Fantastischer Film: Die Nacht des Jägers

Posted by in 1955, basiert auf wahren Begebenheiten, Fantastische Filme, Film, Krimi und Noir, Literaturverfilmung, Milieustudie, Review, Roadmovie, Schwarzweißfilm, Spielfilm, USA

Was ist mir da bisher entgangen. Die Nacht des Jägers ist einer dieser perfekten Filme. Einer von denen, die seiner Zeit scheinbar voraus waren und die in der Popkultur zahlreich kopiert wurden. Wie so oft, merkt man erst, wenn man ihn gesehen hat. Die Nacht des Jägers schafft es sogar ein film noir zu sein ohne sich irgendwelcher typischen Noir-Elemente zu bedienen. Kein Ermittler mit Hut, keine Femme fatale. Der Film wurde 1955 veröffentlicht, entführt uns aber in die Vereinigten Staaten zur Zeit der großen Depression. Harry Powell (Robert Mitchum) gibt sich als Wanderprediger aus, nutzt aber dieses Image nur um unbescholten zu wirken. Seine Masche ist es sich an Witwen heranzumachen, zu heiraten, zu töten und mit ihren Ersparnissen abzuhauen. Als er aber wegen einer Bagatelle ins Gefängnis muss, trifft er dort den zum Tode verurteilten Familienvater Ben Harper (Peter Graves), der wegen eines Bankraubs und damit einhergehenden Mordes einsitzt. Er verrät ihm unfreiwillig, dass er bei seiner Familie die damals utopische Summe von 10.000 Dollar versteckt hätte. Klar was Powell als nächstes vor hat.


„Die Nacht des Jägers (1955)“, via Filme – wahre Begebenheiten (Youtube)

Nachdem er sich mit seiner Wanderprediger-Attitüde des vorgeblich rechtschaffenden und gottesfürchtigen Mannes an Ben Harpers Witwe Willa (Shelley Winters) rangemacht hat, wird schnell klar, dass sie nichts weiß, aber die Kinder. Er versucht auf perfide Art aus John (Billy Chapin) und seiner kleinen Schwester Pearl (Sally Jane Bruce) rauszukriegen wo das Geld ist. John schätzt Powell von Anfang an richtig ein und lässt Vorsicht walten. Die Raffinesse der Kinder, aber auch wie hilflos sie ihm ausgeliefert sind, macht den Film zu einem spannenden, schier ausweglosen Katz-und-Maus-Spiel. Dazu trägt natürlich ebenso Robert Mitchum als mal kaltschnäuziger Witwenmörder, mal Smooth-Talker bei. Das Bild seiner mit LOVE und HATE tätowierten Hände und der Anekdote dazu ging in die Filmgeschichte ein.

Besonders tut sich aber die Bildsprache und Stimmung des Films hervor. Der Schatten, der sich auf das Gesicht der Kinder legt als Powell das erste Mal vor ihrem Haus auftaucht – Foreshadowing ist hier wortwörtlich zu nehmen. Oder auch das Motiv der schönen Leiche im See mit surreal umherwaberndem Haar zwischen Seegras – die Mischung aus Tod, unausweichlicher Wahrheit und surrealer Schönheit in ein Motiv gepresst, hallt lange nach. Und eine Szene, die ich wohl nie vergessen werde: die Eule, die sich auf das wehrlose Kaninchen stürzt als Metapher auf Powell, der den Kindern nachstellt. Und das alles begleitet von dem Satz: „It’s a hard world for little things“ von Lillian Gish als Rachel Cooper, die später die Kinder aufnimmt und sich Powell mit enorm viel Mut stellt. Es ist ein weiterer Gänsehautmoment, wenn sie mit der Schrotflinte auf der Veranda sitzt und Powell nicht aus dem Augen lässt. Wer jetzt noch nicht überzeugt ist, verweise ich auf diesen Clip in der Arte Mediathek: 5 Gründe um „Die Nacht des Jägers“ wiederzusehen – Blow Up. Hier wird auch ein interessanter Fakt fallengelassen. Da Die Nacht des Jägers der einzige Film ist, bei dem Charles Laughton Regie führte, kann man sagen, dass er die einzige, durch und durch perfekte Werkliste eines Regisseurs hat. Dem habe ich nichts hinzuzufügen.

Die Nacht des Jägers (OT: The Night of the Hunter), USA, 1955, Charles Laughton, 89 min


„The Night of the Hunter (10/11) Movie CLIP – Leaning on the Everlasting Arms (1955) HD“, via Movieclips (Youtube)

Header image uses a Photo by Kilyan Sockalingum on Unsplash

Jeden Monat stelle ich einen Film vor, den ich für einen fantastischen Film halte – losgelöst von Mainstream, Genre, Entstehungsjahr oder -land. Einfach nur: fantastisch. 😆