Netzgeflüster: Blog- und Podcasttipps zur Auseinandersetzung mit dem Ukrainekrieg

Der Krieg dauert bereits fast 6 Monate an. Dieser Beitrag ist gegen das Vergessen. Denn ja, wir haben alle unsere persönlichen Herausforderungen und die gehen parallel dazu weiter. Wird aber ein Krieg wie dieser „normal“ oder gerät in Vergessenheit, so meine feste Überzeugung, geben wir ein Stück Menschlichkeit auf. Wenn man so will, kann man das als den Nachschlag zu meinem Beitrag aus dem März sehen, der da hieß Der Krieg in der Ukraine und das Internet. Nur geht es heute um Podcasts und Seiten, die seitdem (oder schon vor Beginn des Krieges) meinen Weg kreuzten und sich häufig der ukrainischen Realität mit und ohne Krieg widmen oder kürzlich Episoden diesbezüglich veröffentlichten, die hörenswerte Perspektiven enthalten.

Lex Fridman

Den Podcast Lex Fridmans habe ich schon oft empfohlen bekommen und doch musste erst ein Krieg ausbrechen, bis ich endlich einschaltete. Nicht böse gemeint. 😉 Ich hab einfach zu viele abonniert. Der Informatiker und KI-Forscher Fridman interviewt in relativ hoher Frequenz Menschen verschiedenster Disziplinen und hat mit nahezu jeder Ausgabe andere Themen. Darunter nicht selten kontroverse. Der Grund, warum ich nun vor Kurzem endlich einschaltete ist, dass Fridman hintereinander dasselbe Thema adressierte, zumindest den Ukrainekrieg als Schnittmenge. Außerdem zwei Personen zum Interview bat, deren Einstellungen kaum unterschiedlicher sein könnten. Am 17.05.22 erschien eine Episode mit Oliver Stone. Ja dem Oliver Stone, dessen Einstellung man denke ich durchaus als Pro-Putin bezeichnen kann. Dem folgte kaum zehn Tage später ein Interview mit Stephen Kotkin, einem Historiker, der auf Stalin und die Sowjetunion spezialisiert ist, an der Princeton University lehrt und ein anderes Psychogramm Putins und des Krieges entwirft als Oliver Stone. Dieser Beitrag heute ist nicht frei von Meinungen, deswegen sage ich nur mal so viel: ich schrieb in einem Tweet über die Interviews aus Versehen Oliver Stoner und ich fand den Freudschen Vertipper im Nachhinein sehr passend.

Oliver Stone hat nicht zuletzt wegen seines Dokumentarfilms Die Putin-Interviews (2017) Zeit mit ihm verbringen dürfen. Sein Sohn hat Geschäftsbeziehungen zu dem Propaganda-Netzwerk Russia Today – das ging bis vor Kurzem alles an mir vorbei und klang deswegen anfangs ziemlich wirr für mich. Stones Aussagen in dem Interview sind für mich aber so unfassbar, dass sie das schnell in den Schatten stellen. Auf die Spielzeit von fast 2 Stunden gesehen braucht man natürlich Geduld und muss genau hinhören. Er spielt die Opferzahlen durch die Katastrophe von Chernobyl herunter und stellt Putin als einen „okay guy“ dar, der nur was gutes tun will. Er berichtet von irgendwelchen Todesschwadronen in der Ukraine, die auf der Straße unschuldige Menschen angreifen und spielt damit in die Propaganda Russlands, die vorgibt die „Ukraine befreien zu wollen“. Was Stone wiedergibt grenzt an Verschwörungstheorien und relativ leicht widerlegbare Desinformation. Beispielsweise schwadroniert er darüber, was für ein bodenständiger Typ Putin wäre. Meinst du Oliver? Und wie war das mit „Putins Palast“? Zwar spricht Stephen Kotkin auch aus Überzeugungen heraus, weiß diese aber zu untermauern, zu erklären, sie erscheinen fundiert und nachweisbar. Beide Interviews sind für mich eine faszinierende Gegenüberstellung von Desinformation und faktenbasiertem Wissen. Klar: Meinungen und subjektive Einschätzungen beinhalten beide. Was ich so interessant finde ist, dass Fridman selber sowohl russische als auch ukrainische Familie hat. Dass er einige der Aussagen Oliver Stones stehen lässt, finde ich schwierig. Andererseits tut er damit etwas, dass wahrscheinlich zu selten gemacht wird – er erlaubt jedem sich selbst eine Meinung zu bilden. In Summe sind beide Interviews quasi ein Zeugnis unserer Zeit, das zeigt wie dehnbar Wahrheit sein kann.

