Das gehörte Wort … Hörbuch-Besprechung zu „Das unsichtbare Leben der Addie LaRue“ (V. E. Schwab)

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Die Prämisse von „Das unsichtbare Leben der Addie LaRue“ klang schon verlockend: Unsterblichkeit. Das Motiv mag stellenweise überstrapaziert sein, aber ich finde darin immer noch sehr viel Potential, soviele Möglichkeiten und Fragen. V.E. Schwab denkt Unsterblichkeit etwas anders. Letzten Endes zog es mich aber v.A. zu dem Buch, weil es als „fantasy fiction standalone novel“ gelabelt und eben nicht als x-bändige Reihe angelegt ist. Ein bisschen Vorsicht war dabei und so griff ich zum Hörbuch. Wie geht V. E. Schwab nun mit dem Motiv um und was bedeutet in dem Kontext Unsterblichkeit ein „unsichtbares Leben“?

Unsere Protagonistin Addie LaRue wird im Frankreich des frühen 18. Jahrhunderts in eine einfache Familie geboren. Sie ereilt das Schicksal sicher vieler junger Menschen der damaligen Zeit, die dem „Lauf der Dinge“ folgen und heiraten sollen, nur um der Versorgung ihrer selbst und der „Sache“ wegen. Addie träumte aber ihr ganzes Leben lang von Abenteuern, davon die Welt zu bereisen, mehr zu sehen und zu erleben. Außerdem möchte sie nicht „an irgendwen“ verheiratet werden, weil das Dorf denkt, dass es für sie langsam mal soweit sein sollte. Sie betet zu den Göttern, dass sie ihr helfen mögen. Tatsächlich erhält sie eine Antwort und geht einen Pakt ein, den man als faustisch beschreiben kann. Sie bekommt, was sie sich wünscht: absolute Freiheit. Das bedeutet, dass sie frei von den Limitationen eines normalmenschlichen Körpers ist. Sie stirbt nicht. Der Haken: zudem kann niemand Addie ihre Freiheit nehmen, da sich niemand an Addie erinnert. Sie wird sofort vergessen, sobald andere ihr den Rücken zukehren. Es dauert nicht lange bis Addie erkennt, was für schreckliche Nebeneffekte die Fußnoten ihres Pakts haben.


„V. E. Schwab – Das unsichtbare Leben der Addie LaRue“, via lismio (Youtube)

Dabei ist das Buch zweigeteilt. Wir erleben parallel Addies Stationen durch die Weltgeschichte in einem rund 300 Jahre anhaltenden Leben und auch ihre Gegenwart des Jahres 2014. Dabei erleben wir recht früh wie sich Addie durch den Alltag schleust. Hier mal etwas stiehlt, sich dort mit Lügen durchmogelt. Besitz hält sich eh nicht lange bei ihr, ähnlich ist es mit Beziehungen. Die enden meist mit einem gebrochenen Herzen, nämlich ihrem. Wer wird schon gern vergessen? Ihr Leben ist einsam, voller Entbehrungen, aber sie ist frei. Sie hat sich arrangiert, was natürlich die dunklen Täler, die sie durchwandert, nicht heller macht. Nebenbei war ich als Leserin wie sicherlich die meisten v.A. gespannt wie Addie in diese Lage gekommen ist und was die Grenzen ihres Vertrages sind. Was kann sie? Was kann sie nicht? Hier entwickelte V.E. Schwab einige wirklich spannende Ideen, die aufgehen. So kann Addie beispielsweise allgemein keine bleibenden Eindrücke oder Erinnerungen hinterlassen. Sie kann beispielsweise ihren Namen nicht aussprechen oder aufschreiben, was das titelgebende „unsichtbares Leben“ glaubhaft erklärt. Leider habe ich mich trotz der Neugier auf das „Wie“ und „Warum“ insbesondere im ersten Drittel unheimlich durch das Hörbuch gequält.

Das lag v.A. an dem Gejammer und daran, dass sich die Handlung im Versuch Addies Limitationen zu demonstrieren unheimlich zieht. Alles ist schlimm, Addie hat es furchtbar erwischt – das ist keine Untertreibung, keine Ironie, es ist furchtbar. Aber es zieht sich wie Kaugummi und erweckt daher den Eindruck eines low-key torture porn. Den Rahmen zu setzen, Addie, ihre Welt und ihre Familie zu charakterisieren, gerät zu ausufernd in das Bedürfnis einen emotionalen Nährboden zu schaffen, der Addie zu einer leidenden Heldin macht, die man nur mögen kann, weil sie ja so leidet und es uns allen genaso gehen würde. Da kommt man nicht dran vorbei, hat das aber schon sehr früh sehr gut verstanden.

