Auf ein Wort: Was Fan-Fiction kann

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Über Fan-Fiction redet man nicht. Außer diejenigen, die Fan-Fiction (FF) lesen mit anderen, die FF lesen. Oder? Zumindest war das bisher mein Eindruck. Ab und zu kriege ich mal mit, dass andere (Buch)Blogger*innen in einem Nebensatz erwähnen Fan-Fiction gelesen zu haben. Allgemein scheinen FF aber eher einen Ruf als piefige, schlecht geschriebene Verulkung und Ausleben süßlicher Fanträume zu haben, die einen guten Gag abgeben, aber allgemein nicht „schick“ genug sind. Beschäftigt man sich mit einem bestimmten „Fandom“ also einem Personenkreis aus Fans einer Serie, bestimmter Literatur oder Filmen, dann stolpert man allerdings ganz schnell über Fan-Fiction. Muss also was dran sein. Ich finde den schlechten Ruf von Fan-Fiction nicht fair, denn sie bildet wie Literatur einen Querschnitt aller möglichen Gesinnungen, Genres und Qualitätslevel ab. 😉 Was kann Fan-Fiction? Und wo kommt das überhaupt her?

Fan-Fiction hat eine „Geschichte“

Und damit meine ich nicht, dass sie einen guten Gag abgibt, wenn man erzählt „Wusstet ihr, dass Shades of Grey auf Twilight-Fan-Fiction basiert?“ Dass das „interessant“ ist, kann man nicht von der Hand weisen, ja. 🙂 Aber was ich eigentlich zum Ausdruck bringen will: Fan-Fiction ist keine Erfindung des Internetzeitalters, sondern gibt es schon seitdem es Fiktion gibt. Mythologie oder selbst klassische Literatur genoss stets Anhänger, die die Geschichten mündlich weitergetragen oder darüber gefachsimpelt haben – Fans eben. Wer mit Leib und Seele von einer Vorstellung begeistert ist, setzt sich damit auseinander, denkt die Inhalte weiter, hinterfragt Entscheidungen, Bedeutungen und Entwicklungen und stellt eben häufig auch die Frage „Was wäre wenn?“

Das ist schließlich genau das, was Fiktion will: Auseinandersetzung. Schon lange gibt es Pastiche, d.h. Werke, in denen Autor*innen ein Original imitieren. Wir kennen doch alle die x-tausend Buch-Ableger zu Star Trek oder anderen populären Serien oder Filmen. Warum ist das etwas anderes als Fan-Fiction? Vermutlich weil Fan-Fiction nicht den Anspruch erhebt das Original so nah wie möglich zu treffen, sondern die Grenzen des Originals auch gern mal inhaltlich oder stilistisch sprengt. Fan-Fiction-Autor*innen geht es durchaus auch mal nur um den Spaß oder sie stellen sogar sehr hohe Ansprüche die Tonalität der Vorlage zu treffen. Vermutlich liegt der Unterschied zwischen Fan-Fiction und Pastiche eher in monetären Absichten und bewilligtem Copyright.


„The Case for Fan Fiction (feat. Lindsay Ellis and Princess Weekes) | It’s Lit“, via Storied (Youtube)

Fan-Fiction ist auch bei Weitem nicht so schlecht wie ihr Ruf und bei Weitem nicht so „Nische“ wie einem das mancher wiederspiegelt. Dōjinshi sind beispielsweise auf dem asiatischen Markt sehr beliebt, sehr unterstützt und können parallel zu Manga gekauft oder online gelesen werden (oder beides). Dabei handelt es sich um Manga zu einer bestimmten Vorlage. Diese „Fan-Manga“ sind häufig nicht von Profis und auch nicht von den Autor*innen und Zeichner*innen des Originals. Vor einigen Jahren war es sogar durchaus üblich durch qualitativ hochwertige Dōjinshi Nachwuchstalente zu entdecken. Oder sich zum „Brotjob“ dadurch etwas dazuzuverdienen, wenn man den regulären Alltag von Mangaka (=Mangazeichnern) nicht als Berufszweig wählen will.

