Serien-Besprechung: „Squid Game“ Season 1

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Jetzt schreibe ich da oben so bestimmt „Season 1“. Weiß ich denn, ob es eine zweite geben wird? Nein, weiß ich nicht. Aber ich bin mir ziemlich sicher. Nicht zuletzt wegen des Erfolgs der Serie. In kurzer Zeit wurde „Squid Game“ zur meist abgerufenen und populärsten Netflix-Serie aller Zeiten mit Aufrufen aus 111 Millionen Konten (Quelle: Deadline, 12.10.21). Die südkoreanische Serie dominierte Memes, die sozialen Netze und lieferte kurz vor Halloween einige Anregungen für eher kostengünstige Kostüme. Jepp. The hype is real. Is the hype real? Die Besprechung ist, und dafür musste ich mich ganz schön zusammenreißen, spoilerfrei.

Lasst uns ein Spiel spielen

Der Titel Squid Game bezieht sich auf ein Spiel, das bei Kindern beliebt ist, in unserem Kulturkreis aber eher nicht bekannt – das Tintenfischspiel. Man könnte es vielleicht als eine Art Völkerball ohne Ball vergleichen!? Solche Pausenhofspiele erinnern an sorglosere Zeiten. Etwas das für Seong Gi-hun (Lee Jung-jae) ganz weit weg zu sein scheint. Er hat einige Male in seinem Leben Pech gehabt, muss mehrere Kredite abzahlen, hat keinen regulären Job, seine Frau hat ihn verlassen und will mit der gemeinsamen Tochter und neuen Familie auswandern, er lebt wieder bei seiner Mutter und dann leiht er auch noch bei den falschen Leuten Geld und muss um sein Leben bangen. Als ihm dann ein Fremder Geld anbietet und er im Gegenzug nur ein Kinderspiel mit ihm spielen muss, ist das eine willkommene Initialzündung für das nächste Angebot. Nur dieses Mal spielt Seong Gi-hun um sein Leben mit der Aussicht auf einen Batzen Geld, der alle seine Probleme löst, falls er überlebt.


„Squid Game | Official Trailer | Netflix“, via Netflix (Youtube)

Oder die von 455 anderen Spieler*innen. Wäre es nur die erste Folge und Seong Gi-hun wie wir ihn darin erleben, dann lädt Squid Game vielleicht nicht zwingend zum weiterschauen ein. Die erste Folge nimmt sich viel Zeit die Gedankenlosigkeit Seong Gi-huns zu skizzieren und die Zwickmühle, in der er sich befindet. Dabei ist er kein schlechter Kerl. Dass er ein Ankerpunkt der Serie wird, um dessen Leben man mitfiebert, erledigt er in den kommenden Folgen, wo er u.a. für die von der „Gesellschaft ausgegrenzten“, weil als schwach angesehenen, Partei ergreift. Alte, Andersdenkende, Verzweifelte, Kranke, noch Ärmere, Ausländer*innen oder auch Frauen. Denn so ist es ja: die Gemeinschaft der Spieler ist in wie sovielen Survival-Thrillern „Gesellschaft in a nutshell“.

So richtig spannend wird es dementsprechend ab dem Ende der ersten Episode, wo mehrere Charaktere ins Spiel kommen und zumindest die Zuschauenden die Mechanik des Spiels und die Intention erahnen. Alle Spieler werden (zumindest zum Teil) anonymisiert. Sie bekommen dieselben Trainingsanzüge und werden nur durch Nummern identifiziert. Seong Gi-hun wird Nummer 456. Die Regeln des Spiels sind wenige, aber sie deuten an, dass es den Organisatoren ernst ist. Warum sonst sollten sie ihre Gesichter hinter Masken verstecken und ihre Stimmen verzerren? Warum sonst wäre eine der Regeln, dass Spieler die sich weigern weiterzuspielen, eliminiert werden? Zu Seong Gi-hun gesellen sich u.a. Nummer 1 alias Oh Il-nam (Oh Young-soo) der gebrechliche und offensichtlich älteste unter den Spielern. Nummer 067 (Jung Ho-yeon), eine junge Nordkoreanerin, die nach Südkorea flüchtete und sich u.a. durch Diebstahl über Wasser hielt. Außerdem Cho Sang-woo alias 218 (Park Hae-soo), ein Kindheitsfreund von Seong Gi-hun und der pakistanische Einwanderer Ali Abdul alias 199 (Anupam Tripathi). Manch einer erwartet sich einen Vorteil dank übersteigertem Selbstbewusstsein oder fiesen Tricks wie der Gangster, der als Nummer 101 (Heo Sung-tae) ins Spiel kommt. Love to hate them, hate to love them?

