Fantastischer Film: The Wailing – Die Besessenen

Posted by in 2016, Fantastische Filme, Film, Horror und Mystery, Review, Spielfilm, Südkorea

Für den Dorfpolizisten Jeon Jong-gu (Kwak Do-won) ist es schon ungewöhnlich und erschreckend, dass jemand in seiner Gemeinde umgebracht wird. Als er aber am Tatort ankommt, muss er feststellen, dass eine ganze Familie regelrecht abgeschlachtet wurde. Der Täter ist nicht ansprechbar, sieht aus als ob er im Blut gebadet hätte, wirkt desorientiert und ist kaum ansprechbar. Vor Kurzem war doch noch alles gut in ihrer kleinen Gemeinde. Die Morde häufen sich und die Täter wirken zunehmend wie abhängig, nicht ganz bei Sinnen, fast wie Zombies – oder Besessene? Während die einen sagen, dass giftige Pilze schuld an den Halluzinationen der Täter sind, schieben es andere auf den japanischen Einsiedler (Jun Kunimura) im Dorf. Er wäre ein Vampir, ein Geist, ein Teufelsanbeter, ja sogar der Teufel höchstpersönlich. Die Gerüchte werden immer wilder, die Morde häufen sich. Als eines Tages auch die kleine Tochter Jeon Jong-gus besessen zu sein scheint, nimmt er die „Gerechtigkeit“ selbst in die Hand.

„THE WAILING: Die Besessenen Exklusiv Trailer German Deutsch (2017)“, via KinoCheck (Youtube)

The Wailing ist ein Ausnahme-Mystery-Thriller, der sowohl Charaktere als auch Zuschauer*innen mit seiner bombastischen Laufzeit von etwas mehr als zweieinhalb Stunden durch eine wahre Tour de Force schickt. Anfangs wirken die Dorfpolizisten in ihrer Unbeholfenheit witzig bis hin zu satirisch. Umso mehr, desto grotesker die Situationen werden. Denn ehrlich – wie konnte die idyllische Gemeinde plötzlich zum Hort von Killern werden? Belächelt man die Polizisten anfangs, weil sie inkompetent wirken; realisiert man später, dass sie sogar sehr menschlich auf die außergewöhnliche Situation reagieren. Insbesondere als Jeon Jong-gu um seine eigene Familie fürchtet und umso engagierter ermittelt, eröffnet das Zuschauenden die Identifikation. Und anschließend den Schock. Als er und die Menschen in seiner gemeinde bereit sind zum Äußersten zu gehen, um ihr Dorf zu beschützen, wechselt das „Die sind wie ich“ zu „Oh Gott, so bin ich aber nicht, oder?

Der Film stellt sehr bald die Frage wem wir vertrauen und auf welcher Grundlage dieses Vertrauen fußt. Die Bewohner*innen wirken nicht nur ein bisschen xenophob, wenn sie da alle so ihre Mythen über den einzigen Japaner im Dorf zum Besten geben. Sie sind es. Die Stimmung schlägt sehr schnell um und nimmt bald ein blutiges Ausmaß an. In der einstigen heilen Welt ist es einfach denjenigen zum Schuldigen zu erklären, der außerhalb ihres Dunstkrieges stammt. Ähnlich funktionieren die weiteren Motive mit denen Drehbuchautor und Regisseur Na Hong-jin spielt: (Aber)Glaube. Vertraue ich dem, was ich selber erfahren habe? Was die mir nahestehenden für den einzigen Weg sehen? Was mich die Religion gelehrt hat? „Was man halt hier so macht in solchen Situationen.“ Mehrere Lösungen zerren an Jeon Jong-gu und den Zuschauer*innen. Aus anfänglichen Späßen wird eine Hetzjagd, Verzweiflung entsteht, Blut wird vergossen und hier liegt der grandiose Kniff. The Wailing fordert die Zuschauenden. Nach dem ersten Mal schauen weiß man nicht unbedingt wer böse und wer gut ist – mehrere Erklärungen sind möglich. Aber alle stellen eine Frage: ist dein Weltbild noch korrekt? Kannst du deinem Einschätzungsvermögen trauen? Erst nachdem der Polizist das erste Blut mit eigenen Händen vergossen hat, kommt das Übernatürliche ins Spiel. Homemade Horror bekommt damit eine ganze andere Bedeutung. Und wer ist jetzt hier der Besessene?

The Wailing (OT: 곡성, 哭聲, Gokseong), Südkorea, 2016, Na Hong-jin, 156 min

Allen, die nach dem Ende doch zu sehr in der Luft hängen, empfehle ich das nachfolgende Video Essay. Teile davon decken sich auch mit meiner Interpretation – Beware the spoilers und Happy Halloween (jedenfalls bald)! Stand heute kann man „The Wailing“ u.a. auf Sky und dem Prime Video Channel „Home of Horror“ schauen.


„The Wailing Explained: A Treatise On Belief | Video Essay“, via Tim Thoughts (Youtube)

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Jeden Monat stelle ich einen Film vor, den ich für einen fantastischen Film halte – losgelöst von Mainstream, Genre, Entstehungsjahr oder -land. Einfach nur: fantastisch. 😆