Serien-Review: ‚Tote Mädchen lügen nicht‘ S1 (aka ’13 Reasons Why‘)

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Wie schreibt man über das Thema ‚Suizid‘? Wie macht man eine Serie darüber? Eine Serie, über ein Mädchen im Teenageralter, das Selbstmord begeht? Um ehrlich zu sein, war die Frage wie so ein sensibles Thema gelingt (und ob es überhaupt gelingt) für mich der Hauptgrund, warum ich die Netflix-Eigenproduktion ’13 Reasons Why‘ sehen wollte. Würde die Serie das Thema banalisieren oder liefert sie eine glaubhafte und demzufolge schlimme Geschichte – ist das dann überhaupt eine gute Idee? Es gingen mir viele Gedanken durch den Kopf und das hörte auch nach der letzten Folge der ersten Staffel nicht auf. Zeit darüber zu schreiben. Review ist spoilerfrei.

Ein paar Worte vorweg

Sowohl die Serie ’13 Reasons Why‘, die zahlreichen Pressestimmen darüber, als auch meine Review können dem einen oder anderen da draußen sehr nahe gehen. Suizid und zahlreiche andere Themen, die die Serie behandelt sind schwierig und furchtbar. Zwar sind sie in der Serie fiktiv, aber für einige vielleicht bittere Realität. Wenn du das liest und dir diese Themen nahe gehen, wenn du etwas schlimmes erlebt hast, wenn du Probleme hast und du weiß nicht, zu wem du gehen sollst, bitte trau dich und vertrau dich jemandem an oder behalte zumindest im Kopf: das wichtigste ist, dass du dich nicht aufgibst. Im Zweifelsfall gibt es hier ein paar Nummern, bei denen jemand mit dir spricht, der dich nicht kennt und nicht verurteilt, der keine Geheimnisse verrät und dir bestimmt weiterhelfen kann. Gib dem Thema Suizid keine Macht. Denn Suizid nimmt dir die Chance, dass doch noch alles gut werden kann.

Die Nummer gegen Kummer
Telefonseelsorge
Notfall-Hilfe-Links und -Rufnummern

’13 Reasons Why‘ – Review

Hannah Baker (Katherine Langford) hat Selbstmord begangen. In den Fluren ihrer High-School sind Blumen, Briefe und Fotos zu ihrem Gedenken aufgestellt. Poster warnen vor Selbstmord. Betroffene Gesichter. Lehrer wollen mit Schülern reden. Ihre Eltern (Kate Walsh, Brian D’Arcy James) sind am Ende und wissen nicht wie es so weit kommen konnte. Was in Hannah vor sich ging. Nicht nur sie, sondern auch der Zuschauer stellt sich die Frage: warum hat sie das getan und wo waren Hannahs Freunde? Da liegt vor der Haustür von Hannahs Mitschüler Clay Jensen (Dylan Minnette) ein Karton mit Kassetten. Genauer gesagt 7 Kassetten mit insgesamt 13 Tracks auf der A- und B-Seite. Darauf hat Hannah ihre Geschichte gesprochen, die Gründe für ihre Entscheidung sich das Leben zu nehmen. Und jeder Track ist einer der Personen gewidmet, die Hannah zur der Verzweiflungstat brachten.

„Hello, boys and girls. Hannah Baker here. Live and in stereo. No return engagements. No encore. And this time, absolutely no requests. I hope you’re ready, because i’m about to tell you the story of my life. More specifically, why my life ended. And if you’re listening to theses tapes, you’re one of the reasons why.“

Dass Clay aber die Kassetten erhält, bedeutet laut Hannahs Einleitung, dass er einer der Gründe ist, warum sie sich das Leben nahm. Und das macht Clay gelinde gesagt fertig. Er weiß nicht, was er getan hat, dass Hannah so in die Verzweiflung getrieben hätte. Noch schlimmer: er mochte sie sehr gern. Man kann sich mit Leichtigkeit in Clays Situation versetzen und wie er versucht zu rekonstruieren was Hannah erlebt hat. Hannahs Eltern versuchen auch herauszubekommen, ob ihre Tochter gemobbt wurde oder was in ihrem Leben vorging und wie sie das nicht bemerken konnten. Aber so eine Hilfestellung wie die Tapes oder Aussagen von Freunden bleiben ihn verwehrt, was die Serie insbesondere am Anfang ab und zu etwas absurd erscheinen lässt. Für den erwachsenen Zuschauer ein Gefühl, dass nicht nur einmal auftritt. Die Geschichte wird insbesondere am Anfang ganz nach Young Adult Literatur-Tropen ausgeschmückt und gedehnt mit Szenen, die befremden und unlogisch sind. Klar: das Leben ist befremdlich. Aber Clays Halluzinationen wirken etwas too much genauso wie die Anzahl seiner Fahrradausflüge, die damit enden, dass er in Gedanken versunken gegen etwas fährt. Für mich persönlich war es auch schwer zu verstehen, warum er die Tapes nicht nacheinander gehört hat, aber das mag eine Einstellungsfrage sein. Konfrontiert mit der Frage, ob man vielleicht Mitschuld am Tod eines Menschen trägt, ist das eine Bürde, die für einen 17-Jährigen schwer zu ertragen ist. Mal abgesehen von diesen typischen TV-Serien-Motiven, die anfangs etwas zu offensichtlich ausgespielt werden, steigert sich die Serie sehr und wird zunehmend beklemmender, desto mehr sich Hannahs Lage zuspitzt.

