Serienlandschaft: Serien-Besprechung zu „Brand New Cherry Flavor“ Season 1

Ein wenig bereut habe ich es schon, dass ich letztes Halloween „Brand New Cherry Flavor“ nicht besprochen habe. Aus „ich muss nochmal darüber nachdenken wie ich die Serie fand“ wurde dann wohl eine längere Denkpause. Da die Serie aber schon erfrischend anders gruselig war und definitiv einige Bilder abliefert, die man schwer ungesehen machen kann, passt es doch recht gut zu Halloween. Dann lieber mit Verspätung als gar nicht … die Besprechung ist spoilerfrei.

„All I wanted to do is make a movie.“

Das könnte ihr Durchbruch sein. Nachwuchs-Regisseurin Lisa Nova (Rosa Salazar) wird von dem bekannten Regisseur Lou Burke (Eric Lange) kontaktiert, der ihren Kurzfilm gesehen hat und großes Talent in ihr sieht. Er bietet sich als Mentor an und verspricht sie zu unterstützen ein Remake ihres Films bei Produzenten zu platzieren. Leider bricht er nicht mit Vorurteilen und Lisa bekommt schnell zu spüren, was er als Gegenleistung erwartet. Sie weist seine Anmache ab, er fühlt sich vor den Kopf gestoßen und will ihr zeigen, wo „ihr Platz“ ist. Er haut sie über’s Ohr, ihr Film soll von einem anderen Regisseur gedreht werden. Seinen Verrat und seine Übergriffigkeit garniert er noch mit einem tätlichen Angriff bis Lisa bereit ist das Angebot der geheimnisvollen Boro (Catherine Keener) anzunehmen. Wenn Lisa allen Schritten Boros folgt, wird Lou verflucht. Zumindest wenn Lisa bis dahin die Prozedur überlebt.



Brand New Cherry Flavor: Limited Series | Official Trailer | Netflix, Youtube

Brand New Cherry Flavor beweist, dass in Hollywood alles seinen Preis hat. Nachdem sie Boros Anweisungen folgt, durchläuft sie psychedelische Visionen und Body Horror. Nach der ihr zugefügten Brutalität und dem zunehmend wahnhaften Gedanken Lou zahlen zu lassen, entgleitet ihr aber ihre Motivation. Die Kosten, die sie zahlt scheinen immer größer zu werden. Was sie von anderen verlangt ebenso. Bald schon ist ihr Umfeld ein einziger Kollateralschaden. Freunde, Geliebte, Kolleg:innen. Für Boros Prozedur erbricht sie mehrere Male Katzenbabys – um nur eine von den Szenen zu nennen, die den hexenhaften Aspekt von Brand New Cherry Flavor hervorragend unterstreichen. Die Katzen-Momente werden aber auch einen Tick zu oft eingesetzt und verfehlen dann später ihre Wirkung, wenn man sie als Zuschauer:in dann nur noch mit einem stirnrunzelnden „schon wieder!“ quittiert. Aber die Serie hat auch Grusel- und Schauermomente abseits des Ekels zu bieten, die angenehm Gänsehaut fördern. In dem Fakt, dass Lou alle Stereotype Hollywoods, von #MeToo und männlichem Machtmissbrauch ausweist, liegt dann nochmal eine andere Form von Horror.

„Are you sure you are the hero of the story?“

Die feministische Agenda ist offensichtlich und willkommen, aber konzentriert sich auf die erste Hälfte der Staffel. Das Aussparen oder Aneignen weiblicher Errungenschaften ist das eine, Frauen gar nicht erst die Tür zu öffnen oder nur mit Gegenleistung ist spätestens seit #MeToo bekannt. Stiller Beweis ist die Statistik. Anfangs ist es leicht auf Lisas Seite zu sein. Man will Lou bluten sehen. Gute Gewissheit: es kommt, und zwar dicke. Aber es dauert auch bis dahin. Zeit wird ein kritischer Faktor, der nicht selten bei all zu viel erbrochenen Katzenbabys dafür sorgt, dass vielleicht schon mal jemand ab- und nicht wieder einschaltet. Die Stärke des Timings offenbart sich dann spät, wenn Lisas Vergangenheit aufgerollt wird. Sie und Boro demonstrieren eine gewisse Ruchlosigkeit um ihre Ziele zu erreichen, die moralischen Horror ins Spiel bringt und zeigt, dass Queen Bees keine anderen neben sich dulden. Und im Umkehrschluss das große Ungerechtigkeit manchmal auch einfach nur noch mehr Gewalt sät, deren Leidtragende Unschuldige sind und neben dem Ekel eher zu anderen Szenen führen, die hängen bleiben.

