Literarische-Fundstücke: „Die King-Krise“

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In der Vergangenheit hatte ich in den Literarischen Fundstücken eher positive Entdeckungen aus Büchern zu teilen. Berühmte erste Worte, entdeckte Buchtitel und gar deutsche Worte. Es gibt eben viel in und um Bücher herum zu entdecken. Das heutige literarische Fundstück ist aber eine Gewissheit, die mich schon seit einigen Monaten quält. Stephen King war seit jeher einer meiner Helden unter den Autoren. Ich verschlang seine Bücher. Man kann sogar sagen, dass mich seine Werke an die Literatur ranführten. Mein Bücherwurm-Dasein begann mit The Shining, Sara, Needful Things und vielen anderen Stephen-King-Büchern. Seit meinen letzten Begegnungen mit seinen Geschichten muss ich mich aber fragen: bin ich rausgewachsen aus dem Stoff?

Anamnese

Wie oben beschrieben war ich als Teenager ein großer Fan von Stephen King und zu meinen Lieblingsbüchern zählt Needful Things – In einer kleinen Stadt. Auch einige der so oft gescholtenen Verfilmungen konnten mich begeistern. Früher erntete ich dafür manchmal Spott, da Stephen King damals in meinem Umfeld scheinbar den Ruf eines Autors von Schund-Literatur hatte oder anders ausgedrückt „einfacher und banaler Bücher“. So einfach und banal fand ich die nicht und sah regelmäßig mehr in den Geschichten als die Allgemeinheit. Sei es die Doppelzüngigkeit der menschlichen Natur (Needful Things) oder wie schnell Menschen durch eine Sucht angreifbar und verwundbar sind und Dinge tun, die nicht ihrem Charakter entsprechen. The Shining zeigt wunderbar wie ein Mensch, auf dem etwas lastet, manipuliert werden kann und wortwörtlich von „bösen Mächten“ besessen ist. Zu was der menschliche Geist fähig ist (Das Mädchen, Carrie – wobei sich das mehr auf alle Charaktere außer Carrie bezieht) ist eins der Elemente, die mich immer schwer begeisterten, aber auch einfach der gelungene Grusel sprach mich oft an und erschien mit stets vielschichtig. Wie kann das Schund sein? Meistens haben die Leute, die sowas behaupten kein oder nur ein Buch der jeweiligen Autoren gelesen oder eine von den schlechten Verfilmungen gesehen, die ja doch existieren. Und sie waren meistens sehr überrascht, wenn man konterte „Aber du kennst doch auch Die Verurteilten und The Green Mile? Die basieren auf Stephen-King-Geschichten.“ Bäm. Das entkräftete meistens alle Argumente. Denn: Filmemacher mussten nur in der Lage sein die Stoffe so rüberzubringen wie es der King in seinen Büchern tat. Sie kämpften nicht selten (wie auch ich als Teenager) mit der Dicke der Schwarten. Tausend Seiten Stoff an Stoff an Stoff kann tough sein.

Status Quo

Heutzutage sind die dicken Büchern weniger mein Schmerz. Ich lese sie immer noch weniger gern als moderat-dicke Bücher, aber ich bin motivierter und lese schneller. Nur mit meinen letzten Ausflügen ins kingsche Universum hatte ich so meine Probleme. Während ich Joyland noch vor einigen Jahren sehr angenehm empfand und Der Anschlag an Spannung und Rührung kaum zu überbieten war, war Mr Mercedes für mich eine Enttäuschung. Konventionell, ein bisschen over the top und zu gewollt effektheischend. Danach mochte ich gar nicht so gern an dicke Wälzer ran, war aber neugierig auf das angeblich feministisch angehauchte Sleeping Beauties. Das ist ebenso falscher Feminismus wie die Idee der starken Frau. Warum muss eine Frau physisch stark sein, um herauszustechen? Warum kann eine Frau nicht wegen irgendwelcher Merkmale großartig sein? Und warum muss die feministische Idee mit einer Gewalteskalation vertreten werden? Nicht Sinn der Sache. Ganz viele Motive aus Stephen-King-Büchern, klar. Aber die gingen hier in eine Richtung, die mich eher abschreckte, weil so absurd und Feminismus so missverstanden.

