ausgelesen: Kazuo Ishiguro „Was vom Tage übrig blieb“ #IshiguroLesen

Letzten Sommer versuchten wir es nochmal mit einer Leserunde auf X, ehemals Twitter. Und wussten schon, dass es die letzte auf der Plattform sein wird, die doch mal zuhause für so viele angenehme Leserunden war. Unser neues Zuhause wurde Bluesky 🦋 und wir schrieben unter dem Schlagwort IshiguroLesen, wo ihr noch heute unsere Gedanken zum Buch findet. In der Besprechung gibt es also eine Zusammenfassung meiner Gedanken zu einem Buch Ishiguros, um das schon lange herumtanze. Jetzt war es endlich soweit.

Alles für den Personalplan!

Kazuo Ishiguros Was vom Tage übrig blieb beginnt in den 1950er Jahren als der Butler Stevens sich noch „eingroovt“, da er für einen neuen Dienstherren arbeitet. Der Mann ist Amerikaner und man versteht sich, aber es ist nicht einfach. Die Mentalität des „Neuen“ ist anders, er ist eben kein englischer Adel. Er scherzt gern, Stevens scheitert daran. Die Zeiten sind anders. Stevens führt einen kleineren Haushalt mit weitaus weniger Angestellten und blickt nostalgisch auf Früher zurück, wo er noch Lord Darlington diente. Da erreicht ihn ein Brief von Mrs. Benn, die früher als noch unverheiratete Miss Kenton als Haushälterin mit Stevens zusammenarbeitete.

Er schlussfolgert aus dem Brief, dass sie eventuell ihren Mann verlassen hat und vielleicht wieder bereit wäre zu Darlington Hall zurückzukehren. Zeitgleich fährt sein neuer Dienstherr weg und regt Stevens dazu an Urlaub zu nehmen. Urlaub!? Urlaub. Und dann? Wo soll er hin? Vielleicht ein bisschen durch die englische Landschaft fahren, ein paar schöne Ecken erkunden und Miss Kenton besuchen, die delikate Angelegenheit besprechen. Vielleicht kehrt sie zurück? Wäre auch viel schöner für den Personalplan. 😏

Man hört vielleicht heraus, dass Stevens schon ein recht spezieller Charakter ist, der wie sich bald herausstellt Beruf und Berufung gleichsetzt, die für ihn über allem steht. Stevens geht voll in seiner Rolle als Butler auf und hat von der Pieke auf gelernt seine persönlichen Belange und Emotionen hinten anzustellen.

„Ein großer Butler“ zu sein ist das Ideal, dem er nachhängt. „Würde“ das Schlagwort, dass einen solchen großen Butler beschreibt. Als nun unser großer Butler Stevens auf Reise geht und nach langer Zeit das Anwesen überhaupt verlässt, denkt er rückblickend an die Zeit mit Lord Darlington und auch an Miss Kenton. Der Abstand führt zu einem langsamen Prozess der Realisierung, in dem er über die Geschehnisse der Vergangenheit nachdenkt.

Das wilde Springen zwischen Vergangenheit und Gegenwart kann man als Stream of Consciousness einordnen, aber es ist nicht schwer ihm zu folgen, nur etwas gewöhnungsbedürftig. Es hilft uns diesen Stevens besser zu verstehen. Und letzten Endes vielleicht auch ihm. Warum verschweigt er manchmal wer sein früherer Dienstherr war, wenn er doch so stolz darauf ist bei ihm angestellt gewesen zu sein?

„Was auch immer man heute über seine Lordschaft sagen mag – und das weitaus meiste ist, wie ich schon sagte, völliger Unsinn -, ich kann versichern, dass er im innersten Wesen ein wahrhaft guter Mensch war, ein Gentleman durch und durch, und einer, dem meine besten Dienstjahre gewidmet zu haben ich heute stolz bin.“

p. 75

Die Rückblicke führen zu einer Menge an Situationen, in denen Stevens uns ein wenig ärgert, weil er stocksteif bis unfair oder herablassend mit seinen Mitmenschen umgeht. In denen er aber auch für einen unterschwelligen Comic Relief sorgt, weil er versucht Scherze zu machen, um seinem neuen Dienstherren zu gefallen und dabei dezent scheitert. Auch habe ich Mitleid mit ihm empfunden, weil er nicht sieht wie er all die Jahre über wegen seines Zielbilds ein großer Butler zu sein und Würde an den Tag zu legen sein persönliches Glück hinten angestellt hat.