Einer der Aufhänger des Klappentextes ist schließlich, dass Addie mit dem Buchhändler Henry einen Mann kennenlernt, der sie nicht vergisst und damit natürlich tausend Fragen auf den Plan ruft. Warum nicht? Gibt es auch hier durch den Pakt bestehende Grenzen? Ist auch an Henry irgendwas besonders oder ist es schlicht eine Laune des Schicksals? Ab dann wird das Buch spannend, weil es eine Frage und neu auszulotenden Grenzen widmet, was V.E. Schwab sehr ansprechend tut, aber nicht frei von Formelhaftigkeit. Addie ist so überrumpelt wie wir als Lesende und wir navigieren uns mit ihr am Rand dieser Grenzen. Die Formel geht auf.

Als Addie und Henry sich umtanzen kommt in den zarten und empathischen Schilderungen wie sich ihre Beziehung aufbaut eine weitere Stärke V.E. Schwabs zum Tragen. Wie sie gegenseitig Verständnis und der Vergangenheit beider widmet. Auch Henry bekommt eine Stimme und Vergangenheit. Das Buch ist zudem sehr divers und lässt explizit Charaktere aller Ethnien und Geschlechtsidentitäten auftreten. Sowohl Addie als auch Henry sind nicht strikt heterosexuell, sondern bleiben schubladenfrei und offen. Der Aspekt ist mir sehr positiv aufgefallen. Auch sprachlich schöpft V.E. Schwab aus dem Vollen. Metaphern- und bildreich findet sie wunderbare Gleichnisse für das, was sich in Addie und Henry abspielt. Einige markante Sätze und Schlüsselmomente kommen immer wieder. Dafür dass Addie soviele Sprachen spricht, wäre es aber auch sehr schön gewesen mehr mitzubekommen wie sie damit spielt oder die Sprachen gar zu lesen oder zu hören. Es zieht sich durch das Buch: was für eine wunderbare Liebesgeschichte es ist, aber als Fantasy- oder Historienroman kratzt es eher an der Oberfläche des Möglichen.

In Auszügen erleben wir immer wieder wie es Addie ausgehend vom frühen 18. Jahrhundet auf dem Weg über den Zeitstrahl bis in die Gegenwart ergangen ist. Allzu exotisch, wird es dabei nicht, durchaus ein, zwei Mal brenzlig. Addie muss weiterhin eher ein Vagabundenleben führen, indem sie jeden Tag auf’s neue improvisieren muss. Manches überrascht wenig wie ihre Suche nach reichen Gönnern oder dass sie sich auch mal als Mann verkleidet. Andere Kapitel wie ihre Schmuggler-Tätigkeit und Rebellendasein um den Zweiten Weltkrieg hätte V.E. Schwab gern ausschmücken dürfen. Besonders konkret wird es bei den großen, historischen Events nie und verschenkt enorm viel Potential. Voraussichtlich v.A. für die Leser*innen ein Problem, die dem Historien-Aspekt mindestens so zugetan sind wie dem Fantasy-Aspekt. Ich meine sogar, dass man selten daran ungeschoren vorbeikommt, wenn man über Unsterblichkeit sprechen will.

Weniger gut hat für mich der Fantasy-Aspekt und Ursprung des Pakts funktioniert, der Addie in die Rolle einer toxischen Dreiecksbeziehung mit einem dunklen, nicht näher bezeichneten Gott bzw einer Entität bringt. Diese erscheint als Mann und quasi „Dunkle Deus ex machina“ insofern, dass er alles kann und keine Limitationen hat. Hier kann Fantasy doch soviel mehr. Auch hier komme ich nicht um das Wort einfach herum. Andere überbeanspruchte Motive sind auch die Vorstellungen von Licht und Schatten, Gut und Böse. Seelen sind beispielsweise ein hell leuchtender Orb. Fantasy kommt von „Fantasie“ – da wäre sicherlich mehr drin gewesen als immer gleiche Bilder zu verwenden. Dass V.E. Schwab ihre Leser*innen noch mehr fordern könnte, zeigen auch die so präzisen Stadtansichten. Restaurants werden so detailiert beschrieben, dass man das Gefühl hat einen Serientrailer zu schauen. Das mag auf die eine oder andere Art eine Qualität sein, aber ist für mich ein Kritikpunkt, da es zu leicht zum berieseln taugt und zu wenig meine Vorstellungskraft fordert.

