ausgelesen: Daniel Keyes „Blumen für Algernon“

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Blumen für Algernon ist ein Buchtitel, der immer irgendwo in der Blognachbarschaft mal aufpoppte, mal erwähnt wurde, aber so richtig konkret wurde es nie. Als mir eine liebe Freundin das Buch schenkte, sollte es das erste Buch seit Jahren werden, dass mich vor Rührung zum Weinen brachte. Das moralische gedankliche Experiment, das Daniel Keyes Buch darstellt ist Stoff zum Nachdenken. Was wäre wenn … wenn mir alles genommen würde, was meine Seele berührt und meinen Kopf fördert? Was mein Selbst ausmacht so wie ich es im Moment wahrnehme? Was wäre, wenn ich keine Bilder mehr malen kann? Keine Bücher mehr lese oder so verstehen kann wie ich es jetzt tue? Wenn mich kein Film mehr rührt, weil ich ihn nicht erfassen kann? Nicht mehr auf Arbeit gehen könnte? Mich mit meinem Partner, meiner Familie und meinen Freunden nicht mehr so unterhalten könnte wie jetzt? Wenn es mir nicht gut geht, ich geistig nicht mithalten kann, meinen eigenen Verfall spüre und in den Gesichtern der Menschen um mich herum Mitleid oder Gleichgültigkeit sehe oder gar, dass ich sie anwidere? Das kann einen schon zum Weinen bringen und noch schlimmer: für manche Menschen ist das Realität aufgrund von Krankheiten oder einfach gegebenen, unabänderlichen Umständen.

Daniel Keyes Roman handelt vom lernbehinderten Charlie Gordon, der gerne klüger wäre. Er besucht eine Abendschule, um besser Lesen und Schreiben zu lernen. Seine Lehrerin schlägt ihn für eine wissenschaftliche Studie vor, bei der ein operativer Eingriff und die Veränderung des Hormon- und Chemie-Haushalts einer Person dafür sorgen soll, dass die kognitive Leistung steigt. Das bisher einzige und erfolgreiche „Versuchsobjekt“ ist Algernon, eine Maus, die als einzige die erworbenen Fähigkeiten nicht nach kurzer Zeit bereits wieder verlor. Der Sprung von Maus zu Mensch ist groß und Charlie wird nicht leichtfertig dafür in Betracht gezogen, aber das erfährt der Leser anfangs nicht so genau. Daniel Keyes Roman ist in Tagebuchform aus der Perspektive Charlies geschrieben und so ist der Effekt umso stärker, wenn man sieht wie Charlies Mundart und Art zu schreiben sich tatsächlich nach dem Eingriff verändert.

„Dr Strauss sagte das ich Etwas habe was ser gut ist. Er sagte ich habe eine gute Motor Watsjon. Ich habe nie gewust das ich das überhaub habe. Ich war fro als er sagte nich jeder mit einem Iku fon 68 hat das ding so wie ich es habe.“ S. 14

Charlies Tagebucheinträge sind anfangs etwas schwer zu lesen und man muss manchmal zwei Mal darüber nachdenken, was Charlie gerade meint. Aber umso deutlicher wird es als er beginnt zu lernen und nach einiger Zeit sogar die Professoren überflügelt, die ihm zu diesen Fähigkeiten verholfen haben. Algernon bleibt dabei immer sein Freund, sein Schicksalsgenosse. Aber man kann nicht gerade behaupten, dass Charlies Leben dadurch einfacher geworden ist. Zum Einen ist da die Angst, dass der Effekt nachlässt oder er sich wieder zurückentwickelt. Vor Algernon sind viele Versuchsobjekte wieder zu ihrer Ausgangssituation zurückgekehrt (oder schlimmer). Dazu kommt, dass Charlie nun seine Umwelt wahrnimmt und seine Umwelt ihn mit anderen Augen sieht. Es ist ihm verboten über die Studie zu reden, weshalb viele seiner Vertrauten und Bekannten nicht wissen, was mit ihm los ist. „Ich war ihnen allen unangenehm“ muss er feststellen (S. 105). Entweder, weil sie sich in seiner Umgebung nicht mehr wohl fühlen und vermuten, dass es nicht mit rechten Dingen zugeht oder er sie zuvor verarscht hat oder, was vielleicht menschlich aber armselig ist, sie sich in seiner Gegenwart überlegen und gut fühlten und das jetzt nicht mehr tun. Charlie spürt nun schmerzlich, dass die Menschen in seinem Leben, die er für Freunde hielt, sich über ihn lustig gemacht haben oder ihn ausnutzten. Früher hat er solche Dinge nicht bemerkt, weil ihm das Einschätzungsvermögen fehlte. Die neue Welt ist für Charlie eine ziemlich harte.

