Serien-Besprechung: Cowboy Bebop (2021)

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Auf diese Serie habe ich die letzten 2, 3 Jahre mit Abstand am meisten gewartet. Regelmäßig nach Neuigkeiten, Casting-Updates, ersten Bildern gesucht. Mich gefragt, wann es endlich einen Trailer gibt. „Cowboy Bebop“ teilt sich mit „Neon Genesis Evangelion“ die Spitzenplatzierung meiner Lieblingsanime. Ach Quatsch. Meiner Lieblingsserien! Deswegen konnte ich kaum still sitzen bei dem Gedanken, dass er remaked wird. Obwohl ich (vor Allem „westliche“) Live-Action-Remakes von Animes in der Vergangenheit nicht übermäßig mochte, war ich spätestens ab der Meldungen über den Hauptcast willens mich überzeugen zu lassen und habe mich drauf gefreut. Denn soviel darf man nicht außer Acht lassen: auch wenn es Mist wird, ist es doch ein neuer Impuls einer alten Liebe. Und wie fühlt es sich jetzt an, wo „Cowboy Netflix Bebop“ (ich nenne es gern so) endlich streambar war? Besprechung ist weitestgehend spoilerfrei.

See You, Space Cowboy

Im Jahr 2071 hat die Menschheit das Weltall besiedelt und lebt verstreut im gesamten Sonnensystem. „Cowboys“ genannte Kopfgeldjäger schreiten ein, wo die Polizei die interstellare Kriminalität kaum im Zaum halten kann. Solche sind auch Spike Spiegel (John Cho) und Jet Black (Mustafa Shakir), die nicht selten daran scheitern ihre „Beute“ lebendig abzuliefern oder eine Spur der Verwüstung hinterlassen, deren Kompensationszahlung das Kopfgeld frisst. Kurzum: sie haben nicht nur Glück. Und dann kreuzen sich ihre Wege auch noch ständig mit der ähnlich glücklosen Kopfgeldjägerin Faye Valentine (Daniella Pineda), die letzten Endes irgendwie doch Teil des Teams der „Bebop“ wird (Jets Schiff). Dabei trägt jeder von ihnen so sein Päckchen und muss seine Vergangenheit bewältigen, während sie den Teddy Bomber, Anti-Terraforming-Aktivisten oder das „Syndikat“ jagen.


„Cowboy Bebop | Official Trailer | Netflix“, via „Netflix“ (Youtube)

Whatever happens, happens.

Soviel vorweg: der Cast von „Cowboy Netflix Bebop“ ist großartig. John Cho spielt Spike Spiegel angenehm lässig. Mustafa Shakir erscheint mir deutlich jünger als der Jet Black des Anime, bringt aber die notwendige Ex-Cop-Attitüde mit und ist ähnlich harmoniebedürftig wie im Anime, auch wenn der das dort deutlich mehr in sich reingefressen hat. Daniella Pineda ist ein weniger schrilles und charakterliches etwas weicheres Update zu der Faye des Anime. Was möglicherweise den auf ähnliches Titengewackel hoffenden Fans des Anime nicht so gut gefällt. Manche Dinge ändern sich nie. Dass ihr Outfit nicht so freizügig wie das der Anime-Faye ist hat im Vorfeld für chauvinistische Kommentare im Netz gesorgt. Elena Satine als Julia und Alex Hassell als Vicious (zwei Charaktere aus Spikes Vergangenheit) sind exakt so wie ich mir die Charaktere optisch in „real life“-Kostüm und Make-up vorgestellt hätte, was mich bei den ersten Bildern der Serie total von den Socken gehauen hat. Auch insgesamt ist der Cast sehr divers. Eine ganze Palette an Farben und Formen – ich finde es großartig!

