Serien-Besprechung: „Killing Eve“ Season 4

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Wie sehr habe ich mich auf das Serienfinale von „Killing Eve“ gefreut. Drei Staffeln lang tanzten Eve und Villanelle umeinander und jede Staffel war großartig. Die dritte hat auf die eine oder andere Weise bereits einen Abschluss präsentiert. In anderen Belangen nicht. Wie kann es also in der vierten Staffel enden? Unsere Heldinnen suchen hier Vergebung, manche Vergeltung. Die vierte Staffel hat in der Kritik aber nicht viel Liebe genossen. Und auch für mich hinterlässt die finale Season leider einen bitteren Beigeschmack. Ich versuche mich an einer für die vierte Staffel spoilerfreien Besprechung plus Kommentar zum Finale. Falls ihr die Serie nicht kennt, schaut gern mal in die Besprechung zur ersten Staffel. Diese Review ist außerdem ein Teil einer Reihe von Beiträgen anlässlich des Pride Monats Juni hier im Blog. Happy Pride!

Mythen rund um Vergebung und Vergeltung

Obwohl Eve (Sandra Oh) und Villanelle (Jodie Comer) am Ende der dritten Staffel auseinander gegangen sind, scheinen sie doch noch nicht mit der Vergangenheit abgeschlossen zu haben. Eve arbeitet als Personenschützerin und hofft insgeheim eine Spur zu den Twelve zu finden. Villanelle lebt als „Nell“ bei einem Pastor und seiner Tochter, hat die Bibel auswendig gelernt und möchte sich durch eine Taufe von ihren Sünden reinwaschen. Religion kontrolliert schließlich nicht die moralischen Ausweise am Einlass. Oder doch? So ganz kann Villanelle aber nicht loslassen und stellt mit Enttäuschung fest, dass Eve nicht zu ihrer Taufe erscheint, obwohl sie eingeladen war. Währenddessen versucht auch Carolyn (Fiona Shaw) den Mörder ihres Sohnes innerhalb der Twelve zu finden und hat dafür eine leicht andere Herangehensweise. Konstantin (Kim Bodnia) ist inzwischen Bürgermeister in einem russischen Nest und könnte ein ruhiges Leben führen bis er wieder von den Twelve rekrutiert wird um die nächste Villanelle auszubilden. Viele der Spuren führen zu Hélène (Camille Cottin), einem Mitglied der Twelve, das offenbar eine eigene Agenda verfolgt.


„Killing Eve | Series 4 Trailer“, via BBC (Youtube)

„Do you know what passion is?“

Es gibt eine Menge Dinge, die mir nicht so ganz klar sind, wenn es um die vierte Staffel geht. Vieles davon kann ich darauf zurückführen, dass die Drehbücher sehr viel Zeit verschwenden und umher mäandern, damit Caroyln besonders witzig sein kann, Eve besonders über sich hinauswächst, Villanelle besonders impulsiv ist und Konstantin die Banalität des Bösen adressiert. Das hat mich drei Staffeln lang begeistert, aber was ich schon mal in der zweiten empfunden habe, fühle ich umso stärker, was die vierte Staffel betrifft: Wir drehen uns im Kreis. Natürlich kreuzen sich erneut die Wege Eves, Villanelles, Carolyns und Konstantins. Das erwarten wir und alles andere würde keinen Sinn machen. Und wie wir uns denken können, entlarvt es, dass Eve und Villanelle eben nicht übereinander hinweg sind. Dass man eben nicht den Twelve so einfach entkommen und auch nicht seine Vergangenheit hinter sich lassen kann wie wir uns das wohl wünschen würden. In vielerlei Hinsicht geschehen eine Menge Dinge, die ich unbedingt sehen wollte. Beispielsweise Villanelle als Jesus in drag. Oder eine Hommage an den CCC. Oder unsere Crew in Deutschland (auch wenn die Serie mit Ortsbezeichnungen etwas durcheinanderkommt.) Was diese Boldness in Visualistik, den Humor, das Aufbrechen von Klischees und Genderrollen betrifft, enttäuscht auch Killing Eve Season 4 keinesfalls.

Sehr genossen habe ich beispielsweise auch die Darstellung Pams durch Anjana Vasan, eine neue Rekrutin der Twelve. Aber hätte ich diese weitere Inkarnation gebraucht, um zu verstehen, dass das Ausbrechen aus den Fesseln des eigenen Umfelds brutal ist? Oder die nennen wir es mal schwierige Beziehung zwischen Hélène und Eve, die sich stellenweise wie eine Wiederholung der Beziehung zwischen Eve und Villanelle in Season 1 anfühlt? Das meine ich mit im Kreis drehen. Schon spannender ist da die Frage, ob ich den Titel der Serie von Anfang an falsch interpretiert habe. Dachte ich doch immer, dass Killing Eve heißt, dass Villanelle immer mal wieder in Versuchung geführt wird Eve zu töten, was sich ja in Staffeln 1 und 2 so anfühlte. Nun stellt sich teilweise die Frage, ob der Titel nicht eher bedeutet „tötende Eve“ statt „Eve töten“.

