Serienlandschaft: Review „The Returned“ (US) und Vergleich zu „Les Revenants“

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Ich war ein großer Fan der französischen Serie Les Revenants. Für mich eine glatte 10/10. Landete schnell auf der Liste der besten Serien, die ich jemals gesehen habe. Als es hieß, dass es ein amerikanisches Remake geben wurde, war ich ziemlich sauer und dachte mir nur „typisch“. Kaum ist was erfolgreich, muss ein amerikanischer Produzent es sich aneignen und seinen Stempel auf das geistige Eigentum anderer aufdrücken. Offensichtlich verkauft ja irgendwer die Rechte und stimmt dem zu – also warum sich aufregen? Weil viele ignorieren, dass es ein „Original“ gab, dass bspw. Aus Europa, Asien oder woauchimmer herkommt und das tut mir leid. Die echten Ideengeber haben meines Erachtens die ungeteilte Aufmerksamkeit verdient. Wie schon bei so vielen Filmen schreitet der Trend zum Remake auch bei Serien voran. So gesehen bei „Die Brücke“ oder auch „Broadchurch“, dessen US-Remake „Gracepoint“ heißt. Der erste Trailer sah für mich wie eine 1:1-Kopie von „Les Revenants“ aus. Erst als groß angekündigt wurde, dass sich das Remake vom Original unterscheiden würde, beschloss ich mich davon mal zu überzeugen. Der erste Teil ist eine spoilerfreie Review, die Abschnitte „The Returned“ (US) Review und Remake-Wahnsinn sind spoilerfrei, der Abschnitt Vergleich zwischen „The Returned“ und „Les Revenants“ ist nicht spoilerfrei.

„The Returned“ (US) Trailer … mit ‚internationl award winning hit series‘ meinen die jetzt aber das Original

„The Returned“ (US) Review

Eine amerikanische Kleinstadt in den Bergen wird Schauplatz eines unerklärbaren Ereignisses. Menschen, die unter verschiedensten Umständen starben, kehren plötzlich zurück. Ohne irgendeine Erinnerung was geschehen ist. So beispielsweise Camille (India Ennenga), die mit ihrer Schulklasse bei einer Busfahrt verunglückte. Oder auch der kleine Victor (Dylan Kingwell), der von der Ärztin Julie (Sandrine Holt) aufgenommen wird, aber schweigt und kaum etwas über sich preisgibt. Die Rückkehrer reißen damit alte Wunden bei ihren Angehörigen auf und schüren neue Konflikte, da die Zeit nicht stehen geblieben ist und das Leben für alle anderen weiterging. Wie auch der Musiker Simon (Mat Vairo) zu spüren bekommt. Er starb an seinem Hochzeitstag, inzwischen hat seine Verlobte Rowan (Mary Elizabeth Winstead) eine neue Familie.

The Returned ist eine solide Mysteryserie, die bei mir sicherlich Punkte verschenkt, weil ich bereits das Original gesehen habe und es nicht ganz abstellen kann und automatisch Vergleiche ziehe. So kommt die erzählerische und atmosphärische Dichte für mich nicht an das Original heran und die Charaktere wirken verfremdet und treffen Entscheidungen, die ich nicht nachvollziehen kann und die mir out-of-character erscheinen (Rowan beispielsweise). Tatsächlich hält The Returned das Versprechen, dass es ab einem gewissen Punkt der Handlung einen deutlichen anderen Kurs fährt als Les Revenants, was ich der Serie positiv anrechne. Damit schafft die Serie es andere Szenarien zu entwickeln, von denen ich einige aber misslungen im Vergleich zum Original finde (Victor beispielsweise). Fragen, die die Originalserie nie beantwortet (Lenas Wunde), werden beantwortet, was ich gut finde und was auch spannend dargestellt wird, aber auch weniger Platz für eigene Theorien lässt. Des Weiteren nehme ich es der Serie etwas krumm, dass sie keinen Mut dazu hatte, kantige Charaktere so wie sie sind aus dem Original zu übernehmen (Julie), sondern sie wesentlich konformer gestaltet hat. Andererseits macht die Serie besser Gebrauch von dem Thema Öffentlichkeit. Social Media und Reporter kommen (leicht) ins Spiel, was mir realistisch angesichts der Ereignisse erscheint. Dadurch, dass die Handlung abgewandelt und weniger offene Fragen gelassen werden und viele Charaktere grundlegend anders (und teilweise bösartig) angelegt sind, bekommt die Serie einen anderen Ton, durchschnittlich, teilweise etwas soapiger als das Original, regt weniger zum Nachdenken an. Von dem Ende der Serie halte ich nichts: hier zeigt sich ganz deutlich, dass man auf eine 2. Staffel gehofft hat. Das resultiert in einem nicht zufriedenstellenden Ende, da die Serie jüngst abgesetzt wurde. Trotzdem es auch gute positive Aspekte am Remake gibt, empfinde ich aber das Original als wesentlich lohnenswerter. Wer nur das US-Remake kennt, wird sicherlich auch so begeistert sein. Baut schließlich auf einer spannenden Vorlage auf.

