnitzel“ sind hier Aufgaben (Items), die für alle Teilnehmer gleich sind und zu Beginn der Hunt veröffentlicht werden. Es findet einmal jährlich eine Hunt statt, die ca. eine Woche lang ist und eine Mini-Hunt, die sich beispielsweise über ein Wochenende erstreckt so wie die Mini-Hunt diesen März. Wo und wie bekommt man das mit? Beispielsweise über die Webseite von GISH oder die Profile in den sozialen Netzen. Da bekommt man auch einen guten Eindruck davon, was für verrückte Sachen man bei GISH machen darf. 😉

Die Items, die man absolviert, folgen oftmals dem Thema der Hunt. Im März war das beispielsweise Wizards & Weirdos und orientierte sich an Dungeons & Dragons, Harry Potter, Herr der Ringe und Fantasy allgemein. Die Items variieren zwischen leicht zu erledigenden, kreativen Aufgaben bis zu Mammut-Bastelprojekten, von gemeinnützigen Aufgaben zu welchem mit einem Bezug zu aktuellem Zeitgeschehen. Meistens ist viel Humor dabei. Items können beispielsweise sein, dass du in deiner Stadt einen Antrag stellst um einen rassistisch klingenden Ort umzubenennen (der Klassiker: „Mohrenapotheke“ u.ä.), dass du ein Portrait aus Salz und Pfeffer machen musst oder in der Öffentlichkeit eine Kissenschlacht anzettelst. Der Beweis über das Erledigen der Items wird entweder als Foto oder Video erbracht und während der Hunt auf der Webseite von GISH hochgeladen. In der Hall of Fame von GISH kann man sich noch mehr der Items und Umsetzungen anschauen.

Aber all meine Sozialphobien …? Help?

Ja, ich weiß. Mir ging es ähnlich. Der Gedanke mich in der Öffentlichkeit zum Deppen zu machen, war das, was mich anfangs auch etwas abgeschreckt hat. Heute eher weniger. Es ist wahrscheinlich das Mindset. Bin ich ein Depp, wenn ich Spaß habe und was gutes mache, das jemandem ein Lächeln auf das Gesicht zaubert? Denke nicht. Was mich eine Weile von der Teilnahme abgehalten hat, war der Gedanke mit fremden Menschen zusammenzuarbeiten. Klingt sehr introvertiert? Ja, irgendwie schon. Das ist aber noch nicht alles. Als Misha Collins GISH ins Leben rief, bekam ich den Eindruck, dass es durchaus hilfreich wäre mit Menschen im Team zu sein, die man kennt und die in der unmittelbaren Umgebung wohnen. Die Aufgaben können einem nämlich schon durchaus logistisch einiges abverlangen. Wenn man außerdem etwas sehr abgefahren-witziges macht, gibt es natürlich Sicherheit, wenn ein bekanntes Gesicht dabei ist. Was ich erst dieses Jahr gelesen habe (und was durchaus ausschlaggebend war) ist, dass man sich von Familienmitgliedern oder Freunden unterstützen lassen darf ohne dass diese bei GISH angemeldet sein müssen. Man sollte aber natürlich maßgeblich zur Erfüllung des Items beigetragen haben.

Mit dem Wissen war es dann auch weniger deprimierend, dass ich niemanden aus meinem Umfeld überzeugen konnte an GISH teilzunehmen. Weder damals als GISH seine ersten Runden drehte, noch heute. Da GISH im Team stattfindet, blieb für mich noch die Rest-Unsicherheit „Oh weh, hoffentlich finde ich ein nettes Team“. Spoiler: ich fand eins. 🙂 Ein anderer Punkt, der mir zu denken gab ist Datenschutz. Mein Gesicht wollte ich nur sehr ungern in die Kamera halten, da ich weiß, dass die Items auch teilweise noch Jahre später auf den Webseiten und Profilen von GISH geteilt werden können. Aber was ich im Vorfeld sehr bald mitbekam ist, dass man die Items auslegen kann wie man möchte und mit etwas Kreativität schafft man das vielleicht auch ohne sein Gesicht der Welt zu offenbaren oder einen Seelenstriptease zu machen.

Meine erste Mini-Hunt: „Wizards & Weirdos“ …

… oder: wie findet man ein Team!?

