Literarische-Fundstücke: Darüber, die Stelle im Buch zu finden, die den Titel erklärt (II)

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Zu diesem Thema erschien 2018 einer meiner ersten Literarische-Fundstücke. Lang ist’s her! Und seitdem habe ich wieder einige Stellen gefunden, die Aufschluss geben über den Titel des Buches. 🙂 Allerdings auch jede Menge, die auf der Hand liegen. Für diesen Artikel her, hebe ich mir mal die auf, die einen gewissen Aha-Effekt mit sich bringen. Zumindest einer hat mich sogar erschüttert.

„Südlich der Grenze, westlich der Sonne“ Haruki Murakami

Murakamis Südlich der Grenze, westlich der Sonne ist das Buch, das in seiner ersten dem amerikanischen entliehenen Übersetzung damals noch unter dem (absolut unpassenden) Titel Gefährliche Geliebte zum Zerwürfnis des Literarischen Quartetts führte. Das Buch umweht also der salzige Geruch des Skandals 😉 Das Buch handelt vom verheirateten Familienvater Hajime, der zufällig seine große Jugendliebe Shimamoto wiedertrifft. Die Begegnung wühlt einiges in ihm auf. Dieses Buch Murakamis hat einige der zärtlichsten und sehnsüchtigsten Zitate über Liebe, Anziehung und Beziehung. Es ist sehr schnell eins meiner Lieblingsbücher von ihm geworden. Auch der Titel kommt zahlreich darin vor. Er beruht auf Unterhaltungen Hajimes und Shimamotos. Sie geht darin auf den Song South of the Border ein, der zwar nach Gelassenheit und Sonne klingt und Mexiko referenziert, aber in seinem Songtext v.A. davon handelt, dass jemand mit Bedauern auf eine verpasste Chance zurückblickt. Das scheint auf Shimamoto und Hajime zuzutreffen, die auch irgendwie ihren Zeitpunkt verpasst haben. Würden sie jetzt zusammen kommen, müsste Hajime dazu seine Familie verlassen. Und auch Shimamoto gibt sich mysteriös und scheint das nicht ohne Weiteres möglich zu sein. Fun fact: Im Buch heißt es, dass der Song von Nat King Cole gesungen worden wäre. Tatsächlich konnte ich keinen Hinweis auf eine solche Aufnahme finden. Ein Rätsel oder ein Versehen Murakamis? Letzteres fällt mir schwer zu glauben, schließlich ist Musik eins seiner großen Steckenpferde.

„Sie war bei mir gewesen und jetzt war sie fort. Wo nichts Mittleres existierte, gab es auch keinen Mittelweg. Südlich der Grenze mochte es noch ein Wahrscheinlich geben. Aber westlich der Sonne gewiss nicht.“ p. 206

Der zweite Teil des Titels basiert auf einem Gedanken Shimamotos. Sie bezieht sich auf die sogenannte arktische Hysterie, auch Pibloktoq genannt. Eine psychische Erkrankung oder Verhaltensstörung, bei der sich die Betroffenen stark zurückziehen, zu impulsiven oder (selbst)zerstörerischen Verhalten neigen und anschließend das Bewusstsein verlieren. Es scheint hauptsächlich bei Inuit arktischer und sibirischer Regionen aufzutreten und die Ursache ist bis heute nicht geklärt. Man vermutete eine Zeit lang, dass es mit Vitaminmangel zutun haben könnte. Shimamoto denkt nun, dass es daran liegt, dass sie in den Völkern zu wenig Sonne sehen und davon psychisch ausgelaugt werden. Wo südlich der Grenze für die Magie des Vergangenen, Hoffnungen und Was-wäre-wenns steht, ist westlich der Sonne ein Ausdruck für die kalte, zermürbende Realität. Das Sinnbild kommt mehrere Male im Buch vor und ist etwas schwierig zu entschlüsseln. Es würde mich nicht wundern, wenn das jeder Leser etwas anders auslegt. Das Buch selber ist aber ein großartiges Frühjahrs-, Sommer- und Herbstbuch. Man kann sich die rauchigen Jazz-Bars und die flirrenden Gedanken der Protagonisten lebhaft vorstellen und ihre innere Zerrissenheit förmlich spüren wie ein statisches Knistern in der Luft.

