ausgelesen: Stephen King „Erhebung“

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Scott hat ein Problem. Er wird immer leichter. Klingt erstmal toll. So wie als ob sich seine Neujahrs-Vorsätze schon erfüllt hätten. Aber es ist kein Grund zur Freude. Was auch immer mit ihm passiert, geht nicht mit rechten Dingen zu. Seine Wampe verschwindet nicht, er sieht nicht gerade gertenschlank aus. Essen kann er soviel er will. Aber die Waage zeigt von Tag zu Tag weniger. Kaputt ist sie nicht. Auch andere Waagen zeigen nichts „besseres“. Er weiß kaum, was er denken soll. Ist es ein Leiden mit der Schilddrüse? Oder ein anderes gesundheitliches Problem? Sein Arzt bescheinigt ihm Gesundheit. Was, wenn es so weitergeht? Irgendwann kommt er zwangsläufig bei null an. Und dann? Lauert dann der Tod?

Er hat nicht vor diese Zeit der Unsicherheit und des eventuell nahenden Todes damit zu verbringen Wissenschaftler Tests an ihm durchführen zu lassen und vertraut sich Freunden an. Konfrontiert mit dieser besonderen Situation beginnt Scott seine Umwelt anders wahrzunehmen. Die Zeit die er bis zur Stunde null hat, erscheint ihm doppelt kostbar. Besonders nagt das schlechte Verhältnis zu seinen Nachbarinnen Missy und Deirdre an ihm. Das lesbische Paar wohnt nun schon eine Weile in Castle Rock und hat ein Restaurant eröffnet. Bisher hat er es kaum wahrgenommen, aber das Geschäft scheint nicht gut zu laufen. Er schnappt Kommentare auf, die sich gegen das gleichgeschlechtliche Paar richten – und die alles andere als nett sind. Für seine erzkonservative Stadt scheint die Beziehung ein Affront zu sein. Scott macht es sich zur Aufgabe diese Streitigkeiten niederzulegen und seine verbleibende Zeit sinnvoll zu nutzen.

Nimmt man alle Geschichten Stephen Kings zusammen, die in Castle Rock spielen, dann müsste die Stadt eigentlich von sonderbaren Vorkommnissen regelrecht erschüttert sein und eine hohe Wegzugsrate verzeichnen. Stattdessen ist Erhebung aber eine kurzweilige Geschichte, die sich schnell und geschmeidig wegliest. Kein Tausend-Seiten-Türstopper. Und keine Aliens, Monster – es fehlen einige Stereotypen kingscher Romane wie Autoritätsfiguren,die ihr Amt missbrauchen oder Schriftsteller und Lehrer mit Alkoholproblemen. Bei dem reduzierten Ansatz und der Aufgeklärtheit mit der sein Hauptcharakter Scott sein „Gewichtsproblem“ betrachtet, könnte man fast meinen, dass sich Stephen King etwas von Murakami abgeschaut hat. Vom Stil her eher weniger. Etwas hölzern schildert er das Probem Scotts, sodass der Funke gar nicht vollends überspringt. Der Groschen fällt erst sehr viel später.

Dabei nimmt sein Scott sein Schicksal überraschend gefasst und rational an. Denn soviel sei dem potentiellen Leser mit auf den Weg gegeben: eine Lösung von Scotts Dilemma sollte man nicht erwarten. Stattdessen zentriert das Buch tatsächlich seine Bemühungen mit seinem Leben auf eine vernünftige Weise abzuschließen. Da gibt es keine Heulkrämpfe, kein tiefes Loch, sondern nur Scotts „Plan“ mit seinen Nachbarinnen ins Reine zu kommen. Das Problem dabei: das ist etwas wenig und nichtssagend. Es kommt nicht einmal durch, ob es alleine Scotts Pragmatismus ist, weswegen er die Umstände und einen möglichen Tod so gelassen hinnehmen kann. Das Buch lässt die Dichte anderer „slice of life“-iger Stoffe Kings wie Rita Hayworth and Shawshank Redemption (verfilmt zu Die Verurteilten) oder Joyland vermissen. So lässt einen dieser zwar angenehm leicht zu lesende und vom Feeling her sehr lockere King fragend und irgendwie unbefriedigt zurück.

Fazit

Für Fans von „slice of life“ mit einem kleinen Hauch absonderlichem oder surrealem und Leser, die schon immer mal einen Stephen King lesen wollten, der nicht ist wie andere King-Romane

„ausgelesen“ ist eine Kategorie meines Blogs, in der ich immer zwischen dem 15. und 20. eines jeden Monats ein Buch unter die Lupe nehme. Der Begriff „ausgelesen“ ist sehr dehnbar. So wie die Themenvielfalt meines Blogs. Ein „Buch unter die Lupe nehmen“ schließt Belletristik, Sachbücher, Manga, Comics unvm mit ein. 🙂