Dass ich mich dieses Jahr traute, lag zum Einen an dem Lockdown und dem Wunsch mal etwas ganz anderes zu machen und daran, dass ich anlässlich des Serienfinales wieder mehr Supernatural schaute. Ich bekam Wind von der Mini-Hunt, las eine Weile darüber wie GISH so funktioniert und meldete mich an. Da ich niemanden aus meinem Umfeld animieren konnte mitzumachen, ging es also an die Team-Suche. (Looking at you, my dear: „Ich guck mir das erstmal bei dir an“, „Klingt schon interessant, aber ich weiß nicht so recht mit den Videos und allem“) Zuerst habe ich das über die GISH-App versucht, in der man sich anzeigen lassen kann, welche GISHer in deiner Umgebung sind und man mit ihnen chatten kann. Dann habe ich einfach geschaut welche Teams Mitglieder suchen, weil manche unter den News-Beiträgen in der App kommentieren, dass sie noch Plätze frei haben. Ich scrollte ein wenig durch die Listen der Teammitglieder und blieb bei Teams hängen, die ein paar europäische Mitglieder haben. Warum? Einfach weil ich es beruhigend fand in derselben oder ähnlichen Zeitzone wie einige der anderen zu sein, weil ich sicherlich viele Fragen haben würde.

Außerdem suchte ich ein Team mit dem Modus „For the Fun of it“, da ich mich eigentlich nicht stressen und auch nicht unbedingt gewinnen wollte. Der andere Modus wäre „In it to win it“. So chattete ich auch über die App die Teammitglieder von ein paar Teams an. Und bekam keine Antwort. Ich war schon relativ frustriert und wollte mich dann einfach zufällig zuordnen lassen (das passiert denen, die noch kein Team gefunden haben oder zu kleinen Teams). Dann wurde ich etwas mutiger und jointe einfach einem Team. Normalerweise würde ich das ziemlich frech finden, aber der Name eines Teams hat mich irgendwie magisch angezogen. 😉 Glücklicherweise fand das mein Team und Team-Captain scheinbar okay (Glück gehabt ^^‘). Ich komme zu dem Schluss, dass die App wohl etwas buggy ist. Inzwischen bin ich sehr sicher, das einfach keine einzige meiner Chat-Nachrichten rausging. Fehler wurden mir keine angezeigt. GISH ist großartig, aber nicht alles ist topaktuell. Hier und da steht mal eine alte Jahreszahl, manches ist offenbar etwas buggy; aber letzten Endes hat wiederum alles eben doch funktioniert, auch wenn manchmal über Umwege.

Das Team UnusualAxolotls ist eins der besten Dinge, die mir im März passiert sind. Im Team sind mehrere Mitglieder, die schon einige GISH-Hunts mitgemacht haben und wissen wie der Hase läuft. Außerdem ist das Team super aufgestellt. Die Kommunikation obliegt nämlich den Teams selber und die UnusualAxolotls hatten bereits einen Discord-Server über den wir uns im Chat ausgetauscht haben neben anderen Plattformen – super organisiert von unserer Team-Kapitänin und den Mitgliedern. Zu uns stießen dann noch weitere GISHer und wir sind bunt gewürfelt aus verschiedenen Kontinenten und Nationen. Die Zeitzonenfrage war letzten Endes sogar eine Stärke. So war zu jeder Uhrzeit jemand da, den man was fragen oder um Feedback bitten kann . 😉 Nach einem anfänglichen Beschnuppern ging es dann los. Am Wochenende vom 7.-8. März begann die Hunt, die Itemliste wurde veröffentlicht und wir lasen und besprachen miteinander wer was macht.

GISH in times of Covid …

Ein bisschen Sorge war im Vorfeld da – würden die Aufgaben im Teil-Lockdown überhaupt zu bewältigen sein? Schließlich waren Anfang März die meisten Geschäfte zu. Falls man also etwas Bastelmaterial braucht, müsste man schauen, was ein Supermarkt hergibt. Aber es wurde im Vorfeld schon angekündigt, dass die Mini-Hunt unter dem Gesichtspunkt geplant sei, dass die Aktionen in unserer speziellen Zeit umsetzbar sind. Und das waren sie auch! Es wurde natürlich auch überall darauf hingewiesen, dass man auf seine eigene Sicherheit achten solle und lokal geltende Regeln einhält. Tatsächlich musste ich sogar nur für ein Item einen Fuß vor die Tür setzen. Ich bekam vier Aufgaben ab, was für mich eine gute Wohlfühl-Anzahl war. Im Großen und Ganzen hatte ich nur den Sonntag um die umzusetzen, weil sich GISH an amerikanischen Zeitzonen orientiert und die Itemliste erst am Samstag abend unserer Zeit veröffentlicht wurde. Bis wir dann wussten, wer was macht, ging natürlich auch etwas Zeit ins Land und so war der Samstag dann bald rum.

