Das gehörte Wort … Hörbuch-Besprechungen zu „Nightmare Alley“ (William Lindsay Gresham) und „Heimkehren“ (Yaa Gyasi)

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2021 war für mich kein Hörbuch-Jahr. Offenbar hatte ich einfach kein Händchen bei der Wahl der Hörbücher und entsprechend dann oftmals keine Lust weiterzuhören. Da ich Bücher wie Hörbücher gern unbeendet lasse, zieht es sich dann. So war es bei mehreren Hörbüchern dieses Jahr und auch im Moment komme ich kaum voran bei „Das Unsichtbare Leben der Addie LaRue“. Bei einem der nachfolgenden Hörbücher war es dieses Jahr leider genauso, bei dem anderen war ich schwer begeistert und es wurde eine der wirklich guten Hörerfahrungen dieses Jahr. Beide Besprechungen sind spoilerfrei.

„Nightmare Alley“ William Lindsay Gresham

Stanton Carlisle stammt aus einfachen Verhältnissen und beginnt irgendwann um die Kriegsjahre herum in einer Freak Show zu arbeiten. Er ist fasziniert von dem Umfeld, von den Visionen die nach außen hin transportiert werden, aber auch von den Tricks hinter den Kulissen und „wie es gemacht wird“. Er beginnt mit Taschenspielertricks, lernt aber bald wie man die Menschen in größeren Shows hinter das Licht führt. Während er immer weiter in Manipulationen aufgeht, lernt er die Nightmare Alley kennen, die dunklen Ecken ohne Moral hinter der Fassade, die auf der Bühne aufrecht erhalten wird. Soweit die Handlung ohne zu wenig vorweg zu nehmen. Das Hörbuch aus dem Festa Verlag und von Audible Studios wird gesprochen von Tim Gössler. Technisch ist das einwandfrei und die Fassung ungekürzt. Gösslers Stimme habe ich als angenehm empfunden. Für meinen persönlichen Geschmack aber etwas zu monoton, ohne größere dramatische Spitzen. Das hat allerdings auch den positiven Nebeneffekt, dass beispielsweise die Frauenstimmen nie zu sehr als solche verstellt werden und daher nicht in das lächerliche abgleiten. In Szenen in denen Bühnen-Gravitas zum Tragen kommt, spürt man schon diesen auch ein wenig, was für das Thema und Umfeld des Buches durchaus wichtig ist.

Apropos Atmosphäre: den Kapiteln des Buches ist jeweils eine Tarotkarte gewidmet, die Stantons Abwärtsspirale sehr gut einfängt. Auch so ist es sehr spannend im (Hör)Buch hinter die Kulissen von Schausteller*innen und leider sogenannten „Freak Shows“ zu blicken. William Lindsay Gresham gelingt es hier selbst ohne ausschweifende Schilderungen Atmosphäre zu erzeugen – gegen mehr ausstaffierende Bilder hätte ich allerdings auch nichts gehabt. Nightmare Alley habe ich als Tipp aus der Blogosphäre mitgenommen, musste mich aber sehr durch das Hörbuch quälen, obwohl mir die Prämisse so gefällt. Zum Einen ertappe ich mich wieder dabei, dass ich mir ein kleines bisschen Hörspiel im Hörbuch gewünscht hätte. Vielleicht nur mal hier und da ein Geräusch, das den Jahrmarkt bzw die „Freak Show“ simuliert und Assoziationen dazu weckt. Sei es auch nur Gemurmel einer Menschenmenge. Klatschen im Hintergrund, das das staunende oder erschrockene Publikum andeutet, so als ob man in den Reihen zwischen ihnen sitzt. Das ist aber nur nebensächlich.

Das größere Problem hatte ich mit dem Protagonisten. Typischerweise brauche ich keinen sympathischen Protagonisten. Die mit den Ecken und Kanten und moralischen Brüchen sind mir meist sogar lieber, weil realistischer als zuckersüße Everybodys-Darling. Schwierig ist aber, dass er nicht entwickelt wird. Anfangs ist er relativ unbefleckt. Dann erfolgen Zeitsprünge und nach jedem Zeitsprung ist er jeweils ein Stück weit mehr ein Drecksack. Das nun eher hackstückhafte Erzählen macht es schwer nachzuvollziehen, ob das dreckige Spiel mit den Menschen (und schon alleine der Begriff Freak in Freak Show) ihn dazu gemacht hat oder seine Vergangenheit. Die wird eben auch erst schmerzhaft spät ein Thema. Tatsächlich hat dieser etwas einfache Aufbau der Handlung mir das Erlebnis von Nightmare Alley ziemlich vergällt.

Erst jetzt im Nachhinein habe ich festgestellt, dass Nightmare Alley aus dem Jahr 1946 stammt und damit einige Jahre mehr auf dem Buckel hat als ich vermutet hätte. Das Alter merkt man dem Buch also ganz offensichtlich nicht an. Nur noch verblüffter war ich als ich neulich den ersten Trailer zur Verfilmung durch Guillermo del Toro sah. Ich kann ganz nachvollziehen, dass Nightmare Alley del Toro Stoff ist. Der Stil vergangener Jahrzehnte, ein Hauch Noir, Bühnenglanz und Visionen von Schausteller*innen, das Spielt mit dem Begriff „Freak“ – das ruft schon nach ihm. Weniger aber, worauf der Trailer den Fokus setzt. Das sind dann eher die späteren Kapitel des Stanton Carlisle, was ich bedaure. Hoffentlich setzt der Film andere Akzente und nimmt sich für die Vorgeschichte entsprechend viel Zeit, sondern verschenkt er wie auch schon das Buch viel Potentiel um den Abstieg Stanton Carlisles mitreißend zu machen. Noch schlimmer wäre aber wohl, wenn er als „Opferfigur“ dargestellt wird. Denn hier ist das Buch doch weitaus mehr als Schwarz-Weiß. Obwohl ich also nicht recht überzeugt bin, muss ich sagen, dass es wohl eins der besten Enden hat, die ich lange gelesen oder gehört habe. Das ist wie ein Schlag in die Magengrube.


