ausgelesen: Percival Everett „Die Bäume“

In Money, Mississippi, wird zuerst nur die Leiche eines Weißen gefunden. Der Tatort ist blutig, das „Opfer“ brutal entstellt. Daneben liegt auch die Leiche eines Schwarzen. Während die aber bald aus dem Leichenschauhaus verschwindet, wird in Money, Mississippi noch ein toter Weißer gefunden. Wieder liegt ein schwarzer Toter daneben. Das Spiel wiederholt sich. Die Polizei vor Ort steht vor einem Rätsel und bekommt Unterstützung von den „MBI“ Ermittlern Ed und Jim. Beide Schwarze. Und dafür werden sie natürlich abgelehnt von der Polizei in Money, Mississippi. Den obwohl sich das alles Anfang des 21. Jahrhunderts zuträgt, hat sich in „Money“ wenig verändert bis jetzt. Sind in Money, Mississippi, die Toten auferstanden oder ist das alles ein ganz irdisches Verbrechen?

„Money, Mississippi, sieht genauso aus, wie es sich anhört.“

p.11

Alleine durch den Namen könnte „Money, Mississippi“ wie Satire wirken, aber es ist sogar sehr real. Emmett Till wurde dort in den 50er Jahren Opfer eines Lynchmords, weil er angeblich die damals 21-Jährige weiße Carolyn Bryant angefasst oder mit ihr geflirtet oder sie falsch angeschaut haben soll. Ihr Mann und Schwager nahmen das zum Anlass ihn brutal zusammenzuschlagen und umzubringen. Für ihren Mord wurden sie nicht verurteilt, verkauften sogar ihre Story nach dem Freispruch an die Zeitung. Lynchmord ist damit das übergreifende Thema von Percival Everetts Roman, der aber (auch wenn er sich „Money, Mississippi“ nicht ausdenken musste) auch an anderer Stelle reichlich auf Satire setzt. Weiße sind dumm und dick, die (weißen) Anwohner:innen haben Spitznamen wie Hot Mama Yeller und nennen ihre Kinder Lulabelle oder Junior Junior. Der örtliche KKK ist eine Lachnummer (s.u.) und Trump wird im Buch als „der aktuelle Clown“ (p. 328) bezeichnet, womit dann auch klar ist, wann das Buch genau spielt. Hier ist die Zeit stehen geblieben, willkommen in den Südstaaten. Die Bäume handelt von einem bitteren Thema und es tut fast weh, dass es dabei so unfassbar witzig ist.

„Damals als mein Daddy noch gelebt hat, hatten wir ständig Treffen, jede Woche“, sagte Jared.

„Und Wahlen“, sagte ein anderer Mann. „Damals haben wir ständig abgestimmt, oder?“

„Und Kreuze haben wir auch viel mehr verbrannt und Familienpicknicks und Softballspiele und all so was veranstaltet“, sagte Donald. „Ich weiß noch, wie ich neben dem leuchtenden Kreuz Kuchen gegessen hab. Der Kuchen von meiner Mama, der war lecker.“

p. 119

„Wir alle kommen wieder!“

Percival Everett spart nämlich nicht an Satire, aber auch Wortwitz. Aber einem bestimmten Absatz im Buch werden die irrwitzigen Wortspiele nur so rausgehauen, dass ich mich zusammenreißen musste nicht laut loszulachen, wo auch immer ich gerade mit dem Buch saß. Das „MBI“ ist das Eine, die Namen mit denen v.A. Weiße zu Witzfiguren werden (z.B. „Pick L. Dill“ p.217) das Andere. Ich fühlte mich schuldig beim Lesen. Vielleicht auch etwas schuldig, dass ich weiß bin.

Es kann schon sein, dass das Buch daher nicht jedem gleich schmeckt, die wir uns doch gern in unserem Happyland suhlen und behaupten, dass wir viel besser sind als die anderen. Fest steht aber, dass es Lynchmorde gab wie es Racial Profiling gibt. Es ist daher auch kein Zufall, dass es zu Beginn des Buches v.A. die „all so white“ Verwandtschaft von Carolyn Bryant trifft. Irgendwann fangen die Weißen an zu zittern wer der nächste sein könnte. Es ruft unweigerlich die Frage auf, ob wir und unsere Vorfahren wirklich eine so reine Weste haben wie wir uns gern einreden.