(7/10)

Sternchen-7

Remake-Wahnsinn

The Returned (2015) ist das amerikanische Remake der französischen Serie „Les Revenants“ (2012), die ein Liebling unter Serienfans und Kritikern wurde. Sehr für Verwirrung sorgte, dass Les Revenants weltweit u.a. unter der englischen Übersetzung des französischen Titels als The Returned veröffentlicht und beworben wurde. Daher ist hier und da die Rede von The Returned (US) bzw. The Returned (2015) – das Remake. Und von The Returned (FR) oder The Returned (2012) – das Original Les Revenants. Und um alle Leser jetzt noch mehr zu verwirren, sei gesagt, dass die Serie Les Revenants selbst bereits ein Remake ist. Undzwar das eines Films aus dem Jahr 2004 – der heißt übrigens auch Les Revenants. Schön verwirrend, oder? Allerdings unterscheidet sich die französische Serienadaption sehr von dem Film. Das US-Remake ist in der ersten Hälfte auch eine Kopie der Originalserie, fährt dann aber einen andere Kurs, wie ich bereits in der Review feststellte. Was sich alles geändert hat, möchte ich im folgenden zusammenfassen.

Trailer „Les Revenants“

Vergleich zwischen „The Returned“ und „Les Revenants“

„Frequently Asked Questions“

Manche Fragen werden in Les Revenants nie beantwortet, beispielsweise wo Lenas Wunde herkommt. Das Ende ist ebenfalls recht rätselhaft und ob Simon sich nun umgebracht hat oder nicht, kann man als Auslegungssache bezeichnen. Hier bemüht sich The Returned bei den ganz nebulösen Dingen um Auflösung und klärt uns auf, dass Lenas Wunde im Prinzip Camilles tödliche Wunde aus dem Busunglück ist. Da beide Schwestern die Empfindungen der jeweils anderen fühlen können, ist es nun so, als ob sie den Schmerz Camilles nachträglich abbekommen hat. Bei mir hält sich die Begeisterung und Ernüchterung etwas die Waage. Auf der einen Seite ist es schön, wenn unbeantwortete, brennende Fragen beantwortet werden, andererseits hat man dann auch nichts mehr um darüber zu rätseln und zu diskutieren.

Langlebige Zombies

In der Originalserie haben die Rückkehrer eine Halbwertszeit. Sie lösen sich nach einer Weile auf, sind vergänglich. In Hinblick auf das Staffelfinale und das Große Ganze was in der Originalserie passiert, macht das Sinn, wie ich finde. Ihre Wunden heilen, sie können nicht nochmal sterben und sie haben derben Hunger. Deutet alles auf einen übernatürlich starken Stoffwechsel hin. Auch das macht Sinn: irgendwann ist die Reserve aufgebraucht. Im Remake hingegen sind die Rückkehrer scheinbar wieder normale Menschen, die am Beispiel von Seelsorger Peter auch sehr lange weiterleben. Trotzdem hat beispielsweise Camille weiter den unstillbaren Hunger – hier sehe ich einen Widerspruch. Und mir ist noch nicht ganz klar, ob das was ihrem love-interest passierte mit ihr zutun hat oder einfach ein Unglück war. Wohl eher letzteres.