„Tote Mädchen lügen nicht – Haupt-Trailer – Netflix“, via Netflix Deutschland, Österreich und Schweiz (Youtube)

Das frappierende ist: es ist nicht nur Hannahs Lage, die bald schon die Form einer üblen Abwärtsspirale annimmt. Auch die Menschen um sie herum sind Beispiele für das, was Teenager durchmachen müssen und bietet zahlreiche Nebenhandlungen an, die dafür sorgen, dass ich nicht abschalten, sondern immer weiterschauen wollte. Was ist denn auf der Party passiert? Wer bricht endlich sein Schweigen? Wer ist der Übeltäter? Warum ist gerade Clay auf den Tapes? Durch eine Verkettung unglücklicher Ereignisse gelangt Hannah scheinbar zu oft an die falschen Menschen, verliert wegen Missverständnissen ihre Bezugspersonen und steht letzten Endes mit einem gewaltigen Berg an miesen Gefühlen, Schuld, Missbrauch und Ängsten alleine da. Was sehr sehr durchwachsen beginnt, mündet in der Frage (nicht nur Clays Frage) nach Gerechtigkeit und wie man mit den Menschen in seinem Umfeld umgehen sollte. Aufmerksam. Gerecht. Offen.

Ein sensibles Thema, viele Meinungen

Nach Ausstrahlung der Serie wurde sehr viel Kritik laut. Da hieß es beispielsweise, dass die Serie anstatt Prävention zu betreiben und aufzuklären, Suizid als die Lösung von Hannahs Problemen darstellt. Das ist ein Punkt, den man nicht ganz von sich weisen kann. Schließlich entscheidet sich Hannah, ein schlaues, aufgeschlossenes Mädchen nach einiger Bedenkzeit dafür diesen Weg zu gehen. Es ist keine Übersprungshandlung, sondern überlegt, was eigentlich schockieren sollte. Manche übertreiben es aber auch mit dem Boykott. Die Neue Westfälische schreibt beispielsweise, dass man sich die Serie nicht ansehen sollte wegen der abgedroschenen Highschool-Klischees, weil die Charaktere „furchtbar“ seien und ruft dazu auf das ganze in einer fremdsprachigen Synchro anzuschauen, weil man dann wenigstens etwas zu lachen hätte. Zu kommentieren wie ich das finde, spare ich mir an dieser Stelle.

Tatsächlich ist der Weg ein gewagter. Während ich aber so darüber nachdenke, ob man über Suizid aus dem Blickwinkel der Person erzählen sollte, die den Freitod wählt, erscheint mir die Lösung aber sehr naheliegend. Wenn nicht so, wie denn dann? Die Serie macht den Spagat zwischen Hannahs Flashbacks und den Reaktionen auf ihr Ableben und die Tapes. Man sieht die Verzweiflung und bodenlose Trauer ihrer Eltern, man sieht die Schuld bei ihren Freunden, man sieht die ratlosen Lehrer, die sich fragen, ob sie versagt haben; man sieht Clay, der sich fragt, ob ein paar Worte von ihm genügt hätten, um Hannahs Meinung zu ändern. Und man sieht Hannahs Entscheidungen, die ganz offensichtlich manchmal nicht die besten sind. So wie eben der Freitod, der se jeglicher Chance beraubt doch noch das Leben zu führen, dass sie sich wünscht. Auch sie stößt Menschen von sich, die eigentlich keine schlechten Menschen sind und vertraut sich den Menschen nicht an. Sie kommt aus einem scheinbar sehr behüteten Umfeld. Warum hat sie nie mit ihren Eltern geredet? Warum hat sie in den beiden extremen Situationen nicht einfach so laut geschrien wie sie kann? Auf der anderen Seite: warum wurde nicht mehr in Frage gestellt, warum sie sich die Haare abgeschnitten hat oder ihre Noten eine Talfahrt machen? Das sind alles Faktoren und Hinweise, die zeigen sollen, dass man aufmerksam bleiben muss. Dass Geschichten zwei Seiten haben und dass man diese hinterfragen muss.

