Wahnsinns-Trailer? Netflix‘ „Death Note“

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Es ist kein Geheimnis – ich bin ein sehr großer Fan des Schreiber und Zeichner-Duos Tsugumi Ohba und Takeshi Obata und ihres Mangas ‚Death Note‘. Der Manga hat damals eingeschlagen und ein riesengroßes Franchise aufgebaut. Für alle, die wirklich noch nie was von ‚Death Note‘ gehört haben, wird es allerhöchste Eisenbahn das zu ändern: es geht um den Teenager Light, der ein ‚Death Note‘ findet. Das Buch der Todesgötter. Egal wessen Name er hineinschreibt, die Person stirbt. Von da an ist Light außerdem in der Lage den Todesgott Ryuk zu sehen, der das Buch verloren hat. Light verstrickt sich in moralische Fragen und wird bald ein Massenkiller, auch wenn er meint, dass er die Welt besser macht. Sein Kredo ist anfangs noch, dass er kriminelle Subjekte tötet. Aber sein Gerechtigkeitsbegriff wird dehnbarer und dehnbarer. Verfolgt wird er vom Detektiv, der sich selbst nur L nennt. Es beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel zweier Superhirne, das nicht selten moralische Fragen aufwirft. Der Manga war allererste Sahne. Zwar mit kleinen Problemen und einem Hänger in der Mitte, aber sowohl von der Geschichte als auch vom Zeichenstil ist er ein erstklassiger Tipp und ein guter Einstieg für alle, die es mal mit Manga probieren wollen. Und für alle, die eine anspruchsvolle Geschichte erwarten. Man muss nämlich manchmal ganz schön mitdenken: ‚Death Note‘ vereint Thriller, Fantasy, Detektiv-Geschichte mit Diskussionsbedarf. Alleine die Frage spaltet die Meinungen: was würdest du tun, wenn du ein ‚Death Note‘ finden würdest? Würdest du dich als Samariter üben und entgleiten wie Light? Würdest du es versuchen zu vernichten? Würdest du … würdest du nicht … es gibt viele Fragen. Und fast genauso viele Verfilmungen zog der Stoff schon nach sich. Nach mindestens drei japanischen, einer Zeichentrickserie, einer Live-Action-Serie, kommt nun die lange angekündigte, erste amerikanische Umsetzung des Stoffs. Regie führt Adam Wingard (You’re next, V/H/S, The ABCs of Death, The Guest) und am 25. August läuft der Film exklusiv auf Netflix.

„Death Note | Haupt-Trailer | Netflix“, via Netflix Deutschland, Österreich und Schweiz (Youtube)

Contra bis hin zu unentschlossen: Light

Eines der frappierendsten Elemente des Manga ist, dass Light ein relativ privilegierter Teenager ist. Er ist schlau, er sieht gut aus, er kommt aus einem guten Elternhaus, er ist nicht arm, seine Ausbildung und seine Noten führen ihn auf die besten Schulen – sein Weg scheint vorbestimmt zu sein. Er ist sich dessen bewusst und wählt stets die für ihn cleversten Züge um sein privilegiertes Leben weiterzuleben. Auch als er das Death Note hat. Es gibt quasi keinen einzigen Makel in seinem Leben. Light hat sich nie machtlos gefühlt. Und das macht es doppelt wahnsinnig und entlarvend, dass nun ausgerechnet dieser privilegierte Typ den Ritter in der schimmernden Rüstung spielen und die Welt auf einen neuen Pfad der Gerechtigkeit führen will.