„NIGHTMARE ALLEY | Official Trailer | Searchlight Pictures“, via SearchlightPictures (Youtube)

„Heimkehren“ Yaa Gyasi

Zu „Heimkehren“ griff ich, weil mir das Hörbuch von meiner geschätzten Buchblogger*innen-Bubble empfohlen wurde als ich nach afrikanischen Autor*innen oder in Afrika spielenden Romanen fragte. Denn was das betrifft, hatte ich bisher einen blinden Fleck auf meiner Landkarte, den ich endlich ausmalen wollte. Tatsächlich wollte ich auch deswegen gern mit dem Hörbuch anfangen statt den Roman zu lesen, weil ich schon ahnte, dass ich keinen blassen Schimmer haben werde wie man die Namen ausspricht und mir alles falsch einprägen würde. Mit einem Hörbuch würde das nicht passieren, oder? Naja. Oder doch. In den Rezensionen des deutschen Hörbuchs habe ich mehrmals gelesen, dass die Namen nicht authentisch vorgetragen werden. Leider schein das auch auf die englischen zuzutreffen, weshalb ich letzten Endes dann doch zur deutschen Variante griff. So oder so war Heimkehren einer der mitreißendsten Romane, die ich dieses Jahr erleben durfte.

Yaa Gyasis Roman handelt von den beiden Halbschwestern Effia und Esi, die im ca. 18 Jahrhundert in Ghana als Töchter derselben Asante-Frau aufwachsen, sich aber nie kennenlernen. Während Effia, die Schöne, mit einem Weißen verheiratet wird und Gast in Cape Coast Castle (einem „slave castle“) ist, wird Esi darin gefangen gehalten und wie Vieh in die Welt verkauft. Das Buch folgt ihren Geschichten und denen ihrer Nachfahren bis in die Gegenwart.  Heimkehren fängt in den einzelnen Geschichten soviele Realitäten ein. Sowohl Riten, Alltag und Glauben einzelner Stämme in Ghana, als auch die furchtbaren Szenen der Angst und Entmenschlichung der Sklaven in den Kellern von Cape Coast Castle. Was historisch folgt ist die Lebensrealität der Sklaven in Übersee in Form eines kurzen, undankbaren, harten Lebens in Unterjochung. Was folgt ist auch der sehr langsame Wandel der Zeit, der alle Nachfahren Effias und Esis freier macht – und irgendwie doch nicht.

Erwartungsgemäß ist die Handlung manchmal hart. Ich habe sehr mit Esi und Ness gelitten und für einen besseren Ausgang gebetet. Habe gehofft, dass Kojos Glaube und optimistisches Gemüt nicht erschüttert wird und die Liebesgeschichte zwischen Willie und Robert als so tragisch und schmerzhaft empfunden. Es gibt aber eben auch leichte, schöne Momente. Yaw und Esther – ich hätte gern noch viel mehr von ihnen gehört. Und das bekam ich. Vor Allem gibt es aber soviele starke Charaktere, die vor unseren Augen (und Ohren) lebendig gemacht werden.


„Yaa Gyasi On Homegoing“, via Penguin Books UK (Youtube)

Sie alle werden anderen Sprecher*innen zu Leben erweckt – 14 an der Zahl. Der Audio Verlag hat sehr ansprechende Stimmen versammelt – ich habe das Hörbuch sehr genossen. Kann mir aber auch in Anbetracht der oben geäußerten Kritik nicht verkneifen mich zu fragen: warum nicht Stimmen, die den Kulturkreis kennen und verstehen? Warum nicht diverser? Das tut dem wahnsinnig guten Buch keinen Abbruch, ist aber eine wie ich finde wichtige Debatte. Gerade bei diesem Buch. Die Motive des Wassers, vor dem sich alle fürchten, weil es an das Entreißen aus einem Zuhause erinnert als auch das Feuer als mächtiges und kraftvolles Symbol werden Elemente, die Effias und Esis Familie über Generationen hinweg begleiten. Wow! Jetzt bitte auch noch verfilmen! Mehr kann ich kaum sagen, spoilern schon gar nicht.

Einer der Gründe, warum ich kein Händchen mit Hörbüchern hatte ist vielleicht auch, weil ich dort aufgrund des Abos, das ich abgeschlossen habe eher mal zu riskanteren Stoffen greife. Mir scheint das „Commitment“, das ich eingehe, dann weniger zeitraubend zu sein. Hörbücher höre ich meist während ich etwas stumpfes mache wie Haushaltsdinge. Also Stoffe bei denen ich nicht weiß, ob sie mir gefallen: Hörbuch. Wohingegen ich beim gedruckten Buch meist nicht so risikofreudig bin. Für das nehme ich mir gezielt Zeit und setze mich hin – „So, jetzt lesen“. Scheinbar habe ich etwas zuviel experimentiert mit Autor*innen, die ich noch nicht kenne. Tatsächlich bin ich auch gerade noch nicht so sehr von den Hörbüchern begeistert, die ich rumliegen habe, auch nicht vom Katalog. Ich habe wohl eine ausgeprägte Hörbuch-Unlust. Send help. Was hilft? Welche Hörbücher haben euch zuletzt begeistert? Und kennt ihr vielleicht die oben besprochenen?