Die Autorin Melissa Good schrieb Xena-Fan-Fiction und bekam das Angebot Drehbücher für die Serie zu schreiben. Neil Gaiman bezeichnet seine (inzwischen auch als Comic umgesetzte) Kurzgeschichte A Study in Emerald als Lovecraft-Sherlock-Holmes-Crossover-Fan-Fiction. Und man merkt, was er meint, wenn man es liest. 🙂 Fan-Fiction ist also nicht per se schlecht, sie lässt einfach vieles zu. Und tatsächlich habe auch ich schon Fan-Fiction gelesen, die ich teilweise besser als die Serie fand. Aber soviel Fairness muss sein: es gibt da draußen auch wahnsinnig viel Zeug, das ich nicht lesen würde. Vermutlich gibt es aber v.A. deswegen so überschaubar viele Pastiche und so grenzenlos viel Fan-Fiction, weil es da diese eine Sache gibt … das Urheberrecht.


„Fanfiction – Können Urheber mich verklagen? | Rechtsanwalt Christian Solmecke“, via Kanzlei WBS (Youtube)

Sie ist frei bzw. kostengünstig

Fan-Fiction gibt es durchaus auch zu kaufen. Sucht man manchmal nach Büchern zu einer Serie, stolpert man durchaus über Fan-Fictions, die per Selfpublishing veröffentlicht wurden – wir können uns ausmalen, dass das urheberrechtlich schwierig ist und vermutlich der Umstand, warum entsprechende Bücher oftmals unter einem Pseudonym erscheinen. Ich bin auch noch nie über eine Online-Fan-Fiction gestolpert, deren Autor*innenname nach einem Klarnamen aussieht. Aus Gründen. Abseits von offiziellen, lektorierten Werken florieren Fan-Fiction, die keine monetären Anreize suchen online und haben hauptsächlich die Auseinandersetzung zum Werk und zum Original zwischen Fans als Mittelpunkt.

Es gibt zuhauf Online-Plattformen, auf denen man teilweise auch ohne Anmeldung Fan-Fiction lesen kann und die stark Community-getrieben sind. Entweder man sucht direkt über die Suchmaschinen des Vertrauens nach Fan-Fictions und landet irgendwo, versucht es bei Tumblr oder sucht die „Klassiker“ auf: Das wären beispielsweise AO3 (Abkürzung für Archive of Our Own) oder Wattpad. Letztere sind solche mit einer Community, bei der man gegenseitig kommentieren, liken oder es auch einfach lassen kann. Es gibt zuhauf andere Webseiten, die ich dann nur eben einfach nicht kenne. Das Internet als freier Ort ist hier im Grunde auch der Hort für Menschen, die für eine Geschichte brennen. Ich bin immer wieder erstaunt, was für eine schiere Masse an Fan-Fictions da draußen existiert und v.A. zeigt es eine Stärke des Internets, denn hier hat Kreativität keinen Preis, aber ständige Verfügbarkeit und Vernetzung.

Es gibt viel

Ein Nachteil der grenzenlosen Kreativität ist allerdings auch die Masse, leidende Übersichtlichkeit und manchmal auch der Zweck, der nicht für alle gleich definiert ist. Es gibt beispielsweise Slash-Fan-Fictions, die Beziehungen explizit bis hin zu pornografisch schildern. Meine Meinung: jedem das seine. 🙂 Misha Collins, bekannt als Castiel in der TV-Serie Supernatural hat auf solche Slash-Fan-Fiction seit jeher nicht verurteilend reagiert. Wie man im eingebetteten Tweet sehen kann. Aber längst nicht jeder findet das Ausmaß an Kreativität und die Leidenschaft der Fans bewundernswert.

Was zum Beispiel, wenn sich Fan-Fiction realen Personen widmet? Auch das gibt es – siehe das Graham Norton Video. Für Personen des öffentlichen Lebens sicherlich schwierig. Oder was, wenn Fan-Fiction die Grenzen des Zumutbaren übersteigt? Gewalt, sexuelle Gewalt, mangelnder Konsens, etc? Hier hilft nur eines: nie Pandoras Büchse öffnen, wenn man den Inhalt nicht sehen will. Und: Filter sind dein Freund. Das mag kalt klingen. Sind das nicht Probleme, die angepackt und adressiert werden müssen? Nun ja, 1. das erscheint mir wie ein Kampf gegen Windmühlen. Ich verweise da mal auf Rule 34 … . 2. Es ist das alte Leid des echten Lebens wie das des Internets: willst du Freiheit oder Sicherheit? Das eigentlich Problem ist in punkto freies Internet: es sollte ein Bewusstsein der Autor*innen da sein, die Werke zu kennzeichnen, sodass Leser*innen sie gemäß eigener Grenzen rausfiltern können. Das ist der eigentliche Knackpunkt.

