Anime-Besprechung: „Beastars“ Season 1

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Letzten Jahr in Japan noch ambitioniert eine japanische Ausgabe von „Beastars“ gekauft, kurz darauf verpufften die Ambitionen als der Manga in deutscher Übersetzung angekündigt wurde. Und kurz darauf dann auch noch die Anime-Adaption, die im internationalen Release durch Netflix angeboten wird. ^^‘ Anime holen mich öfter ein. So konnte ich auch dieses Mal meine Neugier nicht zügeln und entschied mich für den „einfacheren“ Weg und schaute den Anime. Die Prämisse des Stoffs ist selten verglichen zu der anderer Animes: anthropomorphe Tiere leben in einer Gesellschaft wie wir Menschen (oder anstatt uns Menschen?) und ein Mord sorgt für Unruhe in der Gemeinschaft. Review ist spoilerfrei.

Ein Alpaka fliegt vor einem Verfolger in dunklen Gängen und wird unweigerlich eingeholt. Panik, Blut, Geräusche, die nichts gutes ahnen lassen. Am nächsten Tag wird verkündet, dass er offenbar von einem Fleischfresser an der Cherryton-Schule getötet wurde. In der Welt von Beastars koexistieren Pflanzen- und Fleischfresser friedlich nebeneinander. Umso größer ist der Skandal, dass es an der angesehenen Akademie zu so einem Vorfall gekommen ist. Der Grauwolf Legoshi war ein Freund des Opfers und ist tief erschüttert. Als Fleischfresser lebt er sehr in sich gekehrt und ist stets vorsichtig. Er stellt seine Kraft nicht zur Schau, läuft gebückt und ist allgemein sehr introvertiert. Zu schnell wird man wegen der angeborenen Fähigkeit des Räubers und Jägers als Gefahr verstanden. Eines abends bemerkt Legoshi aber selber das Erwachen seines Jagdinstinktes und er kann sich gerade noch so bremsen nicht ein Zwergkaninchen zu überfallen. An der Schuluniform erkennt er, dass sie sogar eine Mitschülerin ist. Selber total verstört, verschwindet er in die Nacht bevor es zum äußersten kommt. In den nächsten Tagen wird er von heftigen Schuldgefühlen geplagt und ist sich seiner selbst nicht mehr sicher. Er erkennt in seinem Beinahe-Opfer die Mitschülerin Haru und verliebt sich in sie. Beute oder Liebe? Sind seine Gefühle nur eine Täuschung und die Sehnsucht eine andere? Und wer hat Tem umgebracht?


„BEASTARS – Official Trailer | English Dub“, via DaikuMedia Anime (Youtube)

Anthropomorphismus ist etwas, dass man zur Genüge aus Disneyfilmen, Kindheits-Trickserien oder schlichtweg Fabeln kennt. Der Begriff bezeichnet das Übertragen menschlicher Eigenschaften auf Dinge oder nicht-menschliche Lebewesen wie Pflanzen oder eben Tiere. Wir erinnern uns noch lebhaft an den schimpfenden und Matrosenoutfits tragenden Donald Duck, die emsigen Bürokraten, listigen Füchse und Polizisten in Zoomania oder Roger Rabbit? Das alles ist Anthropomorphismus. Im Anime selber findet man immer mal wieder anthropomorphe Charaktere, aber ganze Serien, die mit der Prämisse arbeiten gibt es nicht soviele (z.B Kimba der weiße Löwe). Beastars ist aber noch mehr als plain-simple-anthropomorph, denn die Tiere behalten ganz klar auch ihre tierischen Eigenschaften anders als bspw. in Zoomania, wo die Tiere wie Menschen im Tierfell dargestellt werden.

Die Serie hat zusätzlich noch das Merkmal, dass es sich an ein erwachseneres Publikum richtet und wahrscheinlich am ehesten dem Seinen-Genre zuzuordnen ist. Sprich: es kann schon mal ansatzweise heiß hergehen. Nicht nur, dass hier gemordet wird; eins der ersten Aufeinandertreffen von Haru und Legoshi (mal abgesehen von dem Beinahe-Überfall) endet damit, dass Haru seine Absichten missversteht, sich vor ihm auszieht und mit ihm Sex haben will. Ja, kein Quatsch. In einer Welt in der sich Fleisch- und Pflanzenfresser nicht mehr als Fressfeinde betrachten und menschliche Eigenschaften zugesprochen bekommen, bleibt man halt nicht zwingend in „seinem Biotop“. Aber … schaffen sie es denn sich nicht als Fressfeinde zu betrachten?

Ja und nein. Beastars ist eine große Metapher auf die Schubladen und diskriminierenden Merkmale, denen auch wir Menschen unterliegen. Nur statt unserer Hautfarbe, Gesinnung oder sozialen Schicht wird hier an dem Merkmal Fleisch- und Pflanzenfresser „diskriminiert“. Natürlich geht das auch kleinteiliger: denn die Gattungen sind hier sehr unterschiedlich und ihr Aufeinandertreffen führt zu skurrilen Situationen. Wenn beispielsweise Pflanzen- und Fleischfresser zusammentreffen, kann es beim Pflanzenfresser schon zum Fluchtreflex führen, wenn er nur die Zähne des Fleischfresser sieht. Zusammen in der Mensa mittag zu essen kann also schwieriger sein als gedacht und sorgt dafür, dass letzten Endes doch häufig beide „Gattungen“ unter sich bleiben.