Warum hat sie mit ihren Eltern nicht gesprochen? Vielleicht weil sie dachte, dass die schon genug Ärger haben, weil sie immer darüber streiten und debattieren wie sie ihr Geschäft vor dem Ruin retten sollen. Um nur ein Beispiel zu nennen. Warum hat sie sich niemandem anvertraut? Sie hat es versucht, aber Scham und Schande und der Spott und das Slut-Shaming hat sie schon längst kennengelernt. Und irgendwann denkt man, dass man eh nur verurteilt und noch mehr gemobbt wird. So ist das als Heranwachsender. Die schlauen Sprüche kommen immer von denen, die den Gang durch den Korridor und die Blicke nicht ertragen müssen. Ich wurde gemobbt in der Schulzeit und habe es meinen Eltern nicht gesagt, weil ich Angst hatte, dass sie mich verurteilen und nicht verstehen würden. Auch das war nicht meine smarteste Entscheidung. Das weiß ich eben heute mit etwas Lebenserfahrung und mehr Selbstbewusstsein. Aber wie soll man andere davor warnen, wenn man diese Geschichten nicht erzählt? Und mal ehrlich: wenn sie diese Serie darüber nicht sehen, dann sicherlich eine andere oder einen Film im Nachtprogramm, der weniger emotional und aufklärend ist. Denn hier werden Hannahs letzte Minuten gezeigt. Und das ist definitiv keine romantische und beschönigende Darstellung des Todes, sondern eine brutale und scheiß schmerzhafte. Damit ist ’13 Reasons Why‘ eine Serie, die sich nach einem leider sehr sehr schwachen Anfang aber auch sehr steigert und sensibel die verschiedenen Sichtweisen der Betroffenen schildert. Des Opfers, der Eltern, der Freunde, der Täter und damit eine meines Erachtens nach gelungene Auseinandersetzung mit dem Thema Suizid liefert und v.A. gegen Ende dazu aufruft das richtige zu tun. Zur Polizei zu gehen. Oder einfach die Menschen um einen herum lieber einmal mehr als zu wenig zu fragen „Wie geht es dir?“ Die haben das schon mit Brain ‚On‘ gemacht, was man deutlich merkt, wenn man einen Vergleich zwischen Buch und Serie liest. Die Wahrheit zu sagen.

(7/10)

Sternchen-7

Braucht die Welt eine zweite Staffel?

Vor kurzem wurde bekannt, dass ’13 Reasons Why‘ um eine zweite Staffel verlängert wird. Diejenigen die sowieso schon Kritik an dem Thema Suizid in der Serie üben, sind nicht die einzigen, die das nicht gut finden. Auch ich gehöre zu denjenigen, die hier keine zweite Staffel brauchen. Der Grund dafür ist, dass ich vermute, dass viele die Serie evtl. auch aus einer Art Sensationsgier schauen, um aus Neugier zu sehen, warum sich Hannah umbringt. Man hofft, dass diejenigen ein paar Minuten während der Serie mächtig ins Nachdenken kommen. Und genauso wie ich vermute, dass es diese Zuschauer gibt, so vermute ich bei einer zweiten Staffel mehr das Ausnutzen des Erfolgs und Profitdenken. Meines Wissens endet die Literaturvorlage quasi auch wie die erste Staffel und die Geschichte wäre damit zu Ende erzählt. Einiges an dem Serienende bleibt zwar offen, aber ich bin ein Verfechter von solchen semi-offenen Enden, denn sie regen den Zuschauer zum Nachdenken an. Das Einzige, was eine zweite Staffel schon irgendwie rechtfertigt, ist der Gedanke, dass man in dem Fall die Möglichkeit hat zu sehen wie Täter bestraft werden.

Wie seht ihr das? Sollte es eine zweite Staffel geben? Habt ihr die Serie schon gesehen? Wie hat sie euch gefallen? Was haltet ihr von solchen Themen wie ‚Suizid‘ in der Serie – wurde das angemessen umgesetzt? Oder denkt ihr auch, dass die Serie ein Problem ist? Und findet ihr den deutschen Titel auch so dämlich wie ich?