Der Trailer erweckt den Anschein, dass Light (gespielt von Nat Wolff) diesmal ein Typ ist, der die Ungerechtigkeit um sich herum wahrnimmt und auch gern mal die Fresse poliert bekommt. Er steht offensichtlich nicht so sehr über den Dingen wie der Manga-Light. Seine ganze Erscheinung und wenige, kurze Szenen geben den Eindruck, dass er wahrscheinlich sogar eher ein Außenseiter auf seiner Schule oder eben ein stillerer Charakter ist. Das ist erstmal eine wünschenswerte Änderung, denn mir war der Manga-Light beispielsweise immer etwas zu glatt. Ich traue solchen Typen mit Zahnpasta-Lächeln nicht. Andererseits befürchte ich, dass bei dem Light in der Netflix-Version der Wahnsinn nicht rüberkommt. Zumindest im Trailer sieht es so aus, als ob er lange den Gedanken verfolgt, dass er das richtige tun kann und das auch aus Überzeugung tut. Während der Manga-Light bald schon größenwahnsinnig wird und sich zu einem Gott erklärt. Schauen wir mal wo das hinführt. Bis jetzt bin ich relativ unentschlossen wie ich das finden und bewerten soll. Da gibt wohl nur der Film Aufschluss.

Pro: keine Misa Amane

Misa Amane war im Manga Lights Freundin. Zumindest wollte sie gern seine Freundin sein. Er fand an ihr v.A. eher interessant, dass sie ein zweites Death Note besitzt. Als ob das nicht schon schräg genug wäre, war sie auch ein kleines Teenager-Starlet und hatte eine ziemlich naive Ansichtsweise von der Welt, Liebe und Gerechtigkeit. Sie war für die meisten Leser des Manga nervig, für die meisten Frauen wahrscheinlich ein erschreckendes Beispiel für Unterwürfigkeit. Ich versuche mir heute noch einzureden, dass das die Botschaft des Manga sein soll: zu zeigen was für ein schrecklich naives Bild sie abgibt und wie schlimm es ist, sich total von seinem Partner abhängig zu machen, seine Handlungen nicht zu hinterfragen. Im Film gibt es offenbar keine auch nur ansatzweise ähnliche Figur. Stattdessen hat Light eine Klassenkameradin, die er mag: Mia Sutton (Margaret Qualley). Offensichtlich weiht er sie ein und es ist fraglich, ob sie einen guten oder eher schlechten Einfluss auf ihn ausübt. Auf jeden Fall ist es schon mal eine Verbesserung, dass eine der wenigen weiblichen Charaktere der Geschichte (egal ob Manga oder Filme) dieses Mal ein bisschen mehr Grips zu haben scheint und zu eigenständigem Handeln fähig ist.

Contra: Ryuks Design

Man sieht bisher zwar wenig, aber irgendwie wirkt auf bisherigen Abbildungen die Animation Ryuks sehr starr, gedrungen und weniger glotzäugig als im Original. Die Gesichtsproportionen wirken wie bei einer misslungenen Puppe. Irgendwie schade. Klar, das ist jetzt auch Geschmackkssache – so wie fast alles. Ich warte darauf, dass man endlich mal ein richtiges Bild zu sehen bekommt. Vergleich: Ryuk in einem japanischen Original-Verfilmungen vs Ryuk im US-Film. In jedem Fall bekommt Willem Dafoe Ryuks Lache so ziemlich genauso hin wie in den japanischen Filmen.

Unentschieden: Verwestlichung

Sehr unentschieden bin ich, was die Verwestlichung betrifft. Bei solchen Remakes frage ich mich in erster Linie immer, warum es sie überhaupt gibt. Klar – ich kenne die zahlreichen Gründe. Man will lizenzrechtliche Hürden und Kosten umgehen. Außerdem wahrscheinlich die Idee ausschlachten – das schlimmste bei der ganzen Sache. Klar, ist ja auch eine ziemlich spannende Idee. Manchmal würde ich mir einen Boykott wünschen. Einer der Gründe, warum ich oftmals nicht das Remake einer Serie oder eines Films schaue, sondern erstmal das Original. Ich bin versessen drauf, dass dem ursprünglichen Urheber das Kudos zukommt. Andererseits sorgt das ganze remaken auch für eine weitere Verbreitung des Einflusses, was man den Stoffen ja auch wiederum wünscht. Es wird sicher einige Leute geben, die durch den Film auf den Manga aufmerksam werden oder auf Manga generell. Mir fielen noch zahlreiche Pro- und Contra-Argumente ein, aber das überspannt den Bogen. Was bleibt ist: es ist nun eben da. Nach Ghost in the Shell ein weiteres Remake eines bekannten Manga bzw. Anime.

