Serien-Besprechung: „M – Eine Stadt sucht einen Mörder (2019)“ & „True Detectives“ S3

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Krimi-Zeit! Manchmal drängt sich der gemeinsame Nenner zweier Serien förmlich auf. Warum also nicht gemeinsam besprechen? Das Thema ist ein düsteres: Kindermord. Sowohl in dem Remake des Fritz-Lang-Klassikers „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ als auch der dritten Staffel von „True Detectives“ werden Morde an den schwächsten und unschuldigsten der Gesellschaft begangen. Ein Mord, der besonders übel ist, da Kinder ein ganzes Leben vor sich haben und noch gar nicht die Gelegenheit hatten auf ihrem Karma-Konto Kerben zu verursachen. Die beiden Serien könnten aber das grausige Thema kaum unterschiedlicher darstellen. Reviews sind spoilerfrei.

„M – Eine Stadt sucht einen Mörder“

Die österreichische Serie verlegt die Handlung von Fritz-Langs Filmklassiker „M“ aus dem Jahr 1931 von Berlin nach Wien. Kinder verschwinden. Erst die Schneeschmelze fördert die Gräber der gesuchten Mädchen im Grundschulalter zu Tage. Briefe tauchen auf, in denen die Mädchen angeben, dass es ihnen gut geht, da wo sie jetzt sind. Alle möglichen Gestalten des täglichen Lebens wirken plötzlich seltsam. Auffällig. Beispielsweise der Clown, der in den Straßen Wiens Luftballons verkauft. Oder der Mann im Fuchspelzmantel (Udo Kier), der stumm alle möglichen Situationen und Menschen fotografiert oder der bleiche Künstler (Bela B), der mit hellseherischen Fähigkeiten die Kinder aufzuspüren meint. Während sich durch die Tragödie die Eltern der kleinen Elsie (Verena Altenberger, Lars Eidinger) noch mehr entzweien, gerät der Asylbewerber und Bruder der verschwundenen Leyla mit der europäischen Mentalität in Konflikt. Und durch die Gassen Wiens tönt das melodische Pfeifen des Täters, der sein nächstes Opfer sucht.

„M – EINE STADT SUCHT EINEN MÖRDER | A CITY HUNTS A MURDERER | von David Schalko – Official Trailer“, via SuperfilmWien (Youtube)

Das charakteristische Pfeifen ist natürlich wie in der Filmvorlage aus 1931 Edvard Griegs „Peer-Gynt-Suite“ („In der Halle des Bergkönigs“) und wann immer man die Melodie hört, ist klar, dass etwas unheilvolles bevorsteht. Ein Stilmittel, das funktioniert und ab der ersten Folge die Stimmung vorgibt. Es scheint auch selten in der Serie hell zu sein. Meistens sehen wir die Charaktere bei nacht. In den Straßen der Hauptstadt bei spärlicher Beleuchtung oder in den heimischen vier Wänden bei spärlichem, künstlichen Licht. Ein Effekt, der sich fortsetzt. Es wird allgemein zunehmend dunkler im vom Kindermörder „M“ heimgesuchten Wien und in den letzten Episoden scheint es gar kein Licht mehr zu geben. Die bedrückende und schwermütige Stimmung ist aber leider nicht mit Spannung gleichzusetzen. Clever ist zwar wieviele „auffällige“ Personen platziert werden, von denen man sich aufgrund seltsamen oder rätselhaften Verhaltens vorstellen könnte, dass sie die Kindermörder sind. Aber die Spannungsschrauben werden erst ab Episode vier angezogen. Man brauch also Geduld. Stattdessen wirkt die Rätselhaftigkeit und schwermütige Tiefgründigkeit der Charaktere erzwungen und bemüht, wenn auch gut gespielt. Sophie Rois geht in der Rolle als „Die Wilde“ wieder vollkommen auf – denn ja, richtig gelesen: der Untergrundboss wird hier von einer Frau gespielt. Von ihr und den Kindern abgesehen fällt es schwer diesen Haufen an wenig sympathischen Charakteren ernst zu nehmen. Und dass der Asylbewerber, dessen Schwester auch unter den Opfern ist, so gegen die europäische Mentalität hetzt und Frauen verurteilt ist ein gewagter Zug – vielleicht auch nur eine bewusste Trotzreaktion auf das Schlimmerwerden seiner Situation, obwohl er mit der Einwanderung sicherlich große Hoffnungen verband. Trotzdem werden die, die die anfangs am unsympathischsten wirken, letzten Endes unsere Helden.

