Serien-Besprechung: „The Boys“ Season 1

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Stark gehypte Serien stoßen mich irrsinnigerweise eher ab. Wenn schon alle darüber sprechen und ihre Bewertungen in die Welt geschickt haben, bin ich plötzlich nicht mehr neugierig. Wenn dann noch jemand als Argument anbringt, dass die Serie bei IMDB schon eine duchschnittliche Bewertung von x Sternen hätte, dann ist der letzte Funke Interesse erloschen und ich möchte mich der Mainstream-getriebenen Diskussion eigentlich nur noch entziehen. Letzten Endes ist es den Kollegen in meinem Büro zu verdanken, die auch was an der Serie zu kritisieren hatten. Und ich war wieder neugierig. Besprechung ist spoilerfrei.

Never meet your heroes

Die Welt in der The Boys spielt ist in ihren Mechanismen schmerzhaft gleich unserer, nur nicht ganz in ihren Merkmalen. Hier gibt es Menschen mit Superkräften. Die sogenannten „Supes“ haben einen Röntgenblick, sind unfassbar stark und kugelsicher oder können per Handauflegen Gedanken und Erinnerungen lesen. Diejenigen von ihnen, die denken, dass sie aufgrund ihrer Fähigkeiten zu Höherem berufen sind, stellen sich in den Dienst der Gemeinschaft und arbeiten mit der Polizei zusammen. Die sogenannten „Seven“ gelten als die stärksten und besten Supes. Hughie Campbell (Jack Quaid) dürfte zu dem Thema eine andere Meinung haben, nachdem einer der großen heldenhaften Sieben „aus Versehen“ seine Freundin umgebracht hat. Noch in Trauer, brennt Hughie eine Sicherung durch als ihr Tod in den Medien als Kollateralschaden bezeichnet wird und es heißt sie sei selber schuld. Kurze Zeit später tritt Billy Butcher (Karl Urban) an ihn heran und findet in Hughies Enttäuschung und Wut einen Nährboden. Butcher will nichts geringes als die Supes an den öffentlichen Pranger stellen und für ihre unter den Teppich gekehrten Vergehen bestrafen.

Zu diesem Zweck schart Butcher einige Bekannte um sich („The Boys“) und es wird schnell klar, dass er das nicht das erste Mal versucht. Butchers Methoden und der Umstand, dass Superhelden eben schwer kleinzukriegen sind, macht das Vorhaben schnell zu einer blutigen Sauerei. Neben der Handlung um Hughie und „The Boys“, handelt die Serie aber auch von Annie aka „Starlight“ (Erin Moriarty), einem idealistischen „aufstrebenden Super-Starlet“. Sie geht zum Casting für die Seven und wird das neueste Mitglied des Teams. Alle ihre Vorstellungen von Verbrechensbekämpfung und Vorbildfunktion werden aber sofort zerstört als sich die Mitglieder der Seven als Hedonisten, Egoisten und Soziopathen entpuppen. Hinter ihnen steht eine große Firma, die auf Macht, Geld und gute Publicity aus ist und deren treibende Kraft Madelyn Stillwell (Elisabeth Shue) bereit ist noch über viel mehr Leichen zu gehen.

Die „Justice League“ lässt grüßen

Betrachtet man „Wonder Woman“-Lookalike Queen Maeve (Dominique McElligott), den stets patriotisch-rot-weiß-blauen Homelander (Antony Starr) und The Deep (Chace Crawford), der mit Fischen sprechen kann, ist schnell klar was hier genau persifliert wird. Dabei schenkt sich die auf einem Comic von Garth Ennis und Darick Robertson basierende Serie nichts. The Seven und viele andere Superhelden werden als echte Arschlöcher dargestellt, die nur dank Marketingrummel und Presse heldenhaft aussehen. Sie sollen gottgleich sein, sind aber genauso anfällig für Drogen und Größenwahn. Mit Ausnahmen. Es gibt idealistische Supes wie Starlight oder solche, die mal idealistisch und aufrecht waren wie Queen Maeve. Die Anleihen zur Justice League und zahlreichen anderen bekannten Superheldenfiguren zu entdecken ist ein cooles Gimmick. Die Bösartigkeiten und menschlichen Verbrechen zu denen die Supes fähig sind, bekommen durch die Ähnlichkeit zu bekannten Figuren einen noch krasseren Überraschungsfaktor. Die Mechanismen der Firmen, Gremien und Institutionen, die hinter den Superhelden stehen und die Medienwirksamkeit sind ein krankes Geschäft, das ihre Vorlage in unserer Realität findet. Stars, Berühmtheiten, Influencer, Scheinheiligkeit, Erpressung, Lobbyismus – man kann es alles wiederfinden. Ein herrlicher Gegenentwurf, nicht nur für diejenigen, die Superheldenfilme müde geworden sind.

Super!?

Insbesondere in der ersten Hälfte der Serie sticht all dieses neue und „krasse“ heraus. Die bösen Helden. Das Blutbad. Die Überraschungsmomente. Der Spiegel, der der Gesellschaft vorgehalten wird, die sich gern von gutaussehenden zahnpastalächelnden Heldenfiguren ablenken lässt. The Boys irritiert außerdem mit Szenen, die man so nicht erwartet und noch nie gesehen hat. Ein Held, der einen Passanten scheinbar zufällig tötet – im nächsten Moment gefeierter Medienstar. Ein Held mit Mutterkomplex, der sich im Schoß einer deutlich älteren Frau ausweint – kurz zuvor noch  mühelos und ohne zögern viele Menschenleben zerstört hat. Ein Mann, der quasi von einer Frau vergewaltigt wird. The Boys hat seine Momente und ich möchte nicht alle vorweg nehmen. Sobald der Effekt nachlässt, driftet die Serie in Konventionalitäten ab. Im Grunde waren die Handlungen der Charaktere von Anfang an nicht sehr überraschend. Die in Hughie gärende Wut oder der Appell an Starlights Idealismus – die münden sehr geradlinig in entsprechende Aktionen. Auch die Handlungsstränge und wie sich alles zusammenfügt sind durchschaubar. Am Ende überrascht weniges. Formel und Zutaten große Klasse, im Abgang etwas schal.

(8/10)

Sternchen-8

Geht es euch eigentlich ähnlich? Stößt es euch auch schnell ab, wenn gefühlt jeder eine Serie schaut? Habt ihr dann auch keinen Antrieb mehr, sobald die Diskussion allgegenwärtig zu sein scheint und alle nur in Begeisterungsstürme ausbrechen? Wie hat euch die Serie gefallen? Und stimmt ihr der allgemeinen Begeisterung zu? Leider kann Amazon übrigens keine Trailer machen. Die, die ich finden konnte, nehmen leider einige wie ich finde zu große „BÄMs“ der Story vorweg. Weswegen ich hier einfach mal verzichte. Übrigens hat die Serie noch etwas, das ich sehr schätze und nicht erwartet habe: Simon Pegg. Der stand eigentlich optisch den Comic-Künstlern für die Figur des Hughie Pate, wurde aber als Hughies Vater besetzt, da er für die Rolle inzwischen zu alt ist.