Viele Charaktere haben ein Update oder einen Gender-Switch erhalten. Oder gar eine andere Gestalt. Tamara Tunie spielt hier Ana bzw im Anime als Anastasia bekannt, eine alte Freundin von Spike. Hier spielt sie als Barbesitzerin eine größere Rolle als im Anime. Aufgrund dessen wird auch ebenso deutlich, dass Spikes Vergangenheit mehr Screentime bekommt. Allgemein lässt sich die Serie nicht soviel Zeit wie der Anime um die Päckchen auszupacken, die Spike & Co mit sich tragen. Tragisch: so eine auf 10 Episoden angesetzte Serie kann es sich wohl nicht leisten lange vorzubereiten? Ich bin mir sehr sicher, dass das funktioniert hätte. So wurde das gute Pulver leider zu früh verschossen. Wir haben gar nicht genug Gelegenheit uns zu fragen, was da los war, da wird es uns schon um die Ohren gehauen. Der Atmosphäre ist das leider nicht zuträglich.

You’re gonna carry that weight.

Dabei sind sich die Serienschöpfer sehr wohl vieler Bestandteile bewusst, die Cowboy Bebop zu Cowboy Bebop machen. Für die Ausgestaltung des Soundtracks wurde erneut Musik-Genie Yōko Kanno aols Komponistin angeheuert, die auch schon für den Anime zuständig war und zusammen mit der großartigen Kombo SEATBELTS, Mai Yamane und anderen den Soundtrack aktualisierte und um einige neue Nummern wie Julias Song erweiterte. Hier übrigens gesungen von Julia-Darstellerin Elena Satine. Das Kostüm-Team rund um Jane Holland hat einen großartigen Job gemacht die Kostüme in Life Action zu transferieren. Zwar habe ich hier und da als offenbar negativ gemeinte Kritik gemeint gelesen und gehört alles würde „nach Cosplay aussehen“, weiß aber erstens nicht, was daran genau negativ ist und zweitens kann ich nur sagen, dass ich es für gelungene und sehr ansprechende Outfits halte. Kleinere Bestandteile des Anime wie die Lines am Ende („See You Space Cowboy“, „You’re gonna carry that weight“, …), die Titlecard, etc. wurden 1:1 übernommen. Zudem strotzt die Serie nur so vor Easter Eggs. Als beispielsweise einmal ein Leaderboard einer ganzen Masse flüchtiger Krimineller gezeigt wird, taucht dort „Cowboy Andy“ auf – leider dann nicht in Persona. 🙂 Und das ist nur ein Beispiel. Sie haben eindeutig verstanden, was Cowboy Bebop so cool gemacht hat. Aber sie haben sich zu wenig Zeit gegeben, um das auch die Atmosphäre und den Ton der Serie betreffend einzufügen.


„COWBOY BEBOP OPENING COMPARISON (Netflix v. Original)“, via PX Tech (Youtube)

Die Köpfe hinter dem Remake haben sich einzelne Episoden herausgegriffen und die mit der Handlung rund um das Red Dragon Syndikat verbunden. Plötzlich hat fast alles mit Spike, Vicious und Julia zutun. Letztere bekommen sogar eine sehr ausführlich Hintergrundgeschichte mit dem Ergebnis, dass die Figuren komplett demystifiziert werden. Das ist ein erschreckend Netflix-typisches und schädliches Muster. Auslassung und Verknappung fördert nun mal, dass wir etwas als interessant, weil unbekannt(er) wahrnehmen. Und in folge dessen unseren Kopf anstrengen, um die Puzzleteile selber zusammenzulegen. Immer dieses gierige, aber sehr effektive „Warum?“ Ich muss auch leider gestehen, dass ich die Hintergrundgeschichte nicht gelungen finde und insbesondere im Falle von Julia wurde ein sehr konventionelles Femme Fatale Bild entworfen, das schon wieder langweilig ist. Vicious verkommt zu einem recht banalen Gegenspieler-Typus. Narrativ ist das tatsächlich eine kleine Katastrophe, weil es auch die Motivation und tragische Hintergrundgeschichte Spikes aufweicht. Schwer zu verkraften ist, dass es optisch alles so wirklich ansprechend gefilmt ist und nicht an Motiven wie denen des film noir fehlt. Nur leider können insbesondere die Charaktere der Einzelepisoden und Julia und Vicious als Rollen einfach nicht mithalten.

