ausgelesen: Jane Austen “ Northanger Abbey“

Mein vierter Jane Austen Roman war Northanger Abbey. Obwohl ich nun also doch schon ein paar Jane Austen Romane gelesen (und Verfilmungen gesehen) habe, nehmen die Überraschungen nicht ab. Schon zu Beginn des Romans ist klar, dass dieser hier ein besonderes Alleinstellungsmerkmal unter den Romanen Austens hat. Er handelt von Catherine Morland, die gern Bücher liest und sich darin ein wenig verliert. Er hat auch eine Autorin als Erzählerin, die Catherine begleitet. Jane Austen scheint selbst Catherines Charakterreise aus dem Off zu kommentieren. So beginnt der Roman mit einer überraschenden Ansage von der Autorin über ihre Protagonistin.

„Kein Mensch, der Catherine Morland in ihrer Kindheit gekannt hätte, wäre auf die Idee gekommen, sie könne zur Romanheldin geboren sein.“ Ihr Platz in der Welt, der Charakter ihres Vaters und ihrer Mutter, ihre eigene Erscheinung und Veranlagung, alles sprachen gleichermaßen gegen sie.

p. 9

Zu dem nicht so charmant klingenden Schluss kommt Austen über Catherines Kindheit, in der sie mehr „typische Jungsspiele“ spielt und etwas begriffsstutzig ist. Dann aber gewinnt Catherine an Interessen, beginnt zu lesen, blüht auf. Sie liebt Schauerromane. Einer von Catherines liebsten ist Anne Radcliffes Udolphos Geheimnisse. Aufhänger des Buches und Beginn des eigentlichen Abenteuers ist dann die Einladung einer Freundin der Familie.

Catherine soll sie und ihren Mann für einen mehrwöchigen Aufenthalt zum Kurort Bath begleiten und ihr Gesellschaft leisten. Zuerst ist Bath trotz seines Rufs und seiner Annehmlichkeiten eher ernüchternd, da sie dort niemanden kennen. Dann macht Catherine aber Bekanntschaft mit dem Geistlichen Henry Tilney. Wortgewandt, charmant, witzig, sie verliebt sich vom Fleck weg. Zu dumm nur, dass Tilney sehr selten anzutreffen ist. So gerät Catherine an andere Leute, die Geschwister Thorpe. Während Isabella Thorpe die Liebe Catherines zu Schauerromanen teilt, scheint ihr Bruder John ein Auge auf Catherine geworfen zu haben. Hier sind wir dann mittendrin in dem Liebesdreieck, das bald noch einige Komplikationen nach sich zieht.

Die Thorpes werden Catherine sehr vereinnahmen, was die Zeit in Bath sehr turbulent und es sehr schwierig für Catherine macht Henry Tilney wiederzusehen. Das klingt jetzt erstmal amüsant, aber nicht sehr gehaltvoll. Zur Heldinnenreise gehört aber auch immer die Emanzipation austenscher Heldinnen. Obwohl also die Erzählstimme Jane Austens anfangs wenig Gutes an Catherine lässt, geschieht das v.A. um ihre Entwicklung darzulegen. Dazu gehört auch, dass Catherine schon sehr bald lernt für sich selbst einzustehen und anderen nicht das Ruder überlässt. Sie ist eine relativ wehrhafte Protagonistin verglichen zu beispielsweise Fanny aus Mansfield Park aber nicht so feinsinnig und edel wie Elizabeth Bennet. Als ihr Bruder und die Geschwister Thorpe wieder einmal versuchen ihr ihre eigenen Pläne aufzudrücken und sie von den Tilneys fernhalten, redet sie Tacheles. Was ihren Bruder zu einer Feststellung bringt, die tief blicken lässt.