Gute Partie

Südkorea kann es. An anderer Stelle habe ich schon mal darüber philosophiert, dass einige südkoreanische Filmemacher*innen es drauf haben Klassenunterschiede und ähnliche oftmals weit umkreiste und gemiedene Themen ansprechend zu verpacken. Ich denke da an Burning, Parasite und quasi die gesamte restliche Filmografie von Bong Joon-ho, auch Park Chan-wooks. Die einzelnen Spieler bekommen alle früher oder später eine Hintergrundgeschichte und Charakterisierung verpasst, die ihr Leid und eventuell auch ihre verzweifelten Taten besser verständlich macht. Es sind feine Nuancen im Schauspiel der Darsteller*innen und des Drehbuchs von Hwang Dong-hyuk, die selbst dann das Dilemma schmerzhaft verständlich machen, wenn wir die Charaktere nicht mal besonders mögen.

Denn erscheinen sie uns menschlich genug, tut ihr Tod selbst dann weh. Und ja: einige Charaktere geben uns einen inneren „Cringe“. Die Serie fordert uns heraus. Mit wem würden wir uns zusammentun? Wären wir so mutig uns während der Teambildung mit dem alten, kranken Nummer 001 zusammenzutun, obwohl er unser Leben eventuell auf’s Spiel setzt, weil er für ein kommendes Spiel vielleicht nicht fit genug ist? Oder wie steht es um die nicht zwingend als sympathisch dargestellte Nummer 212 (Kim Joo-ryung)? Sie agiert frontal, laut, zum Selbstzweck und setzt auch mal Sex ein um sich mit den vermeintlich stärkeren zu verbünden. Alles um zu überleben. Wir können das verurteilen, aber können wir mit Sicherheit sagen, dass wir nicht genauso oder auf ähnliche Weise handeln würden? Die menschgemachte Paranoia ist ein perfider und nicht so heimlicher Mitspieler.

Squid Game gibt uns also was zum mitfiebern. Ich behaubte nicht, dass die Serie das Survival-Thriller-Subgenre neu erfindet. Keinesfalls. Die Stufen sind denkbar einfach. Mach, dass sich Zuschauer*innen mit den Charakteren identifizieren können. Bis hierhin ist Squid Game genauso gut oder mustergültig wie andere Survival-Stoffe wie Battle Royale oder Hunger Games. Nächster Schritt: halte Zuschauenden den Spiegel vor, sodass sich unweigerlich die Frage stellt „wie würde ich mich verhalten?“ Hier ist Squid Game schon besser. Vor Allem wenn es uns in diesem empfindlichen Weichteil trifft, das sich Herz nennt und dass es ziemlich gut zu brechen weiß. Denn früher oder später stehen sich vielleicht unsere Lieblingscharaktere gegenüber. Und es geht leider immer noch um Leben und Tod.