Lex Fridman auf Youtube und diversen Podcatchern

Stephen Kotkin: Putin, Stalin, Hitler, Zelenskyy, and War in Ukraine | Lex Fridman Podcast #289, Lex Fridman, Youtube

osTraum

osTraum lese ich schon eine Weile und die Brandbreite des Blogs erklärt sich am besten durch ihre eigene Beschreibung. „osTraum begeht sich auf die Suche nach den Spuren der postsozialistischen Kultur in den Ländern des sogenannten Ostblocks. Wir möchten damit keine Debatte aufmachen, wer zum Osten oder zum Westen gehört. Das Einzige, was uns interessiert, sind Ost-Träume, über welche wir hier erzählen. Sei es Musik, Kino, Kunst oder Architektur, wir möchten Euch auf die Kultur in den postsozialistischen Ländern des Ost- und Mitteleuropas aufmerksam machen und über das längst Vergessene oder das wenig Bekannte schreiben.“ (Quelle) Wofür ich das Online-Magazin liebe ist der Querschnitt durch die verschiedene Nationen Osteuropas. Ich habe wahnsinnig viele Künstler durch osTraum kennen gelernt und schätze sie sehr für ihre Berichterstattung. Zu meinen kürzlichen Lieblingsartikeln zählen DIE MAGISCHE KRAFT DER METROPOLE: „DIE STADT“ VON WALERJAN PIDMOHYLNYJ, GEGEN DEN KRIEG: DIE 7 RUSSISCHEN RAPPER & SÄNGER:INNEN, NINO HARATISCHWILI: DAS ACHTE LEBEN (FÜR BRILKA), WOFÜR KÄMPFEN LGBTIQ* IN DER UKRAINE?, … .

Hier geht’s lang: ostraum.com

Did the war end?

Did the war end? ist ein Podcast des englisch-sprachigen, ukrainischen Nachrichtenmagazins The Kyiv Independent. Durch den Podcast führen vorrangig die Journalistinnen Anastasiia Lapatina, Agatha Gorski und Catarina Buchatskiy mit wechselnden Gästen. Zu den Themen des ca. wöchentlich erscheinenden Formats gehören Themen einmal quer durch den Zeitstrahl des Krieges. So berichten sie und Gäste wo sie waren als der Krieg ausbrach und was ihre Gefühle waren, wie sie im Folgenden damit umgingen. Was bedeutet Sicherheit? Welche Entscheidungen trafen sie, welche ihre Familien? Aber auch die Bedeutung Azovstals, das Leben auf der Krim und Kunstraub im Krieg werden beleuchtet. Durch die wechselnden Sprecher:innen ist der Podcast gefühlt weniger Einzelmeinungs-getrieben und hat ein durchmischteres und objektiveres Feeling in der Berichterstattung – vielleicht ist auch das vorrangig meine subjektive Wahrnehmung. Wie immer gilt natürlich, dass das Publikum stets und bei allen Medien Fakten prüfen kann und sollte. Did the war end? ist für mich aber schnell ein wichtiges Zeugnis erster Hand geworden, das Stimmen Betroffener Gehör verschafft. Und v.A. ein reflektiertes, da die Journalist:innen, die zur Zeit des Ausbruchs des Krieges im Ausland waren, sich ihrer eigenen Privilegien bewusst sind (um nur ein Beispiel zu nennen).