Integration schlägt also fehl? Kann man auch nicht sagen. Sie bemühen sich. In jedem Fall steckt Beastars voll interessanter Konzepte und Ideen, dass man alleine darüber einen ellenlangen Artikel schreiben könnte. Man nehme nur den Fakt, dass die Fleischfresser vegetarische Alternativen zu essen bekommen, es aber Schwarzmärkte gibt wo Pflanzenfresser-Teile angeboten werden. Eine grausige „Nicht-Metapher“, die man nicht auf den Menschen beziehen kann. (Oder eben doch.) Andererseits gibt es unschuldige und direkt smarte Aspekte wie die des „Biotop-Freitags“, an dem sich die Tiere in Räumlichkeiten zurückziehen können, die eher ihrem natürlichen Lebensraum und -umständen entsprechen. Die Löwen haben eine warme Savanne, die Wölfe heulen ein wenig den künstlichen Mond an.

Trotzdem hatte ich lange nach dem Schauen das Gefühl nicht ganz zu wissen, was mir Beastars sagen will. Die Möglichkeiten schienen unendlich. Am Beispiel Legoshis fragte ich mich beispielsweise lange, ob er nicht eine Art Metapher auf „Sex Predators“ ist oder eben grob gefasst alle, die einen angeborenen (das steht auch noch außer Frage) Instinkt versuchen zu überbrücken, um moralische, ethische und persönliche Richtlinien einzuhalten? Aber das ist wohl auch nur eine Schnittmenge dessen, was ich oben geschrieben habe. Auch als Zuschauer weiß man am Beispiel Legoshis nicht, ob er seine Liebe zu Haru nicht als „versteckten Hunger“ verkennt, weil er selber gerne „ein Guter/Harmloser“ wäre. Andererseits triggert die Serie doch das „Kriegen sie sich?“-Gefühl einer Teenager-Romanze. Auch wenn die Teenager hier es ganz schön in sich haben. Haru beispielsweise hat als Legoshi sie kennenlernt den Ruf die Schul-Schlampe zu sein, die jeden ran lässt. Obwohl wir als Zuschauer sie nicht auf den Mund gefallenes aber ansonsten eher vernünftiges Wesen kennenlernen. Was dennoch bleibt: sie sind Teenager und Liebe und Sexualität ist für sie ein aufregendes Konzept und für viele das erste Mal. Das ist schon stellenweise süß und seltsam überrumpelnd.


„TVアニメ「BEASTARS」ノンクレジット OP“, via TOHO animation チャンネル (Youtube) – das Opening der ersten Staffel ist stop-motion-animiert

Legoshi ist dabei ein sympathischer Protagonist und sein Dilemma sich stets zurückhalten und verstecken zu müssen sehr vereinnahmend. Er ist damit nicht glücklich. Aber desto mehr er sich eingesteht auch mal aus sich rausgehen zu dürfen ein bisschen glücklicher. Bei all dem vergisst die erste Staffel der Serie aber einige Themen weiterzuverfolgen und konzentriert sich recht bald einzig auf die Beziehung von Legoshi und Haru und diverse kleine Sorgen und Leiden des Schulalltags. Die Frage, wer Tem ermordet hat gerät dabei leider ins Hintertreffen, was ich persönlich sehr schade finde. Ansonsten ist die Serie durchaus fesselnd, wird aber sicherlich sehr polarisierend aufgenommen werden. Wer sich schon schwer mit sprechenden und zur Schule gehenden Tieren tut, der wird es noch problematischer finden nackte Häschen in BH und Slip zu sehen, Yakuza-Löwen-Verschnitte oder Tiger, die sich mit Tierblut dopen. Die einfacher anzunehmende Botschaft ist eben die, dass Klassengesellschaften schwierig sind – egal ob die der Beastars oder unsere. Davon mal abgesehen ist der Zeichenstil sehr schön lebendig, detailiert, auf gleichbleibendem Qualitätsniveau, durchdigitalisiert und vollkommen anders als der des Mangas – das kann gut oder schlecht sein, für mich ist es gut. (8/10)

Sternchen-8

Das Vorhaben den Manga auf Japanisch zu lesen oder überhaupt irgendwas auf Japanisch zu lesen (um zu üben) ist aber nur aufgeschoben, nicht aufgehoben. Denke ich. Vielleicht siegt der innere Schweinehund. Was den Anime betrifft, hat er das jedenfalls schon. Ich bin sehr gespannt auf eure Meinung zur Serie: habt ihr sie schon gesehen oder den Manga schon gelesen? Was sagt ihr zu dem Konzept der Welt von „Beastars“? Und zum Inhalt der Staffel? Dem Manga sieht man übrigens an, dass Zerichnerin und Autorin Paru Itagaki ein Fan von Egon Schiele ist: die Figuren sind verwaschener, die Hintergründe und Action sehr runterstilisiert gezeichnet. Der Anime scheint zwar der Handlung sehr genau zu folgen, aber definitiv nicht diesem Stil. Dafür können „Nicht-Manga-Fans“ wohl aber vielleicht mit diesem Anime hier etwas anfangen. Fun-fact: die Mangaka taucht in der Öffentlichkeit einzig mit einer Hühner-Maske auf. 🙂