Aber andererseits ist es hier schon sehr witzig …


„Michael Fassbender & James McAvoy’s fan art romance – The Graham Norton Show – BBC“, via BBC (Youtube)

AO3 beispielsweise ist durch seine zahlreichen Filtermethoden bekannt, berühmt und berüchtigt geworden. Und v.A. für das Bewusstsein für Trigger. Wer keine sensitiven, sexuellen Inhalte lesen möchte, muss nicht darüber stolpern. Problematisch ist es in Hinsicht auf Jugendschutz trotzdem. Es sind schließlich nur ein paar Checkboxen, die Minderjährige von sexuellen Inhalten trennen, die sie anhand einiger Flags, Tags und Warnungen eventuell nicht einschätzen können oder wollen (Stichwort Neugier). Aber das ist ein Problem digitalen und realen Lebens und nicht nur das von Fan-Fiction.

Die Vielfalt

Wer jetzt den Eindruck bekommt, dass das Internet ein dunkler und schmutziger Ort ist … hat vielleicht Recht. 😀 Aber das ist ja noch längst nicht alles. genauso wie im Internet als Ganzem ist der Teil nur ein ganz kleiner eines größeren Ganzen. Und nicht jede Fan-Fiction ist Slash-Fan-Fiction (obwohl man manchmal den Eindruck bekommt 😉 ). Es gibt soviel Fan-Fiction ohne sexuelle Inhalte, Slice-of-Life, Missing Links zwischen Serienepisoden oder einfach FFs bei denen sich ein Fan ausgetobt hat, weil irgendwas in irgendeiner Folge zu kurz kam.

Die Community ist mehrsprachig

Was die Community seit jeher verstanden hat, ist dass man sich grenzenübergreifend nur versteht, wenn man eine Sprache wählt, die verstanden wird. Die englischsprachige Community ist riesig. Viele entscheiden sich gemäß ihrer eigenen Fähigkeiten und des gewünschten Zielpublikums automatisch für Englisch. Auch die chinesischsprachige Community ist enorm groß. Wer da nicht mitlesen kann, findet aber auch in der eigenen Sprache eine Nische. Erneut: Internet sei Dank.

Fan-Fiction ist manchmal der Abschluss, den du brauchst

Genau das ist der Anlass, aus dem ich meistens zu Fan-Fiction greife. Wenn mich das echte Leben enttäuscht hat. Serien, die zu früh abgesetzt wurden, wenn die Lieblingscharaktere nicht zusammenkamen, wenn ein Handlungsfaden fallen gelassen wurde, wenn sich meine Theorie nicht bestätigt hat, aber hätte so spannend sein können etc. Es gibt meistens schon jemanden, den oder die dasselbe geärgert hat. Und kein Quatsch: ich habe schon einige Male Fan-Fiction gelesen, die ein besserer Abschluss der Serie oder des Films waren. Die mich über den Hiatus (die Pause der Öffentlichung) eines Lieblingsmanga hinweggetröstet haben oder die mir den Wunsch erfüllen, dass zusammen kommt, was meiner Meinung nach zusammen gehört. Oftmals Dinge, die sich große Studios nicht trauen zu erzählen und wegen Test-Screenings oder öffentlicher Meinung zurückrudern.

Fan-Fiction mag der Ort sein, wo sich Fans austoben, Fan-Fiction ist aber auch ein Ort, wo Leute am Werk sind, die für etwas brennen. Ich habe mal eine Fan-Fiction zu Supernatural gelesen, die quasi zigtausend Logiklücken um das Konzept des Shadow und The Empty in der Serie entlarvt und extrem viel smarter aufgelöst hat. Ich war verblüfft. Es waren auch Fan-Fictions, die mich mit der Absetzung der Serie Almost Human versöhnt haben. Oder sagen wir mal den Schmerz gelindert haben. Zu James Bond: Skyfall bin ich zufällig über Fan-Fictions gestolpert, die sehr gutes Spionage-Flair hatten und quasi ein ganzes Extra-Buch hergeben würden. Ja, ich habe schon durchaus Zeit in Fan-Fiction versenkt, wenn ich sie gut fand. Der Nachteil bei Fan-Fiction ist eben, dass sie auch ins Leere laufen können. Die Autor*innen sind Menschen wie du und ich und wenn das reale Leben zuschlägt oder die Lust an der FF versiegt, dann gibt es ganz schnell mal keinen Abschluss. Es gibt Gründe, warum ich grundsätzlich nur nach als abgeschlossen markierten FFs suche …

