Wir lesen … „Stories of Your Life“ #StoriesOfChiang – Erstes Zwischenfazit

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Die Ankündigung des gemeinsamen Lesevorhabens von Kathrin, Voidpointer und mir ist noch nicht mal lange her, aber in dem derzeitigen Lese-Eifer, der mich gepackt hat, möchte ich schon das erste Fazit ziehen. Drei der acht Kurzgeschichten sind geschafft, ein Drittel der Seitenzahl – grob gefasst. Und diese ersten drei Kurzgeschichten aus Ted Chiangs „Stories of Your Life and Others“ waren packend. Völlig unterschiedlich in ihrer Natur. Und auch wie ich sie empfunden habe. Der Artikel ist weitestgehend spoilerfrei, lediglich bei „Tower of Babylon“ lehne ich mich etwas weit aus dem Fenster.

„Tower of Babylon“

Der Bergarbeiter Hillalum wird nach Babel gerufen, um einen der letzten Schritte am Turmbau zu Babel zu tätigen. Der Turm reicht bereits so weit in den Himmel, dass es Monate braucht, um von der Erde bis zur Spitze emporzusteigen. In Chiangs Version der Geschichte hat offensichtlich kein Gott den Turmbau vorzeitig beendet. Denn der Turm ist intakt und es leben sogar Menschen darauf, die seitdem die Erde nie wieder betreten haben. Da wurden Kinder geboren, die nicht wissen wie es ist auf dem Boden zu leben. Anfangs empfand ich die Geschichte als etwas ermüdend. Erst als die Details bewusst gemacht haben wie enorm dieser Turm ist und dass dort Menschen ihr Leben fristen, hat mich aufhorchen lassen und langsam die Spannung angezogen. Was mich am meisten verblüfft und gefangen hat, sind die Eindrücke, die mit der Natur und der Sicht auf die Welt einhergehen. Wenn man auf dem Turm beobachten kann wie die Schatten der einfallenden Dunkelheit den Turm erst später als die Erde einhüllen (bedingt durch die Schatten der Umgebung am Boden), dann versetzt mich das in eine regelrechte Ehrfurcht vor dem Konstrukt.

Woodcut by Camille Flammarion, L’Atmosphere: Météorologie Populaire, Image is public domain, Found on: commons.wikimedia.org, link to Image Source

Die Tragweite der Kurzgeschichte wurde mir aber erst sehr spät bewusst. Die ganze Zeit habe ich mir nicht wirklich einen Reim darauf machen können, warum man Bergarbeiter bestellt, um das Himmelsgewölbe einzureißen. Schließlich ist der Grund, warum Hillalum nach Babel kommt. Ich stellte mir während des Lesens das Himmelsgewölbe als steinerne Schale vor, die trotzdem durchscheinend ist. Und die sowas wie ein riesiges Tor beinhaltet, was sie aufbrechen wollen. Erst zum Finale (das ich so nicht habe kommen sehen), erinnerte ich mich daran, dass man früher davon ausging, dass das Firmament anders beschaffen sei, eine feste Hülle, hinter der Gott oder das All oder was auch immer liegt. Als ob unsere Welt eine Murmel wäre. Was ja nicht ganz so ist. Man kann also sagen, dass das Finale der Kurzgeschichte bei mir eingeschlagen und mich etwas erleuchtet hat. Als Kind faszinierte mich der Gedanke und insbesondere der Holzschnitt von Camille Flammarion. Wie konnte ich das vergessen? Umso verrückter erscheint es einem, wie Kathrin es treffend auf den Punkt brachte, dass die Menschen einerseits ihre Götter verehren und andererseits ihr Firmament einreißen wollen? Sie wissen, dass es ein Akt ist, der nicht auf die leichte Schulter genommen werden kann. Ansonsten würden sie nicht beten.