Das nachfolgende Video enthält Spoiler


„The Squid Game Cast React To Their Own Show | Netflix“, via Still Watching Netflix (Youtube)

„Hier sind alle gleich“

Ja, es gibt tränenreiche Momente. Und ja, ich habe welche vergossen. Ich wollte auch ab etwa der dritten Folge kaum noch ausschalten und empfand Squid Game ab dann sehr binge-würdig und spannend. Auf der emotionalen Schiene kriegt man mich (leider?) schnell, sobald mir Charaktere ans Herz gewachsen sind. Aber keine Bange, besonders Schmusi-busi ist die Serie nicht. Wenn Spieler wegen Regelverletzung eliminiert werden, dann ist das teilweise ein wenig gore-ig, erbarmungslos und ziemlich kalt. Es mischt sich eine Verzweiflung und lange Phase der Leugnung in das Spiel, wenn man sich in die Charaktere hineinversetzt. „Aber sie können doch nicht …?“ Was? Mich umbringen? Menschen wie du und ich, die genauso um ihr Leben bangen? Doch sie können. Worin Squid Game überraschend schlecht ist: Twists. Die meisten habe ich kommen sehen. Worin es auch schlecht ist: dem Ende. Die letzten 5-10 Minuten der Serie hätte ich nicht gebraucht. Aber was soll’s. Und warum wird es nun so gehyped? Was macht es denn nun anders als andere Survival-Thriller?

Es tut von Anfang an das, was uns andere Survival-Thriller verwehren. Es präsentiert in der ersten Staffel bereits den Blick hinter die Kulissen und auf die Drahtzieher. Schon ab der zweiten Folge wird mit Hwang Jun-ho (Wi Ha-joon) ein Polizeibeamter auf das Spiel aufmerksam und versucht die Game-Master zu unterwandern. Wir erleben außerdem wie die Drahtzieher-Organisation aufgebaut ist, was ihre Regeln und Hierachien sind. Und wie einige unter ihnen versuchen sich ein bisschen Kohle nebenbei zu verdienen. Man lässt uns in diesem Survival-Thriller endlich auf beiden Seiten Mäuschen spielen und wartet nicht drei Filme oder zwei Staffeln ab. War Squid Game anfangs langsam, legt es spätestens hier ordentlich an Tempo zu. Und es gibt einen Ausweg anders als in anderen Survival-Thriller, wo die Spieler*innen nur die vorgehaltene Waffe kennen. Sie könnten aussteigen, aber nur wenn die Mehrheit dafür ist. Erklär das mal einer Masse an hoch verschuldeten Leuten, die schon mit dem Gedanken spielen ihre Organe zu verpfänden… .

Hinzu kommt: Man versteht die klug aufgestellten Regeln schnell und intuitiv. Warum die Anonymität, warum die Symbole und Hierarchien. Und gerade deswegen ist auch das eine oder andere vorhersehbar. Aber das ist nicht schlimm und tut dem ganzen keinen großen Abbruch. Und das andere was einen großen Reiz ausmacht ist das Ideal hinter dem Spiel. Als es zu einer Regelverletzung kommt, erwähnt der „Frontman“ genannte ebenso maskierte Spielleiter, dass eine der heiligsten Regeln des Spiels ist, dass hier alle gleich sind und dass diese Regel nicht verletzt werden dürfe. Das Leben hat den Spieler*innen schon genug mitgespielt, hier müssen sie gleichberechtigt sein. Denn während wir Kinderspiele auf dem Pausenhof gespielt haben, waren mir meist noch alle gleich. Denn damals, da gab es häufig kein arm oder reich zwischen uns. Was scheinen das aus heutiger Sicht für selten gewordene Momente zu sein. Ich glaube deswegen funktioniert Squid Game so gut. Es ist Nostalgie und die Erinnerung an eine Zeit in der wir alle noch etwas gleicher waren. Und das ist etwas, von dem die meisten von uns bisher vielleicht nicht mal wussten, dass sie es vermissen. (9/10)

Sternchen-9

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Aber ja, tatsächlich ist Squid Game eine der wenigen Serien, die mich dieses Jahr dazu gebracht haben ein paar Tränchen zu vergießen. Ging es euch genauso? Könnt ihr den hype nachvollziehen? Oder eher nicht?