ausgelesen: Hari Kunzru „White Tears“

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Seth und Carter könnten unterschiedlicher kaum sein. Seth ist schüchtern, hat keine Kohle, manchmal ein zweifelhaftes Auftreten und eine mangelhafte Körperhygiene, wenig Drive, aber Passion für Technik. Carter stammt aus einer reichen Familie, kann die Fuffies in den Club ausatmen, hat Style und wenn er will einen Privatjet. Und er sammelt Schallplatten. Das einzige was beide verbindet ist, dass sie weiß sind und Musik lieben. Nach der Uni eröffnen beide ein Studio, nehmen Musik mit Künstlern auf. Es sieht so aus, als würde das gut anlaufen und ihre Existenz ist auch ohne die Finanzspritzen Carters Familie gesichert. Ihre Spezialität ist v.A. dank Seths technischer Fähigkeiten und dank Carters Obsession mit Musik aus nahezu allen Genres Stücke so klingen zu lassen, als wäre sie aus einer bestimmten Ära. Da nimmt Seth wieder Umgebungsgeräusche auf wie er es so oft tut. Im Park singt jemand einen Blues Song. Absolut authentisch. Ein paar Zeilen, die Gänsehaut erzeugen.

Carter, der gerade auf den frühen Blues abfährt, ist angefixt. Beide machen daraus ein Experiment, sie mischen den Song so ab, dass er alt klingt. So als würde er von einer kratzigen Schallplatte kommen, die zwanzig Jahre hinter einem Schrank gelegen hat und nicht von jemandem vor ein paar Tagen im Park gesungen. Carter geht noch weiter. Er nennt den Interpreten Charlie Shaw, den Song den Graveyard Blues und lädt es in die Weiten des WWW hoch. Die Resonanz ist groß. Einer der Zuhörer lässt nicht los. Er schreibt er hätte seit Jahrzehnten keine Nummer mehr von Charlie Shaw gehört. Und scheinbar meint er es ernst. Er will Carter und Seth treffen, bietet ihnen im Austausch für Charlie Shaw alte, seltene Platten an. Aber es ist doch alles ausgedacht!? Carter kann nicht widerstehen und will ihn treffen. Kurze Zeit später ist er halb tot geprügelt. Der Anfang vom Ende.

Seth will unbedingt herausfinden, was mit seinem Freund passiert ist und bekommt dabei wenig Unterstützung von Carters Familie. Die sieht in ihm einen Parasiten und hält ihn auf Abstand, entzieht ihm gar seine Lebensgrundlage. Dabei ist absolut unverständlich wie es soweit kommen konnte. Gab es Charlie Shaw wirklich? Oder behauptet das nur ein Irrer, der Carter in eine Falle gelockt hat? Carters Schwester Leonie kann sich durchringen zusammen mit Seth auf eigene Faust der Spur nachzugehen. Während sich Hari Kunzrus viel gelobtes White Tears anfangs wie ein klassisches „murder mystery“ oder „whodunit“ anfühlt, ist es zwischendurch dann tatsächlich mehr Mystery. Nachdem Seth und Leonie auf einen Road Trip gehen, verschwimmen die Grenzen und das Buch wird zu einem modernen oder surrealistischen Schauerroman. Das zentrale Motiv von White Tears ist der Neid der privilegierten Weißen auf die Leidensfähigkeit und Musik der Schwarzen. Das ist es auch, was Carter seine eigene Lage regelmäßig überschätzen lässt und dafür sorgt, dass er fiebrig und verzweifelt genug ist, hohe Summen für seinen Sammlerwahn zu bezahlen. Er will die Musik, er würde sie am liebsten selber kreieren können, aber dazu ist er nicht in der Lage. Dieses tiefe Bedürfnis driftet in einen Wahn ab, der auch die Freundschaft Seths und Carters empfindlich durchdringt.

