Auf ein Wort: Nicht stehen bleiben!

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Das ist jetzt kein Verriss auf Gaffer. Kein ‚Gehen sie weiter, hier gibt es nichts zu gucken‘. Sondern viel mehr eine Ode an das FAIL. Das weiterversuchen und vielleicht auch an das gewinnen, bestehen, erfolgreich sein. Vor Allem aber an das VERSAGEN. Und was wir daraus lernen. Der Anlass warum es hier heute mal so nachdenklich wird an dieser Stelle ist der, dass ich vor einer Weile gefragt habe wie es euch hier so gefällt und was ihr mehr lesen wollt. Und ihr wolltet es persönlicher. Persönlicher ohne viel von meiner Person preiszugeben? Geht das? Vielleicht schon. Zumindest fallen mir einige Themen ein, über die ich mit euch reden möchte. Das Stichwort ist lernen. Also … auf ein Wort!

Seit Frühjahr/Sommer habe ich mich langsam und sehr gemächlich auf eine Zertifizierung für meinen Job vorbereitet. In der Firma hat sich herumgesprochen, dass man sich als Oracle Associate für JAVA Standard Edition 8 zertifizieren lassen kann. Jetzt ohne Fach-Chinesisch: das ist eine Zertifizierung („ein Zertifikat“, ein Nachweis), darüber, dass man eine bestimmte Programmiersprache (JAVA) und ihre Konzepte versteht. Undzwar richtig gut versteht. Anfangs dachte ich, dass das doch einfach wird, schließlich arbeite ich jeden Tag im Projekt mit JAVA. Mein Ansporn war also v.A. die Zertifizierung zu absolvieren, um bei den Nachfolge-Zertifizierungen mitmachen zu können. Wir haben Lerngruppen gebildet und man hörte immer mal jemanden sagen, dass der abschließende Test ziemlich einfach sei und das bisher jeder bestanden hätte. Als ich mich aber tiefergehend damit beschäftigt habe, war ich ein wenig geschockt. Zwar war ich in den Übungsfragen und -tests nicht schlecht, aber ich musste feststellen wieviel man über eine Programmiersprache nicht wissen kann, mit der man jeden Tag arbeitet. Krass. Und das als Software-Entwicklerin. Natürlich merkt man mit der Zeit, dass die entsprechenden Übungsmaterialien die noch so fiesesten corner cases auspacken, die man in der Industrie nicht antreffen wird, weil einfach niemand so programmiert. Denn es wäre schlecht, wenn jemand so programmiert.

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Aber sich wieder dieser Prüfungssituation zu stellen war seltsam. Ich bin jetzt seit zweieinhalb Jahren aus der Uni raus und im Arbeitsleben. Prüfungen gab es einige. Leben und so … . Aber die im klassischen Sinn!? Ja, ich habe 2014 einen Japanisch-Sprachkundigen-Test abgelegt. Aber einen der was mit dem Job zutun hat!? Ihr könnt euch vorstellen, dass das einige Geister geweckt hat. Ich wollte auf keinen Fall durchfallen, weil einem der Test nicht hinterhergeworfen wird. Der kostet was. Das trägt die Firma. Und dann sind da ja noch die Kollegen. Die, die das in der Hälfte der Zeit gerockt haben (so sagt man). Das möchte ich auch. Was das betrifft geht mir Lockerheit abhanden. Das erinnerte mich an die Zeit als ich von der Schule zur Uni wechselte. In der Schule ein Ass, war ich an der Uni in den Augen einiger (vorrangig männlicher) Kommilitonen ein Looser, weil ich durch eine der Mathe-Prüfungen gefallen war. Analysis I – ein Graus. Wie gut meine Informatik-Prüfungsergebnisse waren hat die auch nicht interessiert. Man war halt die die durchgefallen ist. Meine Freunde standen natürlich zu mir. Aber ein seltsames Gefühl war es trotzdem. Da war es wieder. Die Angst zu versagen. Ziemlich unangenehm. Ihr habt keine Ahnung wie lang mir das anhaftete, auch nachdem ich schon die Wiederholungsprüfung bestanden hatte. Ich war „Die, die Mathe nicht kann“, obwohl ich jedes Semester im Schnitt drei Matheprüfungen bestanden hatte. Und das sechs Semester im Bachelor und vier im Master. Und wie heftig wäre das, wenn ich hier versage, obwohl ich jeden Tag damit arbeite?