Denn soviel steht fest: die aus Cowboy Bebop bekannte recht einzigartige Mischung aus Jazz, film noir Bezügen, Blues, Bebop, Kung-Fu (ja wir wechseln hier von Film/Musik zu Kampfsport) ist da. Die sehnsüchtige Melancholie nicht. Zwar sind die Jazz-Nummern und Bandszenen wirklich toll geraten, aber Cowboy Netflix Bebop ist insgesamt „edler“. Es fehlt all das „Grau“ des Lebens, was uns die Anime-Charaktere so menschlich dargestellt und „nah“ gemacht hat. Armut, unpopuläre Entscheidungen, verworrene Lebenswege, Krankheit – all das ausgelöst durch die Menschheit an sich, das Leben auf den fernen Planeten und ihre Besonderheiten; technische Neuerungen, die nicht halten was sie versprechen … Dinge die mal mehr oder weniger beeinflussbar sind und weil wir das so gut kennen einer Tragik nicht entbehren, die wir so gut fühlen können. Man sieht der insterstellaren Welt hier vieles an. Aber leider nicht das!

Man sieht zum Beispiel, dass sie ziemlich exzentrische Charaktere hervorgebracht hat (von denen ich mich auch die Neuen wie Carmel McGlone als Woodcock oder Christine Dunford als Whitney Matsumoto überzeugen), dass die Planeten sehr kulturell divers besiedelt wurden (überall mehrsprachige Beschilderungen bspw.) und eine gewisse Erden-Melancholie feiern (einige Orte erinnern an bestimmte Erd-Regionen wie Südamerika, es gibt hier und da Kirchen, …). Leider baut man zu all dem keine Verbindung auf, da das World Building wenig Raum bekommt. Es ist da. Es sind tolle Bilder, wenn Jet und sein ehemaliger Partner auf einem der Monde (ich weiß nicht mehr ob Europa oder Ganymede) Jupiter am Nachthimmel beobachten. Solche Momente sind wirklich absolut toll, atmosphärisch und sprechen zu Zuschauer*innen. Und das nicht durch tolle Kulissen alleine, durch Musik, die mir sagt wie ich mich jetzt fühlen soll, sondern durch den Moment. Solche Szenen hatte der Anime reichlich und die fehlen Cowboy Netflix Bebop sehr. Vielleicht haben sie den Anime eben so gut verstanden, dass sie versucht haben soviel wie möglich in Cowboy Netflix Bebop zu bauen und dabei die Essenz vergessen haben. Zeit. So sind einige der Episoden eben auch bei weitem weniger überraschend, grittier und viel zu konventionell. Den Twist um „Dr Londes“ in der Adaption fand ich beispielsweise sehr einfallslos.

See You, Space Cowboy?

Wer mitgerechnet hat, hat gemerkt, dass ich hier Pingpong spiele. Ein Punkt gut, einer negativ. Soviel Gutes wie Schlechtes. Ein Nullsummenspiel. Das ist vielleicht auch darin zu begründen, dass es als Fan des Anime fast unmöglich ist nicht zu vergleichen oder eine objektive Besprechung zu schreiben. Selbst, wenn ich mir in Erinnerung rufe „Cowboy Netflix Bebop ist eine Adaption eines Stoffs, es erhebt keinen Anspruch darauf eine perfektere Kopie zu sein“, komme ich nicht umhin zu sagen: das ist besser, das schlechter. Ich kann den Anime nicht ungesehen machen. (Und ich will auch nicht! 😉 ) Überraschenderweise hatte ich trotzdem viel Spaß.

Aus Fan-Sicht kann man einfach alles von der ersten Sekunde an hassen, weil es nicht 1:1 wie der Anime ist, den man so liebt. Oder man kann an die Serie so herangehen: was werde ich heute wiedererkennen? Was werden sie ändern? Und finde ich das gelungener als im Anime? Das macht auch für verwöhnte Fans viel aus. Würde ich den Anime nicht kennen, würde ich für eine zweite Staffel einschalten? Vermutlich nicht. Werden wir aber nie erfahren. Was ich euch nur raten kann: versucht die Serie möglichst unvoreingenommen zu schauen und macht euch ein Bild davon. Sollte es eine zweite Staffel geben, ich werde reinschauen, weil ich wissen will, wo die Reise für diese Versionen meiner Lieblingscharaktere hingeht. (6/10)

Sternchen-6

So ganz ohne Spoiler geht dann doch nicht … unter dem ausklappbaren Abschnitt wartet noch ein Kommentar zum Ende der Staffel.

