ausgelesen: Kazuo Ishiguro „An Artist of the Floating World“

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Wenn es darum geht ein Buch zusammenzufassen oder zu erzählen wie einem ein Buch gefallen hat, gibt es ja immer mal diesen nervösen Aufschrei einiger Leser: „Da ist irgendwie gar nichts passiert“. Kennt ihr das? Und folgt meist einem „Das Buch hat mir nicht gefallen, weil …“. Wir haben das beispielsweise im Buchclub ab und zu. Oder mir begegnet das im Gespräch mit Arbeitskollegen. Über die Aussage wundere ich mich jedes Mal sehr, da es quasi kaum ein Buch gibt, von dem ich behaupten würde, dass dort rein gar nichts passieren würde. Für mein Empfinden passiert immer was. Selbst, wenn es ein sehr introspektives, ruhiges Buch ist und nicht pausenlos irgendwas explodiert oder jemand abgemurkst wird. Tatsächlich habe ich beim Lesen von Ishiguros An Artist of the Floating World das erste Mal den Satz nachvollziehen können.

Der Protagonist und Erzähler von An Artist of the Floating World ist der Maler Masuji Ono, der sich wie sein Land Japan in den Nachkriegsjahren vom zweiten Weltkrieg zu erholen und neu zu orientieren versucht. Er ist inzwischen im Ruhestand, malt nicht mehr und versucht seine jüngere Tochter Noriko zu verheiraten. Ein erster Heiratskandidat war vor Kurzem abgesprungen. Seine ältere und bereits verheiratete Tochter Setsuko und auch einige Sticheleien Norikos deuten an, dass Ono besser einige Vorkehrungen treffen sollte, damit die zweite arrangierte Ehe gelingt. Nach und nach erahnt der emeritierte Maler, dass man ihm und seiner Vergangenheit die Schuld daran gibt, dass die Ehe nicht zustande kam. Ono denkt zurück an seinen Werdegang als Maler, seine Lehrjahre, die Begegnungen seiner Vergangenheit und reflektiert was zutun ist.

„‚I was very young when I prepared those prints. I suspect the reason I couldn’t celebrate the floating world was that I couldn’t bring myself to believe in it’s worth. Young men are often guilt-ridden about pleasure, and I suppose I was no different. I suppose I thought that to pass away one’s time in such places, to spend one’s skills celebrating things so intangible and transient, I suppose I thought it all rather wasteful, all rather decadent. It’s hard to appreciate the beauty of a world when one doubts its very validity.“ p. 150

Ono ist ein Zeitreisender – so wie wir das alle sind, wenn wir Erinnerungen nachhängen. Sieht er etwas vor sich, zieht er den Vergleich zu dem was mal gewesen ist. Er erzählt Geschichten davon wie er zu seinem traditionellen und großen Haus kam, wie die Stadt früher ausgesehen hat und welche Kneipen inzwischen geschlossen haben. Was im Krieg zerbombt und welche Familien besonders schwer geschlagen wurden. Im nächsten Moment spielt er mit seinem Enkelsohn, lernt (gezwungenermaßen) das eine und andere über amerikanische Cartoon-Helden und bezweifelt die Neigung Nachkrieg-Japans sich wie ein Lehrling den Weisen des amerikanischen Vorbilds anzupassen. Die Welt hört nicht auf sich zu drehen, woran sich Onos wie viele seiner Mitmenschen erst noch gewöhnen muss. Der einstige Patriotismus und die Überzeugung von der eigenen überlegenen Vormachtstellung hat viele das Leben gekostet. Künstler wie Ono, die einst Plakate malten, die Japans Kriegseinsatz anpriesen und patriotisches Gedankengut verbreiteten, wird inzwischen mit Feindseligkeit begegnet. Bist nicht auch du daran schuld, das tausende in den Krieg zogen und starben? Aber sie üben ihre Kritik auf die japanische Weise. Mit gut gewählten nie zu hart klingenden Worten, aber vielem, das zwischen den Zeilen mitschwingt. Und so zieht es sich auch hin bis der Leser erfährt was Ono genau getan hat. Bis dahin gibt es einige Andeutungen, Dialoge und Rückblicke, die stets ein schöner, aber auch zögerlicher Tanz um die Wahrheit sind. Und das sicherlich genauso beabsichtigt.

Vielleicht ist es die japanische Höflichkeit das unangenehme nicht so direkt anzusprechen, vor Allem wenn es mit Schuld und Konsequenzen verbunden ist. Gerade, wenn es sich um eine angesehene Person wie den Maler handelt. Dann kommt noch dessen Schwelgen in Erinnerungen hinzu und der Konflikt vom Wandel der Zeit, West meets East, Nachkriegs-Ressourcenknappheit und das langsame Heilen von Phantomschmerzen. Und auch die Erinnerung Onos ist nicht mehr so besonders gut. Er scheint mit uns als Leser auf Augenhöhe zu reden und adressiert uns direkt. Aber er ist ein unzuverlässiger Erzähler. Nicht selten sagt er selber, dass sich die Dinge so oder so ähnlich zugetragen haben müssen oder dass er sich nicht mehr an den genauen Wortlaut erinnert. Sind die Dinge also so passiert wie er sagt, oder nicht? Da er der einzige Erzähler ist, werden wir das im Kosmos von An Artist of the Floating World nicht erfahren. Interessant ist, dass er dabei sehr ambivalent dargestellt wird. Einerseits als Ehrenperson, dessen Meinung nicht in Frage gestellt werden darf, andererseits als eben dieser gealterte Maler, dessen Erinnerung nicht mehr taufrisch ist. Vielleicht ist nicht alles so passiert wie er es in Erinnerung hat. Seine Schuld scheint aber real zu sein.

