Serienlandschaft: Die besten Gründe um „Supernatural“ zu schauen – und was dagegen spricht

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Nachdem ich nun in gewohnt um Spoilerfreiheit bemühter Art die letzte Staffel besprochen habe und in einem durchaus spoilerlastigen Artikel das Finale in seine Bestandteile zerlegte, ist da diese Leere. 15 Jahre hat mich „Supernatural“ begleitet. Es begann mit dem Führerschein, cruisen mit Freundinnen, der ersten großen Freiheit analog zu den Winchesters, die in ihrem Impala rumfahren und Monster jagen. Nur in meinem Fall ohne Monster. Dann wurde ich ein unverbesserliches Castiel-Fangirl, dann eine kritischere Serienzuschauerin und fand längst nicht mehr alles nur toll. Und dann endete es. Vielleicht kann ich mich nun Wochen danach langsam für andere Serien öffnen. Aber warum hat mich die Serie nun überhaupt so lange beschäftigt und eine so große Wunde hinterlassen? Vor Allem wenn ich ja doch das eine oder andere daran auszusetzen habe? Vielleicht macht dieser Artikel den Mythos „Supernatural“ etwas greifbarer. Der Artikel ist spoilerfrei.

Pro: Meta-Fiktion, Gag-Episoden, Comic Relief

Eigentlich handelt Supernatural von den Brüdern Sam (Jared Padalecki) und Dean Winchester (Jensen Ackles), die Monster jagen. Ihre Eltern haben das bereits getan, sie tun es auch: es ist ihr Family Business. Böse Mächte, menschliche Abgründe, all das hat ihr Leben von Kindesbeinen an empfindlicher beeinflusst als ihnen bewusst ist. Die Aufgaben, denen sie sich stellen müssen, werden immer größer und gefährlicher bis hin zu ausgewachsenen Apokalypsen. Richtig: Mehrzahl. Bei all dem entsetzlichen, was ihnen passiert, gibt es aber auch durch ihre Dynamik, die grandiosen Nebencharaktere aber auch Metafiktion und Gag-Episoden sehr viel zu lachen.


„“I’m Batman“ Dean Takes Down Rogue Hunters || Supernatural 3×03 Blu-ray 1080p 60fps“, via Fast And Furious 4K (Youtube)

Und manches davon scheint rückblickend in der Form auch nur in Supernatural möglich zu sein. So entdecken die Winchesters irgendwann, dass sie Romanhelden sind und es eine Buchreihe gibt, die ihr Leben erzählt. Sie landen einmal in einer anderen Dimension, in der Supernatural nur eine Fernsehserie ist und ihre Freunde Schauspieler – natürlich werden auch sie selber für ihre Schauspieler-Ichs gehalten und geben wunderbar peinliche Performances vor der Kamera ab. Es ist zum Schreien komisch! Und es gibt noch soviel mehr Wahnsinn. Dass das alles nicht zu abgefahren wirkt, liegt hauptsächlich an der Laufzeit der Serie. Auf über 300 Episoden in 15 Staffeln verteilt sich all das ziemlich gut.


„Supernatural Episode 5.08 Changing Channels opening credits“, via PollyPocketWants2BMe (Youtube)


„Meet with Castiel/Misha | Supernatural | TNT“, via TNT (Youtube)

Contra: Die „Cases of the Week“

Wo wir gerade bei der Länge der Serie waren – die ist ab einem gewissen Punkt schwer zu verkraften. Die Staffeln haben konsequent über 20 Episoden und sind manchmal zu offensichtlich gestreckt. Vor Allem sind die Cases of the Week nicht immer spannend angesichts des eigentlichen Themas oder „Big Bads“ der Staffel. Da willst du wissen wie es nun damit weitergeht, aber nein die Brüder beschließen zur Abwechslung ein Vampirnest auszuheben, um sich von anderen Sorgen abzulenken. Im Gegensatz zum Pacing anderer Serien mag Supernatural wenigstens mit jedem Fall, den die Brüder bearbeiten auch ein kleines bisschen der übergreifenden Handlung der Staffel mit einfügen. So um ihnen auch durchaus mal eine persönliche Lehre zu erteilen, die sie zum Umdenken bewegt. So ganz inhaltsleer sind die Episoden damit zwar nicht, aber meistens wäre es vollkommen egal, ob sie nun hinter einem Vampir oder etwas anderem her sind. Auch nicht hilfreich ist, dass angesichts all der Apokalypsen Vampire, Wendigos und Shapeshifter dann doch nicht mehr so gefährlich wie anfangs zu sein scheinen. Was uns in Staffel 1 noch das Zittern lehrte, ist in Staffel 15 schon „Boah, nicht schon wieder Werwölfe!“ Der äh … natürliche Lauf der Dinge!?

