ausgelesen: Lawrence Block „Nighthawks – Stories nach Gemälden von Edward Hopper“

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Edward Hopper ist ein amerikanischer Maler des Realismus, der von 1882 bis 1967 lebte. Seine Bilder zeigen oft städtische Motive, die von der Einsamkeit des Menschen in Gesellschaft vieler anderer Menschen handeln. Nachdenkliche Gestalten, die in Straßenzügen, Cafés oder Räumen verweilen, die von einem dezenten Lichtspiel durchzogen sind – so fühlt sich Hopper an. Eins seiner bekanntesten Gemälde ist „Nighthawks“ („Nachtfalken“), das eine Gruppe von Menschen zeigt, die in einer Bar oder einem amerikanischen Diner sitzen. Es ist offensichtlich Nacht – die Straße ist verlassen, nur die Drei und der Kellner scheinen wach zu sein. Der Betrachter ist ein verschwiegener, stiller Beobachter der „Nachtfalken“. Es ist mein Lieblingsbild Hoppers und ich bin seinem Realismus sehr zugetan. Daher war ich auf den Kurzgeschichtenband des Herausgebers Lawrence Block sehr gespannt, in dem jede Geschichte an ein Bild Hoppers angelehnt ist. Unter den Autoren der Kurzgeschichten sind bekannte Namen wie Joyce Carol Oates, Lee Child, Stephen King und Michael Connelly.

Die Aufmachung des Bandes ist schick: die Hardcover-Ausgabe kommt mit einem Schutzumschlag, der das titelgebende Gemälde in Szene setzt. Nach dem obligatorischen Inhaltsverzeichnis und einem Vorwort des Herausgebers (der übrigens auch eine Kurzgeschichte beigesteuert hat), folgen die Erzählungen. Jeweils mit einer kurzen Einführung in Form des Gemäldes, das Pate stand und einem kurzen Absatz über das Werk der jeweiligen Autoren. Manche der Absätze lesen sich wie Werbetexte und Aneinanderreihungen von Preisen. Andere sind kurz, knapp und bemüht persönlich. Unter Umständen von den Autoren selber verfasst. Wie man es aber oft in Kurzgeschichtensammlungen vorfindet, könnten die Geschichten kaum von unterschiedlicherer Qualität sein. Der unterschiedliche Stil der Autoren und die individuelle Herangehensweise wird jedem Leser andere Favoriten und Talfahrten abringen.

„Es gibt immer eine Geschichte. Malen heißt Geschichten erzählen. […]“ p. 103 „Nachtfalken“ von Michael Connelly

Manche Autoren machen komplett ihr „Ding“ wie Michael Connelly, der den Held seiner bekanntesten Buchreihe (die Harry-Bosch-Romane, ja genau – die zu denen es auch eine Fernsehserie gibt) auf nichts geringeres als die „Nighthawks“ treffen lässt. Andere schreiben zwar eine „neue“ Geschichte und neue Charaktere, bleiben aber sich selber treu. So beispielsweise Stephen King, der ein menschlich-brutales Szenario kreiert oder auch Lee Childs, der natürlich das FBI in die Geschichte zum Gemälde schreibt. Wieder andere scheinen ganz und gar den Geist von Edward Hoppers Gemälden einzufangen. Oder ihre Interpretation dessen. So fühlen sich die meisten Geschichten sehr „noir“ an. Handeln von Zerwürfnissen, ungesunden Beziehungen; großen Träumen, die sich nie erfüllten und Einsamkeit. Manche augenzwinkernd, manche melodramatisch, manche unausgegoren.

Leider scheitern einige Autoren an dem Format der Kurzgeschichte. Ihre Erzählungen fühlen sich nicht „rund“ an oder wirken so als ob sie ihre eigene Pointe verfehlt hätten. Megan Abbotts Burlesque erzählt beispielsweise eine solche Geschichte. Die Handlung um eine Ehefrau, die wieder mehr Würze in ihre Ehe bringen will, indem sie sich von ihrem Mann nackt malen lässt ist einfach zu durchschauen und wirkt wenig empathisch erzählt. Die Geschichte von Caroline von Jill D. Block hat eine rührende Prämisse, endet aber abrupt, voreilig und „zu einfach“. Den Vogel schießt Gail Levin ab. Die Professorin und Kuratorin macht sich zur Heldin der wahren Geschichte(?) wie sie einem Betrüger das Handwerk gelegt hat, der sich Hopper-Gemälde erschlichen hat. Die zu nüchterne Erzählung gleitet in Selbstbeweihräucherung ab und hat wenig Spannungspotential.