„Die großen Butler sind groß aufgrund der Fähigkeit, ihre berufliche Identität bis zum äußersten auszufüllen und in ihr zu leben; sie lassen sich nicht aus ihr herausschütteln durch äußere Ereignisse, mögen sie noch so überraschend, beunruhigend oder irritierend sein.“

p. 54

Was ist Würde?

Dieses vollkommene Zurückstellen des Ichs findet man überall im Buch und in Stevens Handlungen wieder. So muss ein Butler wohl sein. Er ist noch viel mehr Butler als irgendein Butler, den ich in fiktionalen Werken kennenlernte. (Charles) Carson und (Thomas) Barrow hatten in Downton Abbey immerhin Vornamen. 😉 Auch wenn sie (natürlich!) nie so angesprochen wurden.

Als Leser:in sind wir in einer bequemen Lage mit Stevens: wir wissen es besser. (Oder?) Wir sehen wie sehr Stevens in seiner Aufgabe aufging und dass das nicht gut für einen Menschen sein kann immer nur im Dienst zu sein. Bei genauerem Hinsehen wissen wir aber sehr weniges eindeutig. Ishiguro ist ein Meister des „Show, don’t toll.“ Er lässt uns Stevens Senior kennenlernen und die emotionale Kälte erahnen, mit der Stevens junior aufgewachsen sein muss. Stets das Bild des großen Butlers anhand seines Vaters vor sich. Aber wir erahnen es nur. Ishiguro bringt uns nie in die Lage „nur“ Mitleid mit Stevens zu haben. Viel mehr lässt er uns die Leerstellen füllen, abwägen, überlegen. So ist es mit den Facetten der Menschen – man kann sie nie alle greifen. Aber muss uns das davon abhalten mit ihnen zu fühlen?

Stevens ist viel mehr sogar ein unzuverlässiger Erzähler. Vieles lässt er uns (Stichwort Leerstellen) erst später wissen. Anderes erkennen wir sehr bald als seine alleinigen Interpretationen. Es ist nicht das Buch der einen Wahrheit, sondern viel mehr eines von Wahrnehmung. Trotzdem schafft es Ishiguro uns all diese Erlebnisse so zu erzählen, dass wir sie einordnen können.

Was vom Tage übrig blieb ist trotz der vielen Zeitsprünge ein entschleunigendes Buch, das ich als „langsam“ wahrgenommen habe, aber trotzdem plötzlich ausgelesen hatte. Mich interessierte dieser so gut komponierte Gegensatz. Stevens, ein Mann, der sich Perfektion und dem Anschein von Würde verschrieben hat und doch als so fehlbare Person so nahbar wirkt. Was wird er nun anfangen nach allem, was er auf der Reise gelernt hat? Mit dieser neuen Zeit, in die er immer weniger reinzupassen scheint? In der gar niemand mehr darüber redet, was ein großer Butler ist?

„Stevens, fehlt ihnen etwas?“

„Nein, nein, Sir. Alles in Ordnung.“

„Es sieht aus, als würden Sie weinen.“

p. 130

Wie viele Bücher Ishiguros handelt es von einem Individuum, das sich den Zwängen seiner Umwelt oder Sozialisierung bewusst wird und der Rolle, die es darin einnimmt. Einer Person, die bemerkt, dass es auch „anders ginge“ und Glück vielleicht anders aussieht, aber diese Rolle nicht ablegen kann oder nicht ablegen will. Man nehme nur die Heranwachsenden in Alles, was wir geben mussten, die sich ihres Zwecks bewusst werden. Oder den Künstler in An artist of the floating world, der ähnlich wie Stevens seiner Aufgabe nachkommt, Perfektion hinterherhängt und wenig hinterfragt. In Klara und die Sonne kann unsere Klara aus ihrer Rolle unmöglich raus. Sie ist ein Roboter, geschaffen zu dienen. In Bei Anbruch der Nacht schlüpfen zwei Personen kurz mal aus ihren Rollen raus – können sie das aber auch beibehalten?

Dass nun dieser Roman Ishiguros einer meiner liebsten wurde liegt daran, dass es mich sehr berührt hat mit was für einem melancholischen und positiven Hauch es davon erzählt am Ende aus dem „Erkennen“ das Beste zu machen, um zu genießen was vom Tage übrig bleibt.

