Serien-Besprechung: „The Expanse“ Season 4 & 5

Posted by in Review, Serienlandschaft

Warum habe ich aufgehört „The Expanse“ zu besprechen? In meinen Reviews zu Season 1 , 2 und der phänomenalen Season 3 ist relativ klar geworden wie gehyped ich von der Serie bin. Vielleicht weil ich kaum weiß, wo ich anfangen soll bei all den Handlungsfäden und Elementen, die die Serie so unfassbar gut machen. Umgekehrt erscheint es mir schwierig die feinen Nuancen in Worte zu fassen, die eine Staffel von „The Expanse“ „schlechter“ machen als eine andere. Nun wo die sechste und letzte Staffel ausgestrahlt wird, habe ich das dringende Gefühl das nachholen zu müssen. Die Besprechungen sind an sich spoilerfrei, nur nicht für vorhergehende Staffeln.

„The Expanse“ Season 4

Das Ende der dritten Staffel hat alles verändert. Das Erscheinen des Ringes als Tor zu fernen Galaxien und Welten ist im Begriff die Karten neu zu mischen und eine zweite Ära der „Expansion“ einzuläuten. Der Wink zum Seriennamen ist beabsichtigt. Entgegen der Warnungen der UN versuchen viele durch den Ring Space in andere Galaxien zu gelangen – mit durchwachsenen Erfolgen. Aber manche kommen durch. Unter diesen Glücksrittern befinden sich zahlreiche Belter, die sich davon ein freieres und unabhängigeres Leben erhoffen. Aber auch das Ringen um Ressourcen lässt die üblichen Mitspieler aus Erde und Mars in Erscheinung treten. Das UN-Schiff „Edward Israel“ wird zu einer dieser neuen Kolonien geschickt – die einen nennen den Planeten „New Terra“ (man muss nicht lange überlegen wer und mit welcher Intention) und die dahin ausgewanderten Belter nennen den Planeten stolz „Ilus“. Das Schiff stürzt aber ab, noch unklar ob aufgrund eines Angriffs oder technischen Defekts. Zahlreiche Personen an Board der Edward Israel sterben. Der nächste in der Befehlskette ist der Sicherheitschef Adolphus Murtry (Burn Gorman), der die Belter hinter dem Absturz vermutet und von der ersten Minute an die Konflikte anheizt.

UN Secretary-General Chrisjen Avasarala (Shohreh Aghdashloo) beauftragt niemand geringeres als die Crew der Rocinante um die Situation neutral zu bewerten, aber auch herauszubekommen, ob das Protomolecule auf dem Planeten schlummert. Eine Ressource und Technologie, die durchaus die Menschheit schon einmal bedroht hat. Unter der Crew der Rocinante ist die Reise v.A. für Naomi (Dominique Tipper) bedeutend, die sich im Vorfeld eine Weile darauf vorbereitet um der erdähnlichen Gravitation standzuhalten. Was die Rocinante auf Ilus vorfindet ist eine nur anfangs und nur augenscheinlich menschenfreundliche Umgebung. Bald schon werden die Siedler auf Ilus, die Crew der Edward Israel und unsere Rocinante-Gang von Umwelteinflüssen in Mitleidenschaft gezogen und ihr Leben bedroht. Die Situation wächst ihnen über den Kopf als auf Ilus alte Strukturen erwachen und Krankheiten dazukommen. Bedrohungen gehen wie man schon ahnen kann, aber nicht nur von der Umwelt des Planeten aus.

Anfangs wirkt die Handlung der Staffel rund ums Ilus sehr herausgelöst und wie ein grober Cut zu all dem worauf in Staffeln 1 bis 3 hingearbeitet wurde. Eins der wohl besten Aspekte an The Expanse ist aber wie kontinuierlich sich die Handlung entwickelt und alle Fäden aufeinander zulaufen, auch wenn die vielen Akteure nun inzwischen sogar in verschiedene Universen verstreut sind. Denn währenddesen wird Bobbie (Frankie Adams) auf dem Mars mit ihrem neuen Leben konfrontiert, d.h. auch mit Arbeitslosigkeit. Als sie eine neue Beschäftigung findet, macht sie eine folgenschwere Entdeckung. An Avasaralas Podest wird gesägt, während Drummer (Cara Gee) und Ashford (David Strathairn) jemandem begegnen, der eine verhängnisvolle Ausstrahlung auf die Belter ausübt. Bevor die Zusammenhänge zwischen all diesen Handlungsfäden klar werden, fühlt man sich um dieses Kumulieren der Ereignisse und das „Big Picture“ betrogen. Stattdessen wird es wie in der Vergangenheit meisterlich aufgebaut und schraubt sich zu einem weiteren atemlosen Finale hoch, das wieder einmal alles verändert. Dankbarerweise aber auch mit einigen Bestandteilen abschließt. Die Bilder von Ilus sind absolut episch – wunderschön, aber auch bedrohlich. Auch wenn man den Anfang rund um die Handlung auf Ilus noch schwer einordnen kann, stellt sich nicht die Frage, wie relevant und zeitgeistig die Metapher auf Auswanderung und Expansion ist, die an den Beltern auf Ilus demonstriert wird. Und dann am Ende entsteht der Gedanke, dass es jetzt erst richtig losgeht mit „The Expanse“. (9/10)

Sternchen-9


„The Expanse Season 4 – Official Trailer | Prime Video“, via Amazon Prime Video (Youtube)

Falls du die vierte Staffel noch nicht gelesen hast, empfehle ich die nachfolgende Besprechung aufgrund von Spoilern zu überspringen … sorry.