Im Vorfeld der Veröffentlichung auf der Plattform hat das Fehlen jeglicher Casting-Infos zu „Radical Ed“ wohl für die meisten Irritationen gesorgt. Mit ihrer flippigen Art, dem Genderbending (nicht mal Eds Vater wusste so genau, ob sie ein Mädchen oder ein Junge ist, nichtbinäre Geschlechterbilder werden aber nicht erwähnt) und ihren Hackerfähigkeiten hat sie die übrigen Mitglieder der Bebop angenehm ergänzt und offenbar eine Lücke gefüllt. Ich meine, dass Ed ein Fan-Favorit ist und es war klar, dass ihr Fehlen nicht unbemerkt bleibt. In Cowboy Netflix Bebop tritt Ed zwischendurch bereits einmal als „diese*r gesuchte Hacker*in“ in Erscheinung. Bis dahin sieht man nur einen Avatar. Aber in den letzten Minuten der Serie sieht man dann tatsächlich Ed! Eden Perkins verkörpert die Rolle in einem sicherlich bewusst schrillen Auftritt. Auch auf Twitter wurde Eden angekündigt und direkt die Frage der Pronomen vorweg genommen. Offenbar identifiziert sich Eden als nicht-binär. Unter dem Tweet ging es heiß her.

Manche flamen rum, weil sie den Auftritt Eds in der Live Action Variante nicht mochten und zu schrill fanden. Andererseits … ist Ed nicht schrill? Zugegeben, ich finde die Entscheidungen über Kamerawinkel und die ganze Szene an sich auch sehr unglücklich. Was mich aber mehr verstört ist wie billig ihre Perrücke und Props im Vergleich zum Rest der Seriengestaltung wirken. Auch die Einordnung von Darsteller*in Eden Perkins als nicht-binär hat mal wieder bewiesen wie extrem Zuschauer*innen die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen lassen oder ihre eigenen Wissenslücken nicht erkennen. Viele regten sich darüber auf, dass Ed im Anime „doch weiblich sei“. Es hat ja aber auch niemand behauptet, dass das in Cowboy Netflix Bebop nicht so sein würde – es ging in dem Tweet einfach um die korrekte Anrede für Eden. Und was wäre das Problem, wenn das bei Ed in der Serien-Adaption anders wäre? Sollte es eine zweite Staffel geben, hoffe ich, dass sie noch was an Edens Outfit als Ed tun und sich allgemein die Kritik an der Serie zu Herzen nehmen. Für Eden tut es mir jetzt schon leid wie unsachlich und unsinnig die Diskussion um Ed in der 2021er Version ausfällt.


„Meet the Live Action Radical Ed | Cowboy Bebop: Unlocked | Netflix Geeked“, via Still Watching Netflix (Youtube)

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Jetzt bin ich umso gespannter: wie habt ihr die Serie wahrgenommen? Würdet ihr eine zweite Staffel schauen? Kennt ihr den Anime? Auch wenn meine Bewertung wegen der Balance aus positiven und negativen Aspekten eher mau ausfällt, werde ich sicherlich schon alleine aus Neugier reinschalten. Richtig Bock habe ich aber bekommen den Anime nochmal zu schauen. Und bevor ihr fragt: nein, ich denke die Keanu-Reeves-Adaption wäre nicht besser geworden. Nur weißer. Wie managed ihr eure Erwartungen in punkto Remakes/Adaptionen von Lieblings-Medien? Ich bin ganz froh, dass es mir dieses Mal gelungen mit möglichst „Neutraler Neugier“ an die Sache ranzugehen und ich deswegen das Ganze (vielleicht?) etwas lockerer sehe.