Wie hat Percival Everett es geschafft ein Buch zu schreiben, dass so tragisch ist und gleichzeitig so witzig? So sehr die Vergangenheit und die Gegenwart vereint? Denn an einer Stelle im Buch heißt es, dass Mama Z., die örtliche Chronistin all der „Hate Crimes“, Morde an Schwarzen durch Polizisten grundsätzlich als Lynchmord betrachtet. Wie hat Percival Everett es geschafft, dass sich sein Die Bäume nicht entscheiden muss, ob es Satire, Thriller, Geistergeschichte oder gesellschaftskritisches Drama ist?

Das Buch "Die Bäume" von Percival Everett liegt auf einem textilen Untergrund mit einem Blattmuster.

„Steht auf.“

Die Bäume ist trotz des harten Themas verblüffend einfach zu lesen dank des Humors. Dank der Art wie sich die lokale Polizei und die MBI-Agents Ed und Jim gegenseitig auf die Schippe nehmen. Wie ihr Slang in die Ermittlung einfließt, wie immer mehr Personen involviert werden. Wie das Buch eskaliert und wie es immer größere Kreise zieht. Wie es weiße Leserschaft wie mich mal zur Witzfigur macht und wir das einfach aushalten (und das gern tun), weil es zu oft andersrum lief. Die Bäume macht außerdem bewusst, dass Schwarz Schattierungen hat. Nicht alle in dem Buch, die als Weiß durchgehen („passing“) sind es. Everett greift mühelos viele Konzepte der Rechte schwarzer Personen, von BIPoCs und der Geschichte von Diskriminierung und Rassismus auf ohne uns Unwissenheit zu unterstellen, aber uns den Spiegel vorzuhalten. Es ist auch einfach zu lesen, weil die Kapitel kurz sind und so auf den Punkt. Es ist ein Buch, das wahrscheinlich eins meiner Bücher des Jahres wird und ich weiß kaum wie viele Lobeshymnen ich darauf aussprechen kann. Und dann ist es auch noch schön.

Die Bäume wurde zu unserem Buchclub-Buch gewählt und in der Runde wurde auch das Hörbuch gehört, weswegen ich weiß, dass dieses auch mit Effekten und Soundkulisse spielt. Ist denn hier alles einfach rund? Es gibt sicherlich Kritik, die man äußern und empfinden kann. Dauert es nicht etwas lang bis die Detectives das Muster in Money, Mississippi erkennen? Lässt es nicht am Ende zu viel offen? Ist das nicht alles etwas sehr in your face? Kann ich mir nicht wenigstens eine gute weiße Person wünschen, die den Tag rettet? Nein, denn um die geht es dieses Mal endlich nicht. Die Bäume ist scharfzüngig, witzig, genre-bending, erlaubt sich viel und ist ein Mahnmal wie ich es selten in Buchform so gelesen habe.

Fazit

Unbedingt lesen.

Besprochene Ausgabe: ISBN 978-3-446-27625-3, Hanser Verlag

„ausgelesen“ ist eine Kategorie meines Blogs, in der ich immer zwischen dem 15. und 20. eines jeden Monats ein Buch unter die Lupe nehme. Der Begriff „ausgelesen“ ist sehr dehnbar. Ein „Buch unter die Lupe nehmen“ schließt Belletristik, Sachbücher, Manga, Comics unvm mit ein. 🙂

5 Antworten

  1. Hola, das klingt nach sehr viel und macht sehr neugierig!

    1. Avatar von Miss Booleana
      Miss Booleana

      Ist es auch, wenn man das so hört. Aber es liest sich super einfach weg. Und macht eben auch nachdenklich.

  2. […] nicht ganz zufällig heute als Fantastischen Film ausgewählt, wo ich doch gerade über Everetts Die Bäume schrieb. Beide Medien teilen einige Motive: Im Zentrum der Handlung steht Mord, schwarze Ermittler, […]

  3. […] Booleana zeigt sich begeistert von Percival Everetts „Die Bäume“. Der Roman sei „scharfzüngig, witzig, genre-bending, erlaubt sich viel und ist ein Mahnmal […]

  4. […] Die Bäume … Roman […]

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