Did the war end? gibt es u.a. auf Spotify, Soundcloud und vielen anderen Podcatchern

Read Ost

Auch Read Ost habe ich schon vor dem Krieg häufig einen Besuch abgestattet. Der Blog für mittel- und osteuropäische Literatur und Kultur versorgt mich v.A. regelmäßig mit Lesetipps und wirkt stark To-read-Listen-erweiternd auf mich. Aber auch hier lasse ich das Team lieber mit ihrer Selbstbeschreibung zu Wort kommen: „Read Ost ist ein Literatur- und Kulturblog, der sich auf den östlichen Teil von Europa fokussiert. „Read Ost!“ kann als eine Aufforderung, als ein Aufruf für die deutschsprachigen LeserInnen aufgefasst werden, um den literarischen und kulturellen Raum des s. g. Ostens zukünftig mehr Aufmerksamkeit zu schenken. […] Wir sind der Meinung, dass es keinen homogenen „Osten“, sowie den in sich geschlossenen Raum „Westen“ geben kann. Durch Migrationsbewegungen verschiedener Art ist der gesamteuropäische Raum durch die permanenten transkulturellen Prozesse geprägt. Auf unseren literarischen Reisen werden wir den möglichst östlichsten Punkt des „Ostens“ am Kaspischen Meer und den westlichsten Punkt an der Oder erreichen und bei gutem Wetter vielleicht auch stückweit weiterwandern.“ (Quelle) Zu meinen Lieblingsbeiträgen gehörten zuletzt 100 Karten über die Ukraine, Things that just make sense in a bomb shelter: “24. Februar … und der Himmel war nicht mehr blau” von Valeria Shashenok, (Fiktive) Welt am Abgrund: „Outpost – Der Posten“ von Dmitry Glukhovsky, … .

Hier geht’s lang: read-ost.com

Es freut mich, falls die genannten Blogs, Podcasts und speziell Episoden für euch interessant sind und in euren Podcatchern oder Feedreadern landen. Wenn sie zum Diskurs beitragen, aber natürlich auch, wenn ihr Anspieltipps für mich habt. Immer gern her damit. Davon abgesehen: Wie geht ihr damit um, wenn Personen des öffentlichen Lebens wie Oliver Stone mit so polarisierenden Meinungen auftreten? Oder „einfach“ Meinungen, die von eurer abweichen? Könnt ihr Kunst und Künstler trennen? Wie steht ihr zum Interviewformat wie Lex Fridman es betreibt? Welche Magazine, Podcasts, etc. zu osteuropäischem Leben und Kultur empfehlt ihr? Wie bleibt ihr bzgl des Krieges auf dem neusten Stand? Welche Einblicke haltet ihr für authentisch? Und wann merkt ihr das? Klingt als würde ich ein ziemliches Fass aufmachen, aber ich finde die Diskussionen spannend.

Netzgeflüster ist eine Kategorie meines Blogs in der ich mich immer zwischen dem 10. und 15. eines jedes Monats Themen aus IT, Forschung, Netzwelt und Internet widme genauso wie Spaß rund um die Arbeit mit Bits und Bytes. 🙂

2 Antworten

  1. Avatar von voidpointer
    voidpointer

    Danke für den interessanten Artikel.

    Es ist bemerkenswert, dass die Welt offenbar nicht ohne Krieg auskommt.
    Es denke, dass viele Parteien sich auf einen längeren Krieg mit beschränkten Ressourcen geeinigt haben. Anders kann ich mir nicht erklären, warum man nur so viele Waffen liefern will, dass Russland es nicht als Kriegseinstieg der NATO wertet. In Russland wird es nicht als Krieg, sondern als Spezialoperation bezeichnet und offenbar sind deren Mittel beschränkt.
    Es ist bemerkenswert, dass solche Übereinkünfte möglich sind, Frieden aber nicht möglich ist.

    1. Avatar von Miss Booleana
      Miss Booleana

      Sehr gern 🙂

      Oder eher schauderhaft!? Was kann so attraktiv sein, dass man dafür bereitwillig Menschenleben beendet und Gewalt sät? Ätzend, mehr fällt mir dazu nicht ein.
      Deine Gedanken kann ich nachvollziehen und ich muss gestehen, dass ich es von der Seite der beidseitigen Zögerlichkeit noch nicht betrachtet habe. Zumindest glaube ich aber der einen Seite, dass sie keinen Weltkrieg entfachen will. Was ich Russland glauben soll …? Nichts, eigentlich.

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