Neulich im Kino … Review zu „Whiplash“

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Was war ich enttäuscht, als die Kinos in meiner Stadt Whiplash zum Deutschlandstart ab dem 19. Februar ignorierten. Seitdem ich den Trailer das erste Mal gesehen hatte, wollte ich den Film so dringend sehen wie schon lange keinen mehr – außer vielleicht ‚The Imitation Game‘. Bitter. Selbst unmittelbar nach den Oscars, bei denen Whiplash ein paar Preise abgeräumt hat, lief der Film nirgends in meiner Umgebung. Dabei wollte ich ihn unbedingt mit entsprechender Dolby Surround Sound-Kulisse sehen. Ich weiß nicht, was sich verändert hat aber letzte Woche lief er dann doch in mehreren Kinos in meiner Stadt. Yes. Und übrigens: der Artikel ist Spoilerfrei.

Worum gehts?

Andrew (Miles Teller) studiert am Shaffer Konservatorium in New York. Sein Instrument: das Schlagzeug. Nein – sein Leben: das Schlagzeug. Er arbeitet hart an sich, um seinem Idol Buddy Rich nahe zu kommen. Und wer am Shaffer studiert, will in die Studioband. Das ist der Name der offiziellen Jazz-Hochschul-Auswahl des Shaffers. Und wer da rein will, muss von Terence Fletcher (J.K. Simmons) abgenickt werden. Der erkennt Potential innerhalb weniger Töne und ist knallhart. Er verschwendet keine Zeit, erniedrigt die Leute, schreit oder wählt Worte, die sitzen. Er holt Andrew als Zweitbesetzung für das Schlagzeug in die Studioband und malträtiert ihn von der ersten Sekunde an. Den Ansprüchen genügen, ein Ideal erreichen, vielleicht sogar berühmt werden, perfekt spielen, der Kunst wegen – mit diesen Gedanken im Sinn versucht Andrew den Ansprüchen Fletchers zu genügen. Bis er sich selbst verliert oder bis Blut fließt? Oder beides?

Hintergrund

Apropos der Kunst wegen … Regiesseur Damien Chazelle bekam den Film nicht finanziert und machte deswegen 2013 den gleichnamigen Kurzfilm daraus. Im selben Jahr gewann er den Short Film Jury Award beim Sundance Film Festival. Danach wurde ihm dann endlich eine Finanzierung zugesagt und 2014 (in Deutschland 2015) erschien dann der Spielfilm. Es ist schlecht um die Kunst bestellt, könnte man meinen. Aber immerhin gab es hier ein Happy-End für Chazelle und Simmons, der 2015 den Oscar als bester Nebendarsteller erhielt. Whiplash ist schon eine kleine Sensation. Selten hat mich ein Film so gefesselt, bei dem Musik im Fokus steht. Das Charakterdrama ist virtuos durchinszeniert und ging nicht nur schonend mit seinen Beteiligten um. Miles Teller spielte Schlagzeug seitdem er 15 ist und hat tatsächlich gespielt, bis das Blut fließt. J.K. Simmons, der übrigens bereits im Kurzfilm den Fletcher spielte, wurden bei einer Szene zwei Rippen geprellt. Außerdem weigerte sich Simmons eine bestimmte Zeile nochmal zu sagen, die aber Teil des Kurzfilms war. Chazelle nahm das als Anlass den Ton aus dem Kurzfilm einfügen zu lassen. Chazelle hatte es auch nicht leicht. Während der Dreharbeiten hatte er einen Autounfall – ein Detail, das man beim Filmschauen mal in Hinterkopf behalten sollte.