Die Metapher in all dem ist überdeutlich – Lisa hatte nicht die Intention, aber sie verkauft ihre Seele. An der Botschaft schwächelt es gegen Ende aber auch. Durchaus schade ist, dass durch Lisas immer mehr kriselnde Moralvorstellung die feministische Note hinkt und alle #MeToo Anleihen (so sie denn jemals angedacht waren) ins Wanken gebracht werden. War das so gewollt? Klar: power corrupts. Und so auch der Wunsch nach dem perfekten Film und kreativer Freiheit, den Lisa mit dem Wunsch nach Ruhm und Anerkennung zu verwechseln beginnt. V.A. wenn letzteres zu lange verwehrt wurde. Damit stellt uns als Zuschauende Brand New Cherry Flavor dann aber auch vor eine nahezu überfordernde Entscheidung – weiter mit Lisa mitfiebern und auf ihrer Seite sein? Es fällt schwer. Irgendwann bedauert man nur noch die Opfer. Das Ende lässt zu wenig erkennen, ob sie Schuld empfindet oder nicht. Die makabre und satirische Abrechnung mit der Industrie, die Ruchlosigkeit fordert um erfolgreich zu sein macht Brand New Cherry Flavor trotzdem zu einem Geheimtipp, dessen starke Bilder, Make-up und Kostüme aber auch einen starken Magen erfordern. Die optische Hommage an David Lynch Filme ist übrigens auch kein Zufall (s. Video unten). (8/10)

Sternchen-8


A Closer Look at Brand New Cherry Flavor | Netflix, Youtube

Vor einer Weile wurde ich mal gefragt: aber kannst du nur Serien gut finden, wenn du die Protagonist:innen magst? Nein. Aber es macht mir mehr Spaß der Serie zu folgen, was bei „Brand New Cherry Flavor“ irgendwann nur mäßig der Fall war. Ich wollte wegen der feministischen Agenda gern mehr mit Lisa Nova mitfiebern. Vielleicht war die Serie auch nie so angedacht, sondern prangert alleinig Rachegedanken und die makabre Seite der „Traumfabrik“ an. Mich interessiert wie ihr das seht? Bisher ist meines Wissens keine zweite Staffel angekündigt, obwohl es einige offene Punkte gibt, die angeteasert werden und in einer weiteren Staffel Thema wären. Ich vermute, dass keine kommen wird, weil in der Serie viel zu viel entziffert werden muss um einer breiten Masse zu gefallen. Und wie die Vergangenheit zeigt, wird da schnell gecancelt. Aber vielleicht liege ich falsch!?

Immer zwischen dem 5. und 10. eines jeden Monats mache ich einen kleinen Ausflug in die Serienlandschaft. Ob aktuelle Serien, all-time-favorites, irgendeine TOP-5 oder einfach ein paar zerstreute Gedanken: es ist alles dabei :).

3 Antworten

  1. Die Hauptfigur muss ja nicht unbedingt sympathisch, aber zumindest interessant oder fasznierend sein. Wenn sie langweilig oder einem egal ist, wäre das kein gutes Zeichen.

    1. Avatar von Miss Booleana
      Miss Booleana

      Langweilig ist die Protagonistin der Serie jedenfalls nicht 😉 Soviel kann ich sagen.

  2. […] Brand New Cherry Flavor … wird die Serie nochmal fortgesetzt? So oder so ist die Geschichte einer Jungregisseurin, die sich rächen will (#MeToo) und dafür bereit ist ihre Menschlichkeit aufzugeben sehr sehenswert und hat definitiv einige Szenen, die ihr noch nie gesehen habt. 🐈 Vielleicht auch nie sehen wolltet. […]

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