Mit all dem Schwermut soll das Bild einer Gesellschaft gezeichnet werden, die viel zu sehr mit ihren eigenen Interessen beschäftigt ist, als sich um ihre Kinder zu kümmern. V.A. am Beispiel von Elsies Mutter und Vater demonstriert, bei denen sogar noch das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom eine Rolle spielen wird und vielleicht mehr schockt als die eigentlich ikonische Szene in der „M“ gestellt wird. Dieses Desinteresse wird wunderbar an der Politik (Innenminister, gespielt von Dominik Maringer), Presse (Moritz Bleibtreu, bestes Zitat: „Ich bin immer auf Arbeit“) und dem Verbrecherkartell demonstriert, die alle letzten Endes ihre eigene Agenda verfolgen und bereit sind zu diesem Zweck die Kindermorde zu nutzen. Da spielt Asylpolitik und Missbrauchs-Prävention eine Rolle und auch der wütende Mob, der unschuldige Menschen zu Tätern macht oder als solche brandmarkt. Stark! Aber düster. Vielleicht ist es deswegen auch egal wie die Charaktere heißen. Ihre Rollennamen sind schlicht „Elsies Vater“, „Lehrer“ oder „Der Bonbonverkäufer“. Drecksäcke scheinen sie fast alle zu sein. Oder unglücklich. Trotz des eigentlich wirklichen guten Humors der Serie, hat man also nicht viel zu lachen. Macht das Spaß? Nein. Und das soll es auch nicht. Hier geht es schließlich um Kindermord! Besonders effektiv ist diese Mischung aber nicht, wenn auch mit spannenden Stilmitteln gemacht. Im schlimmsten Fall werden die Stilmittel und die Gesellschaftskritik nicht erkannt und gelangweilt abgeschalten. Autsch. Aber selbst wenn man dieses Gesellschaftsbild erkennt, ist man unterwältigt. Die Hintergrundgeschichte zu „M“ hätte es nicht gebraucht. Ist die Botschaft nicht auch so deutlich? So wirkt das Ende gar nicht mal unbedingt stark.

(7/10)

Sternchen-7

„True Detective“ Season 3

Nachdem die zweite Staffel von True Detective den Hype um die Serie etwas abgekühlt hat, mussten ein paar Jahre vergehen bis es weitergehen konnte. Nun schlüpft Mahershala Ali in die Rolle des „True State Police Detective“ Wayne Hays, der am Fall zweier verschwundener Geschwister ermittelt. Ein Fall, der ihn nicht loslässt und quasi ein Leben lang beschäftigt. Er hat den Vietnam-Veteran mit den Spurensuch-Fähigkeiten bereits einmal in den 80ern kalt erwischt, ruiniert seine Karriere, holt ihn kaum ein Jahrzehnt später wieder ein und dann nochmal als er längst Rentner ist, unter Demenz leidet und in seinem verkümmerten Erinnerungsvermögen nach Antworten und Hinweisen sucht, die er in den zwei vorherigen Ermittlungen übersehen haben könnte. Was ist damals passiert? Und wurde der Fall anders als der Öffentlichkeit mitgeteilt nie vollständig gelöst? Als die Fingerabdrücke des damals verschwundenen Mädchens gefunden werden ist klar, dass die Geschichte noch nicht zu Ende ist.

„True Detective: Season 3 Opening Credits | HBO“, via HBO (Youtube)

Mit dem Sprung durch die drei Zeitebenen bekommt die Ermittlung einen doppelten Boden. Detective Haynes Erinnerungsvermögen und Demenz wird als das Zusammenfügen eines großen Puzzles inszeniert mitsamt falschen Fährten und offenen Enden, die nach und nach verbunden werden. Das Katz-und-Maus-Spiel mit dem Kopf als Gegner ist dadurch umso spannender. Im Cast erkennt man als Serien- und Filmfan einige bekannte Gesichter. Nebenrollen sind beispielsweise mit Scoot McNairy (Halt and Catch Fire) und Mamie Gummer (Mr Robot) besetzt. zweit weitere tragende Rollen spielen neben Ali auch Stephen Dorff als sein Kollege Roland West und Carmen Ejogo als die Ehefrau von Detective Hays, die selbst in dem Fall ermittelt und darüber ein Buch schreibt, dass ihm später zum Verhängnis wird und auch auf der Beziehungsebene des Ehepaares eine wichtige Rolle einnimmt. Ejogo beeindruckt hier als toughe Frau. In der dritten Staffel gelingt der Spagat der Serie wieder exzellent, indem er neben dem Kriminallfall und persönlichen Dilemmata des dementen Ermittlers und den Spuren seiner Vergangenheit auch das Thema des Alltagsrassismus angeschnitten wird. Insgesamt eine vielleicht fast perfekte Staffel mit einem der besten Serien-Openings, die ich dieses Jahr gesehen habe. Die Makel liegen in den Entscheidungen, die die True Detectives treffen und dem über längere Etappen eher unverständlichen Ehekonflikten des Paares Hays. Insgesamt aber eine wirklich gute und packende Serienstaffel, die der True-Detective-Anthologie wieder Aufwind gibt. Die letzte Folge war extrem stark und aufwühlend.

(8/10)

Sternchen-8

„M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ gibt es übrigens nur auf TV NOW, dem Streaming-Ableger des RTL Konzerns, der auch sein früheres Kind Watchbox geschluckt hat. Und leider kann man es nur als Premium-Nutzer streamen, d.h. man muss zahlen oder den kostenlosen Probemonat nutzen. Bei den 6 Folgen der kurzweiligen Serie kann man das schaffen. Habt ihr die beiden Serien schon gesehen? Wie findet ihr es überhaupt, dass „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ die Serien-Behandlung bekommen hat? Ich finde den Film eigentlich immer noch ganz anschaubar und sehr sehr atmosphärisch und habe nicht den Eindruck, dass man dem Thema viel hinzufügen kann.