Das Finale hat mich lange beschäftigt und für den (für mich) zähen Anfang entlohnt. Denn ich komme aus dem Denken nicht raus: Gott hat den Turm bis dahin nicht zerstört. Muss man das und das Ende als das Nicht-Vorhandensein von Gott in dieser Geschichte deuten? In seinen Story Notes erwähnt Chiang René Margittes Bild The Castle of the Pyrenees und dass ihn die physikalische Besonderheit des Dargestellten fasziniert hat. Dabei hat er mir quasi angestubst, denn ich bin ein großer Fan von René Magritte, einem Maler des Surrealismus. Es sind zwar andere Werke von Magritte, die ich zu meinem Lieblingsbilder zähle, aber auch The Castle of the Pyrenees hatte auf mich immer eine hypnotische Wirkung, bei der ich am liebsten ständig darüber nachgedacht hätte wie sich Menschen dort versuchen abzuseilen oder den Fels vom Himmel zu holen etc. Ich habe es sogar mal als Übung für Texturen zeichnen „abgemalt“. Heute fällt mir auf wie sehr mich der Fels an die Raumschiffe in Denis Villeneuves Arrival erinnert.

„Understand“

Die zweite Geschichte des Bandes erzählt von Leon, der nach einem Unfall als quasi hirntot galt. An ihm wurde ein neu entwickeltes Hormon ausprobiert, dass das Zentralnervensystem wiederherstellt. Nach einer Weile ist er tatsächlich wieder bei Bewusstsein, erinnert sich und findet vollkommen normal in den Alltag zurück. Fast zumindest. Bei einem Nachtest fällt auf, dass er sich verblüffende Dinge merken kann und bald wird klar, dass er in Folge der Behandlung zunehmend intelligenter wird. Das löst eine Spirale von Geschehnissen aus, die ich als sehr spannend empfunden habe und was Leon an Fähigkeiten dazugewinnt und wie schnell er lernt und was er alles lernt als faszinierend.

Im Großen und Ganzen könnte man meinen, dass Leons Geschichte genauso gut auch in der Gegenwart spielen könnte. Als aber erwähnt wird, dass er Hologramme repariert, ist das entweder ein klasse Übersetzungsfehler von mir, den ich gerade mit euch geteilt habe 😉 oder der Hinweis darauf, dass es in einer Zukunft spielt, in der Hologramme offenbar alltäglich und machbar geworden sind. Aber das ist nur ein scheinbar winziges Detail am Rande. Wenn man Understand so zusammenfasst, wird einem bewusst, dass die Geschichte anfangs klingt wie eine, die Hollywood schon zig mal erzählt hat (bspw. in Phenomenon – Das Unmögliche wird wahr). Aber Ted Chiangs Vision dessen geht noch viel weiter und erkundet wie eng geistige Leistung und Körper verzahnt sind bzw. wie wenig eng sie das bei einem normalen Menschen sind. Wer kennt noch die angeblichen Zahlen wie wenig unserer Hirnkapazität wir nutzen!? Understand war für mich unendlich spannend und hatte soviel Diskussionsstoff, dass ich am liebsten einen eigenen Artikel dazu machen würde und dass er genug für einen abendfüllenden Film hergibt.

Für den Leser wird übrigens die Veränderung des Hauptcharakters sehr deutlich. Ab einem gewissen Zeitpunkt verändert sich sein ganzes Wesen, sein Vokabular. Ich musste ehrlich einige englische Wörter nachschlagen, was ich zu Beginn nicht tun musste, und später auch ganz andere Begriffe, weil sich das ganze Denken und Wesen von Leon verändert hat. Konsequent der Chiang.

„Division by Zero“

Die dritte Kurzgeschichte ist etwas speziell. Sie vereint Wissenschaft und Innenleben, Verzweiflung und berufliche Neugier sowie das Streben nach dem Erkennen des größeren Ganzen. Das Forschertum. Sie ist stets in drei Segmente geteilt. Zuerst folgt stets ein Abschnitt mit Informationen über mathematische Axiome und Theoreme. Dann ein Abschnitt aus der Sicht von Renee, dann ein Abschnitt aus der Sicht von Carl. Dann geht es wieder mit den mathematischen Ausführungen weiter und so fort. Renee und Carl sind verheiratet und beide Wissenschaftler. Renee ist Mathematikerin und stellt eines Tages ein Theorem auf, dass sie und die Welt der Mathematik, vielleicht sogar die ganze Welt, in ihren Grundmanifesten erschüttert. Das ist für sie eine so krasse Erkenntnis, dass sie zu verzweifelten Maßnahmen greift.

