Literarische-Fundstücke: Bücher für die kalte Jahreszeit und zum Aufwärmen

Dieser Tage sind die Bedürfnisse sicherlich sehr unterschiedlich. Die Einen wollen Schnee, Winter und genug Kälte, sodass die Nasenhaare einfrieren. Ohne ist es kein Dezember. Die anderen wollen nicht Schnee schieben müssen, freie Straßen und milderes Wetter. Was auch immer uns das Herz wärmt vor den Feiertagen. Mir fielen da auch Bücher ein, die solche Gefühle wecken. Die einen wie die anderen. 😉

Bücher für die kalte Jahreszeit

Wer den Winter wirklich stark vermisst, wird seine pure Freude mit Büchern haben, in denen unsere Heldinnen und Protagonisten durch Schneemassen stapfen müssen. An der Spitze des metaphorischen Schneebergs steht für mich seit letztem Jahr Ursula K. Le Guins The Left Hand of Darkness. Es enthält Science-Fiction der v.A. gesellschaftlichen Sorte. Das Buch handelt von dem Diplomaten Genly, der die Einwohner:innen des Planeten Gethen davon überzeugen will einem interstellaren Bündnis beizutreten. Dabei scheint er erstmal auf Granit zu beißen und arbeitet sich von Ort zu Ort auf dem Winter-Planeten. Das Volk dort ist ambisexuell, bisexuell und genderfluid. D.h. sie sind androgyn und nehmen nur ein mal im Monat ein Geschlecht an. Ob männlich oder weiblich ist nicht beeinflussbar. Das Konzept ist Genly fremd und er kommt nicht umhin die Menschen eben doch anhand dessen, was er kennt, in Schubladen zu stecken. Auch Estraven, Genlys vielleicht einzige:n Verbündete:n.

Was die Ziele Estravens sind, steht mehrmals zur Debatte. Beide müssen sich aber zusammenraufen und im beeindruckenden letzten Drittel des Romans durch eine Eis- und Schneewüste mit Temperaturen, die mich beim Lesen wirklich das Frieren lehrten. Ähnliches Mühsal erwartet uns in Vladimir Sorokins Der Schneesturm, in dem ein Arzt mit einem Gespann unterwegs ist, um einem Dorf wichtige Medikamente zu bringen. Es ist umso besser, wenn man umso weniger über den Roman weiß. Geneigte Leser und Winterfreunde erwarten aber auch hier Schneemassen und eine komplexe Geschichte, deren Ausmaß sich erst nach und nach erschließt. Kleiner Tipp: erwartet keinen Historienroman und seid offen. Beide Romane enden nicht unbedingt auf die fröhlichste Art und Weise, aber Ursula K. Le Guins Roman weiß davor durch zwischenmenschliches Zusammenrücken zu begeistern. Eher durchtrieben sind die Personen in Cyril Hares An English Murder drauf. Ein alter Lord sammelt dort in der Nachkriegszeit in den 50er oder 60er Jahren an Weihnachten nochmal Familie und Freunde um sich. Ein Mord geschieht, sie sind eingeschneit – bleibt der Rest der Runde sicher? Oder hat der Mörder oder die Mörderin noch mehr im Sinn?

Ich kann hier natürlich nicht über Bücher schwafeln, ohne nicht noch wenigstens ein paar Manga und Comics zu erwähnen. Wer unbedingt Schnee sehen will ist mit dem Manga Berge des Wahnsinns von Gou Tanabe gut beraten. Das ist die Manga-Adaption eines H.P. Lovecraft-Romans, der sich die Mühe macht schier unbeschreibliches Grauen in Bilder zu fassen. Fast unmöglich und doch gelungen. Während einer Arktis-Expedition finden Forscher etwas, das sie lieber hätten schlafen lassen. Der Manga schafft es nicht nur durch die Schneestürme uns einen Schauer einzujagen.

