ausgelesen: Henrik Siebold „Inspektor Takeda und die Toten von Altona“

Als ich erst vor ca zwei Wochen für einen Kurzurlaub nach Hamburg fuhr, durfte ein Buch mit, dass in der Hansestadt spielt. Inspektor Takeda und die Toten von Altona tauchte zufällig in meiner Goodreads-Timeline auf. Der Schauplatz bediente meine „romantische“ Vorstellung ein Buch über eine Stadt zu lesen, während in durch die Straßen genau dieser wandele. Dann punktete der Klappentext noch mit der Hauptfigur des Saxophon spielenden japanischen Ermittlers. Für mich als (jetzt gerade, kein Scherz) Saxophon lernende Japanophile umso mehr Argumente. Krimi und Thriller waren v.A. in meiner Teenager- und Studentenzeit meine vorrangige Lektüre. Trotz idealer Voraussetzungen wollte es aber in der Summe der Teile nicht so recht klappen mit Inspektor Takeda und mir.

Kenjiro Takeda ist ein japanischer Polizeiermittler, der sich in seinem Leben nicht mehr zuhause fühlt. Der Mittvierziger hat sich gerade scheiden lassen. Arbeit und Umfeld schaffen es aber nicht ihn davon abzulenken, dass sein Leben anders verläuft als von ihm selber angedacht. Der Druck durch die eigene Familie kommt noch hinzu. Das Austauschprogramm seiner Polizeidienststelle mit der in Hamburg kommt ihm da gerade recht. Dank vorhandener Deutschkenntnisse (wie günstig! was für ein Zufall!) setzt er nach Hamburg über und unterstützt dort die Ermittlerin Claudia Harms. Anfangs haben beide so ihre Vorbehalte. Ken unterstellt den Deutschen altbackene Konformisten zu sein und Claudia hat aus ihrem Seminar darüber wie Japaner seien mitgenommen, dass sie es nie so meinen wie sie sagen und Humor? Ganz schwierig. Nach anfänglichen Unsicherheiten verstehen sich beide aber durchaus und ermitteln gemeinsam in dem Fall eines Doppel-Selbstmords, der keiner ist.

Wenn es eins gibt, das wohl auf dem Markt in Tatort-Land und überhaupt  ausgeschöpft ist, dann wohl die vielen Gangarten des „besonderen“ Polizeikrimis. Da gibt es zum Einen das Mentalisten- oder Sherlock-Szenario, in dem ein Fachfremder Spezialist die Polizei unterstützt und seine Schrullen sorgen bei Leser und Zuschauer für die nötige Würze oder Comic Relief. Oder dann gibt es da häufig noch einfach andere Ermittler mit ungewöhnlichen Merkmalen wie Professor T und seinen Reinlichkeitszwang, autistische Züge oder Culture Clash à la Wasabi – ein Bulle in Japan: es war alles schon mal in zahlreichen Spielarten da. Der japanische Ermittler soll hier wohl für einen Hauch Exotik sorgen. Von einem alten Samurai-Geschlecht stammt er ab, teure Anzüge trägt er. Passend dazu: Claudia Harms, ein weiteres Cool-Girl der jüngeren Geschichte. Sie frisst und säuft wie ein Loch, aber sieht blendend aus. Beziehungen? Nein danke, das ist nichts für sie. Coole, männliche, kumpelhafte Eigenschaften auf eine schöne Frau zu transportieren, hat aber nicht gereicht um sie vom weiblichen Hauptcharakter zu einem zu machen, der auch auf den Titel darf. Obwohl der Krimi beiden Ermittlern gleichermaßen Raum gibt, darf nur Takeda Titelfigur sein. Warum nicht einfach lassen? Der Exotik wegen? Es ist recht früh klar, dass das Buch eingetretenen Mustern folgt. Trotz Allem wird der Autor es nicht müde, diese formelhaften Elemente auch noch des Öfteren zu wiederholen („Der Inspektor vergaß oft selbst, dass er aus einem sehr alten und ruhmreichen Geschlecht stammte, das sich über zahllose Generationen der Vergangenheit verfolgen ließ.“ p.334).

Hinter dem Pseudonym Henrik Siebold verbirgt sich der Journalist Daniel Bielenstein. Dass er sich auf das Japanische versteht, wird deutlich und ist nachlesbar. Er lässt Takeda zwar frappierend gut und selten mit Missverständnissen Deutsch sprechen, aber er flechtet immer mal wieder den japanischen Dialekt ein, der sich aus der Silbenschrift ergibt. Claudia wird zu Kuraudia. Das sorgt schon eher für Atmosphäre und lässt Takedas Tonspur in den Köpfen der Leser entstehen. Auch die Eigenheiten der Teezeremonie, einem Gebiet auf dem ich mich dann auch nicht mehr tiefergehend auskenne, findet man als Leser bei Takeda wieder. Haiku werden erwähnt und Kanji finden Verwendung. Es gibt die einen oder anderen Momente in denen man die fernöstliche Denke und ich möchte gar sagen Poesie in Takedas Gedanken aufschnappt. Ab und zu macht es aber den Anschein von reinem Namedropping, wenn beispielsweise Takeda nach einer durchzechten Nacht Kopfschmerzen hat und es heißt, dass er sich fühle als würde ein Shinkansen durch seinen Kopf fahren. Oder auch wenn Stereotypen eingeflochten werden wie die, dass Japaner ausländischer Medizin nicht recht trauen und lieber ihre eigene nehmen. Passagen der art wirken doch allzu stereotyp und zu einfach gestrickt. An anderen zu gewollt cool. Unser Mann aus Japan tritt seinen Dienst in teuren Issey Miyake Anzügen an. Wenn’s hilft?