Dieser Ted Chiang ist schon ziemlich smart. In den mathematischen Abschnitten geht es oftmals darum wie Mathematiker und Mathematik versuchen fundamentale Widersprüche zu beweisen oder zu beweisen, dass es keine Widersprüche gibt. Kann man Widersprüche nicht entkräften, ist das oftmals schon schlimm genug. Es geht hier insbesondere um mathematische Operatoren und um Gleichnis. Das steht mit symbolhaftem Charakter auch für Carl und Renee, deren Gleichnis nicht mehr zu bestehen scheint. Als wären sie out of sync, obwohl sie ähnliche Erfahrungen und Tiefen durchlebt haben und man meinen müsste, dass sie sich von allen Menschen am ehesten nahe stehen müssten.

Tun sie aber nicht. Und wie Ted Chiang das mit Zahlen darlegt ist krass und auf eine kalte Art emotional und erinnert mich an den folgenden Song von Benjamin Clementine. Aber ähnlich wie der Song stößt mich die ganze Geschichte auch ein bisschen ab, denn … ich hätte so gern Renees Beweis gesehen.

„Benjamin Clementine – Mathematics (2014)“, via Soultakenn (Youtube)

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Sonstige Beobachtungen und Gedanken

Während der Leserunde habe ich bemerkt, dass man sehr vorsichtig sein muss, um nicht zu spoilern. Und finde es wieder einmal sehr cool, denn das gemeinsame Lesen bereichert. Zum Einen durch den bloßen Austausche dessen, was uns auffällt und berührt, sei es nur um darauf hingewiesen zu werden, dass Story Notes gibt. Dass hatte ich im Feuereifer total übersehen. Klar, kann man die auch im Nachgang lesen, aber es ist anders als wenn die Erinnerung an die Kurzgeschichte so frisch ist. Und ich habe eine furchtbare Entdeckung gemacht: als ich wagemutig das Buch mit auf eine Dienstreise nahm, in der Annahme dass ich allen Ernstes auf der Reise Zeit zum lesen hätte, habe ich ein Eselsohr in das Cover gemacht. Neeeeeeeiiiiiiiin! Warum nur … es ist so sinnlos.

Seht ihr was ich sehe? Eine Eselsecke … nein … warum? Warum nur??

Das, was kommt

Anders als bei anderen Kurzgeschichten-Bänden muss man nicht bis ganz zum Ende warten um die wahrscheinlich populärste Kurzgeschichte zu lesen. „Stories of your Life“ erwartet uns nämlich als vierte Geschichte in dem Band. Und da ich auf die witzigerweise am gespanntesten bin (obwohl oder gerade weil ich den auf ihr basierenden Film Arrival schon gesehen habe), scheint es ein guter Zeitpunkt zu sein, um hier den ersten Cut und das erste Zwischenfazit zu ziehen. Die ersten drei Geschichten waren faszinierend und v.A. komplett unterschiedlich. Es ist wirklich wie ein Kritiker bzw. Reviewer auf Booklist sagte (wird zu Beginn des Buches zitiert): Chiang bringt das Science zurück zu Science-Fiction. … Vor der vierten Geschichte habe ich allerdings etwas Ehrfurcht. Wie passt soviel Theorie, soviel Spannung und wie passen soviele Visionen und auch albtraumhaftes und abgründiges der Menschen, das man in Arrival gesehen hat in die nur rund 50 Seiten, die Stories of your Life umfasst? Wird es dasselbe in Grün sein? Werden die Unterschiede mich enttäuschen? Oder werden wir gar keine spüren? Schließlich ist Ted Chiang ein Magier was nicht nur Wissenschaft und Emotion betrifft, er kann auch das Zeitgefühl austricksen. Understand fühlte sich für mich wie ein abendfüllender, spannender Film an. Fasst aber nicht mal 50 Seiten. Ich bin gespannt.

Zu den bisherigen Artikeln der Leserunde

20.08. Ankündigung von Kathrin
21.08. Ankündigung Miss Booleana

Unseren Gedanken während des Lesens könnt ihr wieder auf Twitter unter dem Hashtag #StoriesOfChiang folgen. Bis jetzt holt mich das alles gut ab, gibt meinem Hirn Futter und ich habe viel viel Redebedarf. Irgendwie zuviel fast!? Der Artikel ist schon mächtig lang. Aber es fühlt sich auch wie drei Geschichte an, wo man sonst nur eine besprechen musste. Kennt ihr die Geschichten? Wie haben sie euch gefallen? Was sagen meine Mitstreiter zu ihnen? Und .. wann hat ein Buch bei euch zuletzt soviel Redebedarf erzeut?