Wer es nicht minder eisig, aber etwas weniger schaurig mag, wird mit dem Bergsteiger-Manga Gipfel der Götter glücklich. Der Manga erzählt von dem von Extremen besessenen Alpinisten Habu Yoshi und dem Journalisten Fukamachi Makoto, der eine eventuell bahnbrechende Entdeckung macht. Kling alles ganz schön aufregend? Ist es. Wer etwas mehr wholesome mag und auch mal was zum Lachen haben möchte, kann ich den Island-Manga Folge den Wolken nach Nord-Nordwest ans Herz legen. Die dreht sich eigentlich um den jugendlichen(!) Detektiv Kei Miyama mit geheimer Superpower(!) – er kann mit Objekten reden. Bestimmt praktisch als Detektiv. Zugegebenermaßen spielt das nur eine sehr untergeordnete Rolle und vorrangig im ersten Band. Den Rest der Zeit dreht sich der großartig gezeichnete Manga um isländische Landschaften, Sehenswürdigkeiten, Essen, Folklore und eine Keis Familiengeschichte. Denn die weiß sowohl durch angenehme Comedy zu überzeugen als auch durch Drama.

Bücher zu Aufwärmen

Ja, das klang schon alles ziemlich kalt, düster und aufregend, das gebe ich zu. Wer also lieber etwas lesen möchte, was das Herz erwärmt 💓, kann vielleicht auch geholfen werden. Das für mich wohl am meisten herzerwärmende Buch ist auch eines, das den Sommer channelt und das Blut in Wallung bringt: André Acimans Call me by your name. Langläufig auch durch die oscarprämierte Filmadaption bekannt, macht das Buch die Chemie zwischen Elio und wissenschaftlichem Mitarbeiter Oliver greifbarer. Die treffen sich auf dem italienischen Anwesen von Elios Vater während der Sommerferien, die Oliver dort arbeitend verbringt. Aus der Ferne weiß Elio kaum, ob er von Olivers Coolness angewidert sein soll oder ihn anschmachten soll. Das Will-they-won’t-they weicht sehr deutlich melancholischen Gefühlen einer Sommerromanze, die höchstwahrscheinlich ein Ablaufdatum hat und erinnert uns damit, wer weiß, vielleicht an Gefühle, die wir auch schon mal hatten. Ach so, dann gibt es dort natürlich viel gutes italienisches Essen und ähm, Pfirsiche.

Wer jetzt keine Sommervibes hat, ist aus Stein. ☀ Aber ich wäre nicht ich, wenn ich nicht auch was für Drinnenbleiber hätte, denen Sommer mit all dem Schweiß zu viel des Guten ist. Denn Susanna Clarkes Piranesi spielt im Haus. Titelcharakter Piranesi lebt dort. Und das schon eine Weile. Piranesi vertreibt sich die Zeit mit dem Kartieren des enorm großen Anwesens. Ab und zu wandern darin andere umher. Aber außer Piranesi gibt es wenige. Das Buch ist ein Abenteuer, das zum Entdecken und Enträtseln einlädt. Es ist nicht zwingend herzerwärmend, aber hat eine wie ich finde sehr spannende Botschaft, die gut mit einem Jahr versöhnt, dass so seine Hürden hatte. Außerdem ist man ja bei Schietwetter auch öfter mal im Haus… .

Wer sich nach reichen, dichten Wäldern und dem Zirpen von Grillen sehnt, wird auch mit Becky Chambers A Psalm for the Wild-Built aufs angenehmste in die Jahreszeiten zurückversetzt, wo man das abends hören kann. Nimm dir ein Heißgetränk 🍵 und verfolge die Geschichte von Tee-Zeremoniell Dex. Denn eines abends begegnet Dex einem Roboter mit einer interessanten Aufgabe. Denn Roboter Mosscap wurde geschickt, um herauszufinden, was die Menschen brauchen. Uff. Man könnte denken, dass wenn Mönch und Roboter über einem solchen Thema brüten, dann könnte das trocken und philosophisch werden. Ist aber mehr ein rural roadtrip mit einem Hauch von Sinnsuche ohne Keule-schwingendes Self-help-Feeling. Eins meiner Bücher des Jahres, bisher leider nur auf Englisch erschienen. Kommen wir aber nochmal zurück zu der ganzen Sache mit der Romantik und den Gefühlen. Herzerwärmend und so. Was ja immer geht ist Jane Austen. Ich kann sehr Stolz und Vorurteil ans Herz legen, da es eine etwas weniger ausschweifende Vorbereitung der Ereignisse hat.