Bekannte und Arbeitskollegen meinten, dass man als „Stephen King“-Fan unbedingt die Dunkler-Turm-Reihe gelesen haben müsste. Sie wäre sowas wie sein Lebenswerk und ab einem gewissen Punkt genial und meta. Als ich die mit ersten Band Schwarz neulich anfing und darin starker-Mann-Machtbeweise im Niedermetzeln einer ganzen Stadt fand und grottenschlechte Metaphern wie „Der Wind heulte wie eine Hexe mit Magenkrebs“, bekam ich einen wirklichen Glaubenskrieg. Steht das da wirklich? fragte ich mich. Ja, das steht da wirklich. Das Buch schlug ich zu und kam ins grübeln. Hatten die anderen damals Recht? Ist das Schund?

Abbitte und Abhilfe

Nein. Ist es nicht. Die Merkmale der „Stephen King“-Bücher, die ich damals schätzte, sind heute noch genauso wertvoll. Und wie jeder Autor hat er eben Werke, die sind stärker und welche, die sind schwächer. Auf meine Frage in Goodreads, ob ich die Dunkler-Turm-Reihe weiterlesen sollte, wenn ich das Buch anfangs einfach nur schlecht fand und in der zweiten Hälfte dann aber deutlich besser, bekam ich den Tipp es noch mit dem zweiten Buch zu versuchen, denn da würde King zu seinem Stil finden. Also werde ich das tun. Und ich werde auch hin und wieder mal zu einem anderen Stephen King Buch greifen, wenn ich Lust darauf habe. Aber es ist denke ich Fakt, dass ich Bücher heute anders lese als damals. Man wächst, man wird anspruchsvoller, man kann vergleichen, weil man hat mehr gelesen. Und so verändert sich die Sichtweise. Heißt das jetzt, dass ich Stephen King nicht mehr großartig finde?

Alle Welt feiert ein Revival von Stephen-King-Stoffen. Mr Mercedes bekam eine in mehrere Staffeln gegossene und prominent besetzt Serienadaption. Nur ein paar Jahre zuvor waren es Under the Dome und 11/22/63. Castle Rock flimmerte jüngst über amerikanische Bildschirme. Außerdem hatte er mit Netflix einen ziemlichen Lauf – sowohl Geralds Game als auch 1922 basieren auf seinen Stoffen und sein Klassiker ES bekam jüngst eine mehrteilige Verfilmung. Alle Welt liebt nun Stephen King, geht in die Filme, schaut die Serien, liest die Bücher, redet nicht mehr über Schund und du, Miss Booleana, where is the love?

Ja, die ist schon da. Aber was man als Kind und Jugendlicher an Eindrücken gewinnt, hat einen gewissen Stellenwert. Einen besonderen Platz im Herzen. Im Buchclub haben wir neulich über unsere Lieblingsbücher gesprochen und ein Kollege hat dort die (scheinbar valide!) Annahme getroffen, dass Lieblingsbücher mehr so ein Teenager-Ding sind. Dass man im „Alter“ keine Lieblingsbücher dazu gewinnt, weil man kritischer denkt und öfter an etwas gelesenem positives wie negatives findet. Und deswegen hat man oftmals Lieblingsbücher in seiner Teenagerzeit gefunden, die aber aufgrund der damaligen starken Eindrücke und Gefühle einen besonderen Platz im Herzen haben. So ist das vielleicht auch mit den literarischen Helden der Jugend. Ich habe meinen literarischen Held in den vergangenen ein, zwei Jahren abstürzen sehen, weil ich ein anspruchsvollerer Leser geworden bin. Das tut nicht nur metaphorisch weh. Aber ich habe gelernt, dass ich nicht traurig sein muss, weil Stephen King mit seinen an magenkrebs-leidenden Hexen vielleicht nicht so schreibt wie ein Murakami, eine Atwood oder ein Gabriel García Márquez. Muss er auch nicht. Autoren sind unterschiedlich, Bücher sind unterschiedlich, das was sie wollen auch. Man muss sie nicht miteinander vergleichen. Und es ist nicht schlimm, wenn man heute etwas anderes mag als das, was man als Kind oder Teenager mochte. Es ist nur ein Zeichen dafür, dass man nicht stehen geblieben ist. Und es ist auch nicht schlimm, wenn man dasselbe heute noch mag, schließlich hat es einen bestimmten Nerv getroffen.

Hatten ihr an irgendeinem Punkt eures Lebens als Leser auch eine solche Sinnkrise was einen bestimmten Autor betrifft? Oder habt ihr sogar einen Autor mal vollkommen für euch verloren und könnt heute nichts mehr von ihm oder ihr lesen ohne genervt mit den Augen zu rollen? (So einen habe ich auch: Dan Brown.) Was denkt ihr im Speziellen über Stephen King? Wie hat sich euer Literaturgeschmack im Laufe der Zeit verändert? Und könnt ihr die Lieblingsbücher-Theorie vertreten?