„The songs Mr Naguchi composed had become very famous, not just in the city, but all over japan. They were sung on the radio and in the bars. And the likes of your Uncle Kenji sang them when they were marching or before a battle. And after the war, Mr Naguchi thought his songs had been – well – a sort of mistake. […] And he felt he should apologize. […] I think that’s why he killed himself.“ p. 155

„‚Bad paintings make bad smoke,‘ he said with a grin, beating the air about his face.“ p. 184

Obwohl Kazuo Ishiguro im Kindesalter mit seinen Eltern nach Großbritannien migrierte und nicht lange in Japan lebte, schreibt er aus seiner japanischen DNA heraus über eben diese japanischen Werte. Er zeichnet ein glaubhaftes Bild der japanischen Mentalitäten und dem Umgang mit Verantwortung und Schuld in der Nachkriegszeit. Aber es ist nicht alles nur Schuld und Reflektion. Für comic relief sorgen die Episoden Onos mit seinem neunmalklugen Enkel, entlarven aber auch wie Ono versucht ein altes, pariarchalisches Gesellschaftsbild in den jungen Geist einzuimpfen ohne sich dessen bewusst zu sein. Frauen würden nicht viel Sake vertragen, nicht stark sein und sich vor gruseligen Filmen fürchten. Ono ist vielleicht kein Artist of the Floating World mehr, aber Ishiguro macht deutlich, dass er in anderen Belangen von der Zeit dennoch überholt wurde. Ohne sich dessen bewusst zu sein wie „alt“ seine Denke ist. Ein anderes Beispiel dafür sind die Gebaren der japanischen Tradition des Omiai, der arrangierten Ehe – hier aber bitte nicht an Zwangsehe denken. Man muss sich schon mögen. Nur das beschnuppern läuft anders ab. Man stelle sich vor: ein erstes Date bei dem die halbe Familie dabei ist? Bei der arrangierten Ehe offenbar nichts ungewöhnliches.

Ein anderer beeindruckender Einblick in das japanische Wertesystem, den Ishiguros Buch gewährt ist der in die Lehrjahre der Künstler. Das hohe Ansehen und die Verehrung des Sensei, des Lehrmeisters, ist so klar strukturiert, wird vehement gelebt und verteidigt, erfordert andererseits aber auch hohe Anstrengungen und manchmal auch Verluste. Und da kommen wir auch zu einem weiteren großen Motiv des Buchs: der Wandel zum Neuen. Ono gab einst auf ein „Artist of the Floating World“ sein zu wollen. Diese fließende Welt des Schönen ist die der Geisha, der Schönheit, der rauschhaften Nächte bei Sake im gedämpften Laternenlicht. Ono wollte etwas anderes, etwas realeres als diese schönen, aber inhaltslosen Ukiyo-e. Und wurde von der Realität eingeholt. Als Leser muss man sich selber kennen, ob man der gedehnten Spurensuche in Onos Vergangenheit standhält. Für ungeübte Leser, die mit der japanischen Mentalität nicht vertraut sind, kann es zu zögerlich wirken, zu trocken und zu langatmig. Ansonsten ist Ishiguros An Artist of the Floating World eine imponierend konstruierte Geschichte von Schuld inmitten einer Mentalität, die Schuld schwer richtet und im krassen Gegensatz dazu das Leben im Japan Mitte des 20. Jahrhunderts auf elegante Weise erzählt.

„‚My conscience, Sensei, tells me I cannot remain forever an artist of the floating world.'“ p. 180

„[…] but their kind will never know the sort of happiness I felt that day. For their kind do not know what it is to risk everything in the endeavour to rise above the mediocre.“ p. 204

Fazit

Sehr ruhige Lektüre, die viel zwischen den Zeilen erzählt und einiges an Interpretation und Hinterfragen erfordert

Besprochene Ausgabe: ISBN 978-0-571-20913-2, faber and faber (englichsprachige Ausgabe)

„ausgelesen“ ist eine Kategorie meines Blogs, in der ich immer zwischen dem 15. und 20. eines jeden Monats ein Buch unter die Lupe nehme. Der Begriff „ausgelesen“ ist sehr dehnbar. So wie die Themenvielfalt meines Blogs. Ein „Buch unter die Lupe nehmen“ schließt Belletristik, Sachbücher, Manga, Comics unvm mit ein. 🙂