Literarische-Fundstücke: Famous Last Words (I)

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Vielleicht ist es das Weltgeschehen, vielleicht sogar eher die kleineren Geschehen, die mich dazu veranlassen einen lang geplanten Beitrag innerhalb der Literarischen Fundstücke aufzunehmen. Wir hatten schon die Famous First Words (I), aber heute gibt es etwas das auf die eine oder andere Weise sogar zu Halloween passt. Es geht um die „Famous Last Words“. Damit sind allerdings nicht die letzten Worte von Protagonist*innen gemeint, sondern Schlusssätze in Büchern. Und wie es der Zufall die Autorin so will, drehen die sich alle um das Thema (menschlichen) Größenwahns und Irrungen der Menschheit. Kann schließlich auch gruselig sein. Es ist angerichtet. Spoiler lassen sich nicht in allen Fällen komplett vermeiden. Ich versuche es. Wer auf Nummer sicher gehen will, meidet den entsprechenden Absatz besser.

„Die Schachnovelle“ Stefan Zweig

„‚Schade‘, sagte er großmütig, ‚Der Angriff war gar nicht so übel disponiert. Für einen Dilettanten ist dieser Herr eigentlich ungewöhnlich begabt.'“ p.110

Einen besseren Einstieg in das Thema menschlichen Größenwahns könnte ich mir kaum vorstellen. Die letzten Sätze in dem Buch stammen von dem (in der Fiktion) amtierenden Schachweltmeister Mirko Czentovic, der gerade gegen den eigentlichen Protagonisten der Novelle namens „Dr. B“ eine Schachpartie gespielt hat. Dr. B geht mental in die Knie. Er verbindet viel mit dem Schachspiel. Und das rein zufällige Aufeinandertreffen mit dem Schachweltmeister und angezettelte Spiel weckt Erinnerungen an eine Vergangenheit, die Dr. B lieber hätte ruhen lassen. Was genau ihm widerfahren ist, kann man als eigentlichen Gegenstand der Schachnovelle bezeichnen und hat auch mich schwer berührt.

Zu wissen, was Dr. B durchgemacht hat und was für einen Stellenwert Schach für ihn einnimmt, macht die Äußerung des Weltmeisters Czentovic nachdem Dr. B aufgegeben hat schwer erträglich. Es zeugt davon, dass die Situation und der innere Konflikt Dr. Bs vollkommen an dem Weltmeister vorbei gegangen ist. Dass er nicht mal ahnt, was der Mann hinter sich hat. Der herablassende letzte Satz lehrt, dass wir schnell über die anderen urteilen und dass es leicht ist jemanden als „niedriger“ als das Selbst zu betrachten, dass das aber meist nur unsere eigene Torheit ist. Um nun zu wissen, was Dr. B mit dem Schachspiel verbindet, müsst ihr wohl die Schachnovelle lesen oder die jüngst erschienene Verfilmung ansehen, falls ihr sie nicht schon kennt. 🙂

„2001: A Space Odyssey“ Arthur C. Clarke

Hmmm, wie unbequem. In Arthur C. Clarkes 2001: A Space Odyssey versuchen Wissenschaftler*innen Signalen aus dem Weltall auf den Grund zu gehen, auf die sie durch das Auftauchen seltsamer Monolithen aufmerksam werden. Was sie nicht wissen: die Monolithen und deren Schöpfer*innen sind schon viel länger in die Menschheitsgeschichte verwickelt als sie ahnen. Und vor Allem in die Entwicklung der Menschheit. Ob beabsichtigt oder nicht werden Lesende in 2001: A Space Odyssey auf unterschiedliche Weise Zeuge von menschlichen und übermenschlichen Experimenten, die mehr oder weniger mit Größenwahn zutun haben.

Da gibt es die sehr spannende Geschichte vom Raumschiff Discovery mit Astronaut*innen und dem Supercomputer HAL an Bord. Mit HAL hat der Mensch sich schöpferische Qualitäten angemaßt und eine Künstliche Intelligenz geschaffen, die aber genauso wie ihre Schöpfer*innen fehlerhaft ist. Oder zumindest an den zwiespältigen Befehlen ihrer fehlerbehafteten Schöpfenden scheitert. Was haben sich also die Intelligenzen dabei gedacht in die Entwicklung der Menschheit einzugreifen? Beides ist Wohl eine ähnliche Form des Größenwahns. Und endet das so fatal wie der Flug der Discovery? Nun – gegen Ende des Romans wird aufgelöst, dass etwas auf dem Weg zu Erde ist. Mal gucken wie das ausgeht. Was man sät … . Aber warte? Wer hat angefangen zu säen? Ich kann mich noch nicht durchringen die Reihe weiterzulesen, aber ich würde schon gern erfahren wie das für die Menschheit ausgeht.

