ausgelesen: Jirō Taniguchi „Vertraute Fremde“

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Der japanische Architekt Hiroshi Nakahara steht mitten im Leben. Er hat eine Ehefrau, zwei Töchter – eine davon schon fast erwachsen. Ähnlich wie sein Vater, der die Familie ohne Vorwarnung oder erkennbaren Grund verließ als Hiroshi vierzehn Jahre alt war. Während einer Geschäftsreise steigt der erwachsene Hiroshi in den falschen Zug und landet in seiner Heimatstadt Kurayoshi. Das weckt Erinnerungen an die schwere Zeit, die die Familie damals durchzustehen hatte und an seine Mutter, die inzwischen verstorben ist. Während Hiroshi in Gedanken an all das durch die Straßen seines Geburtsortes läuft, fällt er in Ohnmacht. Als er aufsteht, ist er wieder sein vierzehnjähriges Ich. Japan ist mitten im Wirtschaftsboom des Nachkriegsjahrzehnts, seine Schwester will Tänzerin werden, seine Mutter lebt und sein Vater ist noch da. Hiroshi beschließt herauszufinden, warum sein Vater die Familie verlassen hat. Und es zu verhindern?

Bevor er realisiert, dass er vielleicht den Lauf der Geschichte verändern kann, braucht Hiroshi aber erstmal einen Moment um überhaupt zu verstehen, was passiert ist. Danach genießt er sein Leben als Teenager und das Gefühl wieder „jung“ zu sein. Er bewundert wie leicht sich sein Körper beim Rennen anfühlt, er erkennt seine Schulfreunde wieder und ihm kommen die Tränen als er die Familie am Esstisch versammelt findet. Dass in ihm ein Erwachsener schlummert, bleibt aber weder unbemerkt, noch ohne Folgen. Seine Familie sagt oftmals wie erwachsen er doch geworden ist und dass er sich verändert hätte. Tatsächlich wird er oftmals melancholisch. Er denkt an das mühsame Leben, dass seiner Mutter bevorsteht oder daran, welcher seine Schulfreunde früh sterben wird. Das Wissen über die Zukunft ist nicht nur schön. Auch wenn es ihm den einen oder anderen Heimvorteil bringt. Er ist beispielsweise plötzlich fast mühelos gut in der Schule. Aber die Dinge verändern sich. Er trifft andere Entscheidungen und ändert den Lauf der Geschichte wie er sie aus seiner Kindheit kennt. Hiroshi muss sich fragen, ob er damit das Leben, was er gelebt hat, auch verändert. Als er realisiert, welches Datum näher rückt, beobachtet er seinen Vater umso genauer und spioniert ihm hinterher – fest entschlossen die Geschichte noch weiter zu ändern.

Vertraute Fremde von Jirō Taniguchi erschien 1998 bis 1999 in Japan unter dem Namen „遥かな町へ“ („Haruka na Machi e“, „in die entfernte Stadt“). Der Manga zeigt Taniguchis Können in allen Facetten. Hiroshis Reise und Konfrontation mit der Geschichte seiner Familie offenbart ihm natürlich etwas essentielles über sich selbst und sein Familienleben. Und das zu einem Zeitpunkt, der kaum passender sein könnte. Selbst das Zeitreise-Dilemma wird großartig aufgelöst. Die bei solchen Stoffen kaum zu vermeidende (und sicherlich auch gewollte) Frage, ob unser Zeitreisender alles nur geträumt hat, steht ebenso im Raum. Die große Kunst des Erzählens: im Grunde kann die jeder so interpretieren wie er möchte. Taniguchi lässt alle Lesarten zu und gibt der Geschichte doch einen definitiven Abschluss und ein Ende mit mehreren Überraschungen. Das perfekte Gesamtpaket. Kein Wunder, dass Vertraute Fremde sowohl einen Preis des Festival International de la Bande Dessinée d’Angoulême erhielt als auch den Max-und-Moritz-Preis im Jahr 2008. Es mag später Ruhm sein, aber durchaus verdienter. Hier tritt Taniguchi übrigens nicht nur als Zeichner, sondern auch als der Urheber der Geschichte auf, während er in anderen Werken wie Der Gourmet oder Gipfel der Götter mit einem Autor zusammenarbeitete. Kleine Randnotiz: der Manga wurde 2010 verfilmt und der Autor soll einen Gastauftritt in dem franko-belgischen Streifen haben. Hoffentlich kann ich mich bald selbst davon überzeugen.

Genretechnisch kann Vertraute Fremde viel. Der Manga ist sowohl witzig, als auch dramatisch und spannend – wenn auch eher sachte. Man sollte keinen Thriller erwarten. Damit ist er genreübergreifend, lässt sich aber insgesamt gut als Slice of Life beschreiben. Schließlich bildet er über weiteste Teile das Leben eines Teenagers im Japan der 60er Jahre ab. Der visuelle Stil Taniguchis ist ein angenehmes Beispiel dafür, dass Manga eben nicht nur große funkelnde Kulleraugen bedeutet. Die Darstellung der Menschen ist sehr realistisch, die Umgebung detailliert und erinnert mitunter an frankobelgische Comics. Wer bisher mit Manga wenig anfangen konnte, findet in Vertraute Fremde vielleicht einen guten Einstieg in japanische Comics. Ein weiterer Pluspunkt für Einsteiger: es ist ein One-Shot, d.h. ein Comic, der in einem Band abgeschlossen ist. Dafür hat der es aber auch in sich. Mit über 400 Seiten bekommt man einiges an Lesezeit geboten, was auch den relativ stattlichen Preis erklärt.

Was den Eindruck eines Manga aber verwässert ist, dass die Leserichtung angepasst wurde. Mangas sind üblicherweise hinten aufzuschlagen und die Panels von rechts nach links zu lesen. Hier ist die Leserichtung eine westliche. Demzufolge wurde der Manga höchstwahrscheinlich gespiegelt. Das fällt lediglich an der Anordnung der Sprechblasen etwas unangenehm auf, ansonsten merkt man es fast gar nicht. Besonders großartig finde ich als Mangafan das allerdings nicht. Es mag zwar Manga-Einsteigern eine der hinlänglich bekannten Einstiegshürden nehmen, ist aber eine eigentlich mehr als überholte Praktik. Genauso wie es ein weiterer Manga ist, den Carlsen Comics als „Graphic Novel“ statt „Manga“ labelt. Ein möglicher Grund dafür ist sicherlich, dass der Manga so von der Zielgruppe der älteren Leser wahrgenommen wird. Aber ich als „erwachsener Mangaleser“ finde diese Praktik fehl am Platz und würde mir wünschen, dass stattdessen den Lesern etwas zugetraut wird und sichtbar gemacht wird, wie groß und breit das Spektrum der Stile und Themenvielfalt beim Manga ist. Bäm.

Fazit

Große Empfehlung für Leser jeglichen Alters, Manga-Veteranen genauso wie -Einsteiger

Besprochene Ausgabe: ISBN 978-3-551-77779-9, Carlsen

„ausgelesen“ ist eine Kategorie meines Blogs, in der ich immer zwischen dem 15. und 20. eines jeden Monats ein Buch unter die Lupe nehme. Der Begriff „ausgelesen“ ist sehr dehnbar. So wie die Themenvielfalt meines Blogs. Ein „Buch unter die Lupe nehmen“ schließt Belletristik, Sachbücher, Manga, Comics unvm mit ein. 🙂