Obwohl Michael Connelly sich nicht von seinem großen Romanhelden Bosch lösen konnte und ihn in seinem Beitrag auftreten lässt, ist seine Kurzgeschichte Nachtfalken eine der stimmungsvollsten. Neben den soliden, noirigen Geschichten gibt es auch einige Ausreißer, die durch Originalität bestechen. Nicholas Christophers Zimmer am Meer beschreibt Edward Hoppers einziges surrealistisch angehauchtes Gemälde und drapiert drumherum eine baskische Familiengeschichte mit einem Hauch Fantasy. Wenn man den Dreizack-Kitsch ignoriert, ist es mal herrlich anders. Einen anderen Ton schlägt Craig Ferguson in seiner Kurzgeschichte zu „South Truro Church“ an. Sie ist wunderbar melancholisch und brilliert mit einem dezenten Humor. Der Inhalt: zwei alte Kerle, einer davon todkrank, Erinnerungen an seine Frau, Elvis Presley und ein Wal. Sehr angenehm ist Warren Moores Wahl des Hauptcharakters für seine Geschichte Abends im Büro: es ist nicht der Mann im Bild „Office at Night“, sondern die Frau, die er sich ausgesucht hat. Peggys Geschichte berührt, obwohl sie sehr bodenständig und „bekannt“ ist. Ein Mädchen geht voller Hoffnungen vom Land in die große Stadt – und stirbt bevor ihre Geschichte richtig anfängt. Aber die Erzählung geht weiter.

„[…] Die Stadt war zu klein, als dass sie jemand anders hätte sein können. Sie musste irgendwo hinziehen, wo das möglich war.“ p. 199 „Abends im Büro“ von Warren Moore

Die Geschichte des Herausgebers Lawrence Block, Herbst im Automatenrestaurant, ist ein sympathisches und kurzes Stück über eine Hochstaplerin. Jonathan Santlofers Erzählung zu Hoppers „Night Windows“ macht wieder Lust auf Thriller und aus der Gejagten eine Jägerin. Die Idee von Hopper-Fan Lawrence Block Kurzgeschichten zu Gemälden des Künstlers beisteuern zu lassen und in einem Buch zu sammeln ist große klasse. Es entsteht eine ganz eigene Synergie durch die unterschiedlichen Herangehensweisen. Manche Autoren machen das Bild zu einem Gegenstand der Erzählung, manche schildern die Geschichte, die zu der „Szene“ im Gemälde geführt hat. Leider ist das aber auch gleichzeitig Fluch und Segen. Man bekommt zwar mit jeder Geschichte einen Neustart, aber man muss sich darauf einlassen können. Insbesondere die erste Hälfte der Sammlung hatte zumindest für mich zuviele unausgegorene Geschichten, denen es an etwas fehlt. Dichte, Pointe, Tiefe. Die zweite Hälfte war abwechslungsreicher und kohärenter erzählt. Kurzgeschichtenbände sind eh in der Regel durchwachsen – es überzeugen selten alle. Der Leser muss die Bereitschaft haben ein bisschen Zeit und Geduld zu investieren, falls der erste Eindruck so ernüchternd ausfällt wie meiner. Die hochwertige Aufmachung tröstet über den durchwachsenen Inhalt hinweg. Die wissen schon, warum 🙂

Wer sich wie ich ähnlich schwer mit Kurzgeschichtensammlungen tut, dem gebe ich zumindest noch ein „Pro“ zwischen dem „Contra“ mit auf den Weg. Kurzgeschichtenbände sind eine gute Gelegenheit Autoren kennenzulernen. Joyce Carol Oates Geschichte über die Ausweglosigkeit und Abhängigkeit in einer Affäre hat mich beispielsweise sehr beeindruckt und dazu gebracht über die Autorin zu recherchieren, die inzwischen meine To-Read-Liste schwer verlängert hat.

Fazit

Sehr durchwachsene Kurzgeschichtensammlung. Für Fans von „Noir“ mit Geduld.

Besprochene Ausgabe: ISBN 978-3-426-28164-2, Droemer

„ausgelesen“ ist eine Kategorie meines Blogs, in der ich immer zwischen dem 15. und 20. eines jeden Monats ein Buch unter die Lupe nehme. Der Begriff „ausgelesen“ ist sehr dehnbar. So wie die Themenvielfalt meines Blogs. Ein „Buch unter die Lupe nehmen“ schließt Belletristik, Sachbücher, Manga, Comics unvm mit ein. 🙂