Und nebenbei noch eine kleine Anekdote aus dem Kinosaal: der Film wurde im Rahmen einer Arthouse-Reihe gezeigt, obwohl ich ihn nichtmal als Arthouse einordnen würde. Tatsächlich wurde der Saal gefüllt und hat sehr viele Filmfans und ganze Musikgruppen angelockt. Zu recht! Fantastischer Film. Die Zuschauer haben aber wohl sehr zu meinem Ärgernis nicht damit gerechnet, dass der Film sofort anfangen würde. Ohne Werbung, ohne Trailer. Einfach hop und auf gehts. Bis zu 20 Minuten nach dem Beginn kamen Leute in den dunklen, knackevollen Saal und haben umständlich ihre Plätze gesucht oder gelabert und nicht begriffen, dass es einfach mal losgeht. NERVIG. Ich hätte am liebsten mit etwas geworfen.

Fazit

Whiplash ist wahnsinnig. Wahnsinnig gut. Vielleicht packt einen der Film vor Allem dann, wenn man Musik mag. Ich mag Musik. Vielleicht mag man ihn weniger, wenn man Jazz nicht leiden kann. Schließlich werden da viele Minuten lang einfach mal nur Songs gespielt. Zwar unterlegt mit dem psychischen Duell von Andrew und Fletcher, aber trotzdem. Aber ich liebe Jazz. Wenn man einen Actionfilm erwartet, ist man hier fehl am Platz, wissen wir. Aber an einen Psychothriller kommt Whiplash mit seiner Intensität schon ziemlich nah ran. Wie Fletcher immer wieder eine neue Hürde schafft, für die Andrew sich bis zur Selbstaufgabe in das Spiel reinknien muss, ist spannend und schmerzlich anzuschauen. Ein bisschen Voyeurismus kommt dazu, wenn man darauf wartet, was sich Fletcher als nächstes einfallen lässt. Der Saal hat geraunt und gestöhnt bei den erniedrigenden Sprüchen und provozierenden Handlungen. Und es tat weh zuzusehen wie Andrew sich verliert.

Whiplash zu schauen ist eine Gefühlsachterbahn. Ich saß erschrocken da, schlug mir die Hand vor den Mund, habe gelacht und geweint. Da hat ein großartiges Team einen großartigen Film gemacht. Und die Darsteller! J.K. Simmons ist eine Naturgewalt und er hat für mich den Platz als bester Darsteller überhaupt, irgendwann und irgendwo eingenommen. Auch für seine sehr sympathische Oscar-Rede. Warum kannte ich eigentlich Miles Teller vorher nicht? Egal, ich bin jetzt ein kleines bisschen verknallt. Und der Soundtrack läuft bei mir rauf und runter. (Übrigens sind das was gespielt wird und was man im Film hört nicht immer ganz akkurat dasselbe – das musste mir aber das Internet sagen, das bemerke ich nicht selber.) Außerdem habe ich selten einen Film erlebt, der über seinen eigenen Klimax hinaus noch weitererzählen kann. Nach dem großen Knall geht die Geschichte nämlich noch weiter – ohne langweilig zu werden. Achtet mal drauf, das schaffen nicht viele. Im Gegensatz zum klassischen Theater sind die nämlich meistens nach dem großen Finalkampf ganz fix zu Ende. Also. Nichts zu meckern. Ich bin hin und weg. 10 Punkte. Abschließende Worte? Ja. Ich habe meine Wurzeln zwar nicht in der Musik, aber im Zeichnen und der Illustration. Und ich habe selten ein Lob vom professionellen Sektor bekommen. Mappensichtungen waren meistens bitter und wie Rückschläge. In kurzer Zeit ein Urteil. Monate der Vorbereitung und des Zeichnens in den Abend- und Nachtstunden und was dann? Nichts. Auch die große Bekanntheit im Internet blieb aus. Kunst ist hart. Whiplash ist gnadenlos und nicht so weit weg davon wie sich die Szene anfühlt.

(10/10)

Sternchen-10

Habt ihr den Film schon gesehen? Wie hat er euch gefallen? Was ist eigentlich euer nervigstes Kino-Erlebnis? Wolltet ihr ihn sehen und seid auch an den Kinos gescheitert? Wie definiert ihr eigentlich Arthouse? (Und ich frage nicht nach der Wikipedia-Definition, die kann ich alleine nachschlagen 😉 ) Habt ihr eigentlich auch Gehversuche in der Kunst unternommen?

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