ausgelesen: Daniel Eichinger „Jovantore“

Hat sich eigentlich je der Begriff Germanga für deutsche Comics im Mangastil durchgesetzt? Vielleicht nicht. 🤔 Viele halten auch deutsche Manga insgesamt für ein Oxymoron. Eine Sache, die sich automatisch ausschließt. Ich nicht. Nur leider fehlen mir im deutschen Manga häufig Inhalte und Themen, die mich interessieren. Zur Leipziger Buchmesse 2023 (LBM) wurde Daniel Eichingers Manga-Einzelband Jovantore angeteasert, der inzwischen auch erschienen ist. Den düsteren Look betrachtet ganz mein Beuteschema?

Was auf den ersten Blick ins Auge sticht, sind die dicht illustrierten Hintergünde, deren Grad an Dunkelheit an Tsutomu Niheis Blame! erinnert. Tiefe Schluchten, riesengroßer Räume, menschenverlassen und unheimlich. Was bei Nihei Cyberpunk ist, wirkt bei Eichinger eher als ein Mix aus mittelalterlichen Welten und einer technisierten Zukunft, die schon wieder am abwracken ist. Am Anfang der Geschichte von Eichingers Manga steht die junge Frau Rita, die in einer modernen Stadt lebt, die scheinbar immer weiter nach oben gebaut wurde. Trotz Technisierung und Moderne leidet Rita. Sie hört ständig ein Ticken, das niemand auf eine physische oder psychische Ursache zurückführen und schon gar nicht heilen kann. In der Gosse findet sie einen Hinweis und eine Person, die ihr vielleicht helfen kann. Als Rita aber wieder die Augen aufschlägt, wacht sie in einer ganz anderen Stadt auf. Dem mittelalterlichen Jovantore, in dem eine gefährliche Seuche umgeht, die Menschen in wandelnde Albträume verwandelt.

Sind wir also in einem Horror-Isekai gelandet? 😉 Ein bisschen schon. Von Jovantore bin ich auch eher angetan als von der Welt, in der wir Rita zu Beginn des Manga erleben. Die klassische, futuristische, hochgebaute Stadt mit Armutsvierteln kennen wir schon zur Genüge aus Battle Angel Alita und Konsorten. Jovantore gilt es noch zu enträtseln. Und v.A. auch Ritas plötzlichen Gedächtnisverlust und was all das mit dem Ticken zutun hat. Oder wo das Ticken hin ist, seitdem sie Fuß gesetzt hat in Jovantore. Sie trifft auf einige Personen, die ihr helfen und die sich alle gut gegenseitig ergänzen mit ihrer Raubeinigkeit, ihrem Leiden oder ihrer Aufopferungsbereitschaft. Gleichzeitig erzählen ihre Lebensgeschichten mehr aus dem fremden Ort oder gar der fremden Welt? Geschont werden Rita und ihre Freunde aber nicht. Schlag auf Schlag türmen sich Gegner, da sie ausgerechnet am gefährlichsten Tag die Augen in Jovantore geöffnet hat. Was danach kommt ist eine Menge Bodyhorror, sehr gutes und sehr aufwendiges Artwork, aber auch eine Geschichte, die sich gegen Ende in Allgemeinplätzen und bekannten Mustern verliert.

Auf der LBM warben Eichinger und der Verlag noch damit, dass Rita im Verlaufe ihres Abenteuers einiges durchmacht und am Ende nicht mehr aussieht wie am Anfang. Dass sie aus ihrer Tour de Force immer etwas mitnehmen würde. Das stimmt. Es ist aber eher so, dass sie immer mehr verliert, nämlich Kleidung. Über weite Strecken trägt sie quasi nur einen Wickel. Das ist mir dann doch zu inszeniert, um denen zu gefallen, die nackte Haut sehen wollen. Das Kalkül wird zwar noch pietätvoll verpackt, aber auch nur um Haaresbreite, was insgesamt zu wenig ist. Nach einem hervorragenden Horror-Spektakel mit einem denkwürdigen Twist kommt dann ein Ende, das mir persönlich dann einen Hauch zu bemüht war und das man so oder so ähnlich schon zu oft gelesen und gesehen hat.

Was dazwischen steht, macht aber ohne Umschweife Spaß. Jovantore ist düster und ein ziemlich wilder Ritt voller großartiger Bilder. Ich hatte etwas Bedenken, dass Mangaka Daniel Eichinger sich zu viel von Blame! u.ä. inspirieren ließ, aber die gothischen Elemente und Bodyhorror-Aspekte von Jovantore sind hervorragend gelungen und etwas eigenes, dass ich in der Form noch nicht in Händen hatte. Das Ausmaß an Arbeit, das in die detailverliebten, düsteren Illustrationen geflossen ist, kann ich mir nur ansatzweise vorstellen und bewundern. Da ist man doch trotz des nicht ganz billigen Preises von derzeit 20€ für einen Einzelband froh ein etwas größerformatiges Buch in Händen zu halten, damit man alle Details von Eichingers Zeichnungen und alle schaurigen Winkel von Jovantore erkunden kann.

Fazit

Faszinierende Zeichnungen, düstere Ideen – lediglich bei der Handlung ist noch Luft nach oben in dem sehr coolen Manga-Oneshot.

Besprochene Ausgabe: ISBN 978-3-7555-0245-6, Egmont Verlag

„ausgelesen“ ist eine Kategorie meines Blogs, in der ich immer zwischen dem 15. und 20. eines jeden Monats ein Buch unter die Lupe nehme. Der Begriff „ausgelesen“ ist sehr dehnbar. Ein „Buch unter die Lupe nehmen“ schließt Belletristik, Sachbücher, Manga, Comics unvm mit ein. 🙂

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