Als Einstieg für (Hobby-)Autor*innen

Ist Fan-Fiction nicht auch ein tief hängender Ast, wenn man zum Schreiben neigt? Oder sich darin ausprobieren will? Immerhin kann man auf etwas aufbauen, was schon da ist und versuchen eine Sprache zu finden. Vielleicht mit dem Ziel den Autor*innen des Originals nachzueifern, vielleicht auch um die eigene Stimme zu finden!? Zwar muss man keine komplexe Handlung von Grund auf konstruieren, aber Elemente des Erzählens bleiben trotzdem. Welche Perspektive wähle ich? Was will ich erzählen? Wie komme ich von Punk A zu Punkt B zu Punkt C der Handlung? Warum würden sich Charaktere für diesen Weg entscheiden? Warum nicht? Und der wohl größte Clou: man kann Feedback bekommen. Ob Fan-Fiction der ideale Einstieg für Hobby-Autor*innen ist, kann ich nicht bewerten, aber ich sehe Vorteile.

Verrückten Scheiß ausprobieren

Was ich sehr schnell gelernt habe ist, dass Fan-Fiction-Plattformen offenbar ein eigenes Vokabular haben. AU steht beispielsweise für Alternate Universes. Wo wären beispielsweise die Charaktere aus Downton Abbey, wenn sie im Hier und Jetzt geboren wären? In solchen Szenarien verbergen sich oftmals Spiele mit dem „Was wäre wenn“ – was wäre wenn ihre sozialen Umfelder ganz anders wären? Die Reichen arm, die Armen reich? Die Dienenden dieses Mal die Vorgesetzten? Irrwitzigerweise ist es quasi als Umkehr zum aus Manga bekannten und gerade sehr gehypten Isekai (in eine Fantasywelt gebeamt werden und damit klarkömmen müssen) sehr beliebt Charaktere aus Fantasy-Stoffen in unsere reale Welt zu setzen. Plötzlich sind die Kollegen in einer Firma, arbeiten in einem Coffeeshop oder an einer Schule.

Vielleicht liegt die Beliebtheit u.a. daran, dass Fans sich ihre Lieblingscharaktere so greifbarer machen. Nicht selten hat man auch den Eindruck, dass sich Autor*innen selber in ihre Geschichten schreiben, um ihren Lieblingen zu begegnen. Das wird als Mary Sue bzw Gary Stu bezeichnet (und manchmal eher leicht zu durchschauen). Etwas womit ich mich sehr schwer tue sind Crossovers. Also beispielsweise was passiert, wenn die Charaktere aus Harry-Potter die aus „Setze-Franchise-Namen-ein“ treffen. Da steigt meine Fantasie dann meistens aus.

Zum Abschluss noch ein bisschen was zu eurer Erheiterung 🙂


„types of fanfiction writers“, via ColeyDoesThings (Youtube)

Ihr findet Slash-Fan-Fiction merkwürdig? Ich finde Alternate Universes viel merkwürdiger. 🙂 Aber trotzdem: jedem das seine. Ich bin übrigens etwas indifferent, was die Diskussion angeht, ob Fan-Fiction als Literatur gezählt werden sollte. Die Qualitätsschwankungen bilden ja irgendwo auch die Realität ab. 😉 Nicht jedes gedruckte Stück Text hat eine hohe Qualität und die Bewertung dessen ist sowieso subjektiv. Aber es ist eben kein Original. Ist dann aber ein Pastiche auch keine Literatur? Also die Diskussion kann man eine ganze Weile führen. Ich sehe Fan-Fiction aber als einen sogar ziemlich coolen, großen und wichtigen Teil von Fankultur und ja auch von Internetkultur. Jetzt bin ich umso gespannter wie eure Sicht auf Fan-Fiction ist? Lest ihr welche? Was lest ihr? Und wenn nicht, warum nicht?