„Es gibt nur eine einzige Situation, in der ein Butler, dem es mit seiner Würde ernst ist, sich seiner Rolle entledigen darf: wenn er ganz allein ist.“

p. 199

Fazit

Sehr berührendes Buch, das hoffen lässt, dass wir alle diesen Zustand der Selbsterkenntnis erreichen

Besprochene Ausgabe: ISBN 978-3-453-42160-8, Heyne Verlag

Die Leserunde

Und die Leserunde? Die florierte kann man sagen. 😉 Da mit 8 Personen relativ viele Leute teilnahmen, verzichtete ich darauf einzeln Genehmigungen einzuholen, um Bluesky-Posts zu screenshotten und hier hochzuladen. Im hier verlinkten Feed zum IshiguroLesen findet ihr all die Gedanken. Es ist für Leserunden eine schöne Botschaft, dass es weitergeht und wir nicht auf Plattformen wie „X“ festgenagelt sind. Es müssen ja nicht mal alle in Bluesky angemeldet sein. Ich selber hatte sehr konstruktiven Austausch, habe aber auch manchmal gemerkt, dass ich mir eine Auszeit aus der Runde nehme, um das Buch ungefiltert aufzunehmen, mir meine eigenen Gedanken zu machen und das Handy dabei liegen lassen zu können.

Blogbeiträge der Leserunde

16.02.24 – Ankündigung auf Phantasienreisen.de

18.02.24 – Zwischenbericht auf Phantasienreisen.de

„ausgelesen“ ist eine Kategorie meines Blogs, in der ich immer zwischen dem 15. und 20. eines jeden Monats ein Buch unter die Lupe nehme. Der Begriff „ausgelesen“ ist sehr dehnbar. Ein „Buch unter die Lupe nehmen“ schließt Belletristik, Sachbücher, Manga, Comics unvm mit ein. 🙂

7 Antworten

  1. „Was vom Tage übrig blieb ist trotz der vielen Zeitsprünge ein entschleunigendes Buch, das ich als „langsam“ wahrgenommen habe, aber trotzdem plötzlich ausgelesen hatte.“
    Das beschreibt es sehr gut. Genauso ging es mir auch. Dieses „gemütliche“, aber zügige Lesen hat es in meinen Augen auch leicht gemacht, die Geschichte sehr intensiv zu erleben. Auch wenn ich ab und zu ein schlechtes Gewissen hatte, dass du, Matthias und ich mit unserem Lesetempo so schnell durch waren, während andere kaum Lesezeit hatten. Aber ich bin gespannt, was der Rest der Runde noch für Eindrücke teilen wird. Und ich möchte jetzt unbedingt die Verfilmung sehen und mehr von Ishiguro. Tipps, welches Buch sich als nächstes eignen würde? Von „Alles, was wir geben mussten“ kenne ich immerhin schon die Verfilmung – vielleicht wäre es naheliegend, hier weiterzulesen?!

    1. Avatar von Miss Booleana
      Miss Booleana

      Ja, das ging mir ähnlich. Ich hab das auch erstmal gar nicht in die Runde geschrieben, dass ich fertig gelesen habe, weil ich das niemandem reinreiben wollte. Im Grunde ist es ja auch egal, solange man noch immer mal wieder reinguckt, was alle so schreiben. Es weckt dann ja auch auf beste Weise Erinnerungen an markante Passagen. 🙂

      Ich warte auch gerade auf meine Leih-DVD, um mir den Film nochmal anzusehen.
      „Alles, was wir geben mussten“ ist auf jeden Fall von der Stimmung her sehr ähnlich. Ob das jetzt gut mithalten kann, wenn du den Film schon kennst? Ich kann mich gerade nicht erinnern, was bei mir zuerst kam …
      Auf jeden fall ist es neben „Was vom Tage übrig blieb“ mein liebster von Ishiguro. Die anderen kommen dann mit etwas Abstand.

      1. Avatar von Matthias
        Matthias

        Von den – zugegeben nur 2 – Ishiguros, die ich jetzt gelesen habe, muss ich sagen bei mir ist es genau umgekehrt. „Alles was wir geben mussten“ fand ich mit einigem Abstand besser als „War von Tage übrig blieb“. So unterschiedlich ist das manchmal. Allerdings habe ich keinerlei Vergleich zum Film.

        1. Also hat euch beiden „Alles, was wir geben mussten“ gefallen – das klingt schon mal gut. Dann ist es wohl die beste Entscheidung, wenn ich damit weitermache.

  2. Avatar von Matthias
    Matthias

    Schöne Rezension! Mir hat der Austausch in der von dir und Kathrin organisierten Leserunde auch viel Spaß gemacht, auch wenn mir immer noch irgendwas im Buch fehlte.

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