Fantastischer Film: Pig

Posted by in 2021, Arthouse & Indie, Drama, Fantastische Filme, Film, Review, UK, USA

Rob (Nicolas Cage) lebt mit seinem Trüffelschwein in der Abgeschiedenheit der Wälder in einer einfachen Hütte. Das wenige, was er zum Leben braucht und womit er sich nicht selbst versorgen kann, bringt ihm Amir (Alex Wolff). Der ist auch gleichzeitig Hauptabnehmer seiner Trüffel. Ansonsten herrscht zwischen den beiden aber eher kein besonders freundschaftliches Verhältnis. Eines nachts brechen Leute gewalttätig in Robs Hütte ein, verprügeln ihn und stehlen sein Schwein. Er macht sich auf es zu suchen und ist dabei auf die Hilfe Amirs angwiesen.


„PIG Trailer German Deutsch (2021)“, via KinoCheck Heimkino (Youtube)

Ich stelle die These auf, dass viele das lesen oder hören und dann automatisch ein Vergeltungsszenario wie John Wick nur mit Schwein statt Hund erwarten. Tatsächlich ging es mir so und auch allen mit denen ich über den Film gesprochen habe. Und genau hierin liegt die große Kunst von Pig, der abgesehen von wirklich schönen und pointierten Bildern ansonsten vielleicht nicht der aufregendste Film aus Filmliebhabersicht ist. Er setzt sich außerdem gegen Genrebegriffe durch, indem er eben nicht das tut, was wir erwarten. Zumindest fast. Im Großen und Ganzen lässt sich Pig dann noch am ehesten als Drama einordnen, wenn während ihres Roadtrips raus aus dem Wald „zurück“ in die Stadt herauskommt, dass es sich bei Rob um den Sternekoch Robin Feld handelt, der aus Gründen das Einsiedlerleben suchte.

Trotzdem zeigt Pig auf wie diktiert wir in unserer Denke sind, zu wissen was das für ein Film ist. Oder auch zu wissen, was für ein Nic-Cage-Film das ist. Man schaut den Film angesichts Cages Filmographie insgesamt, aber im besonderen der letzten Jahre, mit der Erwartung: jetzt dreht er gleich durch! Und das nicht mal wertend. Cage hat es in den letzten Jahren geschafft sowohl ansehnliche low-budget Trash-Faktor-Filme zu drehen als auch Meisterwerke, in denen er sich auf existientielle Art freidrehen lässt und wiederum damit begeistert. Stattdessen bleibt Robs Reise durch seine Vergangenheit und auf der Suche nach dem Schwein eine sehr ruhige gediegene, manchmal mit einem Hauch noir oder Tragik. Desto mehr wir in Robs altes Leben einsteigen, desto mehr bekommen wir auch von Amir mit, der seinen eigenen inneren Konflikt hat. Während des Roadtrips der beiden ungleichen Foodies entsteht eine beiderseitige Empathie und stilles Verständnis. Pig ist klasse durch sein Plädoyer für Empathie, Verständnis und den pazifistischen Weg.

Trotzdem habe ich lange mit mir gehadert, ob Pig aber ein „Fantastischer Film“ ist, nur weil er erfolgreich nicht ausführt, womit er uns ködert und die Vorhersehbarkeit der Filmindustrie konterkariert. Letzten Endes bin ich nämlich nicht ganz ohne Kritik an Pig. Zumindest für meinen Geschmack teasert der Film zuviele Geschichten an, die er nicht ausführt (bspw. den Underground Foodie Fightclub). Letzten Endes haben aber all diese unfertigen Kapitel aus „Robs Life Revisted“ wohl die Aufgabe uns etwas zu demonstrieren. Denn Rob steckt konsequent ein, ein um’s andere Mal. Und erinnert uns, dass wir vergessen haben wie das geht. Mal nicht vorzeigbar zu sein und dazu zu stehen. Mal die anderen reden zu lassen und nicht in allem obenauf sein zu müssen. Nicht mit lautem Getöse und Gerase zurückzuerobern, was uns das Leben genommen hat. Nicht noch mehr Gewalt säen. Und wenn dann plötzlich Empathie gezeigt wird und Rob statt zuzuschlagen die richtigen Fragen stellt, right in the feels, dann hat das überraschende Wirkungen. Das zeigen nicht zuletzt auch unsere Erwartungen daran wie Pig zu laufen hat und wie vielleicht zuviele Filme der jüngeren Geschichte liefen. Unterschwellig ist das auch ein Fingerzeig weg vom Mainstream-Blockbuster-Kino hin zu den individuellen Produktionen, die noch überraschen. So wie Pig. Einen interessanten Blickwinkel auf den Film hat auch der Youtube-Channel In/Frame/Out im unten eingebetteten Video, das Nic Cages „Rob“ mit Nic Cages Reise durch die Filmindustrie vergleicht. Smart!

Pig, USA/UK, 2021, Michael Sarnoski, 91 min


„What Makes Pig (2021) A Masterpiece“, via In/Frame/Out (Youtube)

Header image uses a Photo by Kilyan Sockalingum on Unsplash

Jeden Monat stelle ich einen Film vor, den ich für einen fantastischen Film halte – losgelöst von Mainstream, Genre, Entstehungsjahr oder -land. Einfach nur: fantastisch. 😆