ausgelesen: E.M. Forster „The Machine Stops“ (engl. Ausgabe, Penguin Books Modern Classics Fiction, enthält auch „The Celestial Omnibus“)

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Das erste Mal habe ich von The Machine Stops im Blog von Sabine gehört bzw. gelesen und dank einer gut gepflegten Wunschliste bei einer Gelegenheit von meiner Familie geschenkt bekommen (danke!!). Was mir zuerst nicht auffiel ist, dass sie auch noch eine weitere Kurzgeschichte enthält: The Celestial Omnibus, die ebenso lesenswert ist und den Menschen den Spiegel vorhält.

„The Machine Stops“

The Machine Stops

Die Geschichte spielt in einer Zukunft, die das Label Dystopie gut und gerne verdient und doch aufgrund ihrer Ideen verblüfft. Menschen leben in dieser Gesellschaft unterirdisch und getrennt voneinander in kleinen Räumen, die vollkommen automatisiert sind. Alle lebenserhaltenden Maßnahmen werden von der Maschine gelenkt, selbst Dinge wie Unterhaltung und Kommunikation. Die Menschen sitzen in diesen Nestern ohne Bewegung und Mühsal, blass und steif, werden bedient und frönen eines Alltags in dem sie tagaus tagein Ideen miteinander austauschen oder sich Vorlesungen anhören. Zu diesen in ihrem eigenen Saft garenden und damit sogar sehr zufriedenen Menschen gehört Vashti. Eines Tages wird sie aber von ihrem Sohn kontaktiert, Kuno. Der lädt sie zu sich ein und will ihr von einer Idee berichten. Aber nicht per Video-Chat. Ja richtig – Video-Chat. Das ist nur eine der verblüffenden Vorhersagen in punkto Technologie, die E.M. Forster hier getroffen hat. Voll-Automatisierung, die sogar die Idee von Smart Houses übersteigt gehört dazu genauso wie Video-Chat und das Internet allgemein. Man bedenke, dass die Geschichte 1909 veröffentlicht wurde, vor über hundert Jahren als der Gedanke an Internet noch sprichwörtlicher Quark im Schaufenster war.

„But these days it was a demerit to be muscular. Each infant was examined at birth, and all who promised undue strength were destroyed. Humanitarians may protest, but it would have been no true kindness to let an athlete live; he would never have been happy in that state of life to which the Machine had called him; he would have yearned for trees to climb, rivers to bathe in, meadows and hills against which he might measure his body. Man must be adapted to his surroundings, must he not?“ p. 24

„She though, ‚I have not the time.'“ p. 9 – Vashti, die ihren Sohn Kuno nicht besuchen will

Anfangs will Vashti Kuno nicht besuchen. Die Welt in ihrer Zelle, gefällt ihr zu gut und erscheint ihr so sicher und angenehm verglichen mit der Außenwelt, in der Menschen angeblich nicht mehr überleben können. Als sie sich doch einen Ruck gibt, wird klar, dass die Maschine die Menschen klein und nichtig hält. Zum Bildungsstand gehört nicht ein mal mehr zu wissen, was der Himalaya ist. Dennoch fühlen sich die Menschen hochentwickelt und privilegiert.

„‚Cover the window, please. These mountains give me no ideas.‘ […] ‚We have indeed advances, thanks to the Machine,‘ repeated the attendant, and hid the Himalayas beind a metal blind.“ p. 20

Kunos Ideen gefallen Vashti dementsprechend gar nicht. Er hegt Zweifel an der Maschine und die Geschichte zeigt, dass seine Befürchtungen nicht unbegründet waren. Forsters Geschichte klingt ein bisschen nach The Matrix, nur dass sie weitaus gesellschaftskritischer ist. Schließlich leben die Menschen freiwillig in diesem trägen und grauen Zustand, geben sich damit zufrieden. Kuno blickt über den Tellerrand und erntet damit Verfolgung. Vashti hingegen glaubt ihm trotzdem nicht. Natürlich muss man auch ihre Sichtweise verstehen: offensichtlich schränkt die Maschine das Gedankengut ein, mit dem die Menschen konfrontiert werden und hält sie klein. Außerdem hat sie nie etwas anderes gesehen als ihre Zelle bzw. ihren Raum. Auch wenn viele Menschen in diesem Zustand nichts für ihre Ansichten können, so ist es schon ein Seitenhieb auf unsere Gesellschaft, die sehr schnell urteilt „Mir gehts doch gut, warum was ändern?“ und getrieben von guten Lebensumständen diese zu wenig hinterfragt.

Was mir aber immer noch durch den Kopf geht ist die Frage, warum die Maschine tut was sie tut? Ist sie so programmiert die Lebenserhaltung der Menschen zu optimieren und über-optimiert sie letzten Endes zu den weißen Klößen, die in ihren Räumchen vor sich hinvegetieren? Hat sie in ihrem Regelsystem irgendwann Annahmen entwickelt, denen sie folgt? Oder ist die Maschine „böse“? Man kann in die eine wie die andere Richtung argumentieren.

„‚You talk as if god had made the Machine‘, cried the other. ‚I believe that you pray to it when you are unhappy. Men made it, do not forget that.“ p. 3

„The Celestial Omnibus“

Die zweite Geschichte des (wirklich sehr kurzen) Kurzgeschichtenbandes, The Celestial Omnibus, ist nicht minder fordernd und interessant. Es geht um einen kleinen Jungen, der aufgrund einer fixen Ideen und ein paar Gerüchten glaubt es gäbe einen Bus, der einen in den Himmel trägt. Er folgt den Hinweisen, dem Gerede und Gerüchten und findet den Bus tatsächlich. Dort begegnet er berühmten Persönlichkeiten und schrägen Charakteren, erlebt wunderbare Dinge und fährt auf den Wolken und Regenbögen. Natürlich glaubt ihm niemand und als sie es doch tun und einer mitfährt, ist das für den Jungen und auch für den Begleiter eine unangenehme Überraschung.

„The boy surrendered the tickets, but felt a little sore. After all, he had found the way to this place. It was hard first to be disbelieved and then to be lectured.“ p. 78

Die sehr kurze Erzählung strotzt nur so vor Fantasie, zumindest was die himmlischen Reisen betrifft. Auch hier wird die sich für privilegiert haltende Gesellschaft kritisiert, die dem Jungen zuerst nicht glauben will und ihm dann zu verstehen gibt, dass er der Entdeckung nicht würdig ist und lieber den Mund halten soll. Charmant ist die Geschichte vor Allem auch wegen der überbordenden und frechen Fantasie.

Fazit

sehr kurzweilig und sehr lesenswert

„ausgelesen“ ist eine Kategorie meines Blogs, in der ich immer zwischen dem 15. und 20. eines jeden Monats ein Buch unter die Lupe nehme. Der Begriff „ausgelesen“ ist sehr dehnbar. So wie die Themenvielfalt meines Blogs. Ein „Buch unter die Lupe nehmen“ schließt Belletristik, Sachbücher, Manga, Comics unvm mit ein. 🙂