„Then he waited, marshaling his thoughts and brooding over his still untested powers. For though he was master of the world, he was not quite sure what to do next.
But he would think of something.“
p.267

„Elementarteilchen“ Michel Houellebecq

Michel Houellebecqs Elementarteilchen hat es mir so schwer gemacht, dass ich es fast nicht weitergelesen hätte und bis heute keine Lust hatte das Buch zu besprechen. Dabei hat es eigentlich eine ganz spannende Prämisse. Es handelt von den beiden Halbbrüdern Michel Djerzinski und Bruno Clément. Während Michel Molekularabiologie ist und emotional eher unterkühlt, ist der Lehrer Bruno sexbesessen. Beide könnten unterschiedlicher kaum sein. Der Roman folgt ihren Lebensgeschichten mit einem leider sehr starken Fokus auf Bruno, der einen in seiner Einseitigkeit und krankhaften Suche nach der jeweils nächsten willigen Sexualpartnerin regelrecht abstoßend ist. Er hat irgendwann keine Probleme mehr sich vor Minderjährigen zu entblößen. Irgendwie inspiriert das ganze aber Michel zu der Erkenntnis, dass die Menschheit u.a. durch ihre Triebe Gefangene ihrer eigenen Veranlagung sind. Was, wenn man an der Stellschraube drehen könnte? Der Roman endet mit einer bahnbrechenden Erfindung Michels, die die miteinander ausgesöhnte Menschheit verspricht, die in der Lage ist die eigenen biologischen und genetischen Grenzen zu überwinden.

Das Problem dabei nur: das alles passiert auf den letzten wenigen Seiten. Bis dahin muss man sich zu 80% damit auseinandersetzen wie Bruno Frauen klarmacht, ob die wollen oder nicht. Und wenn sie nicht wollen, findet er relativ ekelhafte Worte für sie. Die Famous Last Words des Buches lauten „Dieses Buch ist dem Menschen gewidmet.“ p.357. Und zumindest ich kann das eigentlich nur hochmütig finden. Auf den letzten Seiten erklären sich die Menschen zu Göttern, die im Gegensatz zu ihren Nachkommen aussterben, aber etwas angeblich besseres hinterlassen. Ihre Scöpfung, eine neue bessere Rasse dank Michels genetischen Errungenschaften. Das Buch sei eine letzte Huldigung dieser alten Rasse. Wow. Entgegen manchen Rezensionen finde ich in dem Buch nichts tröstliches, sondern etwas seltsam arrogantes, was v.A. an der überlangen zur Schau stellung frenetischen Jugendwahns und sexueller Triebe bis ins Wahnhafte und nymphomanische liegt. Dabei ist die Grundidee der ungleichen Brüder eine sehr lohnenswerte. Wenn es weniger um Genitalien ginge … .

„Alle Menschen sind sterblich“ Simone de Beauvoir

Ups. Das nachfolgende Zitat tanzt etwas aus der Reihe. Es ist in der Tat doch nicht der letzte Satz des Buches, sondern des Protagonisten. Aber es ist definitiv nicht sein letzter Satz. Wäre der Protagonist Fosca real, würde er wohl heute noch leben. Warum? Weil er unsterblich ist. Seine letzten Worte sind es demzufolge definitiv nicht. Nur seine letzten innerhalb der Erzählung. Simone de Beauvoirs Alle Menschen sind sterblich ist eine Rahmenerzählung. Den Rahmen bildet das Zwiegespräch zwischen dem lebensmüden Fosca und der Schauspielerin Regine. Beide ziehen sich gegenseitig an. Und Regine ahnt, dass irgendwas mit Fosca ist. Sie kann es nicht genau benennen. Immer wieder drängt sie ihn dazu mehr von sich zu erzählen. Bis er es endlich tut. Das ist das Bild innerhalb des Rahmens. Jahrhunderte der Trübsal, der Versuche die Welt und die Menschen zu verändern. Mal mit Gewalt, mal ohne. Immer endete es für Fosca enttäuschend. Immer wieder fängt er von neuem an – zur Unsterblichkeit verdammt. Am Ende des Buches scheint sein Interesse an Regine versiegt zu sein, aber sein Lebensmut zumindest soweit wiederhergestellt, dass er weitermachen will. Als Regine ihn fragt, warum er sie verlässt und wo er denn eigentlich hin will, kommt Fosca zu einer ernüchternden Aussage.

„‚Und ich?‘ sagte sie.
‚Oh! Sie!‘ sagte er. Er zuckte die Achseln. ‚Das geht vorbei.'“
p.477

Man könnte Fosca nun fies finden. Aber tatsächlich ist seine Aussage ziemlich bittersüß angesichts all dessen, was er erlebt hat. Und schon regelrecht schwarzhumorig, da er Regine damit adressiert. Als sie erfährt, dass er unsterblich ist, fühlt sie sich nämlich vor Allem deswegen zu ihm hingezogen, weil sie durch ihn hofft auch unsterblich zu werden. Wenn auch nicht durch dieselbe Quelle, die einst Fosca unsterblich machte, so doch wenigstens als Teil seiner Erinnerung in seinem unsterblichen Geist. Regine hat nämlich eine erschreckend narzisstische Ader.

Warum der Leonard Cohen Song? Ach. Ich dachte nur, dass der gut passt. 😉


„Leonard Cohen – You Want It Darker (Lyric)“, via LeonardCohen (Youtube)

Header image/photo credit: Janko Ferlič

Ich hoffe, dass ihr auf eine schwarzhumorige, neugierige und kritische Weise ähnlich viel Spaß mit diesen literarischen „last words“ hattet wie ich. Welche Schlusssätze aus Büchern sind euch lange in Erinnerung geblieben? Welche haben nochmal alles gedreht? Welche haben es auch nicht mehr gerettet? Ich denke da an „Elementarteilchen“… . Das war nun vielleicht eine etwas schwarzhumorigere und düstere Ausgabe. Ich gelobe die nächsten Last Words werden eher rührender oder heiterer Natur. 😉 Hier geht es übrigens zu allen anderen Literarischen Fundstücken.