„Ein wenig Leben“ Hanya Yanagihara (Absätze enthalten leichte Spoiler)

Ein Schlag in die Magengrube hingegen war der Moment als ich den Titel in Hanya Yanagiharas Buch fand. Ein wenig Leben handelt von vier Freunden, deren Leben, Werdegang und Beziehung von der College-Zeit bis ins Alter beobachtet werden. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf dem Anwalt Jude, der in seiner Kindheit missbraucht wurde. Wie vielschichtig das Buch ist, habe ich schon mal anhand von einigen wie ich finde bereichernden Weisheiten Yanagiharas geteilt. Aber in der oben verlinkten Besprechung erkläre ich auch, warum es so polarisiert. Es ist als ob Yanagihara immer noch eins draufsetzt, wenn man denkt, dass es doch Jude schon schlimm genug erwischt hat. Bis ich dann die Stelle im Buch fand, die den Titel aufgreift, dachte ich, dass sich „Ein wenig Leben“ darauf bezieht, dass Jude doch nur ein bisschen leben will ohne von den Geistern der Vergangenheit verfolgt zu werden. Von den Hyänen, wie er sie nennt. Eine normale Beziehung führen, Sex genießen zu können und nicht mit den krassen Schuldgefühlen zu leben, die er sich eingeredet hat und die ihm eingeredet wurden. Aber es ist viel schlimmer. Der Titel bezieht sich auf die Aussage desjenigen, der Jude missbraucht hat: er solle doch ein wenig Leben zeigen und nicht nur rumliegen und es über sich ergehen lassen.

Das ist unendlich bitter und abartig. Verdeutlicht wohl auch wie hart es stellenweise ist das Buch zu lesen. Das besonders krasse an der Aussage des Täters ist aber vor Allem, dass er es Jude mit seiner Tat und diesem Satz offenbar für immer unmöglich gemacht hat auch nur irgendwann in seinem weiteren Leben auch nur „ein wenig am Leben“ zu sein. Jude wird daraufhin von so starken Schuldgefühlen und mangelndem Selbstwertgefühl geplagt, dass er es gar nicht selber zulassen kann glücklich zu sein. Die wohl tragischste Geschichte, die ich je gelesen habe. Ich zitiere normalerweise gern die Stellen der Bücher, in denen man den Titel wiederfindet oder fotografiere sie. Hier verzichte ich mal darauf – es ist zu hart.

„An Artist of the Floating World“ Kazuo Ishiguro

Als ich anfing Kazuo Ishiguros An Artist of the Floating World zu lesen, konnte ich mir gar keinen Reim darauf machen, was die fließende Welt ist. Ishiguro nahm mir das nachschlagen, interpretieren und fabulieren ab. Das Buch handelt vom Künstler Ono, der sich lange zur Ruhe gesetzt hat und im Nachkriegsjapan an seine Zeit als Künstler vor und während des zweiten Weltkrieges zurückdenken muss. Er wird sich einer Schuld bewusst. Die wurde aus Ehrgeiz geboren. Als junger Künstler entschloss er eines Tages der sogenannten fließenden Welt zu entsagen. Diese fließende Welt ist die des Schönen, der Geisha, der rauschhaften Nächte bei Sake im gedämpften Laternenlicht. Damals verschrieben sich viele Künstler diesen Motiven. Ono wollte etwas anderes, etwas realeres als diese schönen, aber inhaltslosen Ukiyo-e fertigen. Er erklärt das so:

„‚I was very young when I prepared those prints. I suspect the reason I couldn’t celebrate the floating world was that I couldn’t bring myself to believe in it’s worth. Young men are often guilt-ridden about pleasure, and I suppose I was no different. I suppose I thought that to pass away one’s time in such places, to spend one’s skills celebrating things so intangible and transient, I suppose I thought it all rather wasteful, all rather decadent. It’s hard to appreciate the beauty of a world when one doubts its very validity.“ p. 150

Zwar wird er das später nicht bereuen, aber er wird sich auch bewusst, was der Reiz dieser fließenden Welt ist. Und dass der Realismus und die politischen Nachrichten, die er danach in seinen Bildern vermittelte auch mit einem herben Preis kommen. Eskapismus ist wohl das Stichwort und nicht immer schlecht.

Header image/photo credit: Janko Ferlič

Als ich das erste Mal über die Stellen in Büchern schrieb, in denen man den Titel findet; erklärte ich, dass sich das für mich jedes Mal anfühlt, als ob ich einen Schatz gefunden hätte. Ich mag diesen Aha-Moment. Für heute habe ich mir offenbar die schwierigeren Fälle aufgehoben. 😉 Die sehnsüchtigen, aber auch die, die sich wie ein Schlag in die Magengrube anfühlen. Auch solche gibt es! Und sie bleiben nicht weniger stark in Erinnerung. Hattet ihr in der jüngeren Vergangenheit auch mal so einen Lesemoment? Welcher Buchtitel gibt euch Rätsel auf und hat sich beim Lesen nicht von selber entschlüsselt?