Ich habe manchmal darüber nachgedacht wie bequem es wäre einfach den Test doch noch abzusagen. Und stattdessen schön bloggen, Filme gucken und das Wochenende halt anders verbringen als übers Buch gebeugt. In meiner Zeit in der Uni, als ich das erste Mal in Prüfungen schlecht war oder durchfiel, habe ich die Erkenntnis gewonnen, dass die guten Noten manchen zugeflogen kommen. Die, die extreme Begabung für etwas haben. Und dann gibt es eben manchmal Fächer, für die muss man einfach lernen. Und wenn man genug lernt, so dachte ich, schafft man das. Das war mein Mantra. Ich nenne es das Naruto-Prinzip. Ich habe damals viel Naruto geschaut. Aber ich hätte es nicht vertragen können, wenn das hier der Gegenbeweis wäre. Aber dann fiel mir wieder ein, dass ich mir das hier selbst ausgesucht habe. Analysis I habe ich mir nicht ausgesucht. Das interessiert auch eigentlich keinen. Das war ein Rausschmeißer-Fach, in dem uns Grundlagen für die wissenschaftliche Laufbahn vermittelt werden sollten und für das Weiterstudium. Aber selbst im weiteren Studium habe ich wenig davon gebraucht. Und heute!? Nichts mehr. Gar nichts. Aber das hier – das mache ich jeden Tag. Und habe auch schon gesehen, dass ich eine bessere Entwicklerin werde. Um mich herum sehe ich manchmal die Leute auf der Stelle treten, manchmal habe ich das Gefühl selber auch auf der Stelle zu treten. Da ist gut nicht stehen zu bleiben. Und sich nicht dem auf der Stelle treten zu ergeben, weil es bequemer ist. Weil man keine Versagensängste haben muss. Aber es müssen nicht immer gleich Tests und Prüfungen sein. Einfach lernen. Beweglich bleiben. Klar, im Job ist das schwieriger. Die 40-Stunden-Woche lässt wenig Freizeit und der Serienabend auf Netflix lockt.

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Und wie ging die Geschichte aus? Ich habe bestanden. Nicht mit einer extrem abgefahrenen guten Punktzahl, aber ich habe bestanden. Und ich bemerke meine Fortschritte im Alltag. Und meine düsteren Gedanken von wegen ‚die Kollegen haben das in der Hälfte der Zeit geschafft – wenn ich das nicht auch schaffe bin ich ein Looser.‘ Vergiss es. Ich habe mal nachgerechnet: wenn das stimmen würde, wären diese ominösen Kollegen rausgegangen und hätten sich mit den jeweiligen Fragen weniger als eine Minute auseinandergesetzt. Das geht nicht, die Fragen sind komplex. Bei 20% braucht man eine Minute um die Aufgabenstellung zu lesen. So ist das mit den Geistern. Dem Hören-Sagen, dem Sich-Verrückt-Machen. Das ist das, was nur bedingt zum lernen dazugehört. Es ist eher der Weg zum Ziel. Sich tief mit einem Thema beschäftigt zu haben, anzuwenden, Erkenntnisse zu gewinnen, Zusammenhänge zu verstehen und mal wieder den Grips abseits von dem einzuschalten was man täglich macht. Das stumpft nämlich auch ab. Macht nur noch für ein- und dieselben Probleme sensibel. Aber fordert nicht. Als ich den Sprachkundigen-Test gemacht habe und dafür vorher hart Grammatik und Schriftzeichen gepaukt habe, habe ich mich manchmal gefragt wofür. Was, wenn ich die Prüfungsgebühr und soviel Zeit jetzt einfach in den Wind schieße? Ja … schlecht dann. Aber was, wenn ich es schaffe? Ich hatte selten soviele gute Einfälle auch auf Arbeit wie zu der Zeit wo ich gelernt habe. In meinem Kopf hat sich etwas bewegt. Und das wiederum war – befreiend. Beflügelnd. Auftrieb Antrieb. Wieso lerne ich nicht einfach noch mehr? Man! Runter vom Sofa! Mach es einfach! Es ist das beste was du tun kannst! Triggere dein Hirn! Beanspruche es! Gib ihm Futter! Nicht stehen bleiben!

… außer in der Pause nach dem Lernen. In dem Sinne … Prost!

Wie das übrigens so abläuft mit der OCA-Zertifizierung für Java werde ich im Zuge von Netzgeflüster in der nahen Zukunft mal im Detail erzählen. Aber sagt mal – wie steht ihr zum lernen? Und was sind eure schlimmsten Erlebnisse, euer innerer Schweinehund? Was lernt ihr gerade?