Dabei bleibt es nicht alleinig – Internationalität ist in vielerlei Hinsicht Gegenstand des Buches. Das wagt sich gleich im ersten von bisher insgesamt vier Büchern an die ganz großen Themen wie Rechts- und Linksradikalität, Nazis, Ehrenmorde und dem Culture Clash zwischen türkischen Familien und altdeutschen Wutbürgern mit unter der Oberfläche schlummerndem Fremdenhass. Aktueller könnten die Themen nicht sein. In unseren Hinterköpfen schlummert da doch noch der Fall der NSU-Morde. Darauf wird auch eingegangen, ebenso wie auf den ebenfalls sehr realen Ehrenmord-Prozess um die Familie Obeidi. Einerseits traut sich Siebold viel, wenn er die Stimmungen der immigrierten Familien und ihrer in Deutschland aufgewachsenen Kinder thematisiert, die sich ausgegrenzt und von der Polizei missachtet und vorverurteilt fühlen. Wenn aber dann Inspektor Takeda als feine, kulturelle Unterschiede feststellt, dass sich Deutsche gern beschweren, aber trotzdem tadellos ihre Arbeit verrichten und es sogar noch schaffen sich auf dem Flur bei einem Kaffee zu unterhalten, dann liest sich das eben doch etwas zu fade.

Mal abgesehen von oben genannten Stimmungsbildern von ursprünglich mal immigrierten Familien gibt es wenig Reibungspotential. Selbst die angedeuteten radikalen Gemüter sind erstmal nur im Biergarten radikal. Takeda ist cool und steht mit Miyake-Anzug und wehendem Haar in der Landschaft rum. Claudia ist das tausendste „Cool Girl“ der Literaturgeschichte. Der Fall ist ein bisschen einfach. Die Muster kennt man auswendig. Um relevant zu sein, sind die Zutaten da, aber die Spannung fehlt. Es wäre auch ok gewesen den Deutschen etwas mehr den Spiegel vorzuhalten. Ähnlich ist die schöne Aneinanderreihung der Ereignisse, die als solches kaum bezeichnet werden können. Claudia befragt jemanden, der dem Opfer nahe stand. Takeda ebenso. Dann wieder Claudia. Und dann? Genau, dann wieder Takeda. Und von vorn. Es gibt wenige Lichtblicke, die aus Recherche oder Zwischenfällen bestehen. Vielleicht habe ich schon zuviele Krimis und Psychothriller gelesen und bin mit meinem sonstigen Literaturgeschmack simpel nicht die Zielgruppe, denn hier plätschert es mir einfach zuviel vor sich hin. Siebold/Bielensteins Schreibstil und Konstrukt ist damit insgesamt solide und:

Fazit

funktioniert eventuell besser, wenn man eben nicht ein großer Japanfan ist und noch nicht viele Krimis konsumiert hat

Besprochene Ausgabe: ISBN 978-3-7466-3213-1, Aufbau Verlag

„ausgelesen“ ist eine Kategorie meines Blogs, in der ich immer zwischen dem 15. und 20. eines jeden Monats ein Buch unter die Lupe nehme. Der Begriff „ausgelesen“ ist sehr dehnbar. So wie die Themenvielfalt meines Blogs. Ein „Buch unter die Lupe nehmen“ schließt Belletristik, Sachbücher, Manga, Comics unvm mit ein. 🙂

2 Antworten

  1. Puh, das entspricht so ziemlich dem, was ich vermutet hatte. Mir ist das Buch immer mal wieder begegnet. Beim Titel war ich anfangs auch neugierig (yeah, ein japanischer Ermittler!), aber als ich sah, woher der Autor stammt, hatte ich direkt Zweifel. Ein deutscher Autor, der aus Sicht eines Japaner schreiben möchte? Das klang für mich zu gewollt und zu sehr nach einem Versuch, der nicht gut gehen kann, auch wegen dem von dir erwähnten Punkt, dass es einfach nur „exotisch“ wirken soll. Dahingehend hast du mich bestätigt.
    Dann doch lieber bei Krimis japanischstämmiger Autor*innen bleiben.

    1. Avatar von Miss Booleana
      Miss Booleana

      Fairerweise muss man sagen, dass Daniel Bielenstein in Japan zur Welt gekommen bzw aufgewachsen ist und laut eigener Aussage immer mal wieder da ist. Also der wird schon mehr als beispielsweise ich über Japan wissen. Aber er scheint eben für eine Zielgruppe zu schreiben, die das exotisch findet und nicht viel über Japan weiß und die Details über Shinkansen, Verbeugungen und Schuhe ausziehen amüsant finde, wo wir nur wissend und später im Buch müde lächeln würden. 😉
      Durch die vielen überschneidenden Interessen und Hamburg als Kulisse hatte ich Hoffnungen … aber ich denke ich wage mich krimitechnisch dann demnächst wieder in andere Gefilde und probiere es mal mit „1793“, dem sein Ruf dann doch eher vorauseilt.

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