Klarer Fokus des Buchs liegt spätestens aber der Hälfte auch darin wie Addie mit der Anwesenheit einer als Mann auftretenden „allmächtigen Entität“ umgeht. Und sogar der Dreiecksbeziehung zwischen der Entität, Addie und Henry. Das kommt leider nicht ohne überstrapazierte Tropen toxischer und dysfunktionaler Beziehungen aus. Zeitweise wirft die Beziehung zwar auch das bekannte und schöne Motiv von: Liebe heißt nicht Besitzen auf, zerstört diese Lehre aber am Ende wieder. Zwar versucht V. E. Schwab das händeringend in etwas weniger schlimmes „hinzuerklären“, aber das geht nur mäßig auf. Ich könnte mir gar vorstellen, dass das (Hör)Buch obwohl gerade eher noch relativ gehyped in ein paar Jahren als Beispiel für „problematische“ Inhalte herhalten muss. Für mich ist es das trotz des guten Anfangs zwischen Addie und Henry leider jetzt schon und einer der zwei Aspekte wofür es mir in Erinnerung bleiben wird.

Ja genau, nicht Fantasy, nicht Unsterblichkeit, aber die problematischen Beziehungen werden mir in Erinnerung bleiben. Aber auch ein positiver Aspekt: den Umgang mit Kunst. Addie ist schwer geschlagen durch den Umstand, dass sie keine Spuren in der Welt hinterlassen kann bis sie ein Schlupfloch entdeckt. Sie kann eine Muse sein und wir werden sie in einigen Kunstwerken entdecken. Das halte ich für V.E. Schwabs interessantesten Kniff und ein unschlagbares Plädoyer für die Bildenden Künste und deren Aufgabe. Überdauern und berührend. Ich kann es kaum erwarten das nächste Mal in ein Kunstmuseum zu gehen und mich zu fragen wo Addie sein könnte. V.A. aber entwickelt es viel emotionale Tiefe am Ende des Buches. Es macht mich auch neugierig, ob die Kunstobjekte im Buch abgedruckt sind – im Hörbuch gibt es eine Beschreibung dessen.

Das Hörbuch selber ist von Eva Gosciejewicz sympathisch gelesen, die eine wirklich sehr angenehme und weiche Stimme hat. Nicht ganz warm werde ich allerdings auch hier mit dem Usus, dass Sprecherinnen die männlichen Stimmen verstellt vortragen. Ich bin der Ansicht, dass das niemandem bringt und nur zu komischen Ergebnissen führt. Und das gilt für alle Richtungen. Dabei macht Eva Gosciejewicz das wirklich gut verglichen zu anderen Hörerlebnissen. Unter dem Strich ist Das unsichtbare Leben der Addie LaRue ein (Hör)Buch mit einigen sehr spannenden Ideen und V.E. Schwab versteht offensichtlich das Handwerk des Schreibens. Aber es krankt auch an einigen Plattitüden an der Schnittstelle zwischen Histo und Fantasy, sodass ich mich schwer tue zu sagen für wen das Buch mehr geeignet ist. Ich befürchte, dass werder Histo, noch Fantasy-Fans besonders glücklich damit werden, sondern mutmaße, dass es am ehesten Romance-Leser*innen adressiert, die Dreiecksbeziehungen mit einem Hauch übernatürlichem mögen.

Ein anderes, großartiges Buch, das Fantasy (dezent) und Historienroman vereint und auch Unsterblichkeit zum Gegenstand hat ist das großartige Alle Menschen sind sterblich von Simone de Beauvoir. Jetzt bin ich umso gespannter – wie habt ihr das Buch oder Hörbuch empfunden? Was hat für euren Geschmack gut funktioniert, was eher weniger? Findet ihr die Botschaft am Ende auch problematisch oder seid ihr gar ganz anderer Meinung?