Zu den Items gehörte eine Landkarte im Stil von Mittelerde zu zeichnen, die Stationen meines Lebens abbildet. Einen Tisch einzudecken, der gleichzeitig auch eine Fantasylandschaft ist. Ein Calligram zu zeichnen, das ich als „Briefeule“ an Menschen schicke und ihnen anbiete digitale Brieffreunde zu werden. Eine Tasche mit Goodies zu packen und jemandem vorbeizubringen – ich entschied mich für eine gute Freundin, die wegen Corona-Verdachts zuhause bleiben musste. Wenn man dann klingelt und wegläuft und das Gefühl hat, dass man vielleicht jemanden zum Lächeln gebracht hat, dann zeigt das schon sehr gut was GISH kann und was GISH will. Außerdem unetrstützte ich hier und da im Team. Es gab auch Team-Aufgaben. So besagte ein Item, dass wir einen Fundraiser teilen und mind. 10 Menschen dazu zu bringen sollen dort zu spenden (Betrag natürlich egal). Gesammelt wurde für AmazonWatch, das versucht der Verschmutzung der Amazonas-Gebiete entgegenzuwirken und der indigenen Bevölkerung ihren Lebensraum wiederzugeben. Außerdem war es die Aufgabe ein Bild unseres Teams zu machen, bei dem jeder von uns eine klassische Fantasyrolle bedient. 🙂 Wer mehr über die Umsetzung der Items wissen möchte, findet das etwas ausführlicher in meinem Art-Blog.

Ein Fazit für das Fazit!

Ich war am Sonntag definitiv gut beschäftigt … bis abends um 9 war ich am rumfliegen, zeichnen, Zeug hin- und wieder wegräumen, fotografieren, chatten mit dem Team. Aber es war so gut! Kreativ zu sein, einfach mal was ganz anderes zu machen. Werden wir gewinnen? Das weiß ich tatsächlich noch nicht. Und es ist mir eigentlich auch egal. GISH hat bewiesen wie gut es ist, sich zu trauen etwas stranges zu machen, über den eigenen Schatten zu springen und dabei vielleicht sogar noch was Gutes zutun. Der Effekt für einen selbst wie für andere kann groß sein. Wann denkt man schon mal über sein Leben nach und fragt sich, wo man hin will – offenbar, wenn man eine Karte des eigenen Lebens im Stil von Mittelerde zeichnet. Oder warum bietet man anderen Menschen so selten ganz direkt ein Gespräch an? Ich bin ja auf Twitter, reicht doch!? Vielleicht nicht. Der Fundraiser für AmazonWatch hat über 100.000$ eingebracht. Das ist dann wohl die Macht der Vielen. Ich bin ehrlich beeindruckt. Noch heute schaue ich gern, was sich in unserem Team-Chat tut und ich habe mich bereits für die nächste Hunt angemeldet.

„I think that kindness and generosity are infectious qualities, that when you carry them out, you often inspire others to do the same, and that one small act can actually have an exponential effect.“ – Misha Collins, Quelle

Mehr Random Facts über GISH

Wenn dich das alles jetzt noch nicht überzeugt hat, bei GISH mitzumachen oder dir das volle Ausmaß des „guten Wahnsinns“ näherzubringen, der GISH ist, dann nimm hier noch ein paar Fakten mit. William Shatner hat mal mitgemacht. GISH steht im Guiness Buch der Rekorde als größte Scavenger Hunt und die Aufgaben haben zahlreiche weitere Einträge nach sich gezogen, zum Beispiel für „Largest Online Photo Album of Hugs“, „Largest Chain of Safety Pins“ und „Longest Human Chain to Pass Through a Hula Hoop“ (Quelle). Bei den Zoom-Sessions habe ich während der Mini-Hunt „Wizards & Weirdos“ etwas über Falknerei gelernt, wie man Rätsel kreiert und wie man Kerzen macht. Hussa. Der wichtigste Punkt ist aber wohl: it simply sparks joy.

Weitere Berichte über GISH:
fudder, 14. August 2013: „Warum diese jungen Menschen in einer Mülltonne eine Poolparty feiern“
Fangirl Quest: „Gish in a nutshell“
Resist the Mundane: „What is Gish?“

Na? Jetzt überzeugt mitzumachen? Oder habt ihr vielleicht schon mal teilgenommen? Was sind eure Erfahrungen? Und was war das verrückteste Item, das ihr jemals absolviert habt? 🙂