Was Manga betrifft, drängt sich der Mysterytitel Der Sommer, in dem Hikaru starb auf. Der handelt von den Schulfreunden Yoshiki und Hikari. Nur weiß Yoshiki, das der Junge neben ihm zwar aussieht und spricht wie Hikaru, aber nicht Hikaru ist. Was oder wer ist er aber dann? Was ist an dem Wochenende passiert, von dem sein bester Freund Hikaru offenbar nicht zurückkehrte? Unterschwellige Gefahr, tiefe Wälder, Sommerhitze und Grillenzirpen – der Manga kann hervorragend die Stimmung erzeugen und ein sehr spezifisches Sommergefühl triggern. Unter den Comics hat hier aber sicherlich Heartstopper die Nase vorn und hier schließt sich der Kreis. Wir begleiten dort die Jungs Charlie und Nick, die sich verlieben durch alle Jahreszeiten hinweg. 🍂

Header image/photo credit: Janko Ferlič

Mein Abschnitt zu den Romanen, die es uns warm um’s Herz machen sollen, wirkt etwas kürzer. Vielleicht bin ich einfach nicht für das klassische Sommerbuch!? Was sind die Bücher, die euch zu den beiden Themen als erstes einfallen? Mehr buchige Themen gibt es bei den anderen Beiträgen des Booleantskalenders 2023. Hier geht es wiederum zu allen anderen Literarischen Fundstücken.

6 Antworten

  1. Becky Chambers erscheint Anfang nächsten Jahres im Carcosa Verlag auf Deutsch – ich bin schon sehr gespannt!

    Mein Winterbuch ist Lew Tolstois Krieg und Frieden – auch wenn nicht der ganze Roman im Winter spielt, sind mir insbesondere die Winterszenen in Erinnerung geblieben.

    Und im Sommer kommen mir im Doppelpack natürlich Mark Twains Tom Sawyer und Huckleberry Finn in den Sinn.

    1. Avatar von Miss Booleana
      Miss Booleana

      Ooooh das wäre an mir vorbei gegangen, wenn du das nicht erwähnt hättest! Das bringt mich zu der Frage, wie du dich auf dem Laufenden hältst? Bin sehr gespannt wie in dem Buch so das eine oder andere um genderneutrale Sprache gehandhabt wird.

      Ach je … mit „Krieg und Frieden“ hatte ich eine schwere Zeit. Habe das u.a. aber auch einfach zum falschen Zeitpunkt gelesen. Aber ja, Winter hat dort eine (stellenweise) prominente Rolle. Es deckt ja doch einen langen Zeitraum ab.

      Ach witzig, „Tom Sawyer“ wollte ich mir mal für nächstes Jahr vornehmen!

  2. […] Booleana hat ihre Bücherregale durchforstet, um uns Literatur für den Winter zu empfehlen. Ihr findet neben wärmender Wohlfühl-Literatur auch Geschichten, die in Schnee und […]

  3. Keine Ahnung, warum mir dein Beitrag im Dezember durch die Lappen gegangen ist, aber dann erfreue ich mich halt heute im Januar bei Schneefall draußen daran. Habe hier einige gute Bekannte getroffen bei Deiner Auswahl, die ich ebenfalls empfehlen würde (Piranesi – ich muss es einfach sehr bald unbedingt noch mal lesen) oder auch „The Left Hand of Darkness“ und den „Schneesturm“ von Sorokin.
    Lust gemacht hast du mir auf die „Berge des Wahnsinns“ habe ja die riesige dicke HP Lovecraft Ausgabe hier stehen, da müsste es ja drin sein. Ich gehe gleich mal suchen.
    Liebe Grüße und ein schönes – vielleicht auch verschneites – Wochenende, Sabine

    1. Avatar von Miss Booleana
      Miss Booleana

      Das freut mich, dass dich der Beitrag dann doch noch gefunden hat. 🙂 Und ich bin sehr gespannt auf deine Meinung zu „Berge des Wahnsinns“ – das passt wirklich hervorragend zu einem verschneiten Januar-Wochenende.
      Liebe Grüße

  4. Ich bin auch gerade bei Kathrin auf deinen Beitrag hier aufmerksam geworden und möchte noch die Reihe „Lenos Polar“ aus dem schweizerischen Lenos Verlag empfehlen. Die Bücher spielen auch immer bei Eis und Schnee in verschiedenen kalten (und frankophonen) Gegenden der Welt. Dort habe ich schon den einen oder anderen Schatz entdeckt.

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