Das gehörte Wort … „Homo faber“ von Max Frisch – Hörbuch-Besprechung

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Um Hörbücher und mich war es in letzter Zeit etwas ruhig. Das heißt nicht, dass ich keine gehört habe. Ich habe nur mit einer Reihe angefangen (Harry Potter, gelesen von Rufus Beck). Als ich aus der Mal ausbrechen und andere Eindrücke gewinnen wollte, kam mir die Besprechung des Hörbuchs „Homo faber“ aus dem Hörverlag auf meinem Lieblings-Literaturpodcast (Die Literaturagenten) sehr recht. Und das war wegen seiner sehnsüchtigen, melancholischen, nachdenklichen Stimmung ein Volltreffer.

Walter Faber ist Ingenieur und arbeitet für die UNESCO. Er beaufsichtigt oder plant beispielsweise Montagen im Zuge von Hilfsmaßnahmen und reist daher viel. Der Zuhörer bzw Leser lernt ihn kennen als er gerade an Bord einer Super Constellation (viermotorige Propellermaschine) auf dem Weg nach Venezuela sitzt. Es geht ihm nicht gut, alles befremdet ihn – vor Allem sein geschwätziger Sitznachbar. Aber es kommt noch schlimmer: das Flugzeug stürzt ab. Das Ereignis ist nur der Anfang einer Reihe von schicksalhaften Begegnungen und Zufällen, die Walter Fabers bisher geordnetes Leben aus den Bahnen werfen.

Bis dato lebte er in New York in einer Affäre mit einer verheirateten Frau, machte täglich seine Arbeit, nahm sich selten eine Auszeit und v.A. dachte er wenig über seine Vergangenheit nach. Oder über die Menschen, die darin eine Rolle spielten. Dann aber offenbart sich sein Sitznachbar im Flugzeug als der Bruder seines besten Freundes während der Studienzeit. Derselbe beste Freund, der später Hanna heiratete. Hanna, die große Liebe Fabers. Und plötzlich bricht Walter aus, er sagt seine Dienstreise ab und geht mit seinem Sitznachbar und sucht seinen ehemaligen besten Freund.

Und das ist noch lange nicht alles. Walter Fabers Reise führt uns nicht nur nach Südamerika, sondern auch in die Wahl-Heimat Fabers, New York und auf einen Roadtrip nach Paris und Griechenland. Nachdem Faber mit dem Flugzeug so seine Erfahrungen gemacht hat, versucht er es stattdessen mal mit dem Schiff und später gar mit dem Auto. Und dieses Weltenbummeln macht durch das gekonnt inszenierte Hörbuch Fernweh. Aber es ist auch nicht das klassische Feelgood-Urlaubs-Hörbuch – die Warnung sei explizit ausgesprochen. Denn Walter Faber sieht dem Tod ins Auge. Von den ersten Minuten an gibt es Andeutungen, die sich später bewahrheiten werden. Er gesteht es sich noch nicht ein, aber er ist todkrank.

Die schicksalhaften Zufälle, in die er hineinläuft, machen ihn nicht stutzig. Schicksal gäbe es nicht. Das Leben ist das Leben. Alles ist rational erklärbar. In dieser entzauberten Welt hat Faber auch ein entsprechend entzaubertes Weltbild von Beziehungen , weswegen seine Denke und sein Menschenbild im Laufe der Handlung als „Homo faber“ zusammengefasst wird. Ein Mensch, der die Welt um ihn herum so rational zerdenkt, dass er sich jedes Glück, jeden Zufall, alles schicksalhafte oder wunderbare in Rationalität wegdiskutiert. Allem, was nach Problemen oder unangenehm aufgeladenen emotionalen Konfrontationen aussieht, geht Walter Faber schon fast amoralisch aus dem Weg. Es ist beispielsweise regelrecht unangenehm wie er sich davor drückt seiner Affäre Ivy zu sagen, dass es aus ist. Eine bittere Parallele zu seiner Vergangenheit.

Würde Matthias Brandt Walter nicht so melancholisch und charmant sprechen, dann würde man diesen „Homo faber“ glatt für ein Arschloch halten. Stattdessen macht er und die Inszenierung das Dilemma des „Homo faber“ greifbar und verständlich. Er ist ein entzauberten Mann in einer Welt, die noch ein bisschen Schicksal und Zufall in petto hat. Walter Faber wird im Zuge dieser Reise noch mit alter und neuer Liebe konfrontiert – mit etwas, dass er so nicht erwartet hatte. Trotzdem hält er eisern an der Erklärbarkeit der Welt und Rationalität fest. Bis sich das schicksalhafte nicht mehr leugnen lässt.

Neben Brandt ist das Hörspiel außerdem mit anderen starken Stimmen besiedelt. Eva Mattes hat als resolute Hanna begeistert, die einen klaren, feministischen Standpunkt hat und mich sehr beeindruckt. Ähnlich wie die impulsive Ivy (Valery Tscheplanowa) und die junge und idealistische Sabeth (Paula Beer), in die sich „Homo faber“ während einer Schiffsreise verliebt, haben sie alle ihn und sein Dilemma besser verstanden als er selbst. Und die starken, impulsiven, mal zarten Frauenstimmen transportieren das wunderbar.

Homo faber ist ein Roman des Schweizer Schriftstellers Max Frisch, der eine angenehme Note von Sinnsuche und Schwere hat. Unterstrichen durch die jazzigen Töne der HR Bigband fängt es die Melancholie des Stoffs perfekt ein. Das (Hör)Buch stellt die Gegensätze im Leben nebeneinander: Leben und Tod, Vergangenheit und Gegenwart, Rationalität und Schicksalhaftigkeit, Walter Fabers Abgeklärtheit und die unglaublichen Zufälle. Er versucht vieles mit Wahrscheinlichkeiten und Statistiken zu erklären, aber die Begegnungen, die er macht, sind so unwahrscheinlich, dass es zum Staunen bringt. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass sein Flugzeug abstürzt? Dass sein Sitznachbar der Bruder seines besten Freundes ist? Und es gibt noch viele mehr, die Faber deutlich zu verstehen geben, dass das Leben mehr zu bieten hat als Rationalität und prozentuale Wahrscheinlichkeiten, dass man das aber zulassen muss. Bevor es zu spät ist.

Wow, das Hörspiel hat mich wirklich umgehauen. Ich habe selten erlebt, dass die Atmosphäre so gut durch Soundkulisse und eigene Kompositionen untermalt wird. Da steckt viel Liebe zum Detail und Arbeit drin. Alleine die Töne mit denen die unterschiedlichen Orte ausstaffiert werden. Wirklich gut! Mit der Szene des Flugzeugabsturzes ist es übrigens nicht so ganz das richtige für Menschen, die Flugangst haben – hier ist eine kleine Warnung angebracht. 😉 Das Hörbuch hat mir so gut gefallen, dass ich dem Hörverlag vertraute mir James Joyces „Ulysses“ auch noch zu erklären und nahe zu bringen. Wenn man die Meinungen da draußen in Betracht zieht, scheint das eine Mammutaufgabe zu sein. Ich bin gespannt!