„The Expanse“ Season 5

Ähnlich wie zuvor die vierte Staffel, konfrontiert uns die fünfte mit einer komplett anderen Prämisse als anfangs gedacht oder sagen wir mal: einer die sich langsamer aufbaut als erwartet. Wenn der Knall dann kommt, dann ist er aber gewaltig. Marco Inaros (Keon Alexander) ruft dazu auf sich ihm und seiner „Free Navy“ anzuschließen und Belter aus den Jahren der Unterdrückung zu befreien. Er wird zum Stimmungsmacher und Anheizer des Konflikts zwischen Inners und Belters. So lernt Naomi, dass ihr Sohn Filip (Jasai Chase-Owens) lebt und zusammen mit seinem Vater kämpft. Sie beschließt Filip zu suchen und hoffentlich für sich zu gewinnen, sodass er die Manipulation, Radikalisierung und Fehler in der Gewalt erkennt. So geht dann auch die Crew der Roci unerwartet ihre eigenen Wege. Amos (Wes Chatham) stattet seiner Vergangenheit auf der Erde einen Besuch ab, Bobbie und Alex (Cas Anvar) gehen der Verschwörung auf dem Mars nach, Drummer ist inzwischen Teil einer Piraten-Kommune und versucht tunlichst Allianzen zu vermeiden. Der sich viral verbreitende Einfluss von Inaros und seiner Free Navy machen das alles andere als leicht.

Unsere Lieblingscrew ist das erste Mal seit einer Weile nach dem Motto „jeder für sich“ aufgestellt und das macht die Staffel auch leider zu einer mäßigen und zerfasert wirkenden. Was zuvor meisterlich gelang ist hier aufgrund der Masse an Handlungsfäden schwieriger zusammenzuführen. Dafür fiebert man umso mehr dem Moment entgegen, wenn vielleicht wieder zusammengeführt wird, was zusammen gehört? So zumindest die Hoffnung. Es gibt auch ein Wiedersehen mit bekannten Gesichtern, die ich tatsächlich nicht unbedingt auf dem Schirm hatte wie Clarissa Mao (Nadine Nicole). Die Staffel fühlt sich wie eine Sprungbrett oder Verbindungsstück zwischen der vierten Staffel und einem großen Ende an. Sie bereitet den Konflikt mit Inaros vor und deutet an, dass das Säbelrasseln und Spielen mit Dingen, die die Menschen nicht verstehen (das Protomolecule) bald einen viel mächtigeren Gegner auf den Plan rufen könnte.

Aber es ist eben alles vorbereitend und haut nicht zwingend mit großen neuen Erkenntnissen rein wie es die bisherigen Staffeln vormachtem. Zwar ist auch das mit schrecklichen Opfern verbunden (The Expanse war noch nie zimperlich), aber die Staffel bekommt so die Aura von „Notwendigkeit“, nicht von „Gravitas“. Wofür sich die Serie aber doch die Zeit nimmt sind die Einzelschicksale, wo auch hier Steven Strait als James Holden etwas blass bleibt und wenig „eigene“ Story abbekommt. Der Fokus der Staffel liegt klar auf Naomi und ihrem Aufeinandertreffen mit Filip und Marco, worauf sicherlich Zuschauer*innen (jedenfalls ich) seit Staffeln hinfiebern. Keon Alexander gelingt es sehr gut der Einflussnahme, Agitation und radikalisierenden Anziehung von Inaros ein Gesicht zu geben. Aber es ist auch die Staffel von Amos und Alex. Das Problem ist nur: es reicht nicht! Ich hätte gern noch soviel mehr von insbesondere Amos Kindheit und Jugend gesehen, was ausblieb oder durch Andeutungen aberledigt wurde. Selbst die Vergangenheit von Naomi und Marco gibt mir zu wenig Anhaltspunkte wie aus den beiden etwas werden konnte. Sicherlich aber warum sie nicht zusammen blieben. All das ist Meckern auf hohem Niveau. Die fünfte und damit vorletzte Staffel hält das Qualitätslevel, aber fügt eben wenig hinzu. Der Slowburner ist ein Ansatz, der sich wahrscheinlich in der finalen Staffel lohnt und als besserer Ansatz offenbart als das was viele andere Serien in ihren lang erwarteten Finales fabriziert haben. Looking at you, Game of Thrones. Es sind die Verluste und Katastrophen, die lange nachhallen, schockieren und erahnen lassen wieviele Opfer vor uns liegen in dem von Inaros angeheizten Krieg. (8/10)

Sternchen-8


„The Expanse – Season 5 Official Trailer“, via Amazon Prime Video (Youtube)

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Übrigens warte ich bis alle Episoden der sechsten Staffel draußen sind. Ich bin keine allzu große Freundin des wöchentlichen Update-Modells. Ihr? Also bitte keine Spoiler für die sechste Staffel. 🙂 Wie haben euch die vorhergehenden Staffeln gefallen? Und die oben besprochenen insbesondere? Ich habe übrigens sehr gefeiert, dass die Autor*innen der Bücher eine Wette mit George R. R. Martin hatten, deren Gegenstand war, wer die Buchreihen zuerst zu Ende bringt. (Quelle: winteriscoming.net 04.06.21) Tja … der letzte Band der Buchreihe, die in „The Expanse“ adaptiert wurde, erschien kürzlich. Jetzt du, Mr Martin.