„“Ich hätte nicht gedacht, daß du so bockig sein kannst, Catherine“, sagte James, „du warst doch früher nicht so schwer zu lenken; […]“

p. 109

Solche Momente sind es die auf hervorragende Weise diesen Funken feministischer Wut in Leser:innen auslösen. Warum sollte irgendein Mann irgendeine Frau zu lenken haben? Irgendein Bruder Sagen über die Pläne seiner Schwester haben? Lenken ist entmündigen. Es mag nicht Jane Austens emanzipatorischstes Werk sein. Aber es hat einen weiteren ganz hervorragenden Moment und es ist beruhigend, dass Jane Austen schon im 18. bzw. 19. Jahrhundert mit der Frage aufgeräumt hat, für wen sich Frauen eigentlich hübsch machen. Falls ihr es noch nicht wusstet:

„Eine Frau macht sich nur für sich selbst hübsch.“

p. 80

Es ist aber auch ein Roman von vertanen Chancen. Catherines blühende Fantasie ist eigentlich Dreh- und Angelpunkt der Handlung, das aber erst fast gegen Ende des Romans. Das stetige Verschwinden Henrys in ihren ersten Wochen in Bath hätte schon Anlass zu Verschwörungstheorien oder abenteuerlichen Interpretationen geben können. Zu solchen kommt Catherine dort überhaupt nicht. Aber später dann als die Handlung (endlich) zum titelgebenden Northanger Abbey verlegt wird, dem Anwesen der Tilneys. Die Abtei entfacht Catherines Fantasie, könnte sie doch Schauplatz von Gräueln sein wie die, von denen sie so oft liest. Natürlich sieht sie dann überall Verschwörungen, was ihr zum Verhängnis wird, mich aber offen gestanden auch sehr an mein Teenager-Ich erinnert. 😉 Trotzdem scheinen sich diese beiden Catherines sehr zu unterscheiden, was wohl darauf zurückzuführen ist, dass Jane Austen den Roman in mehreren Etappen schrieb.

Northanger Abbey gilt als eins von Jane Austens früheren Werken und erlebte einige Überarbeitungen, was man sogar in einem kurzen Vorwort der Autorin nachlesen kann. Was dort nicht steht ist, dass Austen die Rechte auch schon einmal verkauft hat, das Buch aber über Jahre nicht gedruckt wurde. Ihr Bruder kaufte das Buch inklusive der Rechte zurück, es wurde erneut überarbeitet und dann, nach Jane Austens Tod, veröffentlicht. Das ist mehr als eine Randnotiz, sondern auch ein Ausdruck dessen wie es Frauen und ihrem Werk damals erging. Nun erklärt sich vielleicht ein wenig, warum Catherines blühende Fantasie erst so spät als ihr prägnantes Merkmal erscheint und warum der Roman scheinbar zwei Teile hat. Wichtig ist jedoch, dass trotz dieser kleinen Brüche Catherine eine sehr nahbare Heldin ist, der Roman mitreißend und emanzipatorisch. Fast schon rührend die Erzählstimme Jane Austen, der wir wohl in keinem anderen Roman so nah sind.

Fazit

Trotz kleinerer Brüche rundum das bekannte, hervorragende Jane-Austen-All-Inclusive-Paket

„Jemand, der keine Freude an einem guten Roman hat, muß unerträglich dumm sein, ganz gleich ob Mann oder Frau. […]“

p. 117 (nicht meine Worte 😉)

Besprochene Ausgabe: ISBN 978-3-423-14530-5, dtv Verlag

„ausgelesen“ ist eine Kategorie meines Blogs, in der ich immer zwischen dem 15. und 20. eines jeden Monats ein Buch unter die Lupe nehme. Der Begriff „ausgelesen“ ist sehr dehnbar. Ein „Buch unter die Lupe nehmen“ schließt Belletristik, Sachbücher, Manga, Comics unvm mit ein. 🙂

Eine Antwort

  1. Guten Morgen nochmal.
    Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich bisher lediglich „Stolz und Vorurteil“ gelesen habe. „Emma“ steht hier noch ungelesen. Und dass, obwohl ich doch ersteres sehr gemocht habe.

    „Northanger Abbey“ macht mich auf jeden Fall neugierig. Also sollte ich vielleicht doch mal wieder in Austens Welt abtauchen.

    Grüße!

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