„Mit gemischten Gefühlen ging ich mit ihnen in die Untersuchungsabteilung zurück. Ich war überzeugt, dass sie sich über mich lustig gemacht und mich betrogen hatten, als ich noch zu unwissend gewesen war, um die Sache zu durchschauen. Meine Wut war ein erregendes Erlebnis, ich war nicht bereit, sie so leicht wieder aufzugeben. Ich wollte kämpfen.“ S. 60

„Was mich unter anderem verwirrt, ist, dass ich, wenn etwas aus meiner Vergangenheit auftaucht, nie wirklich weiß, ob es sich tatsächlich so zugetragen hat oder ob es mir damals so erschien oder ob ich es erfinde. Ich bin wie ein Mann, der sein ganzes Leben im Halbschlaf zugebracht hat und nun zu erkennen versucht, was er vor dem Erwachen war.“ S. 83

Und sie birgt Erkenntnisse für den Leser. Dass Charlie keine Fortschritte beim Lernen machen konnte und seine Umwelt so falsch einschätzte, liegt daran, dass es um Erfahrungen zu sammeln und zu lernen vonnöten ist, dass man sich Dinge merken kann. Eine Fähigkeit, über die Charlie nur sehr schwach verfügt. Woran man sich aber gewöhnen muss, ist die Bezeichnung „schwachsinnig“ und „zurückgeblieben“. Wörter die für heutige Gewohnheiten hart, kalt und falsch klingen. Daniel Keyes Roman erschien 1959. Man merkt es dem Geschehen im Buch nicht an. Es ist bis auf die Wahl seiner Worte und den Umgang mit behinderten Menschen oder Menschen mit besonderen Bedürfnissen ein allgemeingültiges Buch, weswegen der Effekt auf den Leser umso stärker ist. Hat sich nicht jeder von uns schon mal gefragt wie es wäre, wenn unser Leben ganz anders verlaufen wäre? Wir weniger Glück gehabt hätten? Und realisiert wie dankbar wir für unsere Gesundheit und unseren Verstand sein können? Das müssten wir wohl öfter. Keyes hat in Blumen für Algernon seine Erfahrungen einfließen lassen. Er hatte Eltern, die ihn zwingend in einer wissenschaftlichen Laufbahn sehen wollten, obwohl er viel lieber schreiben wollte. Und er unterrichte Kinder mit speziellen Bedürfnissen und sah den Effekt der Rückwärts-Entwicklung, nachdem eins der Kinder versuchte in einer normalen Schulklasse zu bestehen und letzten Endes sogar weniger schaffte als vorher. Keyes hat seinem mit Science-Fiction angehauchtem Drama aber vor Allem interessante Themen und Fragen aufgeworfen, die daraus resultieren wie schwierig Charlie mit Emotionen umgehen kann. Er hatte nicht die Zeit zusammen mit seiner Intelligenz auch seine emotionale Reife zu entwickeln und mit negativen Erlebnissen umzugehen zu lernen. Es wirft ihn immer wieder aus der Bahn, in schlechten ebenso wie in guten Situationen. Vor Allem kommt er aber zu einer Erkenntnis, die für ihn bitter ist, für uns Leser, ach was für die Menschheit, aber eine wichtige:

„‚Missverstehen sie mich nicht‘, sagte ich. ‚Intelligenz ist eine der großartigsten menschlichen Gaben. Doch allzu oft treibt das Verlangen nach Wissen dem Menschen das Verlangen nach Liebe aus. Und was ich ich selbst kürzlich an mir erfahren habe und Ihnen als Hypothese anbiete: Intelligenz ohne die Fähigkeit, Zuneigung zu schenken und zu empfangen, führt zum geistigen und moralischen Zusammenbruch, zur Neurose, möglicherweise sogar zur Psychose. Und ich behaupte, dass der nur in sich selbst vertiefte und unter Ausschluss zwischenmenschlicher Beziehungen nach egozentrischen Ziele strebende Geist nur zu Gewalttätigkeit und Schmerz führen kann.'“ S. 240

Blumen für Algernon ist ein wunderbares Buch, dessen Gedankenspiel uns mal wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholt und erinnert wie glücklich wir angesichts dessen sein können, was wir haben und den Umgang mit unseren Mitmenschen schärft. Die aufgeworfenen moralischen Fragen und Zwickmühlen sind der Stoff zum diskutieren – und mitempfinden. Daniel Keyes Schreibstil hat kein besonderes Alleinstellungsmerkaml und bleibt vielleicht auch nicht im Gedächtnis, seine Geschichte tut es allemal.

Fazit

Must-Read

„ausgelesen“ ist eine Kategorie meines Blogs, in der ich immer zwischen dem 15. und 20. eines jeden Monats ein Buch unter die Lupe nehme. Der Begriff „ausgelesen“ ist sehr dehnbar. So wie die Themenvielfalt meines Blogs. Ein „Buch unter die Lupe nehmen“ schließt Belletristik, Sachbücher, Manga, Comics unvm mit ein. 🙂