Es ist jetzt sehr schwierig und nicht hilfreich nicht zu spoilern

… und ich versuche es trotzdem. Im Finale kommen Eve, Villanelle und Carolyn den Twelve so nah wie es nur geht und müssen dabei gelinde gesagt Federn lassen. In einigen Gesichtspunkten gibt es ein Happy End und „closure“, in anderen nicht. Viele Fans wird das Finale verärgern, für andere der Ausgang unausweichlich erscheinen. Muss ich zu einem Fazit kommen, muss ich sagen, dass wir Killing Eve trotz der vielen Wiederholungen und des nicht so grandiosen Finales viel zu verdanken haben. Die Serienschöpfer:innen haben bewiesen, dass eine Serie mit einem weiblichen Main Cast mindestens so tough, unterhaltsam und sexy sein kann wie die schnöde tausend Mal gesehene „boy meets girl“ Variante in der „killer meets prosecutor“-Subvariante. Die Kämpfe Villanelles und Eves lassen nichts an Choreografie und Gewalt vermissen im Gegensatz zu männlichen Pendants. Die Ästhetik der Serie und der subversive Humor lassen Genrekollegen Staub fressen. Die Serie hat mit einem hohen Niveau angefangen und sich dann leider nicht gleichermaßen stark weiterentwickelt. Letzten Endes beugt sich Killing Eve Genre-Konventionen und hat sich zu oft um sich selbst gedreht. Das alles macht Killing Eve immer noch zu einer fantastischen Serie, die ich weiterempfehlen kann. Soviel muss ich aber leider auch sagen: das Staffelfinale ist eine Enttäuschung. Entgegen vieler der Kritikerstimmen, weiß ich aber auch nicht, ob anders wirklich besser gewesen wäre. Manchmal ist ein starker Anfang schwer zu einem gleichermaßen starken Ende zu führen. (7/10)

Sternchen-7

Kommentar zum Finale

zum Lesen bitte ausklappen, enthält Spoiler

Tja, wie endet Killing Eve? Für viele Fans auf die wohl schlimmstmögliche Weise. Ausgerechnet die Serie, die die emotionale und sexuelle Anziehung zwischen zwei Frauen so flirrend auf die Leinwand brachte, queere Charaktere so bunt und cool darstellt, macht sich in ihrem Staffelfinale „bury your gays“ schuldig. das bezeichnet ein unbeliebtes und schädliches Trope (Erzählmuster), bei dem queere Charaktere Erfüllung und Glück finden und kurz daraufhin sterben. „Bury your gays“ wurde in Medien vor Jahrzehnten als Mahnmal genutzt, um schwule, lesbische, etc Beziehungen und Lebensweisen zu brandmarken und den Eindruck zu vermitteln, dass diese nur in „Verdammnis“ münden können. Das macht „bury your gays“ aus heutiger Sicht zu einem Muster, das man nicht nur vermeiden sollte, sondern das wohl das schlimmstmögliche Verbrechen an der queeren Community ist. Ausgerechnet Killing Eve? Ausgerechnet Killing Eve tötet Villanelle, nachdem sie und Eve endlich den lang erwarteten Kuss und das scheinbare Happy End hatten. Wie kamen wir aber an den Punkt?

Nicht alles an der letzten Staffel wirkt so schlecht geplant und bösartig wie man denken könnte und wie auch ich gedacht habe, nachdem ich enttäuscht und vielleicht auch ein bisschen traumatisiert die Endroll der letzten Episode liefen ließ. Tatsächlich hat Killing Eves vierte Staffel unmissverständlich klar gemacht, dass man den Twelve nicht entkommen kann. Demonstriert an u.a. den vielen Leben von Charakteren wie Carolyn, die auch eine entsprechend lakonische und bittere Schicksalsergebenheit demonstriert. Villanelle und Eve hätten vielleicht nie ein ruhiges Leben gehabt, wofür Carolyn auf tragische Weise auch das mustergültige Beispiel ist. Vielleicht ist es auch ein Versuch der Serienschöpfer:innen besonders kreativ zu sein, weil sie das die ganze Zeit über waren. Gibt es Leute, die nicht gehofft haben, dass Eve und Villanelle am Ende in den Sonnenuntergang gehen und zusammen glücklich werden? Was wäre Killing Eve, wenn sie das durchgezogen hätten, was alle erwarten? Das heißt aber nicht, dass ich das toll gelöst finde. Um das Happy End im Unhappy End zu erkennen, braucht es schon viel Resilienz. Natürlich haben sie zueinander gefunden. Natürlich hat Villanelle verhindert, dass Eve getötet wird, indem sie sich für sie in die Schusslinie geworfen hat. Natürlich ist das ein selbstloser Akt und vielleicht die Form von Buße nach der Villanelle anfang der Staffel erfolglos gesucht hat. Aber auch ich habe nicht genug Resilienz dafür, nicht bitter angesichts Villanelles Tod zu sein. Das ist ein Beweis für die ikonische Rolle, die Jodie Comers/Luke Jennings/Phoebe Waller-Bridges Villanelle in der Landschaft der Protagonist:innen eingenommen hat. Und mit den Worten des Autors der Villanelle-Buchreihe: auch wenn uns das Finale nicht schmeckt, kann uns niemand Villanelle als diese Ikone wegnehmen.

Header image uses a photo by Jiroe (Matia Rengel) on Unsplash

Und weil uns niemand verbieten kann zu feiern, dass es „Killing Eve“ gibt … 🙂


„eve and villanelle being a comedic duo for 3 minutes“, via AMPERSAND (Youtube)


„Sandra Oh & Jodie Comer being like a couple for 4 minutes straight“, via rainbow in beige boots (Youtube)

Jetzt bin ich natürlich umso gespannter wie euch die Staffel gefallen hat. Yay or nay? Konnte man eurer Meinung nach überhaupt ein Finale machen, das der Kreativität und den Figuren der Serie Tribut zollt UND alle glücklich macht? Ich stelle mal die Behauptung auf, dass das eh nicht geht … .