Pro: Die Charaktere

Spätesten ab der sechsten Staffel habe ich die Serie eine ganze Weile lang eigentlich nur noch der Charaktere wegen geschaut, die mir ans Herz gewachsen sind. Sie alle haben genug Stärken und Schwächen, dass sie sich greifbar und menschlich anfühlen, sodass man ihr Leid nachempfinden kann und schwer in Mitleidenschaft gezogen ist, wenn ihr Leben am seidenen Faden hängt. Anfangs war ich mehr ein „Sam-Girl“, weil ich seine Einstellung irgendwann ein normales Leben abseits der Monsterjagd führen zu wollen, besser nachvollziehen konnte. Sehr bald sympathisierte ich mehr mit Dean, trotz seiner Impulsivität und Aggressionsprobleme, weil er sehr witzig und aufopfernd ist. Mit der vierten Staffel stößt der von Misha Collins gespielte Castiel hinzu – ein Engel. Man könnte denken, wenn es bis jetzt noch nicht seltsam ist, dann wird es das jetzt. Biblische Motive – funktioniert das? Dazu später mehr.


„Supernatural: Castiel’s Funniest Moments“, via TV Guide (Youtube)

Tatsächlich sind Engel hier nicht gerade kitschig dargestellt – sondern mehr wie Soldaten, die bereit sind alles für ihr Ziel zu tun. Als sich Castiel und die Brüder treffen, prallen Welten aufeinander – und Castiel beginnt Menschen mit anderen Augen zu sehen. Wie ich finde hat die Serie sehr vom „Fish out of water“-Feeling Castiels profitiert, der ein wenig Comic Relief in die Serie brachte, wenn er versuchte die komische Menschenwelt zu verstehen. Neben Castiel, den ich immer noch fangirle (und das wird auch nie aufhören, soviel ist sicher), mochte ich auch sehr Ruth Connell in der Rolle der Hexe Rowena, die der am längsten auftretende weibliche Charakter der Serie ist. Ihr fabelhafter Akzent bleibt hängen. 😉 Wenn Castiel zum Mensch wird und durch den ganzen Menschsein-Shit durch muss und Sam und Dean füreinander buchstäblich in die Hölle gehen, dann will man schon alleine deswegen weiterschauen und erträgt freiwillig einige öde Cases of the Week.

Contra: weiß, überwiegend männlich und heteronormativ

Worin die Serie nie besonders gut war ist Diversität und Inklusion. D.h.: probiert haben sie es schon. Aber die Note, die da mitschwingt, wenn BIPoC, homo- oder bisexuelle Charaktere vorrangig sofort gekillt werden oder sterben nachdem sie nur eine Handvoll Auftritte haben, dann hinterlässt das schon einen ganz faden Beigeschmack. Felicia Day hatte in der Rolle der lesbischen, nerdigen, coolen Hackerin Charlie in 15 Jahren soviele Auftritte, dass ich vielleicht sogar nur eine Hand brauche um die Episoden durchzuzählen. Auch die taube Jägerin Eileen Leahy, dargestellt von der auch im echten Leben tauben Schauspielerin Shoshannah Stern, hatte soviel Potential für Repräsentation und war auch abgesehen davon eine tolle Ergänzung für den Cast.

Sie alle traten aber leider verschwindend gering auf. So als ob die paar Episoden „genug“ Repräsentation sind oder nach dem Motto. „Wieso keine Inklusion? Wir haben da Eileen, Rufus, Charlie, Kevin … Mrs Tran!! Die waren doch da!“ Naja. Wie lange!? Wäre es nicht so traurig, wäre es ein guter Witz. Die Showrunner wollten offenbar anfangs eine coole Serie über coole Dudes für coole Dudes machen und haben dabei total an ihrem tatsächlichen Publikum vorbei gearbeitet, denn das ist beispielsweise zu einem signifikanten Teil weiblich. Die Bromance zwischen Dean und Castiel wird zwar ab einem gewissen Punkt doch deutlich in eine einseitige Liebe entwickelt, aber es ist ein unglaublicher Affentanz darum, ob man den finalen Schritt gehen soll oder nicht. Einen der Brüder homo- oder bisexuell darzustellen? Passt offenbar nicht das enge Weltbild der Serienschöpfer. Eine gewisse Zeit lang war es dem Cast offenbar sogar untersagt auf Conventions u.ä. Fragen zu Destiel zu beantworten. Es ist fast peinlich wie lange behauptet wird, dass sich der Fandom „das“ (=“Destiel“) nur einbilden würde. Wow! Erstens: das Drehbuch ist das Drehbuch. Und zweitens: Wir leben im 21. Jahrhundert. Und in der Branche, in der ich arbeite, wäre es unmöglich so an seinem Publikum vorbeizuarbeiten.