Charaktere und Absichten

Eine der Dinge, die mich anfangs am stärksten abgestoßen hat ist wie die Charaktere angelegt wurden. Im Remake finde ich viele Änderungen wenig sinnvoll oder manche einfach unsympathisch. Bei meiner Review habe ich das nicht berücksichtigt, weil das schon arg Geschmackssache ist und ich in Les Revenants natürlich auch nicht alle Charaktere mochte. Einige Dinge sind mir aber negativer aufgefallen als andere. Nehmen wir mal Rowan: im Original kommt ihr Nervenzusammenbruch deutlicher rüber und dass sie Simon anfangs für einen Geist hält wirkt verständlicher. Dass Lucy eine Betrügerin ist, fand ich zwar plausibler, aber dass sie dann auch noch so sehr stereotyp dargestellt wird, superkurzer Rock, bewusst die Männer heiß machen und abziehen, das fand ich dann doch echt schwach. Im Original wird sie als eine zarte Person mit viel Ausstrahlung dargestellt und dem Zuschauer überlassen, ob man ihre „Gabe“ für Betrug hält oder nicht. Fast noch krasser ist die Darstellung von Julie. Im Original wird klar, dass sie mal eine sehr lebenslustige Frau war, aber nachdem sie angegriffen und fast gestorben wäre, ist sie ein Schatten ihrer selbst. Versteckt sich hinter weiten Klamotten, macht optisch nichts aus sich und scheint sich zuhause zu verkriechen. Die Remake-Julie ist da wesentlich konformer. Es wundert mich fast, dass sie in der amerikanischen Version beibehalten haben, dass sie lesbisch ist.

Man kann sich darüber streiten, ob es gut oder schlecht ist, dass manche der Rückkehrer böse Absichten haben. Auf der einen Seite ist es normal, dass nicht jeder ein Samariter oder eine unschuldige, gequälte Seele ist. Andererseits finde ich es im Fall von Victor beispielsweise wenig verständlich und kann auch nicht mehr sagen als: mir hat’s im Original besser gefallen. Dort sind die Charaktere irgendwo zwischen Schwarz und Weiß. Mit allen moralischen Dilemmata, die man sich vorstellen kann. Nehmen wir nur mal die mysteriöse Helen (Viviane). In Les Revenants finde ich sie als Charakter sehr witzig und interessant, auch wenn wir wenig über sie wissen. Ich denke, dass sich ihr Mann umgebracht hat, weil er denkt, dass es der Tag des jügsten Gerichts ist. Oder weil er vielleicht was mit dem Staudamm zutun hatte und denkt, dass sie zurückkehrt, um sich zu rächen. Oder vielleicht einfach weil er Angst vor ihr hatte (Zombiiiee). Im Remake ist sie eine psychisch kranke Frau – war sie bereits vor ihrem Tod. Und als Rückkehrerin verbreitet sie düstere Stimmung, redet über Lazarus und hält es für ihre Pflicht die Stadt in Schutt und Asche zu legen. Hmmmm … gefällt mir auch nicht so gut. Warum werden hier manche Charaktere als „böse“ dargestellt?

Nachdem ich das Experiment gewagt habe, schlussfolgere ich: für mich ab jetzt keine Remakes von Serien mehr. Zwar ist The Returned keine schlechte Serie, aber trotzdem schaue ich wahrscheinlich in Zukunft keine Remakes von Serien mehr, die ich bereits kenne. Für mich also kein Gracepoint etc. Wie ist das bei euch? Bemüht ihr euch um das Original oder ist es mehr eine Frage dessen, was man leichter bekommt? (Die DVD ist mir zu teuer / läuft gerade auf Netflix / …) Kennt ihr das Remake oder das Original? Und welche Version schneidet bei euch besser ab? Kennt ihr einen Fall in dem euch das Remake besser gefallen hat? Und eins noch zum Schluss: mir fehlt im Remake die wunderbare nachdenkliche Stimmung durch die Mogwai-Songs … .

Immer zwischen dem 5. und 10. eines jeden Monats mache ich einen kleinen Ausflug in die Serienlandschaft. Ob aktuelle Serien, all-time-favorites, irgendeine TOP-5 oder einfach ein paar zerstreute Gedanken: es ist alles dabei :).