„Ich stürzte mich auf ihn und versuchte, ihn am Hals zu packen. In diesem Moment wollte ich ihn umbringen. Ich wollte sein Aussehen und seinen Charme abkratzen, damit das Skelett aus Geld darunter sichtbar wurde.“ p.29

„Dann brachte der Pilot uns zum Flugzeug und wartete geduldig, bis sie alle ein Foto von sich gemacht hatten und in den sozialen Medien gepostet hatten. Hastags #flyprivate #highlife #goodlife. Mit Sicherheit hatten sie auch Bilder von ihren Uhren und Barrechnungen.“ p.54

Allerdings ist der Ich-Erzähler Seth der Unterdrückung, die people auf color ausgesetzt waren, viel näher. Carter, der immer bekommt, was er will und den alle wegen seines Geldes mögen. Seth wird von allen zurückgewiesen und wie ein niederer Mensch behandelt. Sogar von der Familie seines einzigen Freundes. Von Leonie, in die er verliebt ist. Auch ab und zu von Carter, vor Allem, wenn der gerade high ist. Während Carter „weiße Krokodilstränen“ weint, aber wenigstens eine aufrichtige Liebe zur Musik hat, ist es Seth, der für den Geist Charlie Shaws empfänglich ist. Leid kennt. Ihm nahe ist. Und vielleicht zum Schluss von ihm besessen ist?

„Bei jedem Haus hielten wir an, und ich ging an die Tür und fragte nach Charlie Shaw. Sie schüttelten den Kopf, aber ich spürte, dass er immer näher kam. Und mir war klar, dass er uns kommen hörte.“ p.223

Hari Kunzru hat einen prägnanten „No-bullshit“-Schreibstil. Er verliert keine Zeit, er schreibt klar, er weiß, worüber er schreibt. In White Tears bekommt man einerseits atmosphärisch den Blues, insbesondere den Delta Blues, nahe gebracht, als auch Schallplatten und wie besessen und erfinderisch Sammler vor Jahrzehnten nach ihnen gesucht haben. Er verbindet den Blick in die Vergangenheit mit der Moderne. Weiße, immer noch privilegierte, Instagram-High-Life-Blase, Polizeigewalt. Der irrationale Neid auf eine Geschichte des Leidens, der dafür musikalische, verkannte, vergessene Genies hervorgebracht hat. Kunzru gestaltet Seths Spurensuche und späteren Roadtrip zu einem Gang durch die Hölle. Desto mehr das Geschehen an Seths Bewusstsein nagt und desto näher er Charlie Shaw kommt, desto mehr bedient sich Kunzru eines ich möchte sagen angenehmen stream of consciousness. Man kann dem gelesenen die meiste Zeit folgen und wenn nicht mehr, fällt später der Groschen. Und spätestens dann realisiert der Leser, dass wir mitten in einer Geistergeschichte stecken, die sich aber so bitter und real anfühlt, dass man von Mystery und Schauermär nicht sprechen will. Das ist, wenn der Ich-Erzähler von Polizisten verprügelt wird und etwas gestehen soll und man weiß nicht – ist es Seth? Oder Charlie Shaw? Ist er weiß oder schwarz? Er fragt sich selber: „wenn ich so gleichmütig verprügelt werde, muss ich schwarz sein“, aber er kann nicht erkennen, welche Hautfarbe er eigentlich hat.

Dabei hat doch alles mit Musik angefangen. Aber vielleicht ist Musik Geschichte und beides endet nie.

„Guglielmo Marconi, der Erfinder der Funktechnik, war der Meinung, dass Schallwellen nie ganz verschwinden, dass sie zwar immer schwächer werden, aber bestehen bleiben, ohne dass man sie im Alltagslärm noch wahrnehmen kann. Marconi träumte davon, ein Mikrofon zu erfinden, das stark genug wäre, Klänge aus längst vergangenen Zeiten aufzuspüren.“ p.60

Fazit

Ein lesenswerter Roman, der in keine Schublade zu passen scheint. Fröhlich ist er nicht, soviel steht fest. Aber aufrüttelnd.

„ausgelesen“ ist eine Kategorie meines Blogs, in der ich immer zwischen dem 15. und 20. eines jeden Monats ein Buch unter die Lupe nehme. Der Begriff „ausgelesen“ ist sehr dehnbar. So wie die Themenvielfalt meines Blogs. Ein „Buch unter die Lupe nehmen“ schließt Belletristik, Sachbücher, Manga, Comics unvm mit ein. 🙂