„CHARLIE BRADBURY | „What’s up BITCHES?“ [HUMOR]“, via swanZoe (Youtube)

Pro: It’s getting bigger and better …

Bis einschließlich Staffel 3 bewegt sich Supernatural auf einem Level, wo es zunehmend persönlicher wird und sich langsam eine Art eigenen „Mythos“ erarbeitet. So langsam dämmert einem, dass die Serie seit der ersten Staffel etwas vorbereitet und dass das Drama der Familie Winchester größere Ausmaße annimmt – die Serie steigert sich. In Staffel 4 nimmt das Ganze noch „größere“ und „globalere“ Ausmaße als allmählich klar wird, dass die Brüder schicksalhaft vorbestimmte Repräsentanten für den Kampf Gut gegen Böse auf der Erde sind. Himmel gegen Hölle. Sam gegen Dean? Woah. Was für ein Motiv! Hier ließ sich noch echte Planung erkennen, die sich zu einem Höhepunkt in der 5. Staffel zuspitzt und echt gut gemacht ist.

Supernatural um Motive wie Glaube und Schicksal anzureichern, war eine gute Entscheidung. Neben dem Kumulieren all dessen, was wir über die Winchesters wissen, werfen die Staffeln jetzt moralische Fragen eines ganz anderen Kalibers auf. Außerdem kam mit Castiel eine Figur hinzu, die Sam und Dean einerseits Glaube, Hoffnung und Verständnis gegenüberbringt und auf der anderen Seite seine eigene Rolle und Weisungen hinterfragt. Auch Sam und Dean beginnen gegen die Rolle, die ihnen das Schicksal zuschreibt aufzubegehren: „Team Free Will“ ist geboren. Hätte man so in Staffel 1 nicht kommen sehen. Wie es sich aber fügt ist langsam, geschmeidig und smart ab der ersten Episode vorbereitet.

Contra: … bevor es beginnt sich zu wiederholen

All das Runde an dem Handlungsbogen wurde dann null und nichtig als man sich entschied die Serie nach einem eigentlich recht perfekten Ende der fünften Staffel zu verlängern und es noch zehn(!) weitere Staffeln gab. Wow. Ursache für dieses Debakel war die Unklarheit darüber, ob die Serie nach der fünften Staffel fortgesetzt wird. Man entschied sich dafür, das auf lange Sicht angedachte und geplante Ende vorzuziehen. Und was ist dann das, was wir ab Staffel 6 bekommen haben? Das improvisierte weiterstricken von etwas, das eigentlich schon zu Ende war. Und so fühlt es sich auch an. Viele Storyelemente wiederholen sich. Ehrlich, ich kann nicht zählen wie oft Charaktere von den Toten wiederauferstehen, wie oft Dean droht zu einem Dämon zu werden oder irgendwer von einem Engel oder Dämon besessen ist. Es ist zwischenzeitlich der Gipfel der Einfallslosigkeit wie auch konsequent mit jeder Staffel die nächst-größere Katastrophe heraufbeschworen wird. Was kommt nach Himmel und Hölle? Was nach anderen Dimensionen? Was nach der „Dunkelheit“? Warum guckt man das dann noch weiter? Zum Beispiel weil man die Charaktere lieb gewonnen hat. Zugegebenermaßen wird die Serie ab Staffel 11 nochmal/wieder interessanter. Alles zwischen Staffeln 6 und 10 hält man eigentlich nur dank der drei Hauptdarsteller und toller Gaststars aus. Oder auch wegen …

Pro: Der Cast

Der Cast von Supernatural identifiziert sich offenbar stark mit ihren Rollen. Sie gehen auf Conventions auf und haben ehrlich ziemlich lustige Panels, spielen sich mitunter fiese Streiche und nehmen sich offenkundig nicht zu ernst (meistens jedenfalls). Man kann auf Youtube Unmengen an Zeit verbringen witzige Interviews mit ihnen zu schauen. In 15 Jahren Serie häuft sich nochmal genauso viel Behind-the-Scenes-Material an. Ich schaue viel Serien, ich schaue viel über Serien, so eine Masse ist mir ehrlich noch nie begegnet. Und es ist nicht nur die Masse, sondern auch die Qualität … Misha Collins drehte mal eine Pseudo-Doku vom Set mit dem Titel Behind the Scenes of Supernatural: A Fan’s Perspective… Director’s Cut, in der sie sich alle mächtig aufs Korn nehmen. Die Darsteller haben gemeinnützige Aktionen und Charity auf die Beine gestellt wie ein Seelsorge-Telefon. Misha Collins hat mit GISH und Randomacts einige gemeinnützige Aktionen und Organisationen auf die Beine gestellt, vor denen ich meinen Hut ziehe. Tatsächlich habe ich selber dieses Jahr das erste Mal an GISH (Greatest International Scavenger Hunt) teilgenommen – und es ist großartig! Coole Sachen zu einem guten Zweck machen – unglaublich gut gemacht.