In diesem Fall wurde die Handlung nun in die USA verlegt. Generell finde ich den Schritt immer sehr schade. Aber wenn wir mal ehrlich sind: es geht nicht anders als bei einem US-Remake das Ganze auch in die USA zu verlegen. Niemand investiert so gut in den Film, dass man eine glaubwürdige Verfilmung auf japanischem Boden hinbekommt. Es wird immer kulturelle oder gesellschaftliche Details geben, die jemand außer Acht lässt, der aus einem anderen Kulturkreis stammt. Das ist tatsächlich meine Überzeugung. Natürlich ginge das mit wirklich guter Beratung, Recherche oder langjähriger Begeisterung. Aber die Wahrscheinlichkeit ist eher gering. Schließlich haben amerikanische Studios und Produzenten v.A. auch ein Auge drauf ein amerikanisches Publikum zu erreichen. Sonst hätten sie das Remake gar nicht in Betracht gezogen. Und so bewegen wir uns im Kreis. Ich befürchte US-Remakes gehen ohne Verlegung des Stoffes in die westliche Welt nicht. Somit gehen aber auch einige Bestandteile der Grundidee verloren. Beispielsweise das Strebertum Lights oder evtl. Misas Unterwürfigkeit. Andererseits kann, wenn es richtig gemacht wird, die Umsetzung in einem anderen Land, der Grundidee des Stoffs auch dienen. Es wäre falsch zu sagen, dass grundsätzliche alle Umsetzungen und Verwestlichungen Mist sind. Das ist genauso großer Blödsinn wie zu sagen, dass alle Buchverfilmungen zwangsläufig schlechter sind als das Buch. An der Stelle halten sich für mich also Pro und Contra und die Fakten einfach die Waage.

… ?

Tja … müsste ich eine Prognose geben, würde ich mutmaßen, dass die US-Verfilmung nicht an die Genialität und Spleenigkeit der Vorlage heranreichen, etwas das von Fans eben sehr geschätzt wurde. Zwar wurden Elemente wie Ls interessante Sitzposition und Vorliebe für Süßigkeiten übernommen, aber Keith Stanfields Darstellung Ls wirkt bisher nicht so herrlich kauzig wie der L, den man aus dem Manga kennt. Damit geht für die L-Fans sicherlich schon viel verloren. An das Katz-und-Maus-Spiel des Mangas kann ein Film alleine wahrscheinlich schon deswegen nicht herankommen, weil es an Zeit fehlt um das angemessen zu erzählen – ein weiterer sehr schwieriger Punkt. Vielleicht ist das letzten Endes sogar das, was am schwersten wiegt. Ärgernisse für Fans wie die Verlegung des Handlungsortes in die USA oder das damit zwangsläufig einhergehende whitewashing sind da vielleicht sogar das kleinere Ärgernis. Letzten Endes wird sich die Verfilmung wahrscheinlich komplett anders anfühlen als das Death Note, was man aus Manga, Anime und Originalfilmen kennt. Aber ich vermute, dass der Grundgedanke und das moralische Dilemma schon zum Tragen kommt. Schauen wir mal, ob das so eintritt.

Was denkt ihr – wird der Film ‚gut‘? Kann er die Erwartungen der Zuschauer befriedigen? Oder ist es bei Remakes populärer Anime und Manga sowieso zum Scheitern verurteilt? Was haltet ihr von der Verlegung des Stoffes in die USA? Und werdet ihr Misa vermissen? 🙂

Wahnsinns-Trailer ist eine Kategorie meines Blogs, die sich wahnsinnig guten, schrägen oder auch wahnsinnig schlechten Trailern widmet. Und natürlich der Diskussion: wird der Film ebenso wahnsinnig gut / schräg oder schlecht? 😉