„I think that kindness and generosity are infectious qualities, that when you carry them out, you often inspire others to do the same, and that one small act can actually have an exponential effect.“ Misha Collins

Contra: Die mangelnde Kontinuität und das schwankende Budget

Najaaa. So in 15 Jahren Serie ist es schon schwer Kontinuität zu wahren. Gute werden böse, böse werden gut. Das ist ja noch normal (hust). Was in Staffel 1 noch absolut tödlich war, danach kräht in Staffel 15 kein Hahn mehr. Wenn uns nichts besseres mehr einfällt, bringen wir vielleicht ein paar Charaktere zurück. Dass Engel absolut badass-stark sind und gegen die kaum ein Kraut gewachsen ist, nimmt über die Staffeln hinweg ab. Dafür mag es zwar Gründe gäben, aber die sind recht fadenscheinig. Misha Collins spielte Castiel als etwas weltfremd, kühl und irgendwie erhaben. Er wirkte nicht wie ein Mensch – mit Intention. Kein anderer Darsteller, der danach kam, hat Engel so gespielt. Reden Darsteller, Showrunner und Drehbuchautoren nicht miteinander was die Vision ist? Auch schwierig: Das Budget schwankt. Manchmal gibt es wirklich gute Effekte, manchmal sind sie zum fremdschämen. Vielleicht hätte es der Serie geholfen, wenn sie nicht über 20 Episoden pro Staffel lang sein müsste, aber dafür durch und durch gut.


„Top 10 Supernatural Plot Holes You Never Noticed“, via MsMojo (Youtube) – enthält Spoiler

Pro: Die Gagreels …

… sind legendär! Und haben teilweise mindestens genauso viel Unterhaltungswert wie die Staffeln, wenn nicht sogar mehr. ( 😉 ) Wir reden hier nicht von Stolperern oder Versprechern. Hier sind die Versprecher episch. Es werden Streiche gespielt, die Kamera wird draufgehalten, die Situation gnadenlos ausgeschlachtet, neue und Gastdarsteller werden gegrillt, die Gag Reels sind Gold und machen vor wenig Halt. 😀 Man ist mit einer Staffel nicht fertig, wenn man nicht den Gagreel gesehen hat.


„Supernatural Season 13 Gag Reel 720p“, via Attila Szeredi (Youtube)

Wertungsfrei: Shift von Horror zu Fantasy

Worauf ich mir nicht wirklich einen Reim machen kann ist wie die Serie von Horror zu Fantasy abdriftete. Denkt man an die ersten Staffeln zurück, waren die düsterer, grittier und hatten wirklich gruselige Momente und auch mal Jumpscares. Was den Winchesters und ihren Freunden passierte, hatte noch „Gewicht“. Aber mit der Rückkehr von den Toten und den Superlativen um Engel, Himmel, Dämonen und Hölle, kam der Horroraspekt der Serie abhanden und verschob sich deutlich mehr in Richtung Dark-Fantasy. Gruselig ist das meistens nicht mehr und es ist durchaus möglich, dass das einer der Gründe ist, warum viele Zuschauer abgesprungen sind oder Supernatural Staffel 1 andere Fans anzieht als Supernatural Staffel 13. Wahrscheinlich schauen es aber eh vorrangig Leute aus Interesse an den Charakteren so lange … wage ich mal zu vermuten. Einerseits ist das sehr schade, dass Supernatural sich seines eigenen Gruselfaktor entledigt hat. Die ganze Ästhetik der ersten Staffel war anders und würde der Geschichte um Himmel, Hölle und allem dazwischen gut zu Gesicht stehen. Andererseits hat es sich eben eine gewissen Fanbase aufgebaut. Vielleicht sogar eine, die bei mehr Horror nicht geblieben wäre!?

Das war es nun – falls du liebe*r Leser*in noch nie Supernatural geschaut hast, hat dir der Beitrag einen Einblick gegeben, was die Serie ausmacht? Die Frage geht natürlich auch an alle, die die Serie kennen. Was sind eure Top-Gründe um „Supernatural“ zu schauen oder Argumente, was ist eher zum weglaufen? Gleichbedeutend mit: was findet ihr am besten an der Serie, was im Gegenteil gar nicht? Was fehlt in meiner Liste? Und: wenn ihr wisst, dass eine Serie 15 Staffeln hat, ist das für euch ein Pro- oder Contra-Argument? Erwägt ihr überhaupt so lange Serien zu schauen?

Immer zwischen dem 5. und 10. eines jeden Monats mache ich einen kleinen Ausflug in die Serienlandschaft. Ob aktuelle Serien, all-time-favorites, irgendeine TOP-5 oder einfach ein paar zerstreute Gedanken: es ist alles dabei :).